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sie durch einige erklärende M>rre zu versöhnen, doch da warf Elsie trotzig das' Köpfchen zurück und gab ihm die Antwort:
„Brauchst ja überhaupt nicht wieder zu kommen, ich hab' dich nicht nötig . .
Es tvar Gesellschaft im Hause, uiehrere Gutsbesitzer aus der Umgegend- mit ihren Sühnen und Töchtern; zu ihnen flüchtete sich Elsie und wurde namentlich freudig begrüßt von dem langen Jobst von Almstadt, dem rotblonden Gutsbesitzerssohn, mit den: sich Heinz schon auf der Schule geprügelt hatte, weil er nun einmal dieses breite, stolze Gebühren -des reichen Gutsbesitzers- sohn, der hochmütig auf ihn, den armen Psarrerssohn, herabblickte, nicht leiden konnte.
Und als Elsie dann mit dem langen Jobst im Tanze herumwirbelte und so tat, als ob Heinz gar nicht in der Welt sei, da faßte auch ihn der Trotz und er gab sich weiter keine Mühe, Elsie zu versöhnen, sondern setzte sich 'mit mehreren Anderen zu des Onkels kühlem Mein.
So schieden sie, ohne daß sie sich wieder gut getvorden waren. Und nun waren mehr als drei Jahre vergangen und Heinz kehrte heim als fertiger Mann, dessen Antlitz die Sonne der Tropen gebräunt, dessen Körper die Strapazen der Reisen durch Wüsten und Steppen, durch endlose Prärien imb himmelanragende Felsen berge gestählt hatten — ein fertiger Mann, der sich sein Haus selbst bauen konnte und nicht mehr den unverschämt stolzen Blick des langen Gutsbesitzersfohn zu scheuen brauchte.
Als er jetzt durch den blühenden Wald schritt, da dachte er an jenen Winterabend, und als er die Rosen blühen sah, da siel ihm der übermütige Vers wieder ein und er mußte lachen über sich selbst und das traurige schmollende Gesichtchen Elsic's.
Doch mit einem Male ward's ihm gar ernsthaft zu Mut. All die Zeit über, auf den Prärien des wilden Westens, üt den Anden Mexikos, auf den schäumenden Wogen des Weltmeeres hatte er nicht daran gedacht, daß er und Elsie im Zorn voneinander geschieden, da tvar sie ihm nur als kleine liebliche Fee erschienen, als das Traumbild seiner Jugend, das ihm das Glück seiner Mannesjahre bringen sollte, trenn er heimgekehrt sein würde.
Und jetzt fiel es ihm schwer aufs Herz, daß sie unversöhnt auseinander gegangen. Es war ja nur eine Kinderei, was sie getrennt, aber mit der Zeit Vermag auch solch ein kindischer Scherz neue tiefe Wirkung' ausübeir, und drei lange Jahre waren dahingeschwunden, da sie sich nicht gesehen, da sie nichts voneinander gehört.
Was konnte in dieser Zeit nicht alles geschehen sein?
Ter lange Jobst fiel ihm wieder ein, der sich schon da- tnals für die kleine Elsie so sehr interessiert hatte — es wird Heinz siedend heiß zu Sinn und rasch eilte er vorwärts.
Ta lag das Dörfchen tnt Kranz seiner blühenden Obstq gärten vor ihm und dort am Ende der stattliche Gutshos seines Onkels, d^s Vaters Elsie's.
Würde er alles so tviedersinden, wie er es Verlassen? Sein Herz klopfte, als er die Dorfstraße entlang dem Gutshof zuschritt; aber heftig erschrak er, als ein eleganter Kutschiev- tvagen, mit zwei edlen Pferden bespannt, au ihm vorbei rasselte und in den Gutshof seines Onkels einbog.
In dem Lenker des Wagens hatte er .den langen Jobst von Almstadt wieder erkannt.
Er zögerte weiter zu gehen und fragte ein an der Tür ihres Häuschens stehendes Mütterchen: „War das nicht der junge Herr von Almstadt, der da vorüber fuhr?"
„Ei freilich," sagte die alte Bäuerin, verschmitzt lachend.
„Ter kommt jetzt oft hierher zu unserem Herrn Ober- amtmanii, und man sagt, daß zu Pfingsten Verlobung im .Amtshause gefeiert werden soll."
Mißmutig ging Heinz weiter. Morgen war ja Pfingsten und alle Häuser trugen schon den grünen Pfingstschmuck. Aber Heinz freuten die grünen Maibäume nicht mehr und auch nicht mehr die fröhlichen Gesichter der Menschen, die die Häuser schmückten. Als er daun den Wagen des langen Jobst 'vor der Haustür des alten Herrenhauses, in dem Elsie wohnte, halten sah und bemerkte, wie sein Onkel und der lange Jobst sich die Hände schüttelten und dann zusammen in das Haus traten, da hätte er alle Lust verloren, ebenfalls einzutreten, und er schlug einen Seitenpfad ein, der, wie er sich entsann, zu dem Garten hinter dem Gutshanse führte.
Was er da eigentlich wollte, wußte er selbst nicht; aber er konnte unmöglich die Verwandten in Gegenwart des langen Jobst begrüßen, und so wollte er im Garten warten, bis Jobst fortgefahren war.
Aber wenn dieser überhaupt nicht fortfuhr? Wenn er als Bräutigam Elsie's den ganzen Abend dablieb und das Pfingstfest obendrein? — Dann wollte er nur flüchtig „Grüß Gott" sagen und seinen Wanderstab weitersetzen.
Nachdenklich gestimmt ging er aus die dichte Laube aus Flieder und Goldregen zu, in dem er früher so oft mit Klein- Elsie gesessen. Der Goldregen und Flieder standen in schönster Blüte und verbreiteten einen süßen Dust xingsiiml
Ta sah Heinz, wie sich etwas in der Laube regte? Ern helles Kleid schimmerte durch die Büsche.. Sollte sich das Braut
paar diesen versteckten Platz zum Kosen ausgesucht haben? — Ta wollte Heinz nicht stören; aber wissen wollte er doch, woran er war, und er schlich sich hinter die Laube, um durch die Blätter in das Innere derselben zu spähen.
Fast wäre ihnr ein Ausruf der Ueberraschung entschlüpft! Elsie saß allein da. Sie hatte die Arme auf den Tisch gelegt, das Gesichtchen darein verborgen und an den zuckenden Bewegungen ihrer Schulterm sah man, daß sie weinte.
Weshalb weinte sie? Sollte sie mit der Verlobung nicht einverstanden sein? — Wie eine glückliche Braut sah sie nicht aus. — Heinz erbebte das Herz. Vielleicht war er doch noch nicht zu spät gekommen.
Jetzt blickte Elsie auf ... . wie schön war sie in den Jahren geworden! Nicht mehr als liebliches Kind, sondern als voll- erblühte Jungstau saß sie vor ihm! —
Sie faltete die Hände in den Schoß 'und blickte mit tränew schweren Augen sinnend in die Ferne. Ein Seufzer entfloh ihren Lippen.
„Er kehrt ja doch nicht zurück," flüsterte sie. „Es schneiet keine roten Rosen, es regnet nicht kühler Wein" . . . setzte sie mit einem trüben Lächeln hinzu.
(Schluß folgt.)
Ist Trunksucht heilbar?
Für zahlreiche einzelne, die an dieser Krankheit leiden, wie für Familien, die ein solches Glied in sich schließen, für Behörden, Gemeinden und Kassen ist diese Frage von. leider nur zu großer praktischer Bedeutung. Auf Grund der Erfahrungen der Trinkerheilanstalten kann sie im großen ganzen mit ja beantwortet werden. .
Als Beweis können u. a. die Resultate gelten, welche bte größte deutsche Triukerheilstätte, Waldstieben bei Fürstenwalde, im Jahre 1905 zu verzeichnen hatte. Vom Berliner Bezirksverein gegen den Mißbrauch geistiger Getränke gegründet und utiter- halten, beherbergt sie zurzeit durchschnittlich 150 Kranke. Von der 106 im Jahre 1905 ordnungsmäßig Entlassenen — die Verstorbenen, in andere Anstalten (Irrenanstalten) Ueberwiesenen oder Entwichenen sind hierbei in Abzug gebracht — konnten 31 als geheilt, 30 als gebessert, 45 mußten als ungeheilt bezeichnet werden. Am besten war der Erfolg bei denen, die auf eigene Kosten verpflegt wurden: Von 52 waren 20 (b. i. nahezu 40 Proz.) geheilt, 14 gebessert; bei 18, b. i. nur etwa ein Drittel, war der Aufenthalt wirkungslos. Doch auch bei den 54 auf öffentliche Kosten Untergebrachten durften 11 als geheilt, 16 als gebessert angesehen werden; die Behandlung war also nur bei der Hälfte wirkungslos. Indessen darf auch bei letzterer Hälfte ein Umstand nicht übersehen werden: auch in den Fällen, welche für Erzielung eines Tanererfolges wenig günstig liegen, hat die Unterbringung in einer Heilanstalt jedenfalls den Vorteil, baß bte Pfleglinge wenigstens für die Zeit ihres dortigen Aufenthalts vor der Ausübung ihres dämonischen Drangs bewahrt bleiben und gesundheitlich gefördert werden. Nicht zu unterlaßen tst habet auch der Gesichtspunkt, daß die oft schwer heimgesuchten Angehörigen des Kranken der beftänbigen Sorge und Aufregung durch denselben während dieser Zeit enthoben sind. Immerhin wäre im Interesse der Unglücklichen selbst, wie in dem ihrer bedauernswerten Familien und der Allgemeinheit dringend zu wünschen, daß die Behandlung noch mehr Erfolg zeitigte.
Letzteres wäre auch der Fall, toeuu nicht schwerwiegende Hinderuifse dem entgegenstünden. Einmal ist ein gewisses Maß von Krankheitseiusicht und der gute Wille, vou dem krankhaften Trieb frei zu werden, int ganzen eine unerläßliche Vorbedingung des Erfolgs. Hieran fehlt es aber ost. Sodann ist die Tauer des Aufenthalts oft viel zu kurz. Unter einem halben Jahr sollte überhaupt nientanb daran denken, die Heilstätte zu verlassen, da erfahrungsgemäß das Gelingeit einer Kur von weniger als 6 Monaten sehr zweifelhaft ist. Ja, es sollte angeftrebt werden, die Dauer auf ein volles Jahr anszudehnen, dann tst man uil- bebiugt besserer Ergebnisse sicher. Statt dessen verlassen die Patienten die Anstalt oft schon nach einigen Monaten, teils durch äußere Umstände veranlaßt, teils weil sie sich für geheut halten oder sich den Einschränkungen des_ Anstaltslebens nicht länger fügen wollen. Hierbei werden sie nicht selten durch ihre Angehörigen unterftüßt, welche nur zu häufig bte Einsichtslosigkeit der Kranken teilen, wenn nicht übertreffen. Als weitere Ursache fällt ins Gewicht, baß die Krankenkassen unb bte Behörden lecher zn leicht den Vorstellungen der vou ihnen untergebrachten Pfleglinge uachgeben unb in ©ntlaffungen einwilligen, die ungerechtfertigt von diesen angeftrebt werden. Zwangsweise zurückhalten kann man freilich die Betreffenden nicht; aber, es würde sich dringend empfehlen, den erforderlichen Druck auf sie auszunben. Ein gutes Mittel wäre es z. B., wenn den Kaffenkranken oder Arinen- kranken eröffnet würde, es werde ihneit teglicher Anspruch auf Unterstützung für die Zukunft versagt werden, wenn sie nicht die Kurzeit, die der behandelnde Arzt für erforderlich erachtet, em- bielten oder gar durch ihr Benehmen die Ausweisung aus der Heilstätte selbst veranlaßten. Ein derartiger Regreß, wie ihii 8 47 des Juvalidenversicherimgsgesetzes bei Rentenempfängern zum Ausdruck bringt, würde zweifellos von guter Wirkung sein, unb zwar nicht nur für den Kranken, für den bei längerem Verbleiben


