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größere Aussicht auf Genesung bestände, sondern auch für die Krankenkasse oder Behörde, die doch gewiß ihr Geld nicht unnötig den Launen eines krankhaft affizierten Mannes opfern tvill. Es ist ja sehr wohl begreiflich, wenn aus den Resultaten, die unter obigen Umständen erzielt werden, sich ungünstige Urteile über den Wert der Heilstättenbehandlung für trunksüchtige Personen herausbilden, begreiflich — aber bedauerlich, um so bedauerlicher, als dadurch die maßgebenden Stellen abgehalten Werben, in Kuren für Unterstützungsbedürftige einzuwilligen.
Gerne werden auch die Erfolge der Lungenheilstätten zum Vergleich herangezogen. Wenn hierbei fast immer das Urteil zu Gunsten jener gegen die Trinkerheilstätten ausfällt, so hat dies in zwei Momenten seinen Grund: einmal werden die Kranken in die Lungenheilstätten vielfach im ersten Stadium der Erkrankung verbracht; zweitens verbleiben die in Lungenheilstätten Verbrachten darin so lange, als es der leitende Arzt für erforderlich hält. Sobald solche Grundsätze bei Trunksüchtigen angeweirdet würden, ist sicher, daß die Erfolge noch beträchtlich bessere fein würden.
Vermischtes.
— ließet' die Kulturarbeit der Missionare in Kamerun, eine Arbeit, die nur bescheiden neben der eigen tlidjeu Missionsarbeit hergeht, urteilt die „West Afrikan Mail", eine große englische Kolonialzeitimg, in einem sonst durchaus nicht freundlich gehaltenen Artikel über die Zukunft Kameruns in folgender Weise: „Der Missionar hat eine große Macht in Kamerun. Er lehrt die Eingeborenen, tote sie ihr Land bebauen und ivas sie pflanzen sollen; er unterweist sie in den Elementen des Handels. Jedes Jahr zeigt ein beträchtliches Wachstum derer, die das Christentum airgenommen haben. Neue Schulen und Kircherr werben errichtet, große Handels- faktoreien angelegt, neue Missionare kommen an, bie bald imstande sind, sich mit einer Behaglichkeit zu umgeben, voir der sie sich in Deutschland nichts hätteir träumen lassen. Sie gründen neue Missionsstationen in entlegenen Bezirken und wiffeit die Eingeborenen so schnell zu kultivieren, daß die Zukunft Kameruns deutlich mit der missionarischen Arbeit verbunden ist. Alles, ivas der Missionar tut, wird von den Eingeborenen nachgeahmt. Sie bauen sich Häuser, Tische, Stühle, Betten mit vier Pfosten, schmücken ihre Stuben mit Decken, ihre Wände mit Bildern, und strömen zu tauseirdeir in die Kirche in netter europäischer Kleidung oder auch in Uniformen der Regimenter von Halb-Europa. Wer, der einst Karneriiit gesehen hat, hätte gedacht, das der sanfte deutsche Missionar bestimmt wäre, Tansende dieser schwarzen Kerle zu lenken, deren Herzen so Wild sind Wie ihre Berge nnd Wälder?" Wenn ein Mann, der yffenbar die Miffionsarbeit ihrem tiefsten Wesen nach nicht versteht und nur irach dem Augenschein urteilt, ben Kulturwert der Missionsarbeit so hoch anschlägt, so ist das sicher ein Beweis, Wie Wenig der Vorwurf zutrifft, die Missionare lehrten nur unpraktische und der europäischen Kultur schädliche Theorieii.
* Das Geburtsregister als Ehehindernis. Sankt Bureankratius ist unzweifelhaft eines der erfinderischsteir Talente dieser Welt. Immer wieder erdenkt er neue Schliche und Listen, um den geplagten Menschen das Leben schwer zu machen. Ein neues, sehr liebliches Stückchen tion ihm wirb jetzt aus Paris berichtet: In La Hahe-Malherbe, entern Orte in der Nähe von Evreux im Departement Eure hatte sich ein Jüngling mit einem Mädchen verlobt, und die Hochzeit sollte vor sich gehen. Alles schien in schönster Ordnung, das Aufgebot war erlassen, die Feier in der Ktrche bestellt und auch der Hochzeitsschmaus vorbereitet. Aber als nun dieser Tage die standesamtliche Trauung vorgenommen Werben sollte imb bet Maire zu diesem Zwecke die Personalien des jungen Paares in seinen Büchern durchsah, ergab es sich, daß bie junge Braut bei ihrer Gebtnrt versehentlich — als Knabe unb nicht als Mädchen eingetragen Worben war. Obwohl bet Irrtum klar auf bet Hand lag, konnte er bvch nicht ohne weiteres gutgemacht werben, sonbern es mußte ein ganzer bureaukratischer Apparat in Szene gesetzt werben. Alles Bitten und Protestieren von feiten ber armen Verlobten unb ihrer Elter» half nichts. Solange das Mädchen irn Stanbesamtsregister als Junge verzeichnet staub. War unb blieb es eben für die hohe Behörde ein Junge und konnte demgemäß nicht mit einer anderen Person männlichen Geschlechts kopuliert werden. Und so mußten bie kirchliche Feier und das Hochzeitsessen auf unbestimmte Zeit abbestellt und verschoben Werden. — Also g eschehen im aufgeklärten Europa im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts. 1
* Als Geburtstag des Kegels Piels Wird in einem Fachblatte einer der letzten Sonntage vor Ostern bezeichnet. Die alte Chronik von Paderborn erzählt, daß alljährlich an einem der Sonntage vor Ostern, meistens am Sonntag Lütare, die Domherren im Klosterhof einen Pflock auffteltten und nach diesem mit Kugeln Warfen. Auch in Hildesheirn und Halberstadt war diese Abart unseres heutigen Kegelspiels bei den Domherren üblich. Hier ist auch schon die Rede von einem hölzernen Kegel, unb bieicr Kegel hieß ber „Heibe". Er stellte bas Götzenbilb dar, das im Frühling gestürzt Werden soll. Von den Klöstern, wo das Kegelspiel bald
allgemeinen Eingang gefunden hatte, verbreitete sich das nette Spiel in die Welt hinaus. Noch heute hat jedes Kloster eine Kegelbahn. Im Mansfeldischeir beginnt noch jetzt, sobald es nur irgend die Witterungsverhältnisse erlauben, am Sonntag vor Ostern die Kegelsaison int Freien auf der Platzbahn, die dort noch zu Hause ist. Diese Bahn bildet das Bindegeld zwischen dem Kegeln als eine Art gottesdienstlicher Hebung wie das „Heiden- Werfen" des Mittelalters, und dem modernen Kegelsport auf der befestigten Langbahn aus Holz oder Asphalt. In Sachsen kegelt man noch heute anders als in Norddentschland; man schiebt so lange nach den Kegeln, ohne neu anfzustellen, bis alle neun hin sind.
Bäder, Touristik und Reife».
** Karte mit Erläuterung! der farbig bezeichn neten To u r i st en w ege int Odenwald, Bergstraße, Main - und Neckart al. Verlag,: Papierhaus Mert in Darmstadt, Pr. 1.80 Mk. Der Odenwaldklub, der in diesem Jahre sein 25jähriges Jubiläum feiern kann, hat aus diesem Anlaß eine Neuaussgabe (die zehnte) seiner Markierungskarte veranstaltet, die für alle, die beut südlichen Gebirge unserer Heimat einen Bestich abstatten wollen, ein fast ttnentbehrliches Hilfsmittel ist. Die Karte enthält eine vollständige, genaue und zuverlässige Darstellung der bezeichneten Wege im Odenwald, die GebirgSbezeichuung im iveiteften Sinn genommen. Sie erschließt sämtliche irgendwie besuchenswerte Punkte, die innerhalb des von den Städten Darmstadt, Bensheim, Weinheim, Heidelbergs Mesloch, Waibstadt, Wimpfen, Mosbach, Buchen, Wertheim, Miltenberg, Obernburg, Groß-Umstadt und Reinheint um-- schlossettett Gebietes, das außerordentlich viele Naturschön- heiteit bietet. Das gesamte Gebiet wirb von 24 Haupt- und 61 Nebenlinien durchzogen, die aus farbigen Zeichen bestehet! und in dem der Karte beigegebenen Text näher erläutert und beschrieben werden. Die gesamte Markierung ist in diesem Frühjahr ergänzt und zum großen Teil völlig neu hergestellt worden.
Pflügen Säen.
Straff am Lenkscit das Zweigespann — Niebel noch wallt durch die Schlünde — Fröhlich schreitet der Ackersmann Durch die betauten Gründe.
Sieh, wie kräitig den Pflug er lenkt Durch das Erdreich, das volle, Tief in den Grund sich das Elsen senkt, Scholle hebt sich um Schotte.
Hinter ihm, durch den feuchten Grund, Ob's ihm ein Mahl bereitet, Groß unb Klein durcheinander bunt, Naschhaft Krähenvolk schreitet.
Flammend die Sonne am HimmelssaltM Hebt sich empor, es rauchen
Rings die Berge, ©trauet) und Baum In goldige Flut sich tauchen.
Hoch im Raunt, wo die Wolke geht, Mit tausend Sängern im Blinde Jubelt die Lerche ihr Tailkgebet, Früh in der Morgenstunde.
Und in das frisch gepflügte Land Sprechend: „In Gottes Namen!" Streut der Sämann mit voller Hand, Bedächtig schreitend den Samen.
Laß ihl> keimen, o Herr der Welt, Daß die Saat ihm gelinge, Gib, daß der Acker, nun wohl bestellt, Brot ben Hungernden bringe. Eugen Virmond.
Rätsel.
Das Gold, das rein und lauter strahlt, Wird mit drei Zeichen nur benannt;
Doch wenn in slüss'gem Golde matt Die Abendsonne Meer und Land, Wenn sie des Tages Sauf beschließt, Wo Erd' und Himmel sich begrenzen Und uns ihr letzter Strahl noch grüßt, Siehst du drei Zeichen doppelt glänzen. W.
Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung der Charade in voriger Nummer r Fischbein.
Redaktion: Ernst Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch« und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


