— 107 —
i
t
c
r
t
i t
Hause. Schwarz ist dieses Kraut tote reisverbrannte Kartoffelstauden, denn es wird mit allen Blättern eingeschnitten, die sonst in milderen Landstrichen dem Vieh verabreicht werden. Aus dem rauhen Hochkamme des Böhmertoaldes wird es selbst dem Kraut zu kalt, sodaß schön entwickelte Köpfe eine Seltenheit, weitverzweigte Blätterstauden gewöhnlich die Regel sind. Aber dieses rauhe Gericht schmeckt, und aufs Kraut und Brot hält man im Waldbauernhause nicht kleine Stücke. Vergeblich spähen wir nach einem Teller auf dem Waldbauerntische. Solchen Luxus gönnt man sich zu „allen heiligen Zeiten" einmal, wenn es Fleisch gibt, und da bedient man sich nur flacher Holzteller, die billig sind und nicht zerbrechen. Dafür liegt aber ein Laib Schwarzbrot auf dem Tische, so groß wie etwa eine runde Marmorplatte in den Kaffeehäusern, und dabei liegt der lange, scharsgeichliffene Schnitze, womit man sich, je nach Bedarf, ein „Trumm" abschneidet.
Und nun dampft die Krautschüssel, und der Bauer erhebt sich von seinem Sitze. Jetzt legt er auch den Hut ab, und salbungsvoll beginnt er das Tischgebet. Meist ist es der englische Gruß, den er absatzweise vorbetet und die anderen ebenso nachbeten. Alle erheben" sich und falten die Hände, den Blick zum Kruzifix gerichtet, und in melodischem Tonfalle steigt das Gebet gläubiger Herzen zum Spender alles Guten empor.
Geräuschlos lassen sich alle nieder. Der Bauer schneidet sich ein „Trumm" Brot ab, dann wandert der Laib von Hand zu Hand, und alsbald schaufeln sie mit ihren Breiten, Blechlöffeln aus der großen Schüssel so emsig, daß ihnen dabei wirklich bte Röte ins Gesicht steigt, und zu jedem Löffel Kraut beißt man kurzweg ein Stück Brot ab. Vortrefflich scheint das frugale Gericht zu munden. Arbeit und Hunger sind hier die besten Köche, und Genügsamkeit ist seit jeher eine der Haupttugenden der Waldler. Kein Laut wird während des Essens gesprochen, und der Kien prasselt im Kamin, gleichmäßig geht das einförmige Ticken der Uhr, und drartßert rüttelt der Nordstnrm an den Fenstern.
Hat man des Krautes genug, das ja doch in erster Reihe als Magcnfülle betrachtet wird, so leckt man den Löffel fein säuberlich ab und legt ihn nieder, erwartungsvoll den kommenden besseren Dingen entgegensehend.
Run bringt die Bäuerin das Hauptgericht: in Schmalz gebackene „geriebene Nudeln" oder etwa einen fetten, dottergelben Kukurutzsterz oder gar einen Eiersterz, den König aller im Walde so beliebten Sterze. Das sind Leckerbissen, die man dem Fleische vorzieht, und «uch der Fremde, der sie einmal gekostet, wird nicht unbefriedigt den Löffel aus der Hand legen. Die Bäuerin stellt gleich den ganzen „Braffcherben" auf den Tisch, denn von vielenr Geschirrwaschen ist sie keine Freundin. Wieder hantieren alle mit ihren Löffeln und ein förmlicher Wettstreit unter den Essern macht sich geltend, weil sich jeder so viel als möglich zueignen wlll. Daß es auch an der nötigen Anfeuchtung nicht ehle und die ziemlich großen Bissen leichter „hinunterrutschen^, letzt eine Schüssel voll dicker, eisfrischer Sauermilch in Bereit- chaft, aus der man ebenso emsig löffelt, wie aus dem Brat- 'cherben. „ ,, <
Ist die Mahlzeit beendet, so bleibt man stumm sitzen, bts der Bauer sich zum Dattkgebet erhebt, und wenn dieses gesprochen ist, dann greifen die „Monnaleut" nach ihren Pfeifen und rauchen sich eine, während die „Weibsbilder" den Tisch räumen und das Geschirr waschen. Der Bauer aber legt sich hin auf die Ofenbank — natürlich mußten wir ihm Platz machen, indem jetzt wir uns zu Tische setzen und den Eiersterz verzehren, den die gastliche Hausfrau eigens für uns zubereitet — und hält seinen Mittagsschlaf.
Das Schneetreiben im wilden Bergwalde wird immer ärger, schon sind alle Pfaden und Bahnen von meterhohen Sch.-tee- wehen verschüttet, daß an ein Fortkommen im Freien gar nicht zu denken ist. Der Bauer geht zum Wetterglas und prüft ernsten Blickes den Quecksilberbestand.
„Es steigt langsam", spricht er, „und morgen ist Ruhe. Zeitig früh ziehen die Leute aus und stellen bie, Bahn wieder her, drum ist's besser, Sie bleiben bei uns, benit in solchem Wetter traut sich nicht einmal ein Hund hinaus." Dankbar nehmen wir die Einladung der braven Männer an und verfolgen nun die häuslichen Verrichtimgen. Die Weiberleut füttern und melken die Kühe, der Knecht betraut die Ochsen, die Bäuerin bte Schweine und Gänse. Der Sohu stellt sich an die „Hölz l- bauk" und stößt beit gut bezahlten Zünbhölzchendraht, indes der Bauer sich auf die „Hoaz'lbank" setzt unb mit dem Reifmesser die kostbaren Resonanzbob enholzbretter schneidet. Die Bäuerin nimmt nach der Fütterung Spinnrad und Rocken zur Hand und dreht gar hurtig den Faden um die schnurrende Spindel, während die Kinder auf ihren Schneeschuhen zur mitunter weitentfernten Schule eilen. Im Skiläufen haben sie es zu einer staunenswerten Fertigkeit gebracht.
Wir wandern durchs Bauernhaus und betrachten uns alle seine Räume, den rindergefüllten Stall, den Schupfen, die heu- und kornreiche Scheune, den Dach- und Hochboden, die Menscher« kammer, die Extrastube und das Ausgedingstübel; überall grüßen uns Ordnung und Reinlichkeit entgegen, waltet der gute Geist der Familie.
Zunächst der Bauer, der König im Reiche seines häuslichen Friedens. Heute sieht er ernst aus, denn gerade rüstet er sich zum Sprechen des Tischgebetes. Im Wirtshause ist er ein anderer als im Kreise seiner Angehörigen, und auf dem Tanzboden kann er sogar übermütig werden, wenn die Geigen locken und bie Trompeten schmettern. Noch sitzt ber große Filzhut ans seinem haarreichen Kopfe; von diesem Hut vermag er sich nur Mver zu trennen. Er nimmt ihn nur beim Essen und beim Beten ab, sonst scheint er mit demselben verwachsen zu sein, so daß es uns also nicht wundern darf, wenn wir betm Betreten einer Schenke Männer und Burschen in ihrer Kopfbedeckung an den langen Tischen sitzen sehen. Dichter Vollbart umrahmt fern haaeres Gesicht, aus dem zwei feurige, menschenfreundliche Augen blitzen, buschig ist in der Regel auch ber „Schnauzbart". Die blaue Leinwandhose ist mitunter so geflickt, daß ein Fleck sozusagen den andern hält, wobei auf bie Farbe leine Rücksicht genommen wird. Weiß, rot, blau, gelb unb braun gatten sich mit dem ursprünglichen Blau des Beinkleides, und so ist's auch beim blauen „Schoig" (Rock) unb dem gleichfarbigen „Seiht (zvßeftc).
Bei der Arbeit ist alles gut, meint der Bauer, und wir halten es da ganz mit ihm. Die Füße stecken in den schweren, warmen Holzschuhen, bie int Böhmerwald massenhaft fabriziert unb abgesetzt werben unb eine billige, dauerhafte Fußbekleidung liefern. Die Wollsocken, meist an ber Ferse durchlöchert unb bann mit grober Seinwanb geflickt, toerben über den Hosen getragen, sodaß diese in den „Söck'lu" stecken und nicht ausfransen, was den ästhetischen Sinn des Bauern verletzen würde.
Unb so tote ber Bauer, kleiden sich auch an Werktagen ber Sohn und ber Knecht, nur baß bei biefen meistens ber Rock fehlt, weil sie noch ein heißes Blut haben unb deshalb „ärm- lat"*) gehen.
Am Herde hantiert die Bäuerin, benn bie geriebenen Nudeln sind noch nicht ganz ansgebacken, und die Sippe wartet schon mit Sehnsucht aufs Essen. Wir haben Gelegenheit, auch ihren äußeren Menschen gründlich zu studieren. Sie ist ein angenehmes Weib in den Dreißigern, aber das Hauskostüm entstellt sie ein wenig. Auch an ihren Füßen stecken HolzsHuhe, die ihrem Gauge etwas unbeholfenes, schwerfälliges verleihen. Wenn sie in ber Stube auf unb ab geht, klappern diese lose sitzenden Schuhe wie Drischelschläge auf ber Tenne. Blaue bis an die Knie reichende Woflstrümpse umhüllen die derben Waden, denn die Bäuerin ist eine stämmige, untersetzte Frau, die auf festen Beinen steht. Der blaue Linnenkittel deckt drei bis vier Unterröcke, die ber Frau ein „g'schauperts" (breites) Aussehen geben; die Vorderseite umhüllt das „Füata" (Schürze). Das „Leib!" 'fehlt heute, denn in ber Stube macht man sich's bequem. Nur ein rotgestreifter Spenser umhüllt die Brust. Um den Kopf schlingt sich das „Kopftüachl", welches rückwärts, im Nacken, gebunden wird unb bie langen, blumigen Zipfel tief in den Nacken hinunter flattern läßt. So wie der Mann sich nicht vom Hute trennen kann, trennt das Weib sich auch nicht vom Kopstuche.',
Um den Tisch herum sitzen die übrigen Mitglieder ber Familie: der „Bna" und das „Mensch", wie Sohn unb Knecht, Tochter unb Dirn durchweg genannt werden, und im Tischwinkel eben hocken die kleinen Kinder, sofern sie schon berechtigt sind, an ber gemeinschaftlichen Mahlzeit teilzunehmen. Einen Unterschied zwischen Kindern unb Dienstboten gibt es im Walde nicht, ja nicht einmal das Verhältnis zwischen Herr und Knecht, Fran unb Dirn ist so aus geprägt, daß es in die Augen springend Wäre. Der Bauer ist das Haupt, die Bäuerin das Herz der Familie, alles andere ist vor ihren Äugen gleichwertig und gleichberechtigt. Der Sohn besitzt keine Vorrechte vor dem Knecht, die Tochter keine vor der Magd, geschwisterliche Zuneigmig herrscht zwischen ihnen. Der Sohn verteidigt im Wirtsyausstreite den Knecht und dieser den Sohn, die Tochter teilt die geheimen Freuden unb Leiden mit der Dirn und diese mit ber Tochter, die Fürsorge des Bauern- paares erstreckt sich auf alle im gleichen Grade.
Alle essen sie ans einer Schüssel, wer zuerst daran kommt, der nimmt sich zuerst, ohne dem andern den Bortritt zu laffen; Speisekasten Mnb Brottruhe sind für alle geöffnet. Wer Hunger hat, schneidet sich ab und trinkt Milch, ohne vorher erst um Erlaubnis zu bitten, oder sich von der Bäuerin das Brot vorschneiden zu lassen, wie es in der Stadt geschieht.
Dieses altpatriarchalische Zusammengehörigkestsgefühl ist es, was das Familienleben im Waldbauernhause so schön, so anheimelnd, so traut macht. Die Flucht vom Lande, der Zug in die Stadt, sind im Böhmerwalde unbekannte Erscheinungen. Die Leute betrachten sich mit einem Worte als eine einzige Familie, deren Heim, der große, wunderbare Wald mit seinen himmel- ragenben Bergen ist, aus dem sie nicht heraus wollen, und von dem sie so liebevoll Herzlich singen:
Das war im Böhmerwald, Wo meine Wiege stand . . . ein Lied, das man in allen deutschen Gauen kennt.
Jetzt hat die Bäuerin die große, mit farbigen Blumen Bunt bemalte Schüssel auf den Tisch gesetzt und füllt sie mit Sauerkraut, dem Einleitungsgericht der Mittagstafel im Waldbauern
*) in Hemdärmeln.


