Ausgabe 
16.11.1907
 
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Vermischtes.

* Aus dem Liebesleben Napoleons III. Eine vor einem Londoner Gerichtshöfe verhandelte Erbteilungsange- legenheit es handelt sich um das Vermögen des im August ver­storbenen Martin Howard, der als Sohn Napoleons III. galt Und von ihm zum Grafen Bschsvet erhoben worden war frischt das Gedächtnis einer Engländerin auf, die im abenteuer­reichen Leben Napoleons eine bedeutende Rolle gespielt hat. Louis Napoleon führte als Verbannter in London eine sonderbare Doppelexistenz; in den kerzenstrahlenden Salons der eleganten Welt, in den Parks und in der Oper, wo seine Adjutanten feierlich hinter ihm standen, war er ebenso zu Hause wie in den dunkeln Hintertreppen und geheimen Konventikeln karbonaristischer Ver­schwörungen. Als eine der hervorragendsten Schönheiten Londons galt damals Miß Howard; ihr Haus war ein Sammelpunkt für die leichtlebigenmen about town". Auch Napoleon wurde bei ihr eingeführt und bald entspann sich ein Liebesverhältnis zwischen beiden. Fräulein Howard war sehr begütert, und es steht fest, daß sie den Prinzen in London und später, als er Präsident der französischen Republik war, mit Geld unterstützt hat, nicht aus reiner Liebe, sondern weil sie die hochflicgmdcn Pläne ihres Verehrers kannte und vielleicht hoffte, daß eine Kaiserkrone teuf ihrem Haupte sie eines Tages für alle Opfer entschädigen werde. Während der Präsidentschaft Napoleons und zu Beginn seines Kaisertums bewohnte die Howard ein Haus in der Nähe des Elysßes. Napoleon speiste häufig bei ihr, spielte Karten und betrachtete ihr Heim als den Ort, wo er von seinen Sorgen ausruhen und nach allem Zwang, aller Schauspielerei, Mensch unter Menschen sein konnte. Wenn ihm seine Berater darob versteckte Vorwürfe machten und eine politisch vorteil­hafte Heirat empfahlen, antwortete er wohl, er fei dazu zu alt, und man möge ihm doch nicht die kargen Augenblicke der Nnhe und Erholung mißgönnen. Aber Mensche:; vom Schlage der Howard sind nicht zu selbstloser Güte angetan. Es war ihr nicht genug, daß Napoleon ihr alle Vorschüsse mit ungeheuren Zinsen zurückbezahlte, sie wollte, wenn nicht seine Gemahlin, so. doch wenigstens die Pompadour oder Dubarry des neuen Hofes spielen. Napoleon suchte sich' ihrer Habsucht und ihrem Ehrgeiz allmählich zu entziehen, aber sie klebte wie eine Klette an ihm und setzte durch, daß ihr trotz des dadurch hervorgerufcnen Skandals eine -Wohnung in dem Schlosse St. Cloud angewiesen wurde, wo sie mit dem scharfen Auge der Eifersucht alle Vorgänge belauerte. Als Napoleon sich endlich zur Heirat entschied-, nach einigen Körben von fürstlichen Häusern aus der Not eine Tugend machte und ein spanisches Edclfräulein heimführte, wurde Miß Howard nach Havre gelockt und dort, sorgfältig behütet vor Zeitungen, in Unkenntnis der Dinge erhalten, bis ihr Einspruch keinen Schaden mehr anrichten konnte. Nach einigen wilden Szenen beruhigte sie sich; für den Fall, daß sie einen verzweifelten Streich wagen würde, drohte man ihr an, daß sie sofort zum Hafen geschafft und nach Amerika verschifft werden würde. Ge­heimpolizisten durchsuchten ihre Wohnung, konnten aber nicht die Briefe entdecken, auf die sie fahndeten. Napoleon zeigte auch hier, daß Undankbarkeit nicht zu seinen Fehlern gehörte: er schenkte ihr die Besitzung Beauregard- zwischen St. Cloud und Versailles zugleich mit dem Titel einer Gräfin von Beauregard. Im Jahre 1865 starb sie, selbstverständlich ging ein Gerücht, daß sie auf Anstiften des Kaisers ins Jenseits befördert worden sei, Über dem Gerücht fehlt jede Unterlage.

* P elzgarni crnn gen. Die neuen Pelzanoden entfalten bereits ihnen vollen Glanz. Der Lieblmgspelz der Saison wird Fischotter sein. Am- Abend trägt inan den großen Mantel von Zobel, peruanischem Chinchilla oder Hermelin, eine Toilette, wie sie freilich nicht Jedermanns Börse erlaubt. Die Muffe bleiben weiter riesengroß und flach. Sehr in Aufnahme sind für diese Saison reiche Garnierungen mit Pelz, und zwar wer­den die kostbaren Felle zusammen mit Stickerei und Spitzen ver­arbeitet. Auch Gcsellschaftstoiletten werden vielfach mit Pelz­besätzen geschmückt, doch bleibt hauptsächlich diese Art Garnierung Mänteln und Jacketts Vorbehalten. Ein solch elegantes P-elz- jackett ist' rings mit einem breiten Streifen Zobel eingefaßt, der vom Hals aus 'vorn herunterläuft und an den Seiten um die beiden Schlitze herumgeht. Tic dreiviertellangen Aermel bestehen ganz aus Zobel mit großen Manschetten von besticktem Kamt und einer Einfassung Von Seide.

Für ttnfere Kirrdsr.

Ein' z ei t g e m äße r E in fa l l ivar es, unfern Küaben zur Erhöhung ihres Vergnügens am Eisenbahnspiel veritable Eisenbahn- und Bahnhofsanlagen mit Güterhallen, Lokomo- tivremisen, Drehscheiben, Barrieren, Tunnels, Signalen, Brücken usw. für billiges Geld zu bescheeren. In einem WerrchenEisenb ahn an la g en zum Eisenb ah n- f p i e I" gibt Otto Mayser unfern Knaben Anleitung und Modelle (keine gewöhnlichen Modellierbögen) wonach sie

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Literatur.

Heinrich von Kleist. Von Professor Dr, H. Roetteken in Würzburg. (Wissenschaft und Bildung, Einzeldarstellungen aus-allen Gebieten des Wissens. Nr. 22.) 152 Seiten mit einem Porträt des Dichters. Gebunden 1.25 Mark. Verlag von Quelle u. Meyer in Leipzig. 1907.< Eine Biographie im gewöhnlichen Sinne, wie es deren Dutzende gibt, haben wir hier nicht vor uns. Keine chrono­logisch sich abwickelnde Erzählung dieses wechselvollen, an Leiden und inneren Kämpfen reichen Lebens. Vielmehr bildet Kleists Schaffen stets den Ausgangspunkt der Dar­stellung, und in ihm sehen wir seine Lebensschicksale sich spiegeln. Als psychologisches Erlebnis tritt uns so seine Dichtung erst recht nahe, und wir lernen ihn selbst besser kennen, wie aus irgend welchen anderen Zeugnissen seiner Zeit. Die in jeder Hinsicht von tiefem psychologischen Ver­ständnis und feinerem ästhetischen Empfinden getragene' Darstellung sei hiermit allen Freunden unserer Literatur auf das wärmste empfohlen.

Nanki-Poe. Erzählung aus der Zeit dcS Boxcrauf- staüdes von Arnold Lobcdanz. Illustrationen von Richard Kuötel. Elegant gebunden Mk. 3.. (Verlag von Otto Spamer in Leipzig.) Arnold Lobedanz, der Ehinareiscnde, bietet unserer Jugend eine lebendsfrische und fesselnde Erzählung. InNanki- Poe" wird der junge Leser tief in die unendlichen Länderstrecken Chinas hineingeführt, wo die gelben Leute ihr trostloses Leben im Kampfe mit tausendjährigen Vorurteilen und unter. Verhält­nissen zubringen, die von denen unserer europäischen Zivilisation und Kultur ganz verschieden sind. Man merkt, daß der Ver­fasser mit allen Verhältnissen des Landes, insbesondere mit dem Leben und Treiben der Chinesen vertraut ist. Man wird über die traurigen Zustände unter den ernten chinesischen Kulis erstaunen und erschrecken und Mitleid fühlen mit dem kleinen Chinesenjungen, wenn er in seinem Sampan (Nachen) aus der von der Pest verwüsteten Millionenstadt hinwegeilt, um auf dem trüben Gewässer des Jantsekiangstromes netten ge­fahrvollen Abenteuern zu begegnen. Sein späteres Leben zwischen den Missionaren, sowie deren Kämpfe gegen die Boxer sind mit lebendigen Farben und dramatisch geschildert,Nanki- Poe" ist eine unterhaltende, dabei lehrreiche Erzählung, die jedem aufgeweckten Knaben und Mädchen ein willkommenes Festge­schenk sein wird.

Mainzlarer Hausfprüche.

Gesaumtelt von St. K.

Ich ging mal durch ein srentdes Land, Da stand geschrieben an der Wand:

Sei still und verschwiegen, Was ntd)t dein ist, laß liegen.

Sieh vor und hinter dich

Menschen sind gar wunderlich.

Disteln stechen, Nesselit brennen, Wer kann alle Menschen kennen?

*

Wer mich und die meinen tvill verachten, Muß sich und die seinen erst recht betrachten. Wcmt er sich und die seinen tut recht betrachten, Wird er mich und die meinen auch nicht verachten.

Logogriph.

Ehemals schuf es mitl" in Spanien treffliche Waffen. Heute jedoch mitrp" ist es viel furchtbarer noch.

-Auflösung in nächster Nummer.f

Austöstmg des Rösselsprungs aus voriger Nummer! Sill streut der Sämann seine Saaten, Ob sie gedeihen oder nicht;

O lasse dich von ihm beraten, Und tue schweigend deine Pflicht.

..Nedakiion: P. Wittko. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'fchen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.