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nicht gegen seine Person gesündigt habe, hob sein verletztes Selbstbewußtsein. Es sollte ihn, nicht schwer fallen, den Freiherr» aus dem Felde zu schlagen, besonders da sich an diesen Walzer für den Tänzer das Recht knüpfte, seine Dame zum Souper zu führen.
Triumphierend bot er der schönen Frau den Arin, um sie in den Saal zu geleiten, Auf der Schivclle uict'tc diese noch einmal, int Moment ein klein wenig herablassend den, regungslos dastehenden Tressenberg zu. Dann verklang dav Rauschen ihrer seidenen Gewänder im Gewirr der vom Ball- saal herüberslutenden Laute.
Als Joachim sich allein sah, stieß er einen ächzenden Ton aus und schlug sich mit der geballten Rechten mehrere Male an die Stirn.
(Fortsetzung folgt.)
Brmd für Mutterschutz.
(Unberechtigter Nachdruck verboten.)
In Bcrlii, hielt am 13. Januar der „Bund für Muttcr- schutz" eine öffentliche Sitzung ah. Als Hauptthema stand auf der Tagesordnung die Reform der konventionellen Ge - f Hl echt sm or a l. ,,
In dem Rahmen dieses Themas berrchtete zunächst bte Vorsitzende des Bundes Dr. Phil. Helene Stöcker über:
„Tie heutige Form der Ehe".
Sie führte etwa ans: So schwer die Arbeit, die der Bund sich gesetzt habe, auch gewesen sei, so sehr man feilte Ziele verzerrt und entstellt habe, fo fei doch die Zahl der Freunde und Mitarbeiter ständig gewachsen. Ja, man habe heute eine her dem Bunde verwandten Kulturbewegung zu der Ehe, zur Eletch- stellnng der unehelichen Kinder mit den ehelichen, und zur Um- wertung der kouveittionelleu Geschtechtsmoral in säst allen Kulturländern, wie z. B. in England, Dänemark, Frankreich, Holland, Oesterreich, Amerika nsw. Aus allen diesen Bestrebungen gehe das eine hervor, daß das Verlangen der Kulturinenschheit nach freier Entwicklung gegenüber klerikaler ober gesetzlicher Vergewaltigung so stark sei, daß an einer Verwirklichung nicht zu zweifeln wäre. Es fei ost entmutigend, zu denken, wie schwer sich die Menschheit von Vorurteilen losringe, und wie viele Tausende entsetzlich leiden müßten, ehe man nur ein wenig mehr Licht und Freiheit erobert habe. So werde man vielleicht in späteren Jahrhunderten auf die Jnsamierung der unehelichen Mutter und des Kindes mit derselben Beschämung zurückschauen, wie wir heute auf die Hexenprozesse. Seit einem Jahrhundert etwa finde sich schon in der europäischen Kultur das Verlangen nach einer neuen Gestaltung des Lebens in Liebe und Ehe. Und so hundertfach verschieden auch die Reformvorschläge seien, in einem stimmten sie überein: in der Verurteilung des heutigen Zwanges und in dem Verlangen nach größerer individueller! Freiheit. Die wirtschaftliche Umwälzung sei dann die mächtigste Unterstützung für die theoretischen Forderungen geworden, an bereit endlicher Erfüllung nicht zu zweifeln sei. Liebe fei innere Gebundenheit und verpflichte zu alledem, wozu rohe Menschen erst den Zwang der Gesetze brauchten. Um Liebe und Ehe zur höchsten Vollendung zu führen, gelte auch inbezug aus sie, Was Goethe im „Faust" von der Freiheit und vom Leben sage: „Dies ist der Weisheit letzter Schluß: — Nur der verdient sich Freiheit, wie das Leben, — Der täglich sie erobern muß." (Lebhafter Beifall.)
Man trat dann über das Thema : „Die heutige Forin der Ehe" in eine Diskussion ein. Professor Dr. Koblauck-Berlin forderte eine Vertiefung der Ethik. — Justizrat Dr. Rosenthal-Breslau Betonte, daß die Ehe, das was sie ist, erst durch eine Entwicklung von Jahrtausenden geworden ist. Das Wesen der Ehe ist heute die Absicht der Gattungsfortpslanznug. Die Ehe ist keine Schädigung für das weibliche Geschlecht, sondern ein Fortschritt, eine Errungenschaft. (Beifall.) — Frau Leonhard: Die Ehe Besteht aus einer körperlichen, geistigen und wirtschaftlichen Gemeinschaft. — Frl. Maria Lischnewska: Die Verhältnisse haben sich geändert, die heutige Form der Ehe entspricht nicht mehr dem Kulturfortschritt. Heute ist die Frau nicht mehr wirtschaftlich vom Manne abhängig, sie soll selbständig sein. Wir wollen die Ehe in die freie Form gießen, die dem ntobernen Frauenleben entspricht. (Lebhafter Beifall.) — Dr. W. Bloem: Das Wesen der Ehe ist eine dauernde Kameradfchast. Neben das Klischee der heutigen Ehe muß als ebenso berechtigt jede andere Verbindung auf kürzere Dauer treten. (Beifall.) — Prof. Dr. Bruno Meyer: Heute ist eine glückliche Ehe fast ein Mirakel (Heiterkeit), weil die Individuen zu sehr verschieden sind. Unsere Eheformen können sehr gut nebeneinander bestehen. Man muß alle diese Dinge möglichst vorurteilsfrei betrachten. (Beifall.) — Frau Dr. Reich: Die Objektivität fehlte bei vielen Reden. • Unsere Ethik ist nicht neu, auch die Scheiden der Ehe sind nicht so groß, ebenfowenig wie die Frau wirtschaftlich selbständig ist. Wenn man nicht objektiv ist, wird man viele Kreise abstoßen. (Vereinzelter Beifall.) — Frl. Lischnewska: Die freien Ver
hältnisse werden für die Gesellschaft viel mehr leisten, als bte bisherige Ehe.
In der Nachmittagssitzung sprach Fr auAdeleSch reibet! über:
Heiratsbeschr'änknngen.
Sie beleuchtete das Problem unter dem Gesichtspunkte der! von Staat und Gesellschaft geschaffenen Verhinderungen und Erschwerungen, denen wirtschaftliche Momente oder Vorurteile zugrunde liegen. Sie erinnerte dabei an den Fall des Provmzial- steuerdirektors Löhning in Posen, der sein Amt wegen Verehelichung mit einer Feldwebelstochter niederlegen mußte. Die Rednerin erörterte ferner eingehend die Frage des Priesterzölibats und die sittlichen Schaden, die es im Gefolge habe. Sie ging dann! auf die Mischehen ein, gegen die sich die Geistlichkeit wende, die dadurch Kampf und Leid in die Liebesbeziehungen zwischen Angehörige verschiedener Konfessionen trage. Die Zivilehe sei eine unentbehrliche Voraussetzung der Freiheit der Ehewahl. Als eine der schlimmsten Erscheinungen sei das vom Staate anferlegts Zölibat der Lehrerinnen anzusehen. Bei den Beamtinnen liegen die Verhältnisse ähnlich. Die .Privatunternehmer ahmen das Beispiel des Staates nach, denn nur sehr schwer sinden verheiratet« Frauen Stellungen im Geschästsleben. Von der Ehe ausgeschlossen sind auch, solange sie in Stellung sind, die zahlreichen D.enst^ boten. Daß der Mangel an Ehemöglichkeit hier wie üoerakl lediglich zu außerehelichen Beziehungen fülyre, beweise die groge Zahl der unehelichen Kinder gerade im Dlenstbotenstand., Die Umwandlung der Dienstboten in außer dem Hause lesende .Hausangestellte würde Eben ermöglichen. Ganz überflüssige teoe# erschwerungen schafften die Vorurteile über standesgemäßes Leben, die übertriebenen Ansprüche an gesellschaftliches Ausritten und an Luxus. Solange solche Aeußerlichkeiten bei der Eheschließung in Betracht gezogen würden, könne der innere Geyalk einer Ehe nicht besser werden. Die bessere Ehe, unter der auch alle mit Uebcrnahme voller Verantwortung für die Kinder em- aegangenen Lebensgemeinschaften zu verstehen seien, könne erst die selbständig denkende Frau herbeiführen., (BeiMl.)
Dann behandelte Dr. Max M ar eich e-Berlin dasselbe Thema von einem anderen Gesichtspunkte aus. Er wandte sich gegen die aus sozial- und raffenhygienischen Gründen von vielen Seiten befürworteten gesetzlichen Eheverbote für Kranke und Minderwertige. Die praktische Durchs! hrbarkeit em cs .wichen Gesetzes sei so gut wie ausgeschlossen, da sie eme inavnche Unter- werfung der Menschen in ihren allerpersönlicywen und atter- iiitiiuften Angelegenheiten unter den abstrakten Begriff dm , R a s s e v e r e d e l u n g" erfordern würde; zweitens aber,. weil es in der übergroßen Mehrzahl der Fälle gar Nicht gelingen könne, den Gesundheitszustand der Ehekandidaten so zuiwrlalfig sestzustelleii, daß der Staat daraufhin die moralische Verantwortung zu übernehmen vermochte, die Eheschließung zu verbieten oder andererseits ausdrücklich als ungefährlich snr den anderen Ehegatten und die Nachkommenscyast zu beschranken. Das gedachte Gesetz fei daher in keiner Weise wünschenswert, noch zweckmäßig. (Beifall.)
Prinz oder Graf.
Das Schöffengericht in Salzungen hat dieser Tage den G r a f e n B o l a u i n v o n G r e b en st e i u, der suy in Emgaven an das Kabinett des regierenden Fürsten zu Waldeck und P»r- mont als „Volquin Prinz von Waldeck und Pyrmont" unterzeichnete, von der gegen ihn auf Veranlassung des Fürsten erhobenen Anklage wegen Führung.eines falschen Namens sreigesvrocküen. Das Gericht betrachtete die Bezeicpnimg „von Waldeck und Pyrmont" nicht als einen Namen und nahm an, daß der Angeklagte int guten Glauben gehandelt haoe. Wie man uns nun mitteilt, bildet dieser Prozeß, dessen Ausgang vorauszusehen war, nur ein Glied in der. langen Kette emes seit Jahren währenden Streites, der. einen interessanten Beitrag zur modernen deutschen Fürstengeschichte darstellt.. Um ihn zu verstehen, muß man zurückgreifen bis auf einen Prinzen Franz Angiist vom Hessen-Philippsthal, einen Sohu des Landgrafen Ernst von Hessen-Philippsthal, der in den Annalen seines Hauses keine» besonders rühmlichen Platz einnimmt, da er es mit seiner Eigenschaft als hessischer Prinz für vereinbar hielt, am Hofe des Königs Jsrome von Westphalen, des französischen Usurpators des Kurfürstentums. Hessen, das Amt emes Oberkammerherrn anzunehmen. Prinz Franz, gAoren ISOö, stand in österreichischen Militärdiensten, zuletzt als Oberst. Aber nachdem er sich 1841 mit einem bürgerlichen Mädchen, Mari« Katharine Lindner, aus Leonberg mi wn.rttemberg'.schen Neckarkreise, verheiratet hatte, nahm er den Nsamen eines „Baron Falkener" an und lebte unter ihm nt entern Landhause, das er sich in Frankreich, in. Bondonville bei Nancy, gekauft hatte; dort starb er 1861. Seine Witwe erhielt nun 1873 von Preußen die Erlaubnis, sich auch sermerhm Baronm von Falienev zu nennen, unter Ausdehnung dieser Erlaubnis auf ihre, Nach- kommenschast. Sie hatte W Kinder, drei Sohne und. drei Töchter. Die Söhne sind alle tot; der letzte, Baron Ferdinand Falkener, starb 1883 als Architekt in Wiesbaden. Von den beiden noch lebenden Töchtern der Baronin Falkener, bte übrigens selbst ein hohes Alter erreichte und erst 1904 gestorben ist, ift


