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nur ruhig aus!" meinte
das
als
alle
Rechten leicht über streichend.
Er fuhr auf, Gesicht geschleudert.
„Nun, wenn
die junge Frau gleichmütig, mit der üppige Haargelock an den Schläfen
habe sie ihm eine Beleidigung ins
Rothaarigen so aussehen, wie Sic,
gnädige Frau, würde ich dafür stimmen, jede andere Haarfarbe auszurotten."
Zum ersten Male färbte eine Aufwallung von Begeisterung den Ton seiner Stimme.
„Puh, Schmeicheleien!"
Die junge Frau hob die entzückend geformten, weihen Schultern, während ein allerliebstes Schmollen ihren reizenden Kindermund verzog.
„Die genieße ich ohnehin schon reichlich genug, mehr, als mir lieb ist. Ich hoffe stark, daß Sie mich in Zukunft mit solchen Ausfällen auf meine Person verschonen werden."
Er verbeugte sich formell.
„Wie Gnädige befehlen!" ~
Sie schmiegte sich wie ein Kätzchen in ihrem Stuhl zusanunen.
„Schön!" lächelte sie. „Aber nun befehle ich Ihnen zuerst, daß Sie sich setzen. Es ist mir gräßlich, wenn ich zu einem Menschen in die Höhe sehen muß. So ist's recht — und jetzt wollen wir plaudern, das heißt, Sie werden mir recht viel von Marga und von Ihrer Heiinat erzählen."
in dem kleinen Rauchzimmer daheim — alles wurde in ihm I lebendig.
„Sie sind — Hanna Kronau?" stieß er hervor, ohne das eigentümliche seiner Ausdrucksweise zu bemerken.
Die junge Frau lachte silberhell auf — er hatte nie I solch ein süßes, betörendes Lachen gehört. |
„Hanna Kronau?" wiederholte sie dann, „ja, die bin ich allerdings — gewesen. Nun schon seit Jahresfrist heiße | ich Hanna Gerhardt. Wie kommt es, daß Sie das nicht ! wußten?" _ , i
Sie hatte sich graziös in einen Schaukelstuhl gleiten | lasten, hinter dem hohe Palmengewächse ihre gefiederten Wedel über ihr reizendes Köpfchen neigten und sah ihn nun aus im Ampellicht rotglimmenden Augen von unten herauf an. Er hielt ihrem forschenden Blicke stand und ein Lächeln, das sein junges, herbes Gesicht wunderbar erhellte, umzog seinen Mund.
„Darf ich ganz ehrlich sein, gnädige Frau?"
In der nachlässigen Haltung mit gekreuzten Armen, die er mit Vorliebe annahm, wenn er innere Bewegung vcr- | bergen wollte, blieb er vor ihr stehen, als sie mit der Würde ! einer kleinen Königin zustimmend den Kopf neigte, fuhr er gelassen fort:
„Ich mag Ihren Namen wohl gehört haben, gnädige Frau, aber ich habe ihn sofort wieder vergessen, weil ich mich rein gar nicht für die Freundin meiner Schwester interessiert habe, so sehr viel schönes und liebes Marga auch von ihr zu erzählen wußte."
Hannas wundervoll gezeichnete Brauen schoben sich ein klein wenig zusammen.
„Um des Nachsatzes willen sei Ihre empörende Gleichgültigkeit Ihnen verziehen," sagte sie, ihn noch immer groß und unbefangen ansehend, „also Sie wußten nicht, wen ich geheiratet habe? Und doch finde ich es seltsam, daß nach all dem, was Sie sicher von den neuen Landrats vorher schon gehört haben und besonders bei meinem Anblick keine Vermutung in Ihnen auftanchte, daß ich Ihr Leben sozusagen schon einmal gestreift habe."
Sie lehnte sich in ihren Stuhl zurück und begann sich ungeniert zu schaukeln.
„Hätte ich nur einmal Ihren Vornamen nennen hören, gnädige Frau, so würde ich sofort auf die richtige Fährte verfallen sein, denn es ist wohl nicht anzunehmen, daß mehrere dieses Namens existieren, die solch —* er stockte und sein Blick blieb vielsagend an dem goldfunkelnden Frauenhaupte hängen.
„Die solch brennend rotes Haar haben — sprechen Sie's
Es war ihr nur ein willkommener Anlaß gewesen, tyn an sich zu fesseln, und sie merkte überrascht und erfreut zugleich, daß sie eine Saite seines Innern damit berührt hatte und ihm in einer Sekunde einen großen Schritt näher gerückt war.
Er gab sich unbewußt eine Blöße vor ihr. Sein Antlitz hatte sich sofort verdüstert. Mit zusammengeschobenen Brauen sah er vor sich hin, preßte die hochmütigen Lippen aneinander, als wolle er jeden Laut darauf zurückdrängen, und plötzlich, er wußte selbst nicht, wie er dazu kam, fing er an, ihr von der Kälte und Leere seines Elternhauses zu erzählen, von dem erstarrenden Hauche, der in Schloß Loßwitz und seinen Bewohnern jedes freudige, wanne Gefühl tötete, von der geizigen Marotte des Vaters, der herzlosen Strenge der Mutter, von der einsam und unbeachtet verblühenden Schwester und von seiner eigenen unverstandenen Ingens. Alles, was sich feit Jahren in ihm angesammelt hatte, was er nie einen . Menschen ahnen lassen wollte, das offenbarte er im Zeitraum von wenigen Minuten der schönen, kindlichen Frau, die regungslos, die Händchen im Schoß verschlungen, vor ihm saß und mit den großen Mürchenaugen an seinen Lippen hing.
Keins von beiden merkte, daß die Arie aus der „Cavalleria rusticana" schon seit einer Weite den Klängen der „Donauwellen" gewichen war. Das lebhafte, geräuschvolle Treiben des Ballsaals drang zu ihnen gleich einer wirkungslos am Ufer abprallenden Welle. Hanna hörte nur beit Wohllaut seiner männlichen Stimme, deren Zauber sie sich willenlos hingab.
Als er tief aufatmend schwieg, sagte sie teilt Work. Nichts war in dem Moment geeigneter, dem Manne zu be- iveifen, daß er verstanden wurde, als dieses Schweigen. Unter den langen, tiefschwarzen Wimpern leuchtete blitzartig ein Strahl auf — die beiben Augenpaare wurzelten sekundenlang fest ineinander, eine geheimnisvolle Brücke inneren Verstehens von Herzen zu Herzen schlagend. Dann hob die
I junge Frau die Hand und reichte sie ihm hin. .
I „Ich danke Ihnen, Baron!" sagte sie schlicht.
Er berührte das feine weiße Leder ihres Handschuhs leicht mit den Lippen und fühlte dabei, wie ihm der lachte Duft von Whiterose, der ihrer Person anhaftete, im Verein mit der schwülen Treibhausluft, sinnberaubend zu Kopfe stieg. Er kam sich vor wie ein Trunkener. Hatte er nicht erst vor einer Viertelstunde beinahe an derselben Stelle erneut Weibe sein ganzes Leben und Denken darbieten wollen? Oder lagen schon Jahre dazwischen? Er wußte kaum mehr etwas dsvon. Er empfand nur die berauschende Wohltat .einet I Frauennähe, von deren weichen, kleinen Händen er geträumt, deren süße, innige Stimme sein Enttäuschungsweh ui Schlummer sang. ........ _.
Gleichwohl zeigte fein blasses Gesicht keine Spur einer wärmeren Regung, als er die kleine Fraiienhand auv der seinen ließ und, sich straff aufrichtend, einen Schritt zurnck- trat, als habe et die Absicht, sich zu entfernen.
Hanna stand ebenfalls auf und jetzt erst die bekannten Walzerklänge hörend, schlug sie erschrocken die Hänoe zusammen und eilte nach der Tür.
Mein Gott, man tanzt ja bereits wieder — und wir sitzen 'hier beisammen, als ob es ans der Welt keinen Ballsaal und keine Tanzverpflichtung gäbe, die zu vergessen unter I Umständen einem Verbrechen gleichkommen kann. Wer ist denn nur dieser Unglücksmensch, dem gegenüber ich so schwere Schuld auf mein Gewissen geladen habe? Können Sie das Gekritzel vielleicht entziffern, Baron? Bitte!"
Joachim hielt das weiße Kärtchen in der Hand und starrte darauf nieder, als läse et sein Todesurteil. Der Eintritt des Rittmeisters von Eppen überhob ihn einet Antwort, denn dessen Gesicht zeigte deutlich, wer die unleserlichen Buchstaben hinter den vergessenen Walzer gesetzt hatte. Freudige Uebertaschnng paarte sich darin mit einem Ausdruck unliebsamen Erstaunens, da er den schlanken Offizier m Gesellschaft der bewunderten Landrätin sah.
Aber Hannas durch ein bezauberndes Lächeln unterstützte I Entschuldigung, daß sie gegen einen namenlosen Tänzer, allo


