— 742
machen müjfeit, dich eines Tages an irgend einen hergelaufenen Fremden zu verlieren."
„Nein, das sollst du ganz gewiß nicht!" kam es Ivie in warn« ausbrechender Zärtlichkeit aus dem Munde des Mädchens. „Solange du mich nut dich leiden magst, werde ich dich sicherlich nicht verlassen."
„Gott gebe, daß bir'5 Ernst damit ist. Tenn ich bin wahrhaftig selbstsüchtig genug, das Opfer anzunehmru. Wußte ich doch kaum, was ich in meiner hilflosen Blindheit ohne dich ansangen sollte! — Du bist seit der mißglückten Operation mein Stab und meine Stütze gewesen — nein, mehr als das: meine rechte Hand! — Und ich glaube, erst an dem Tage, wo ich dich von mir lassen müßte, würde ich's in Wahrheit empfinden, daß ich das Licht meiner Augen nicht mehr besitze."
Erika schmiegte sich zärtlich au die nach ungebeugte Gestalt der Matrone. Tie aber schieu's fast schon wieder zu gereuen, daß sie sich von ihren Empfindungen so weit hatte hinreißen lassen. Tenn nach Verlaus einiger Sekunden sagte sie in ihren» alten trockenen Tone:
„lind nun sieh zu, Kind, daß.du mit deinem Christbaum da fertig wirst! — Die ungewaschenen Dorfrangen werden wohl keine allzu strengen Richter fein über das Kunstwerk, das du zustande bringst. Und die kritischen Bemerkungen meines armen Egon, die dich im vorigen Jahve so geärgert haben, brauchst du ja diesmal nicht zu fürchten."
Sie verließ, jeden Beistand zurückweisend, das Zimmer, denn hier im Hanfe, wo ihr jedes Winkelchen vertrant war, bedurfte sie keiner Führung. Erika aber hatte es jetzt gar nicht mehr eilig, in der begonnenen Arbeit fortzufahren. Sie trat mit tiefernstem Antlitz au eines der Fenster und ließ ihren Blick wie verträumt über die weite, verschneite Flach- landschaft hinschweisen, die sich erst ganz fern in den grauen Dunstmassen des Horizonts verlor.
Ta bog eia schmächtiger junger Mann in pelzbesetztcr Joppe drunten um die Ecke des .Hauses und blickte zu dem niederen Fenster empor. Er hatte ein schmales, wenig regelmäßiges Gesicht und einer», dünnen, sandgelben Schnurrbart, aber man konnte ihn trotzdem nicht häßlich nennen, am wenigsten, wenn wie in diesem Augenblick ein kleines Lächeln über fein Antlitz ging.
Erika nickte ihm zu und öffnete einen Flügel des Fensters.
„Die Tante hat nach dir gefragt, Walter! •— Sie ist ungeduldig, daß sie ihre Morgen Pos. noch nicht erhalten hat." „Das halte seinen guten Grund," kam halblaut die Antwort herauf. „Denn ich wollte zuerst mit dir sprechen. — Darf ich herauskvmmen?"
„Welche Frage! — Ich bin eben beim Aufputzen des ChristbaumS und ganz allein."
Zwei Minuten später trat er eilt Er wies in seiner Äußeren Erscheinung wenig Aehnlichkeu mit seiner stattlichen, energischen Mutter auf. Und von dem hühnenhaften Anusrat, dessen Bild an der Wand hing, hatte er vollends kaum einen Zug. Er sagte Erika etwas Freundliches über ihr Merk, aber er war sichtlich unruhig und zerstreut, und feine Hand zitterte ein wenig, als er nun einen ans der Tasche gezogenen Brief entfaltete.
„Ich habe eine Nachricht von Egon." sagte er mit vorsichtig gedampfter Stimme. „Und du. musst dich auf eine große lieber» vaschung gefaßt machen, Erika!"
Tas Linnen auf der Tafel war nicht weißer, als es mit «inemmal das Gesicht des jungen Mädchens geworden war.
„Um Gottes willen, was ist es? — Es geht ihm doch nicht wieher schlechter?"
„Nein — nein! — Es ist eine Uebermschuug von freudiger Art. Obwohl — ich weiß nicht --- es ist ein so sonderbarer Brief. — Möchtest du ihn nicht lieber selbst lesen?"
Sie griff nach dem Blatt, aber ihre linke Hand ruhte nach immer auf der Tischkaute, wie wenn sie ein Bedürfnis hätte, sich darauf zu stützen. Und sie las:
„Mein lieber Bruder!
Ter Poststempel Hamburg ans diesen» Briese hot dir bereits verraten, daß ich wieder auf heimatlichem Boden bin. Vor einer Stunde sind wir keiegsnutückstigen tzalb- nnd Ganz-Invaliden hier gelandet, und morgen früh gedenke ich die Weiterreise nach Greifeirhagen anzutreten. ES läuft auf eine große We ihn acht Silbe rra s chnng hinaus, wie du siehst. Aber solche Ueberraschungen haben mitunter nicht bloß eine fröhliche Seite. Und darum scheint mir's geboten, die meinige ein wenig abzudämpfen. Deinem Er- titeffen, lieber Bruder, will ich's überlassen, ob du die
Mutter auf mein Kvmmen vorvereiten willst; das aber möchte ich mir mit aller Entschiedenheit ausbitten, daß niemand außer dir zu meinem Empfange auf der Station ist. Es hat seine guten Gründe. Alles andere mündlich! »Auf Wieders. Heu also!
Dein Bruder
Egon."
Erika hatte eine auffallend lange Zeit gebraucht, um mit der Lektüre der weniger» Zeilen fertig zu werdet;, lind Walter Harringhaus meinte die Ursache zu erraten.
„Seine Handschrift ist fast ganz unleserlich geworden," sagte er. „Aber ein Künstler auf diesem Gebiete war er freilich nie."
„Nein!" stimmte Erika zu. Aber sie sagte es wie jemand, dessen Gedanken in weiter Ferne weilen. Und dann, nachdem ihre junge Brust sich in einem tiefen Atemzuge gehoben hatte, fügte sie, wie ans einem Traum erwachend, hinzu:
„Er ist wieder da — und heute — heute noch wird er kommen!"
Tie Augen des jungen Mannes hingen an ihrem Gesicht. ES waren stille, sauste Augen, wie sie in der Regel nur guten Menschen eigen sind und solchen, die das Schicksal dazu aus- ersehen hat, mehr zu leiden als zu genießen.
„Ja! — Es ist eine große Weihnachtsfreude — nicht wahr? — Tie schönste, die wir der Mutter und uns wünschen konnten!"
„Tie Tante wird über alle Maßen glücklich feilt. Soeben noch hat sie hier in banger Sorge von Egon gesprochen."
„Dazu ist ja nun glücklicherweise feist Anlaß mehr vorhanden. — Und meinst du, daß ich ihr von seinem Briefe Kenntnis geben solle?"
Erika schüttelte den Kopf.
„Ich würde es an deiner Stelle nicht tun, Walter! Tie Taute ist so schoachnervig »richt, daß die Freude der lieber» raschung ihr irgendwie schaden konnte. Und Egon muß doch wohl einen Grund dafür haben, daß er zuerst mit dir allein sprechen will."
„Dann sollen wir also gar nichts verraten?"
„Wann trifft der Hamburger Frühzug auf der Station ein?"
„Einige Minuten vor drei lihr. — Ich könnte den Schlitten ganz gut unter bem Vorwande anspaimen lassen, daß ich noch eine Weihnachtsbesorgung in der Stadt zu machen hätte."
„Ja, das solltest du tun. — Wenn du ihn dann mitbringst, wird es gerade die rechte Zeit sein für die Bescherung."
Es war noch immer etwas merkwürdig Zerstreutes und Schleppendes in ihrem Ton, als müsse sie sich dazu zwingen, mit ihren Gedanken bei dem zu bleiben, wovon sie sprach. Wohl eine Minute lang schwiegen sie nun beide, daun trat Walter Harringhaus Plötzlich dicht an ihre Seite.
„Warum willst du es vor mir verheimlichen, Erika, wie sehr du dich freust? — Ich weiß ja, daß du über seine Heimkehr noch viel glücklicher fein wirst als die Mutter."
Sie erhob ihre Augen voll zu seinem Gesicht. IInä er sah auf ihrem Grunde einen feuchten Schimmer, der wohl von Gluck, aber auch von tiefem Herzeleid zeugen konnte.
„Weißt du das wirtlich?" fragte sie. „Und wenn du dich nun doch darin tauschtest?"
„Wenn ich---Ich verstehe nicht, Erika — aber ich
will ja Vicht inbidtet' feilt. Und du mußt mir verzeihe»», daß ich----"
„Ich habe dir nichts zu verzeihen," erklärte sie mit einer ruhigen Freundlichkeit, die seine Besorgnisse wohl zerstreuen mußte. Aber sie ging dann doch rasch zu etwas anderem über. —
„Und wenn du mir erlauben willst, mich einmal in deins Angelegenheiten einzumischen, so möchte ich dir einen wohlgemeinten Rat geben, Walter! — Tie Tante ist mißtrauisch geworden wegen deines Verkehrs mit der Jnspektorstochter. Und wenn du dir und dem Mädchen Ungelegenheiten ersparen willst------"
Mit eilten» erstaunten, verständnislose!! Blick hatte er sie angesehen. (Fortsetzung folgt.)
Kus der Hlmgesiung des Auren
erzählt in der Pariser „Revue" ein Eingeweihter, der sich unter den Initialen eines Fürsten S. R. G. verbirgt, eine Reihe von. interessanten Einzelheiten, die ein überraschendes Schlaglicht werfen auf die Sorglosigkeit und die Verworrenheit der Geschäfte des kaiserlichen Hofhaltes. Die Ausführungen, die in allem einen um die Perfon des Kaisers besorgten Anhänger des Zarentums erkennen lassen, beginnen mit dem Hinweis auf ten Tod des BruderS des Kaisers, des Großfürsten-Thron-


