folgers Georg, der bekanntlich im Kaukasus an der Schwindsucht starb. Der Bruder des damaligen Leibarztes, Tr. Berenson, hat dem Verfasser eine Erklärung für das Entstehen der Krankheit gegeben, die allerdings die Fürsorge, mit der man a« Zarenhose die Personen der Herrscherfamilie umgibt, nichts weniger als einwandssrci erscheinen läßt, und vielleicht auch den entsetzlichen T o d d e r kl e i n e n h e s s i s ch e n P r i n z c s s i n Elisabeth, „u n s e r e s P r i n z e s; ch e n s" erklär t.
„Eines Tages erschien bei mir ein Kranker im letzten Stadium der Schwindsucht. Ich untersuche den Mann und frage ihn nach seiner Arbeitsweise. „Ich bin im Dienste Sr. Kaiser!. Hoheit des Großfttrstcn-Thronfolgers." Dieser im höchsten Grade schwindsüchtige Mensch war in der Tat erster Kammerdiener des Großfürsten, sein- Schlafzimmer lag neben dem seines Herrn und sein Beruf führte ihn unausgesetzt in nächste Berührung mit dem Thronfolger...
Im Sommer 1900 erkrankte der Zar in Livadia plötzlich an Typhussieber. Wie konnte den Zaren eine Krankheit überfallen, die nur durch eine besondere Ansteckung sich zu übertragen pflegt? In Petersburg sprach man viel von dem Fall. Eine Dame der Hofgesellschaft zuckte die Achseln: „Seitdem ich einmal den Hof- zng besichtigt habe, setzt mich nichts mehr in Erstaunen." lind sie erzählte von der unbeschreiblichen Pracht der Salonwagen. „Aber als Frau war ich neugierig. Ich wollte auch die Küche sehen. Ich >var verblüfft und empört über diesen einfach abstoßenden S ch m u tz, der mir entgegenstarrte. Auf einer Art Taburet anS hellem Holz hockte ein Mensch, der sich bei unserem Eintritt erhob. Ich konnte bemerken, daß seine Sitzgelegenheit sonst als — Fleischhackbank diente. Auf ihm bereitete man die Fleischspeisen für den Zaren. Er war einfach schwarz vor Schmutz. Ich wandte mich empört zu meiner Freundin und äußerte in deutscher Sprache: „Um leinen Preis der Welt könnte ich in dieser Küche etwas kosten." Der Mann antwortete mir in sehr gutem Deutsch: „Ich bin hier nur Diener, aber ich möchte nie etwas essen von dem, was hier zubereitet lvird, obgleich es mir ein Gelegenheit nicht fehlen würde."
Ein hoher Militärarzt gibt zu diesem Bericht eine bezeichnende Ergänzung. Er wird in den Palast gerufen, um einen Unterküchenchef zu untersuchen. Der Arzt trifft den Kranken vor seinem Herde. Während des Gespräches beginnt die Sauce anzubrennen. Ruhig fährt er mit seinem Schöpflöffel in einen Trog mit schmutzigem Wasser und leert es in die Kasserole. Derselbe Arzt hat eine Reihe von Küchengehilfen behandelt. Eine Anzahl von ihnen war mit ansteckenden oder ekelerregenden Krankheiten behaftet. Es war nicht zu erreichen, daß die Leute bis zur völligen Genesung dispensiert wurden; sie taten ruhig ihren Dienst und halsen bei b« Bereitung der Speisen für die Zarenfamilie. Und schließlich erzählt der Stabsarzt dem Fürsten S. R. G. ein Erlebnis, das der Komik nicht entbehrt. Es war während der Manöver in kkrasnvje. Ter Arzt pflegte sich immer zu Fuß zum Ueüungsplatz zu begeben. Eines Morgens holt ihn eine Equipage ein, und eine bekannte Stimme fordert den Doktor auf, mitzufahren. Es war der General Tyrtoiv, der Bruder des damaligen Marine- ministers. Der Arzt sieht, daß der General ein außerordentlich' bleiches Aussehen hat, er sieht ihn mit der Hand in die Magengegend fahren, und hört ihn aufstöhnen. „Was haben Sic, Herr General?" „Ach, ich war gestern zum Frühstück im Kaiserzelt. . . Man hatte mich zwar gewarnt, die Erzeugnisse der kaiserlichen Küche seien gefährlich. Aber ich kam von der Hebung, ich hatte einen Bärenhunger und ich verachte die Warnung. Nun muß ich daran glauben. Die ganze Nacht durch wütete das Bauchgrimmen; und jetzt auch noch . . ."
In der Tat genießt die kaiserliche Küche bei den Petersburger Feinschmeckern einen bösen Ruf; und eine Einladung zur Hoftafel ist zwar eine Ehre, aber fein Genuß. Die Eingeweihten pflegen daher auch immer vorher gründlich zu frühstücken, denn die Delikatessen und Weine, die am kaiserlichen Tische, den Gästen vorgesetzt werden, sind oft von zweiselhaster Qualität. Es herrscht das Prinzip, daß dem Wüienchef pro Kuvert eine gewisse, übrigens recht hohe Summe ausgesetzt tvird; das weitere ist seine Sache. Natürlich wirtschaftet nun die Beamtenschaft nach ihrer Methode, zunächst werden die Rationen, zwar nicht auf den Rechnungen, aber bei Tisch verkleinert und dann werden Delikatessen, Weine nird Champagner soweit es angeht, durch billige Fälschungen ersetzt. Zwar gibt es einen Oberkontrollenr der kaiserlichen Tafel, der kurz vor dem Erscheinen der Gäste die gedeckte Tafel inspiziert und nachprüst, ob die auf dem Menu verzeichneten Weine auch ordnungsgemäß und in genügender Menge bereitstehen; aber kaum tvendet er den Rücken, so ersetzen die Diener die teuren Schloßabzüge und französischen Champagner durch geschickte Nachahmungen, und nur das unumgänglich Notwendige bleibt stehen. Selbstverständlich gehen die entwendeten Flaschen, Delikatessen und teuren Obstsorten nicht in die kaiserlichen Borratsräume Zurück; sie werden verkauft, zu Spottpreisen, und es gibt eine Reihe von Feinschmeckern in Petersburg, die durch diese billig erworbenen Leckerbissen ihren Freunden die prachtvollsten Tiners geben können. Diese Zustände sind stadtbekannt, und keinem fallt es ein, aus ihnen etwa ein Hehl zu machen. Der Verfasser des Aussatzes erzählt selbst, ivie er bei einem Bekannten
zufällig einen Diener kaiserlicher Livree trifft, der einige Dutzend Flaschen teuerster und seltenster französischer Schloß- abziige abliefert, und eine Bezahlung von 50 Kopeken bis einen Rubel pro Flasche dafür empfängt. „O, da ist ja der erklärte lächelnd der Hausherr. „Der ist mein alter Lieferant, und wir werden heute abend diesen guten Wein auf das Wohl des Zaren leeren."
Are Toiietten-'V rst igermrg der Aeüizrssiu.
Eine sensationelle Auktion, welche im Dorotheum, der städtischen Psandleihanstalt Wiens, begann, nimmt in der öftere. Kaiserstadt das ganze Interesse der fashionablen Welt in Anspruch. Es handelt sich um den Toilettenstaat der Prinzessin Luise von Koburg, der unter den Hammer kam.
Die Tochter König Leopolds von Belgien, deren Liebesabenteuer und Eheirnmgcn ehemals vor dem Forum der breitesten Oefsentlichkeit diskutiert ivorden sind, mus; jetzt auch die intimsten Geheimnisse ihrer Toiletteuschränke vor den neugierigen Blicken der Mitwelt enthüllt sehen. Drei der Riesensäle des Dorotheums untren kaum ausreichend, um die Schätze zu fassen, die heutzutage zum Tronsseau einer Weltdame gehören, besonders wenn sie als Königstochter geboren ist. Ein akademischer Maler hat das Arrangement geleitet.
Bon der Fülle der Dinge, die Prinzessin Luise zu ihres Lebens Notdurft gebraucht hat, macht, man sich kaum einen Begriff. Da findet mau beispielsweise nicht weniger als 90 Fächer mit Malereien, Spitzen, Stranßfedern. Die indiskreten Micke weiden sich ivohl auch an den in Seide und Spitzen weich anschmiegenden Schlafröcken, Malinees, Hauskleidern, au Allasröcken, Jupons, die mit Gaze, Spitzen, Perlenstickereien reich besetzt sind, au einer Kiste mit diversen künstlichen Blumen ustv. nsw. Daneben sieht man viele Dutzende noch unbenutzter Seidenstrümpfe, weihe Baltist- und Schaftvollstrümpse, sowie Taschentücher aus Irisch-Leinen und aus Seidenbattist. Auf zwei Tischen sind battistene Nachthemden der Prinzessin, Unterröcke, alles und jedes mit dem „L." und der belgischen Königskrone gestickt, den profanen Blicken preisgegebeu......Ja, wer Lust hat,
kann auch die Miederleibchen, welche^ die Prinzessin getragen, erwerben, Spitzcuhäubchen, Spitzenblusen, Handschuhe, Schuhe und Reitstiefeln in allen Gestalten, und wen es^sselüstet, auf dem monogrammierteu, hochfeudalen Kriespapier der Prinzessin von Koburg Briefe zu schreiben, kann einige Kartons für einen Pappenstiel erwerben.
Auch die Geheimnisse des Toilettetisches werden an ben Meistbietenden preisgegeben; zunächst ein wirklich kostbares, zweifellos von einem Goldschmied, der ein Meister seines Faches ist, gefertigtes Toilettenecessaire, aus zehn Stücken bestehend, alles graviert mit „L" und mit der Erzherzogskrone versehen. Und wieder lüftet sich ein Schleier, wieder tvird eine spanische Wand zurückgeschvben, UNO man sieht auf Perückenstöcken, in Schachteln usw., ivie auch eine Prinzessin vor- und rückwärts, zur rechten und zur linken Seite, „falsche Behauptungen" ausstellt in Gestalt von Bandeaux, Stirnsilets, ein Loüengewirre künstlich erzeugt, ein Lockengewirre in je nach der Mode wechselnden Farben, bald hellgelbe, bald wieder in einer dunkleren Nuance, dann in verschiedenen Nuancen von Kastanienbraun. Mit nicht geringer Ueberraschung findet man in der Anktionsausstelurng auch eine Heiligenstatue, mit geschnitzter Kapelle, etliche Madonnen und andere kostbare, anscheinend sehr alle Heiligenstatuctten sowie diverse Er- bauungsbüchlein. II. a. kommt auch ein Fächer mit einem großen" latemischen „A" und der russischen Kaiserkrone zur Feilbietung.
Wenn man bedenkt, daß die verpfändeten Toilettenschätze nur — einen Teil der Garderobe der Prinzessin Luise von Koburg bilden, so wird man begreifen, daß diese hohe Dame es fertig gebracht hat, eine S ch u l d e n l a st von 4 Millionen aufzuhäufen.
Die Prinzessin Luise steht jetzt im 50. Lebensjahre, sie sieht aber schon sehr gealtert auS; denn es ist ja begreiflich, daß die Geldsorgen auch an der äußeren Erscheinung der Prinzessin nicht spurlos vorübergegangen sind. Furchen haben sich in "das einst so schöne Gesicht einaegraben, das Haar ist fast ganz weiß geworden und selbst die einst so viel bewunderte königliche Haltung der hochgewachsenen Frau hat Einbuße erlitten.


