Ausgabe 
18.2.1907
 
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Ich bringe dir hier etwas, Marga!" sagte sie ganz unbe- kangen,einen Brief. Willst du. ihn tefen?''

Das Mädchen hob den Kopf. Mit hilflosen, müden Augen sah sie die Mutter an., lieber ihre blassen Lippen kam kein Laut.

Da legte die Freifrau ohne ein weiteres Wort den Brief auf das kleine Bambustischchen am Fenster und entfernte sich wieder. Vor der Tür setzte sie sich aus eine alte eichene Truhe und wartete.

Margas Blicke wanderten teilnahmlos über die großen markigen Schriftzüge der Briefadresse. Den Poststempel konnte sie wicht recht erkennen. Zu was auch? ES war ihr so gleich­gültig. wer ihr da schrieb. Und doch übten die Buchstaben »dort eine Art Hypnose auf sie aus. Sie begann den Brief zu betasten, hielt ihn eine Weile in den durchsichtigen Fingern dann zog sie langsam eine Nadel aus dem dünn gewordenen Blondhaar und ritzte das Kuvert auf. Zwei eng beschriebene Briefbogen fielen ihr entgegen. Sie bekam ein nervöses Zittern in allen Gliedern, ihre Augen wurden groß und starr und ihre Brauen zogen sich in umnennbarem Weh zusammen, während sie las:

Meine liebe, kleine Marga!

Einmal wenigstens will ich Dich so nennen und Dich mit dem trauten Du anreden, wie es der Traum und die Hoffnung meines Lebens war und wie es sich wohl längst erfüllt hätte, wenn widrige Zufälle mich nid# verhindert hätten, gleich nach Deiner Abreise von hier um Dich zu werben. Daß ich es wollte, haben meine Augen Dir ja deutlich genug versichert. Ich habe Dich sehr, sehr lieb gehabt, meine Marga, eigentlich vom ersten Augenblick an, und wärst Du mir tiicht so sehr harmlos und unbefangen entgegen gekommen, so hätte ich wohl nicht so viel Zeit gebraucht, ehe ich merkte, daß ich ohne Dich nicht mehr leben konnte. Ich vermute, daß Du zuerst glaubtest, ich sei noch völlig im Bann meiner Liebe zu Frau Gerhardt, von der Dir wohl mein Entzücken über sie verriet, doch da warst Du ganz im Irrtum. Für Frau Gerhardt habe ich seit ihrer Verheiratung nur rein freundschaftliche Ge­fühle empfunden und sie hoch gehalten, als die Frau, der ich Meine erste Liebe geweiht, aber schon, als ich Dich zum ersten Male sah, drängte sich mir der Gedanke auf, wieviel besser Du in Deiner süßen Anmut und Bescheidenheit für das schlichte Heim, das ich armer Leutnant mal meiner Frau bieten konnte, passen würdest. Und allmählich festigte sich in mir immer mehr der Gedanke, der schon nach unserem Wiedersehen beim Basar zuin festen Entschluß reifte, daß nur Du meine kleine angebetete Frau werden solltest.

Nachdem ich erst daS schüchterne Geständnis Deiner Gegen­liebe in Deinen Augen gelesen, schien mir unser Glück gesichert. In den nächsten Tagen schon wollte ich bei Dir sein da kam die schwere Krankheit meiner Mutter. Ich weiß, Du wirst mir Nicht zürnen, daß ich fürs erste nicht von dem Schmerzenslager der besten aller Mütter wich Du wirst auch verstehen, daß ich an mein Glück nicht denken wollte, so lange sie mit dem Tode rang. Run trennen mich nur noch wenige Tage von dem Zeit­punkt, da ich, von dem Segen der Genesenden begleitet, zu Dir .eilen wollte, um Dich, mein süßes Müdchen, von Deinen Eltern M erbitten.

Doch, wenn Deine schönen, sanften Augen diese Zeilen lesen, Hann ist alles Hoffen vorbei, dann bin ich Dir schon so weit ent­rückt, wie eben nur ein Mensch es sein kann, hinter dem die Pforten der Ewigkeit sich geschlossen haben. Klage Deinen Bru­der, von dessen Hand ich dann gefallen bin, nicht an ich habe ihn in einem Moment nervöser Ueberreizuug schwer beleidigt Nnd er mußte mich heransfordern. Auch der tödliche Schuß wird vielleicht nicht gewollt, sondern mehr ein Zufall sein. . Er ahnt ja nickst, wem er gegenüber steht! Und glaubst Du nicht, daß wenn er es erfährt, ein Schatten über sein Leben geworfen wird, der selbst für seine kühle, hochmütige Natur zur nie zu sühnenden Qual werden kann? .Sei gut zu ihm, weil ich Dich darum bitte.

lind nun muß ich Dir noch ein Geständnis machen. Ich habe keinmal gemeint. Dich verachte,: zu müssen, weil Ernst Kronaus Antrag annehmen wolltest. Dich verkaufen wolltest, wie ich es nannte. Verzeih mir das. Es war ja, nur Neid auf den Glücklichen, der Dich erringen sollte.. Heut weiß ich das und beurteile es ganz anders. Ja, ich sage Dir als Dein Verlobter, als der ich mich seit Wochen sühle: Wenn je ein ehrenwerter Mann Dir die Hand zu neuem Leben bietet. Dich herausreißm will aus der Misere Deines Elternhauses, so folge ihm und werde glücklich Aus dem Jenseits, an das ich glaube, will ich ihn segnen dafür.

Meine liebe, kleine Marga, mein süßes Mädchen, lebe wohl! .Einmal wenigstens küssen hätte ich Dich mögen zum Abschied.

Es sollte nicht sein. Es ist sehr dunkel um mich und in mir. Ich sterbe nicht gern, aber wenn es so weit sein sollte, hoffe ich, mich mit Ergebung in Gottes heiligen Willen fügen zu können. Beuge auch Du Dich darunter, mein Lieb, dann wird der Allgütige Dir seinen Trost verleihen. Du hast ja auch eine treue Freundin, auf die Du Dich stützen kannst, ich weiß, Hanna wird Dich nie verlassen, tote sie teilgenommen hätte an un­serem Glück, so wird sie auch teilnehmen an Deinem Schmerz. Meine Marga, meine arme Marga! Es grüßt Dich heut zum letzten Male

. Dein Walter."

Der jähe Schluß verriet, wie viel der Schreiber eigentlich noch hatte sagen wollen und daß er sich eicdlich gewaltsam ein Ziel gesetzt hatte. Aber gerade das sprach deutlicher als alle Worte, die noch hätten folgen können, zu dem in Schmerz erstarrten Mädchenherzen.

Marga war sonderbar zumute. Sie hatte die Hände um die Briefblätter gefaltet und von den weißen Bogen strömte es auf sie ein wie eine warme Flutwelle, die belebend und er­lösend durch ihre Adern glitt. Der Schmerz in ihrer Brust war geblieben, aber in seine Starrheit hatte sich etwas weiches, zärtliches geschmeichelt der letzte Liebesgruß des toten Ge­liebten. ,

Als die Freifrau nach einer halben Stunde vorsichtig bte Tur öffnete, lag Marga vor ihrem schmalen Mädchenbett auf den Knien und weinte lautlos in die Kissen hinein. Da drückte sie leise die Tür wieder ztz.

An diesem Abend fragte sie zum ersten Male nach ihrem Bruder Joachim. Sie war totenblaß dabei, aber völlig gefaßt. Nur ihre Augen schlossen sich halb, wie in tödlicher Erschöpfung, als die Mutter ihr sagte, er habe eines Duells mit tödlichem Ausgange wegen acht Monate Festung bekommen, die er in G. verbringe. Sie vermochte nicht, gleichgültig die näheren Umstände des Duells zu erfragen. Ihr beredtes Schweigen lastete förmlich drückend auf der kleinen Tafelrunde.

(Sortierung folgt.)

Als Wakdöanernfamrtie«

Ein Winterbild aus dem Böhmerwald.

Der Winter rast im Sturmesschritt durch den Wald und schüt­telt seinen Flockenschwall über Berg und Tal. Die gewaltigen Bergeskuppen sind in schneegebärende Wolken gehüllt, die end­losen Forste tragen auf ihren Riesenschultern ungeheure «chnee- msten. Doch fest stehen sie wie die Granit- und Gneisberge, aus bereit Tiefe sie die Nahrung saugen; der Sturm kann ite wohl biegen, brechen lassen sie sich nicht! Gerade so tote bte Menschen des Waldes: die zähen Waldler!

Das heult und braust und wachelt (weht), baß es einem den Atem verschlägt. Klafterhoch häuft sich der Schnee au, ost ver­schüttet er ganze Dörfer, daß nur die Schornsteine stchrbar bleiben, und dann leben die Waldler tote bte Eskimos in ärm­lichen Schneehöhlen. ... . ,

Gegen den Sturm ankämpfend, ringend nach Atem und von Heißhunger gepeinigt, bei jedem Schritt bis -nt die Hüsten tm Schneemeere versinkend und uns mit übermeistchlrcher Anstrengung wieder herausarbeitend, erreichen wir auf unserer Wanderung, wenn wir uns in so wilddräuender Zeit gerade auf einer solchen befinden u.nb im Böhmerwalde blüht auch der Wrnterberg- fhört ein Dorf im weiten Bergwalde. Vor dem ersten Bauernhause halten wir erschöpft inne und begehren Einlast. Gastlich öffnet sich uns die Tür und w,r treten, den Schnee von den Füßen stampfend, ein in die dämmernde, wohlig geheizte Waldbanernstube, wo die Bauernfamilie gerade um beu großen Buchentisch herumsitzt und sich zum Mahle rüstet. Die Hanssrau kommt uns, der uralten Sitte getreu, mit dem Laib Brot ent­gegen, heißt uns abschneiden und lädt uns ein, Platz zu nehmen. Der Frost zwickt uns noch in allen Gliedern, dort beim neu gen' Kamine, in dem das fette Wurzel- und Stockholz brennt, steht dte grün angestrichene Qfenbank dort ist's wohlig und traulich, dort lassen wir uns nieder und genießen die belebende Wärme, welche aus dem Ofen in unfern Körper strömt und die halb erstarrten Lebensgeister wieder zur vollen Tättgkeit wachrust.

Im großen, altmodischen Kamin mft den grünglaftgeu Kacheln prasselt der Kien, eintönig geht der langsame Peudelschlag der rauchgeschwärzten Schwarzwälder durch bie lautlose Stille Der traulichen Bauernstube, denn die Familie hat sich soeben zu Tische gesetzt, um das Mittagsmahl einzunehmeu, und da wäre es gegen die althergebrachte Sitte, wenn jemand während des Löffelns und Schaufelns aus der großen Schüssel nur ent Wort redete. So haben wir gleich Gelegenheit, die, ®a£bbauew' familie während des Essens zu beobachten, und em ©efubli M* schleickst uns, als wäreit uns diese Menschen schon langst «et- ir ante, als gehörten auch wir zur Sippe, die Ws aus beu erste« Blick durch ihr einfaches, gerades, unverfälscht deutsches Wese« fesselt.