Montag den 18, Aeßruar
1907
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Menschenleben, die lügen.
Roman von H. E h r h a r d t, Verfasserin von „Mittellose Mädchen"
Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
Marga stierte entgeistert auf die kleine Szene da unten. Die Ahnung von etwas Unfaßbarem, Ungeheurem senkte sich wie ein Alv auf ihr glücklich liebendes Herz nieder. Mit am Boden klebenden Füßen blieb sie stehen. Sie hatte auch nicht die Kraft, sich zu rühren, als Dietz jetzt, geräuschvoll ivte stets, das Zimmer betrat.
„Bist du rein des Teufels, Junge!" schrie der alte Freiherr ihm erbost entgegen, „den Gaul derart abzuhetzen! Ich bin gut genug dazu, dir die Pferde zu schenken oder zu bezahlen, die du ohne Besinnen zu schänden reitest. Ich sag's ja, sobald nur einer von euch die Nase hier hereinsteckt, geht der Merger los."
„Könntest Gott danken, tvenn du mit dem Aerger, den ich dir bereite, davon kämest!" meinte Dietz höhnisch, und warf die Reitpeitsche Katschend auf den Tisch, „dem Gaul passiert nichts, wäre traurig, wenn er so wenig aushalten konnte. Wer selbst wenn ihn auf der Stelle der Schlag träfe, könnte mich das nicht mehr alterieren, als ich ohnehin schon bin. Ja, sag!, wißt Ihr denn noch nichts? Lebt Ihr denn hier bei den Hottentotten ?"
„Um Gottes willen, was ist geschehen?" fragte die Freifrau, durch die ungewöhnliche Erregung des sonst so nüchternen, kühlen Sohnes beunruhigt.
Dietz zögerte einen Moment. Ob er doch jetzt den Zorn des Alten fürchtete, den zu wecken er im Begriff stand oder ob er instinktiv ahnte, daß seine Mitteilung ein tödlicher Schlag für ein angstvoll klopfendes Mädchenherz sein würde? Er trat an den Vater heran.
„Lest Ihr denn keine Zeitung?" fragte er unsicher, „ah, da liegt sie ja noch —"
„Eben gekommen!" brummte der Freiherr unfreundlich, „war mir schon zu düster, habe nicht mehr deine Augen, aber nu mach, schieß los."
Der junge Offizier griff rasch nach dem Zeitungsblatt, faltete es auseinander, und als er die gesuchte Notiz gefunden, gewann die empörte gehässige Erregung in ihm die Oberhand und er las laut, mit starker Betonung:
„St.....den 16. Januar 189 . . Bei einem gestern im
nahen Birkenwäldchen stattgefundenen Duell erschoß der Freiherr von Tressenberg von den X. Husaren den Hauptmann im 6. Ar- tillerie-Regiment von Poseck, der zu den beliebtesten und . . ."
Er kam nicht weiter. Hinter ihm klang ein ächzender Laut, dann ein dumpfer Fall. Marga war nebyi dem kleinen Tischchen, auf das sie sich gestiitzt, znsammengebrochen.
*
Duftende Frühlingsblumen, wie Hyazinthen, Krokusse und Tazetteu blühten bereits auf Hauptmann von Posecks Grabe, als Marga zum ersten Male ihr Lager verließ, auf dem ihr junger, kräftiger Körper wochenlang mit dem Tode gerungen. In ihren Fieberphantasien hatte sie unaufhörlich Walters Namen gerufen.
Bald voll zärtlicher Leidenschaft, von Wonne durchzittert, bald ängstlich, vorwurfsvoll, in bangem Flehen. Sie sträubte sich mit aller Kraft ihrer aus seligem Hoffen geschreckten Seele, das Unerhörte zu glauben. Eine ganze Tragödie entrollten ihre Phantasien den ahnungslosen Eltern. Langsam begann die Eisrinde um das harte Herz der Freifrau in dieser aufreibenden Krankenpflege zu schmelzen. Der erschütternden Tragik dieser Schicksalsfügung tonnte auch sie sicy nicht verschließen. Sie pflegte die Kranke mit wirklicher Aufopferung und es gab sogar Stunden., in denen sie der langsam Genesenden Recht gab, die in bitterer Verzweiflung gegen einen gütigen Gott haderte, der ihr nicht vergönnen wollte, mit dem Geliebten im Tode vereint zu fein. Sie begriff diesen Wunsch. Sie gestand sich, daß sie der Tochter niemals ersetzen konnte, was sie verloren, und sie fühlte, daß dem unglücklichen Mädchen graute vor dem einsamen, dunklen, hoffnungslosen Leben, in das sie zurückgeschleudert wurde in dem Moment, da sie, wie einst Moses, das gelobte Land zu ihren Füßen liegen gesehen hatte, das Land, das sie nie betreten würde.
Als sie genesen, sprach sie nie mehr von Walter. Wie ein Schatten ging sie klaglos einher, während ringsum alles grünte und blühte und der Zauber der sich erneuenden, ans Licht drängenden Natur die ganze Welt umspann.
Der Arzt kam noch täglich und sah ihr Benehmen mit stetig wachsender Sorge. Er hatte ihr junges Leben dem Tode abge- rungen und kämpfte nun von neuem gegen einen grausamen Feind, der tausend, -al schlimmeren, weil geistigen, Tod für das arme gebrochene Geschöpf bereit hielt. Eines Tages hatte er eine lange, ernste Unterredung mit der Freifrau.
„Wenn das so weiter geht, stehe ich für nichts!" sagte er sichtlich erregt, „Baronesse Marga ist schon immer eine Natur gewesen, die alles in sich allein verkämpft hat. In diesem Falle ist das Gift. Es wird zum gebieterischen Muß, daß wir sie auf irgend eine Weise diesen: apathischen Schmerz entreißen. Und selbst, wenn ihre Seele aufs tiefste erschüttert wird, es ist nötig —"
Die Freifrau hatte ihm ruhig zugehört, nun meinte sie, mit leicht zögernder Stimme:
„Ich habe einen Brief an meine Tochter in Händen, den ich ihr bis heute noch nicht zu geben wagte, weil ich die schmerzliche Erregung für sie fürchtete, aber wenn Sie meinen, Herr Doktor —"
„Geben Sie ihr den Brief sofort", der alte Arzt lief unruhig im Zimmer auf und ab, „es ist ein gewagtes Experiment, aber es wird eine Krise bringen. Ich will hier bleiben und die Wirkung abwarten."
Marga saß in ihren: Turmstübchen am Fenster. Beide Flügel desselben waren weit geöffnet und vom Garten herauf zog der Geruch blühender Veilchen und der warme feuchte Hauch des sonnennberstrahlten Erdbodens. In den: grellen Licht, das ihre magere, zusamn:engesuukene Gestalt umfloß, sah sie erschreckend elend und verfallend aus. Keine Muskel bewegte sich an ihr, obgleich der Eintritt ihrer Mutter ihr unmöglich entgangen sein konnte.
Die Freiftau ging direkt auf ihr Ziel los.


