Ausgabe 
17.5.1907
 
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Ich horte tont Herrn Kommerzienrat öfter Ihren Namen flennen; es freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen."

Villatte war ganz gegen seine Gewohnheit steif. Ihm war vorhin beim Eintritt in dieses Haus, das er nun seit drei Jahren nicht gesehen, so wunderbar heimatlich und wohl ge- tocfen; Ernas Nähe hatte wieder diesen Frieden bringend«'. Einfluß geübt, nun beklemmte ihm dieser Fremde die Brust. Eine innere Stimme sagte ihm untrüglich, daß derselbe Erna nahe stand, sich ihr noch naher zu verbinden hoffte. Und sie hatte wohl bereits gewählt. Ihre Bewillkommnung des Sinbre1 und des Vaters schieueir ihm keinen Zweifel darüber zu lassen. Die Partie Uta ja auch eine höchst angenehme, ja glänzende für Erna.

Der Name des Freiherrn war ihm nicht fremd, die StaudigS waren ein altes Adelsgeschlecht, der Ruf des Mannes und Offiziers war tadeflos, er galt als tüchtig, als nobler Kavalier, als gütiger Vorgesetzter. Er mochte ein angehender Vierziger sein, machte aber den Eindruck eines in seiner Blüte und Vollkraft stehenden Mannes. Was war da also auszusetzen und warum krampfte ihm denn ein Schmerz die Brust zu­sammen? Hatte er nicht ton jeher das höchste Glück für Erna erwünscht und erhofft?

Er, der mit stillen Schmerzen so Vertraute, verstand sich heute selber nicht.

Der kleine Walter war in die Nebenstube gelaufen, dort war eine Spielecke für ihn eingerichtet er wurde hier schon als zur Familie gehörig betrachtet. Der Kommerzienrat hatte bauen lassen int vergangenen Sommer, an die Front des Hailses war ein Wintergarten angefügt, und iveuu alle Türen geöffnet wurden, gab es einen imposanten, feenhaften An­blick: der mit hohen Palmen und exotischem Blumenflor ge­füllte Raum spiegelte sich am andern Ende der langen Zimmer­flucht wider in den großen Spiegelwänden, die dort angebracht waren.

Der Oberst redete jetzt mit Erna über das Arrangement des mvrgettden Festes, und sie öffnete die Tür zum Pflanzen­haus, das durch ein kleines, luxuriös eingerichtetes Kabinett mit dem Wohnzimmer verbunden war. Sie unterrichtete indes Villatte von diesen neuen Einrichtungen und zeigte ihm das Entstandene. So schritten die drei durch die Reihe der Ge­mächer bis in den Speisesaal am untern Ende, wo Erna und der Freiherr über Plätze der Gaste berieten.

Wie fremd erschien Villatte dies alles. Er hörte zer­streut, waS die beibeit sprachen, deren Ton sich aber in durch­aus formellen Grenzen hielt.

Ha, ha! Mas sehe ich da ei, ei! Welch angenehme Ueberraschung!"

Cs war die Stimme des Kommerzienrats, welche hinter ihnen ertönte. Er schüttelte dem Freiherrn die Hände und ent­wickelte nach Villattes allerdings in dieser Stunde etwas getrübter Meinung zu viel verbindliche Geflissenheit bei Bewillkommnung des hochverehrten Hausfreundes. Seine schlaffen, fo merklich gealterten Züge verklärten sich förmlich. Daun, als Erna und der Oberst voranschritten und er mit Villatte, dem er umständlich und mit sichtlicher Befriedigung ebenfalls ton seinen baulichen Verschönerungen sprach, langsamer nach- fvlgte, gab er ihm zugleich die nötigen Kommentare zu dem neuen, ihm unbekannten Freund der Familie.

Der Oberst war «st seit ungefähr einem Jahr als Komman­deur seines Regiments nach Dresden versetzt, hatte von früher her geschäftliche Beziehungen zu ihm gehabt, sein Haus gleich äufgesucht und sich dann allmählich immer wärmer und ver­traulicher zu seiner Familie gestellt.

Ein charmanter Manu, ein vortrefflicher Mann," sagte der alte Herr schmunzelnd,er ist in erster Ehe wenig glück­lich gewesen, er hatte eine kränkliche, launenhafte Frau, eine geborene Gräfin Wrieden sie hat ihm feilt Haus nicht freund­lich gemacht."

In erster Ehe?" wiederholte Villatte,ist der Herr Oberst denn zum zweiteumal verheiratet?"

I bewahre sagte ich in erster Ehe nun, er ist ein Manu in den besten Jahren und verheiratet sich natürlich nächstens wieder. Hat, wie ich glaube, schon gewählt unter uns gesagt, Professor unter uns."

Villatte verging der Mut zu weiteren Fragen. Vielleicht Ware der alte, redselige Herr in seinen Ergießungen noch Wetter gegangen. Warum hatte er eingewilligt, hier im Hause zu wohnen, was sollte er hier unter den Menschen, denen er freiiw geworden war, und die ihn doch nicht kalt ließen. Das flwrgende Fest, deut er beiwohnen sollte, stand ihm wie eine Folterqual tor..

Erna saß auf niedrigem Sessel im Wotzngemäch', und hielt den kleinen Walter, der sich an sie schmiegte und sie mit end­losen Fragen bestürmte, im Arm. Die Tür zum blauen Kabinett und Wintergarten war offen geblieben, die hohe Gestalt des Freiherrn stand mit dem Rücken gegen denselben neben Erna,: es war ein hübsches, anmutiges Bild. Erna hatte eine so ruhige, geduldige Art, sich mit des Küaben Ungestüm abzn- finden und dabei doch ihre Unterhaltung mit dem Freiherrn fortzusetzen.

Dieser trat jetzt mit liebenswürdiger Wärme auf Villatte äu.:

Fräulein Walldorf unterrichtet mich eßen des näheren über Ihr Verhältnis zn diesem Hanfe, und wie wert Sie seit langen Jahren demselben sind," sagte er.Und Sie gehen! nach Rom jetzt, mit einem Auftrag, der Ihnen viel Genuß schaffen wird."

Villatte zwang sich zur Erwiderung des freundlichen Citt- gegenkommeuS im gleichen Geist, aber es wurde ihm schwer., Sein Blick irrte nach Erna hinüber, sie wandte sich ab und sah peinlich verwirrt aus, ja, eine ängstliche Blässe lagerte jetzt auf ihren Zügen. Es war wohl alles klar und ihn dünkte es doch rätselhaft.

Ter Oberst redete über RoM, er war selbst dort gewesen! und erwies sich als ein in gelehrten Fächern, die seinem Be- rufskreis fern lagen, merkwürdig wohlunterrichteter Mann. Villatte gewann allmählich fein natürliches Wesen wieder, und die Unterhaltung ward allgemein und lebhaft.

Dann verabschiedete sich der Freiherr, dessen Zeit abge­laufen war, es wurde auch Schlafenszeit für den Kleinen. Er wurde nach und nach stiller und lehnte schlaftrunken auf Ernas Schoß. Sie hüllte ihn jetzt mit mütterlicher Sorgfalt in Schals und trug ihn in ihren Armen bis in beit Flnr, wo der Oberst ihn ihr abnahm und seinen harrenden Wagen bestieg.

Villatte war allein int Zimmer geblieben, während die übrigen, auch die Kommerzienrätin, Vater und Kind hinausge- leiteten,

(Fortsetzung folgt.).

Mngßrosen!

Novellette von O. Elster.

Wänn kommst du aber wieder, Herzallerliebster mein?" Wenn'S schneiet rote Rosen Und regnet kühlen Wein.---A-

Das' alte Volkslied ging dem jungen Heinz Ebert durch den Sinn, als er durch den blühenden Frühlingswald dahinschritt und um ihn die Heckenrosen blühten und über ihm in den Zweigen die Finken und Drosseln ihr keckes, fröhliches Lied hinausschmetterten in die von Sonnengold erfüllte Stift.

Tie Welt stand wieder einmal in Blüte und der heiligÄ Geist des Werdens und Wachsens war über Wald und Feld ausgegosseu, denn Pfingsten stand vor der Tür und die Natur schmückte sich .mit dem schönsten bräutlichen Kranz, um den Frühlingsbräutigam zu empfangen.

Heinz Ebert brach eine Handvoll von roten Rosen, die am Wege blühten und lachte schelmisch-fröhlich in sich hinein., Im Winter, da die Eisblumen an den Fenstern blühen, vor mehr denn zwei Jahren hatte er Abschied genommen, und auf die ängstliche Frage der kleinen Elfte, seines sechzehnjährigen! Cousincheus, nach seiner Rückkehr übermütig lachend erwidert:

Wenn's schneiet, rote Rosen Und regnet kühlen Wein..."

Schmollend hatte sich Elsie abgewandt und mit zuckenden Lippen geantwortet:Nun denn also auf Nimmerwieder­sehen . . ."

Aber so meinte es Heinz nun gerade nicht, denn er kehrte stets gern' in dem freundlichen Gutshause seines Onkels ein, wenn die Universitätsferien ihm freie Zeit ließen, und plauderte gar zu gern mit dem lieblicheit Kinde Kleitt-Elsie, mit der er schon als Knabe gespielt und durch Wald und Feld gelaufen war. Als Jüngling aber labte er sich an des Onkels kühletst Wein und freute sich herzinnig des lieblich erblühenden! Röschens, im schattigen Garten des Gutes, der kleinen Elsie.

Aber damals, als er zuletzt im Gutshause einkehrte, konnte er wirklich nicht sagen, wann er zurückkommen würde; seine Studien auf der technischen Hochschule waren beendet, und er stand im Begriff, als Ingenieur in die weite Welt zn gehen. Eine große Maschinenfabrik hatte ihn engagiert und mit mehreren anderen Beamten ging er nach Mexiko und Süd­amerika, um dort Fabriken und Eisenbahnen zu bauen. Wer konnte da wissen, wann unb; ob er von dort zurückkehren werde, und da war ihm der übermütige Reim eingefallen:

Wenn's schneiet rote Rosen

Und regnet kühlen Wein. . ."

Doch das traurige Gesichtchen Kleiu-Elsie's tat ihm> leid; er wollte ihr um alles in der Welt nicht !vey tun und versuchte.