1907 — Htt. 56
MtiAwch den 17. April
11
Aem Irrlicht nach.
Roman von Alexander Römer.
Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
Drinnen stand Sylvia, hoch aufgerichtet, und Tante Cölestine lag auf den Knieen und rang ihre Hände. Ernas Eintritt überhörten beide. War das Wieder eins von der Tante Komödienstücken? Was bezweckte sie damit?
„Sylvia, mein Kind, mein Kind, verzeih mir, ich und dein Vater, wir taten es nur um deinetwillen! Du warst hier besser aufgehoben als bei uns fahrenden Leuten. Ja — fahrende Leute waren wir geworden, weil das Unglück sich an unsere Fersen geheftet. Zernial, der Mann der großen Unternehmungen, mußte über den Ozean flüchten. Durch die Schuld schlechter Menschen und allerlei verhängnisvolle Wechselfälle waren die Spekulationen in Rußland mißglückt. Wir konnten auf unserer neuen Fahrt nach dem Glück kein Kind mit uns führen."
Frau Zernial sprach hastig, Tränen erstickten oft ihre Stimme, es klang Erna zum erstenmal wie ein Ton von Wahrheit entgegen. Sie hatte diese Aufklärung geahnt seit den letzten Wochen, sie wollte sich unbemerkt zurückziehen und die Szene zwischen Mutter und Kind nicht stören, aber sie sah, wie Sylvia plötzlich schwankte, und wäre sie nicht zugesprungen und hätte sie in ihren Armen aufgefangen, so wäre sie zu Boden gestürzt.
Tante Cölestine stieß einen lauten Schrei aus.
„Bitte, rufe uns nicht das Haus zusammen," sagte Erna tn schroffer Zurechtweisung; sie erinnerte in diesem Augenblick sehr im Wesen und Ausdruck an ihren Vater. „Ich denke, dies sind Vorgänge, die man gern still und allein erlebt."
Sylvia war ohnmächtig geworden. Erna bettete sie mit Hülse der Tante auf ihr Lager. Der Anblick des totenhaft aussehenden Gesichts weckte Ernas mitleidiges Herz. Sie wusch die Schläfen der Bewußtlosen mit Kölnischem Wasser und rief sie mit zärtlichen Namen. Es war zu viel gewesen für das zarte kleine Ding, was mochte nicht auf sie eingestürmt sein von allen Seiten.
Nach einer Weile erholte Sylvia sich und blickte wirr umher.
Die schreckliche Wirklichkeit kam ihr wieder zum Bewußtsein. Roderich hatte sie zurückgewiesen, Roderich liebte sie nicht und hier konnte sie nicht bleiben, der Vater wünschte ihrer ledig zu sein. Der Vater? Er war ja nicht ihr Vater — ihr Vater war eilt unbekannter Mann, der noch irgendwo lebte, niemand wußte, wo, und Tanre Cölestine war ihre Mutter.
Wie ein kalter Wirbeltanz tobte das durcheinander in ihrem kleinen Gehirn, wo bisher nur sonnige Bilder gehaftet hatten. Doktor Villattes Bewerbung trat davor ganz in den Hintergrund.
Man hatte sie entkleidet und bequem in die Kissen gelegt. .Erna sorgte dafür, daß man ihr Ruhe ließ.
„Es soll dich jetzt niemand quälen und fragen," sagte sie in dem leisen, beschwichtigenden Ton, in dem man Kinder in
den Schlaf zu lullen sucht. „Du mußt dich erst über alleA klar besinnen, ehe du eine Entscheidung triffst."
Sie veranlaßte Tante Cölestine, mit ihr in das anstoßende, in ihr eigenes Zimmer zu kommen, und forderte sie auf, ihr jetzt in Ruhe zu sagen, was eigentlich vorgefallen sei,
Frau Zernial saß in sich zusammengesunkcn und halte schon das dritte Taschentuch naß geweint. Diese Träneuströme waren für Ernas Natur etwas Unbegreifliches. Vielleicht hatte diese Stunde, wo sie ihrem Kinde gegenüberstehen und sich zn rechtfertigen versuchen mußte, doch etwas tiefer aufgewühlt in ihrer Seele. Jetzt trocknete sie Plötzlich ihre Augen, ballte das durchnäßte Tuch in der Hand zusammen und warf es in eine Ecke. Sie seufzte tief und setzte sich aufrecht.
„So ist das schwere Wort gefallen," sagte sie, „die Verstellung hat ein Ende und Sylvia kennt ihre unglückliche Mutter, Erna, du kühle, so völlig leidenschaftslose Natur, du siehst mich an, als wollest du das Berdammungs- und Vernichtnngs- urteil über mich sprechen. Tue das in deiner vortrefflichen Tugendhaftigkeit. Dir nahen keine Versuchungen, dein Blut fließt ungeheuer gleichmäßig in deinen Adern und wird durch nichts in schnellern Lauf zu bringen sein."
Erna wendete ihr Antlitz ob. Sie sah ungewöhnlich rot und erregt aus heure, wenn die Tante es hätte gewahren wollen- und ihr war es, als ob ihr Blut siede.
„Erzähle mir, bitte, Tante; du ivirst es verzeihlich finden, daß ich sehr gespannt bin. Vorerst — was ist Sylvia eigentlich passiert?"
„Sie hat einen Heiratsantrag erhalten, und bei der Gelegenheit hat dein Vater ihr gesagt, daß sie fortan so wie so für sich selber sorgen müsse, das; er eigene Kinder habe und so weiter, und das; es ein ungeheures Glück für sie sei, wenn dieser Schulmann mit seinen bescheidenen Verhältnissen sie heiraten und für sie sorgen wolle."
„Hm — vielleicht hat Papa doch etwas anders gesprochen — int übrigen erkennt Sylvia diesen Antrag nicht als einen sie beglückenden?"
„Sie ist noch nicht so weit in der Erkenntnis borgedrungen, wird aber wohl bis zur geeigneten Zeit richtig dressiert werden, wenn der Bewerber sich noch ein wenig geduldet."
Erna fuhr heftig empor.
„Eine sonderbare Tonart, Tante, in der du da sprichst. Doktor Villatte hat wohl das Recht, eine e hrliche Antwort zu fordern auf seinen ehrenvollen Antrag. Sylvia braucht keim Hehl aus ihren Gefühlen zn machen, es wird sie niemand zwingen. Uebrigens erklärt mir dies nicht ihren sonderbaren Zustand. Sie kam heute mittag, ehe ich sie später hier oben so verzweifelt fand, aus Roderichs Zimmer, Was ist zlvischen ihr und ihm vorgefallen?"
„Roderich — Roderich — ich weiß nichts darüber. Sylvia hat sich, wie es mir schien, sehr durch ihn verletzt gefühlt, und er reist morgen schon, wie ich vorhin unten erfuhr. Das warf mein armes Kind gar über den Hansen — o, Roderich versteht es, über seine Gefühle zu täuschen — man war doch voll berechtigt, zu glauben — und Sylvia natürlich auch —"


