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Sommernacht.
Bon Ed. v. d. Becke.
Sinkt die stille Nacht hernieder, Legt sich schlafen die Natur, Und der Vöglein süße Lieder Tönen leise durch die Flur;
Rot verglimmt der Svnneicbakl, Schluchzend singt die Nachtigall. Durch die Bäume streift der Wind; Koset ihre Wipfel lind, Und gespensterhafte Schatten!
Gleiten über grüne Matten.
Bunter Blumen süßer Tust Steigt betäubend in die Luft. —- Still der Mond am Himmel wacht. —- 0 du süße Sommernacht!
Der Verkehr mit meinen Kinder«.')
Ter nun auch in Gießen wohlbekannte, viel umstrittene Prof. Ludwig Gurlitt hat ein also betiteltes Buch geschrieben. Er gibt hier in schlichter und jedermann verständlicher Sprache lebendige Proben ans den, geistigen Verkehr, der sich zwischen ihm und seinen Kindern abspielt.
Ohne daß die Kinder die lehrhafte Absicht spüren, führt er sie gleichsam spielend.und doch mit eindringlicher Kraft tu das Leben ein, entwickelt ihre Beobachtungsgabe, weckt und nährt ihre Freude und Hingabe an die Natur, schärst ihr Urteil in Fragen des Geschmackes, verschafft ihnen lebendige Kenntnis des Vaterlandes, indem er sich mit ihnen durch Wanderungen und Reisen eine Anschauung des heimischen Bodens und seiner Kultur erarbeitet, und regt in ihnen Fragen nach nationalen, sozialen, ethischen und religiösen Problemen an. Durch ein Körper und Geist gleichmäßig beschäftigendes Naturleben hält er ihnen das fern, tvas als „sexuelles Problem" jetzt den Erziehern besonders Sorge macht. ,
Eigene Anlage und Neigung führen ihn besonders auf das künstlerisch-historische Gebiet. Andere Väter würden wohl das industrielle und kaufmännische Leben bevorzugen, wieder andere das landwirtschaftliche, das forstmäimische nird so fort. Möge jeder Vater mit seinen Kindern das Gebiet behandeln, das ihm nach Steigung und Kenntnissen nahe liegt. Das Wesentliche ist, daß ein gutes Verhältnis, ein vertrauensvoller geistiger Verkehr zwischen Alter und Jugend hergestellt wird und daß die Vätern ihren Kindern ihre freie Kraft und freie Zeit zum gemeinsamen geistigen Leben widmen. Das ist nur so nötiger, als die staatliche Schulerziehung ihrer ganzen Natur nach viel Zwang der einzelnen Kindesnatur, viel schematisches und Unpersönliches, viel Zielarbeit ohne genügende innere geistige Anteilnahme, viel Hast und Strebcrei, viel unnötige Angst und Sorge mit sich bringt und dadurch nicht selten tatsächlich feinere geistige Kräfte und das wertvolle Eigenleben der Kinder schädigt. Gurlitts Verfahren erinnert an die Erziehung, die man vor etwa 100 Jahren der vornehmen Jugend durch Reisen unter der Leitung gebildeter Mentoren gab. Kein Ersatz, sondern nur eine Ergänzung der Schulerziehung wird empfohlen und ihre praktische Durchführbarkeit in Beispielen anschaulich gemacht.
Dieses Buch behandelt ernste. Erziehnngssragen mit Kenntnis und Erfahrung in behaglichem Plauderton. Zahlreich eingesireute Abbildungen, darunter Zeichnungen des Verfassers selbst und seiner Kinder, verleihen dem Buche einen besonderen Reiz.
*) Concordia Deutsche Verlags-Anstalt, Hermann Ehbock in Berlin W. 30.
Leise stiehlt sich in beit Garten Eine junge holde Maid;
Der Geliebte wird schon warten. Dem ihr Herzchen sic geweiht. —: Aechzend knarrt die Gittertür, Und beglückt steht er vor ihr.
Selig sinkt an seine Brust Sie in stiller Liebeslust;
Kosend sich die Lippen finden, Um im Kusse sich zu biudeu. — Dröhnend tönt vom Turm die Uhr In die schlafende Natur. — Still der Mond am Himmel wacht. — O du süße Sommernacht!
T..?örflicheFriedhofslyrik. Zu Unterach am Atter- see schied der Schneider und Bergführer Eduard Beer aus dem ^eben, der seine dichterische Muse in den Dienst der dörflichen Fried- hofslyrik stellte, was wohl besonders gern in dem keinerlei Aussicht auf Bergführererwerb bietenden Winter der Fall war. Be
kannt geworden ist vo. n „Dichtunge>i" der Vers auf den jung verstorbenen Sohn des Bauern Ochs:
Hier ruht das junge Oechseleiu, Dem alten Ochs sein Söhnclein, Gott der Herr hat's nicht gewollt, Daß er ein alter Ochs werden sollt'. . - , Daß übrigens Herr Eduard Beer nicht nur ein vielgelesener- sondern auch ein vielbeleseucr Dichter war, beweist die nachstehende Grabschrist ans den Boten des Dorfes St. Hilgen flut Wolfgangsee. Diese lautet nämlich:
Hier ruht in Gott Der St. Hilgner Bot'; Sei gnädig ihm o Herr, Wie er cs wär'. Wenn er wär Gott Und du der St. Hilgner Bot'. .
Diese Verse sind nämlich nichts als eine nicht einmal sehtz glückliche Umdichtung der Doberairer Grabschrift:
Hier ligge ick. Ahlke Ahlke Pott, Bewahr mi keiner Herre Gott Als ick di ivulle bewahren Wenn du wärst Ahlke Ahlke Pott Und ick wär keiner Herre Gott.
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— Richter: „Was brachte Sie hierher?" — Angeklagter: „Zwei Polizisten." — Richter: „Betrunken, nicht wahr?" —- Angeklagter: „Ja, alle beide." — Die Lehrerin plagt sich- ihren Schülerinnen anatomische Kenntnisse beizubringen. „Kann mir jemand sagen, was das Rückgrat ist?" fragt sie. Tiefe Stille, die endlich durch eine aufgeregt piepende Stimme unterbrochen wird. „Das Rückgrat ist, was durch Sie durchgeht. Ihr Kopf sitzt an einem Ende und Sie sitzerr ans dem anderen."
Weihuachtslikeratnr.
—- Ein Jahrbuch für Kinder von 8^-12 Jahren stellt „Kinder last" dar, das Frida Schanz bei Velhageü u. Klasinz in Leipzig erscheinen läßt. Dieser neueste, 13. Jahrgang, ist abwechslungsvoll, und unter den Mitarbeitern bemerken wir in der Kinderliteratur gutklingende Namen. Wer sich die teueren periodischen Jahrbücher nicht kaufen will, wird gern nach diesem greifen, das sich durch vornehme, würdige, dem Modernen nicht ohne weiteres huldigende, aber gediegene und geschmackvolle Ausstattung auszeichnet. ~
— Gustave Flaubert, M adameBov ar Y. Sittenbilder aus der Provinz. Mit einer Einleitung von Guy de Maupassaut. Deutsch von Rens Schickte. Autorisierte Ausgabe. Broschiert Mk. 5,50. I. C. C. Bruns' Verlag, Minden i. W. — Tic Madame Bovary 'wirkte bei ihrem Erscheinen als ein literarisches Ereignis von größter Tragweite, und mit Recht. Ist dieses Werk FlaubertS doch von entscheidendem Einflüsse nicht allein auf die französische, sondern auf die ganze moderne Literatur überhaupt geworden. Hier laufen die Fäden zusammen, die vorwärts und rückwärts von so großer Wirkung gewesen sind. Einen Höhepunkt in der Kunst schlechtweg bedeutet dieser Roman. Taiuc, dessen Stimme aus der französischen Kritik für uns Deutsche wohl den hellsten Klang hat, sagt von diesem Buche an einer Stelle, wo er die Meisterwerke der französischen Literatur au sich vorüberziehen läßt: Hiusichtlich des Stils und der Tarftellung der Intensität und Vollendung der Farbengebung ist Madame Bovary mit Nichts zu vergleichen. Ein solches Buch besitzt Ewigkeitswerte. Mag es auch unmöglich erscheinen, _ben letzten, feinsten Charme dieses Werkes in einer Uebersetzung restlos darznstcllen — sicherlich steht die vorliegende Uebersetzung auf künstlerischer Höhe, die unendliche Schönheit des Werkes kommt darin zu voller Wirkung und sie bietet dem Leser einen einzigartigen Genuß. In atemloser Spannung folgt dieser dem Vorü- üöergkiten dieses erschütternden Lebensbildes, in welchem das' Leben selbst in seinen Tiefen und Höhen, seinen Lcidcuschaften und dämonischen Schicksalsmächten zu dramatischer Darstellung! gekommen ist.
Rätsel.
Ein Bauer streute unverdrossen In seinem Garten Körnlein ans; Da ist just milten drin entsvrossen Ein „t". — Was ivar's, was ward daraus? — Auflösung in nächster Nummer.'
Auflösung des Silbenrätsels in voriger Nummer: Niger — Ottilie — Rakete — Diadem — PnUos — Otricod
Iwvanle;
Nordpol, Eis m eer.
Die Einsendung hübscher Rätsel, von treuen Lesern unserer „Familienblätter" versaht, au die Redaktion der „Familien- blätter" ist sehr erwünscht.
Redaktion: P. Wittko. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'scheu Universitäts-Buch, und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


