Ausgabe 
17.4.1907
 
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Was meinst du, Tante, und wovon redest du eigentlich? Ich denke, es handelt sich hier einzig um Sylvias Antwort an Doktor Villatte."

Erna, welche Geständnisse herannahen sah, die ste beäng­stigten und von denen sie annahm, daß sie auch Sylvias feineres Gefühl schwer belasten mußten, wenn sie ausgeplaudert würden, erhob sich in so stolzer, abweisender Haltung, daß die Tante unwillkürlich innnehielt.

Sylvia ist Roderich und mir von jeher eine liebe Schwester gewesen und wird cs uns bleiben. Ich weiß nicht, welches deine Absichten sind, liebe Tante, ob du deine Mutterrechte, von Lenen ich ja in dieser Stunde zuerst erfahre, geltend machen und Sylvia uns rauben willst. Ich bitte dich, laß sie uns und be­irre sie überhaupt nicht in ihren freien Entschlüssen. Sie war hier glücklich bei uns und wird es ferner bleiben."

Erna hatte sich allmählich zur Ruhe gezwungen, sie ver- jnochte besonnener zu denken. Sylvia liebte jedenfalls Vitlatte uicht, sie würde ihn also ausschlagen, und wahrscheinlich war ihreni ungeschulten kleinen Herzen ein schwerer Schlag zugeführt worden, wenii sie auf Roderich vertraut, sich mi den ange- flammert hatte. Das Ivar es also geioeseii und erst heute mittag hatten der Vater und Roderich beschlossen, daß er schon morgen reise.

Sie I-atte selbst geglaubt, Roderich habe eilte grope Zu­neigung, eine niehr als brüderliche, für Sylvia seine Liebe trieb ihn jedenfalls nicht zu törichten Uebereilungen. Und Villatte? Er hing sein großem, starkes, selbstloses Herz au die kleine, kindische Sylvia, Re, auch wenn sie keine Neigung für einen andern hegte, doch nie imstande gewesen wäre, ihn zn begreifen. Der ernste, kluge Mann hatte sich tauschen lassen. von ihrer leichten, tändelnden, koketten Manier, er hatte gn Gegenliebe geglaubt. , '

Der Schmerz um ihn erstickte jeden Gedanke» an ihre ieigenen, für alle Zeit zertrümmerten Hoffnungen.

Tante Cölestine ftmtb am Fenster und rang ihre Hände. Der Mond schien ins Ziinmer Erna hatte noch kein Licht angezündet, und in dem fahlen Schein sah der Tante stets wun­derlich kostümierte GGestalt abenteuerlich und gespenstisch aus, luic eine Zigeunerin mit all den blinkenden Spangen.

Wie kanit ich Mutterrechte geltend machen!" sagte sie. Ich bin ja ein armes elendes Geschöpf. Ja, elend Erna, wenn mich lautes Lachen über meine Lippen klingt und ich die Welt glauben machen will, ich sei noch die Celeste von dem. Tu du kannst es ja nicht nachfühlen, du weißt nicht, was Reue bedeutet, die Erinnyen, welche begangene Schuld uns an die Fersen heftet. Mir folgen sie wie dein Orest; wo­hin ich auch gehe, sie verlassen mich nie."

Erna schauerte zusammen. Das ioar ja der alte pathetische Ton, die esfekthaschende Manier, welche der Taute zur zweiten Natur geivorden Ivar, aber durch die Maske brach doch ein Stück Von dem wirklichen Menschen, ein Korn Wahrheit, und die weckte Erbarmen.

Ich war einst jung, unschuldig, glücklich," fuhr die Tante fort in einem leisem, beinahe unheimlichen Ton.Ich fühlte «ine Kraft in mir, die mich über meine Umgebung erhob. Ich vermochte alles, was ich wollte. In meinem Ohr, in meiner Seeb: waren unerschöpfliche Harmonien, mein Fuß schwebte über den Boden hin und nirgends empfand ich eine Grenze. Da trat et in meinen Weg ich kam nach längerer Albwesenheit heim ins Elternhaus und fand ihn als meiner Schwester Verlobten. Friederike war schön und liebte den Mann, der sich ihr gelobt hatte, mit einer abgöttischen Liebe. Ich vermochte es vom crstm Augenblick an nicht, die beiden nebeneinander zu sehen. Eine große, gewaltige Flamme entzündete sich in meiner Seele, ich konnte sie nicht dämpfen und ersticken, meine Macht über andere hatte mir nie versagt, sie versagte mir auch hier nicht. Zernial wandte sich mir zu nach wenig Wochen schon.

Ich dachte nicht au Friederike, ich war damals' unfähig, an irgend jemand außer mir und ihm zu denken.

Er hatte lange in Rußland gelebt als Begleiter eines jungen Fürsten, hatte sich dort ein Vermögen erworben und war im Begriff, sich bei uns im Land anzukaufen. Friederike hätte er nicht! lauf fremden Boden verpflanzen können. Uns beiden aber war die Welt - der Heimat zu eng. Wir gingen zu­erst nach Paris. Zernial Hatte dort Freunde und Verbindungen, es war ein berauschendes Leben. Ich wußte es, daß mein Gatte Mitglied einer großen politischen Verbrüderung war. An seinem Feuergeist entzündeten sich viele. Ich nahm oft teil an den Männerversammlungen, meine Seele war von großen Dingnr erfüllt."

Sie Mt inne und lehnte sich zurück, ihr Gesicht hatte

einen Neuen Ausdruck, es sah aber noch verwelkter und ein­gefallener aus als gewöhnlich, alte Erinnerungen schienen sitz zu übermannen.

Erna betrachtete sie mit erhöhtem Interesse. Worte, welche sich auf ihre Lippen drängen wollten, hielt sie zurück. Was war denn aus all den großen Dingen geworden, welche dies« beiden von der Natur so glänzend ausgestatteten Menschen vollbringen gewollt? Die Schranken des bürgerlichen Lebens waren ihnen zn eng gewesen, was hatten sie denn gefunden jenseits derselben?

Wie lauge lebtet Ihr in Paris?" fragte Erna, um die Versunkene zum Fortfährcn in ihrer Erzählung zu wecken.

Frau Zernial fuhr empor und starrte Erna eitlen Moment an, als habe sie ihre Gegenwart vergessen.

Ja so ich war noch in Paris das ist lauge her. Wir gingen vvn dort nach Rußland, nach dem Kaukasusi Zernial hatte früher an den ilsern des schwarzen Meeres ge­lebt und besaß dort iwch einige Holzlager. Er übernahm die Leitung der Geschäfte selber. Es war ein Garten Eden, in dem, ich wohnte, aber ich war oft monatelang allein. Der Holz­handel forderte meist Zernials Anwesenheit im Innern des Landes, Er lebte da daun in den Wäldern, unter Holzfällern und Bauern feine Natur.war so gewaltig, er konnte existieren unter den verschiedensten Formen. Er kam dann wüst, ver­wildert, ein anderer, als da er ging, zu mir zurück. Er war noch immer in gesährtiche politische Umtriebe verwickelt, ich wußte es, erfuhr aber nichts mehr davon. Er führte mich bald von einem Ort zum andern. Daun kam er eines Tages auf­geregt, matt und müde wie ein gehetztes Wild zn mir zurück und sagte mir, daß wir fliehen, Rußland, ja Europa verlassen müßten. Ich erwartete mein erstes Kind.

In einem schrecklichen Nest an der polnischen Grenze er­blickte Sylvia ÄaS Licht der Welt. Ich hatte gehofft, meine Heimat noch erreichen zn können. Zernial, für den jedes Verweilen gefährlich war, verlieh mich, als meine Mäste so weit reichten, um die Reise mit dem Kinde sortzusetzen. Er leitete neue Unternehmungen im svemden Weltteil ein. Ich kam hieher nach Dresden nnd appellierte an Friederikens gutes, verzeihendes Herz. Sie ivar mit einem reichen Mann verheiratet,, war glücklich geworden"

Die Erzählerin unterbrach sich hier auss neue und sah Erna scheu von der Seite an.

Ja, ich weiß," sagte Erna in herberem Ton, als es eigentlich ihre Absicht war,Mama war gutherzig genug, dein Kind und das des Mannes, der sie verraten hatte, auszu- uehmeu, und mein Vater willigte darein, Mama hat Sylvin stets geliebt, wie ihre eigene Tochter."

Ja, ja, das hat sie getan.. Sie liebte Zernial noch irt seinem Kinde. Ich sah es jetzt, Erna, ich sah es es ist doch ein Riß durch ihr Leben gegangen, der sich nicht hat aus- heilen lassen. Friederikens Geist und Seele sind wnnd ge­blieben."

Mein armer Vater!" murmelte Erna und stützte ihr schweres! Haupt in die Hand. .

Frau Zernial blickte stutzend auf das junge Mädchen. War der unsichere Schein des Moudlichts oder waren auch dis jugendlichen Züge difses kühlen Geschöpfes schon schmerzdurch- wühtt? Diese ruhigen Seelen gingen ja doch wohl ohne Aufech­tungen durch das Leben.

(gg ist aber doch sehr unrecht, daß dein Gatte dich jetzt verlassen hat," sagte Erna in Müdem Ton,weißt du gar nicht, wo er sich aufhält?" .

Ich war ihm nach Amerika gefolgt, wir lebten in Mexiko^ Kalifornien ich konnte auf die Dauer das Klima nicht er­tragen, seine Unternehmungen glückten nicht, ich sah den Hunger, herannahen, das Elend o, Erna, das Leben birgt große Ent­täuschungen! Was für Flammen waren es, die aufschlugen in unseren Herzen, ich wähnte, sie könnten nimmer verlöschen., Mer langsam, langsam sind sie verglommen und nur ein Häufchen Asche blieb zurück. Asche! graue Erinnerungen, die zerstäuben und zerfallen, wenn ich sie aus Licht heben will, und ich hänge ihnen dann rasch unter den Schauern des eigenen Grauens bunte Gewänder um, die ich noch aus der ehemals unerschöpflichen Schatzkammer der Phantasie hervorhole. Alber alle echten Kleinodien sind auch aus dem Schrein längst vev- , braucht, und ich weiß es ich fühle es selbst, wie nur der hohle Flitterputz der Trödlerin nm mich her flattert."

(Fortsetzung folgt.).