Wr. 186
1907
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Kie rechte Kand.
Eine Weihnachtsgeschichte von Reinhold Ortmann.
(Nachdruck verboten.)
Das Gutshaus von Greifenhagen tvar ganz erfüllt von lieblichen Weihnachtsdüften. Nach frischem Kuchen roch cs, nach Aepfeln und nach Tannenharz. Da tvar kein Winkelchcn, in das das eigenartige Aroma nicht schließlich seinen Weg gefunden hätte. Und cs war auch lein Gesicht im ganzen Hause, auf dem es nicht sichtbar gelegen hätte wie ein Abglanz von weihnachtlicher Vorfreude und heiterer Erwartung fröhlicher Ueberrafchuugen, die darum gewiß nichts an ihrem Reiz verloren, weil cs im Grunde gar keine Ueberraschungen mehr waren.
In dem großen, vicrfe.nstrigen Zimmer zu ebener Erde, darin der selige Amtsrat Harringhaus so gern seine weit- berühmten lustigen Jagdfrühstücke veranstaltet hatte) stand nach alter Sitte auch Heuer der Christbaum, die schönste und ebeir- mäßigste junge Tanne, die der alte Förster Mcngers hatte ausfindig machen können in seinem Revier. Und auch die mächtige Tafel, auf der am Abend die Geschenke für die Gutsleute und die ärmeren Tvrfkinder aufgcbaut werden sollten, war schon mit blütenweißen Linnen gedeckt.
Der Schmuck des Tannenbaumes aber war noch nicht ganz vollendet. Ein schlankes junges Mädchen tvar eben damit beschäftigt, die letzten vergoldeten Nüsse und rotbackigen Borsdorfcr Aepfel an den Zweigen zu befestigen. Tie kalte Wintcrsonnc, die voll durch die vorhanglosen Fenster fiel, streifte manchmal wie liebkosend über ihre biegsame, feingliedrige Gestalt und über das hübsche Köpfchen, dessen braune Flechtenlast beinahe zu schwer schien für den zierlichen weißen Hals.
Nun klang cs von draußen >vie das Rascheln eines lang- sam über den Boden geschleiften Frauengewandes und das gleichmäßige Ausstößen eines von fester Hand geführten Stockes. Tie Tür tat sich auf, und die hohe Gestalt der Amtsrütin Harringhaus schritt über die Schwelle. Man mußte sie schon sehr genau ansehen, Um zu gewahren, daß sie blind war, so sicher tvar ihre Haltung, und so ganz ohne alles zaghafte Tasten tvarcn ihre Bewegungen.
Das junge Mädchen aber eilte doch auf sie zu und nahm sie bei der Hand, damit sie nicht gegen die an ungewohnter Stelle stehende Tafel stoße.
„Hast du mich gesucht, Tantchen? — Ich werde in einer Viertelstunde mit den: Wcihnachtsbaum fertig sein. Dann bin ich wieder ganz zu deiner Verfügung."
- Die Matrone schüttelte den Kops, der fast noch jugendlich aussah trotz der erloschenen Augen und trotz der schneeweißen Haarwellen, die unter dem schwarzen Häubchen sichtbar wurden.
„Für heute behelfe ich mich schon ohne dich, Kind! — Daran, daß am Weihnachtsabend hier alles außer Rand und Band ist, bin ich ja nun schon seit vielen Jahren gewöhnt. Gut, daß wir ihn nicht oster als einmal im Jahre zu erleben brauchen."
Sie sagte cs, wie wenn sie sehr ungehalten wäre über alle die llnruhc und freudige Aufregung um sic her. Mer es tvar
tvvhl nicht allzu ernsthaft gemeint, denn sie strich zu gleicher Zeit zärtlich über das weiche, braune Haar des Mädchens und ließ dann ihre Hand auf der zarten Schulter ruhen.
„Wenn >ch denke, wie ihr alle drei als Kinder herumgesprungen seid hier in diesem Zimmer!" sprach sie nach einem kleinen Schweigen weiter, ohne alle Sentimentalität und in ihrer gewöhnlichen, fast rauh klingenden Art. „Das waren schließlich noch Christabende, an denen man seine Freude haben konnte. Wenn erst dcr eine und der andere davongegangen ist, mag's wohl noch dasselbe Drum und Dran sein, aber die alte Fröhlichkeit ist's doch nimmer. Und diesmal ist's ja wieder einer weniger als sonst."
Sie erhielt keine Antwort, und den Schatten von Traurige feit, der über das feine Mädchengcsicht hingeglitten tvar, konnte sie ja nicht sehen. So fuhr sie mit einem Anflug von Unzufriedenheit in» Ton ihrer Rede fort:
„Wirst ihn nicht allzu schwer vermissen, nicht wahr? —■ Tas; es die alte Freundschaft zwischen euch nicht mehr tvar, habe ich ja bei seinem letzten Hiersein recht wohl bemerkt. —> Hättest cs auch wohl verschmerzt, wenn'er an seiner Wunde gestorben wäre da drüben auf der fremden Erde."
Tie Wangen des jungen Mädchens brannten in dunklet! Glut, und ihre Stimme zitterte, als sie leise erwiderte:
„O, Tante, wie magst du so sprechen! Aber es war doch, Gott sei Dank, von Anfang an keine Gefahr für sein Leben."
„So schrieben uns die Leute vom Kolonialamt. Und dann schrieb er's ja auch selber. Aber mir tvar's dabei immer, als erführe ich nicht die ganze Wahrheit. Auch den letzten Bries hat er noch diktieren müssen, obwohl cs doch ■ darin hieß, es ginge ihn» schon tvieder ganz vortrefflich. Das hat mir nicht gefallen, so wenig, wie mir's gefällt, daß noch immer keine weitere Nachricht von ihm da ist. Aber ich bin am Ende eine grämliche alte Frau, die sich allerlei dumme Gedanken macht, und ich will euch nicht mit meiner Schwarzseherei das Weih- nachtsvergnügen verderben. — Wo steckt denn der Walter? —> Seit einer halben Stunde schon warte ich vergebens darauf, daß cr mir die Briefe vorliest."
„Ich habe Walter nach dem Frühstück anch nicht mehr gesehen, Tante! —• Vielleicht ist er nach dem Vorwerk hinüber."
„Nach den» Vorwerk? — Heute? — Was sollte cr denn da zu schaffen haben?" fragte die Amtsrätin mit einem Stirnrunzeln, „Weißt du, daß mir in der letzten Zeit schon manchmal der Verdacht gekommen ist, cr könnte was mit der Jnspektorstochter haben? — Sie soll ja ein leidlich hübsches und recht kokettes Mädel sein, lvie ich höre."
„Ich weiß nichts davon, Tante! — Aber wenn es so wäre, könnte cr nicht mit einem armen Mädchen, das er seiner würdig hält, ebenso glücklich werden als---"
Doch die Amtsrätin ließ sie nicht ausreden.
„Tas ist törichtes Geschwätz, Erika! — Und ich traue ihm auch nicht im Ernst zu, daß er mir das antun könnte. Traurig genug, daß ihr beide mir die Freude nicht habt machen können, ans die ich gehofft habe, seitdem du zn einem so großen Ting herangewachsen bist. Nun werde ich mich ja wohl darauf gefaßt


