Ausgabe 
17.4.1907
 
Einzelbild herunterladen

der Ge-

xrgnicke.

das der Veilchen

Jahre das erste Veilchen gefunden und war, nachdem er es mit seinem Hute bedeckt, an den Hof geult, um seinen Fürsten »nm Frühlingsfest zu holen. Der Hof kam, allein unter dem l^te fand sich infolge eines Schabernacks der Bauern kein Veilchen mehr, u'nd so siel der arme Nithart in Ungnade und ward zum Bauernfeind". Diese Geschichte wurde sowohl von Hans Sacys als auch von Anastasius Grün poetisch bearbeitet.

Ueberhaupt spielt unser Frühlingsbote tu der Poesie eine nichtige Liolle. Goethe, von dem erzählt ivird, daß er stets Veflchensamen in seiner Tasche getragen und auf seinen Spazrrr- gängeit in der Unigegend voon Weimar ansgestreut habe, preist das Veilchen als Shmbol der Bescheidenheit:,

Ein Veilchen auf der Wiese stand. Gebückt ül sich und unbekannt: Es war ein herzig's Veilchen."

Keine dagegen rühmt das Liebliche und Neckische, Veilcheablüte tnnewvhiit. Er singt Vvir denblauen der Aeugelein" der Liebsten und läßt

Die Veilchen kichern und kosen

Und schauen zu den Sternen empor."

Wie in der Poesie, so spielt das Veilchen auch in schichte, ikamentlich im preußischen Königshause, eine nicht unbe­deutende Rolle. Friedrich Wilhelm III. ließ oft das Bild seiner unvergeßlichen Luise mit frischen Veilchen nmkränzen, und Kaiser Wilhelm I bevorzugte neben der blauen Kornbluiire das Veilchen. Ganz besonders liebte Kaiser Friedrich IIL dieses Blümchen, und in den für jums unvergeßlichen Frühlingstagen des Wahres 1888 wurdeii dem todkranken Miser von nah und fern Veilchen gesandt, damit er sich am Anblicke und Gerüche seiner LiebliNgsblrtme

Zigemrerzsichett.

(Original-Artikel derGieß. Fam.-Bl.").

Mit dem nahenden Frühjahre werden wieder die Pußtasöhne mobil und ziehen, in größere und kleinere Horden getrennt, aus ihren Winterlagern, um in unseren, von der Natur reich gesegneten Fluren auf mehr unrechtmäßige als rechtmäßige Weise in den Besitz des täglichen Brotes zu gelangen. Neben der Polizei richten die von den europäischen Nomaden in ihrem beweglichen Besitztum ost geschädigten Landbewohner ein auf­merksames Auge auf die als Kesselflicker, Pferdehändler, Jn- strumentenhändler und Wahrsager die Gemarkungen durchziehen­den Zigeuner. Am erfolgreichsten hat sich bei der Vertreibung der braunen Langfinger immer noch der kalte Strahl der Ortsfener- spritze bewährt. Durch solche Selbsthilfe der von schneller pul­sierendem Verkehr etwas abseits liegenden Dörflern, versprengt, finden sich die schwarzlockigen Gesellen durch die ihnen allen bekannten Wegzeichen und anderen Markiermigen rasch wieder zusammen, um dann bald wieder durch ihre Menge anderen Dörfern überaus lästig zu werden. ,

Bei meinen Wanderungen habe ich ihnen manche Zeichen, au denen der Wanderer meist achtlos vorüberschreitet, abgelauscht. Auf der Landstraße hängen sie Lumpen und alte Kleidungs­stücke auf die an der linken Wegseite stehenden Bäume, Zäune und Schranken Md zwar so, daß die abwärtshängenden Lappen die eingeschlagene Wegrichtung andeuten. Zerissene, , an den Wegrändern und Chausseegräben liegende Schuh- und Stiefel- fragmcnte stellen sie so jaus, daß die Schuhspitze die neue Rich­tung, der Absatz die zurückgelcgte Marschroute zeigt. Auch zeigen sie durch keilförmige Zeichen aus Sttot, Lehm an den Baumstämmen in geringer Höhe den Reiseweg an. An banm- arnten Straßen brechen sie Blumen um, derart, daß die Blüten nach der eingeschlagenen Fahrt hängen. In der Nähe ab- zweigender Straßen häufen sich diese Merkmale. Beim Ein­biegen in einen Seitenweg knicken sie die Pflanzen nach dem Straßenlauf um, reißen eine Hand voll Gras aus, breiten es aus die linke Straßenseite neben dem Fußsteige nieder imd legen vier Steinchen, zu einem Häuschen geschichtet darauf. Als ich einmal ein solches kurz vorher errichtetes Wegzeichen an einem von der 1. Horde eingeschlagenen Seitenweg sorgfältig entfernt hatte, zog eine etwa eine halbe Stunde später ein- treffende Abteilung der Zigeunergesellschaft unaufhaltsam an der Zweigstraße vorbei, um dann nach etwa 100 MeternHalt" zu machen, da die Zeichen auf der Hauptstraße ausblieben. Ich hatte mich also nicht getäuscht. Zwei Mädchen und ein brauner kleiner Schlingel liefen an den Seitenweg zurück, ver­folgten denselben bis sie nach einigen Hundert Metern ein neues Zeichen sande,!, das meinem Auge entgangen war. Durch Schreien und Gestikulieren teilten die Kleinen ihren auf der Hauptstraße haltenden Angehörigen das Auffinden der Weg­zeichen mit. Darauf machten die WagenKehrt" und langsam fuhren die von Kleppern gezogenen Wagen den ersten Gefährten nach. Viele Mühe verursachende Wegzeichen leisten sich biefe notorischen Faulenzer nicht.

Durchziehen die Zigeuner in getrennten Abteilungen ein Dorf, so halten die nachfolgenden Wagen an größeren Straßen­kreuzungen, bis ihre umherstreifenden Sprößlinge glücklich ein

Zeichen gefunden haben und durch Stehenbleiben zum Nach­kommen der Kolonne Veranlassung geben. Anscheinend gedanken­los streicht das kleine Gesindel beim Vorwärtsgehen mit den Händen an den Eckhäusern hin. In der Hand aber halten sie Rötel, Kreide oder sonstiges Material, sodaß in der Wegrichtung an der Wand ein langer Strich entsteht, womit die Fahrroute angedeutet wird. Soweit meine Beobachtungen. Ein übler Empfang oder aussichtsloser Beutezug werden wie das Gegen­teil den Nachfolgenden durch Zeichen übermittelt. Sicher ist die Zahl der allen Zigeunern bekannten Zeichen sehr groß.

Eine Vernichtung aller aufzufindenden Zigeunerzeichen an Wegen und Häusern ist von Zeit zu Zeit dringend geboten, um nicht durch Sorglosigkeit dem schädigenden Treiben der glut- äugigen Pußtasöhne Vorschub zu leisten. C. E.

VsvMLdchtes.

** S tadtflu ch t. Allgemein kennt man wohl den bösen Klang des Mocks Landflucht. Wir brauchen den Komplex von bezüglichen Erscheinungen hier nicht zu wiederholen. Be­deutungsvoller erscheint die Möglichkeit, daß auch einmal eine systematische Flucht aus der Stadt um sich greifen kann. In England haben tote vielfach in Fabrikgegenden eine bereits vollzogene Stadtflucht, und auch bei uns in Deutschland sind die Tendenzen, sogenannte Gartenstädte zu gründen, im Grunde nichts anderes als Flucht aus Staub, Gerassel und engen Ver- hältnissen. Die zunehmende Wohnungsnot, weiter auch die un­gewöhnliche Höhe von Zuschlagspfennigen einzelner Städte dürfte manche Existenz aus dem linken Fliigel des Mittelstandes ans das Land führen in Ortschaften, lvelche nicht allzu weit von Städten abliegen. Stadtflüchtig war bereits Goethe, wenn man nicht etwa den Dichter desbeatus ille qni . . . ." als first man hierbei bezeichnen will. Goethe erklärte am 12. März 1828 Ecker- manu,Gehen Sie einmal in unsere großen Städte und es iirirb Ihnen anders zu Mute werden! Halten Sie einmal Um- Oan der Seite eines zweiten Hinkenden Teufels oder eines

. es von ausgedehnter Praxis, und er wird Ihnen Geschichten zuflüstenr, daß Sie über das Elend und über die Gebrechen erstaunen, vvu denen die menschliche Natur heimgesucht ist und <nt denen die Gesellschaft leidet." Wie mürbe Goethe erst heute gegen die industriell-städtische Kultur mit ihren schlechten Nachtseiten wettern! Neben dem Dichter kann auch der Real­politiker Bismarck direkt als stadtflüchtig bezeichnet tverden.Am! wvhlsten ist mir doch in Schmierstieseln im Walde tief drinnen, tuv ich nichts höre als das Hacken und Hämmern des Spechts, Weit weg von Ihrer Zivilisation", sagte der Mte ans dem Sachsenwalde im November 1883 zu Dr, Busch und späterhin meinte er:Ich habe mich immer aus den großen Städten und dem Gestanks der Zivilisation weggesehnt, und mit jedem Male, wo ich dort sein mußte, mehr. . ." Lord Rosebery hat in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Londoner Graf- schastsrates im Jahre 1891 noch weit drastischer über London gesprochen und unter anderem die Stadt verglichen einem tumour, an elephantiasis suckittg into its gorged system half the life and the blvvd and the bone vf the rural districts". Wie ge­waltig im Grund genommen die meisten Menschen von der Stadt­flucht immer mehr und mehr ergriffen werden, zeigt die mit jedem Jahre wachsende Zahl der Sommerfrischler, die Sonn- tagsausflüge usw. Aufgabe der Veckhrspolitik muß es sein, durch ein weit verzweigtes Netz billiger und schnell fahrender Lokalzüge gerade den wirtschaftlich Schwachen mindestens die Verlegung des Wohnsitzes aus das Land zu ermöglichen. Auf diesem Gebiete hat Belgien bereits schöne Erfolge aufznwcisen und dürste von deutschen Sozialpolitikern nachgeahmt werdem

* Der neue Pfarrer. In eine entlegene thüringische Dorfgemeinde, für deren Seelenheit ein würdiger, im Dienst er­grauter Pastor jahrzehntelang segensreich getvirkt hatte, kommt nach dessen Tode ein junger, kaum 24jähriger Geistlicher, an den sich die Bauern naturgemäß erst langsam gewöhnen können. Nach etwa Jahresfrist trifft ein benachbarter Gutsbesitzer einen Bauern jenes Dorfes und fragt ihit:Na, wie gefällt denn euch euer neuer Pfarrer?" Worauf er die schmunzelnde Antwort erhält: Jo, 's Bärschchen macht sich!"

Logogriph.

Dem Menschen diene ich mit H als Speise, Man zahlt für mich nicht selten Hobe Preise.

Mit K kehr' ich in manchem banse ein, Doch will Niemand von mit besuchet sein.

Auflösung in nächster Nummer,!

Auflösung der Königspromenade in voriger Nummer; Das Rechte treffen, ist sehr leicht, sehr schwer, Du kannst es treffen und dabei nicht treffen;

So mancher trifft den Nagel aut den Kops, Doch hat dabei den Finger er dazwischen.

Redaktion: Ernst Hetz. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UnwersilLtS-Buch» und Steindrucksreh R. Bange, Girtzs».