Ausgabe 
16.11.1907
 
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Und anhängliche Ding als eine abgefeimte Betrügerin um keinen noch schärferen Ausdruck zu gebrauchen! vorzustellen. Doch lehre mich einer die Menschen kennen! Bei denen ist alles möglich und diejenigen, denen man am meisten vertraut, ent­täuschen einen nm schändlichsten!" Er warf einen raschen Blick cmf Walden, wie um zu gewahren, ob ans diesen seine wohlbe­rechneten Worte gewirkt hatten.

Doch der Detektiv stand in der vorigen mtidett, gleichgültig anmutenden Haltung; nach seinen ausdruckslosen Mienen zn schließen, hatte er ans den Einwurf seines Vorgesetzten nicht ein­mal geachtet.

Nun, was weiter?" fragte Hansem-ann unwirsch, denn seine Wahrnehmung ärgerte ihn.Sie deuteten vorhin an, daß Sie die Spur des wirklichen Eilenburg junior ausgenommen Hütten?"

Dank der mir von seinem Strohmann gemachten wei­teren Mitteilungen. Ich fand bald heraus, das; die beiden, trotz der sozialen Unterschiede in ihren Lebensdedingungen, ziem- kich intim miteinander gewesen waren.

Anscheinend plaudernd entlockie ich dem Burschen nun die Angabe der früher von ihm in Gemeinschaft mit den; jungen Eilenburg ausgesuchten Lokale lauter ausgesprochen zweifel­hafte Tanzplätze, Versammlungsorte der Lebeivelt, Nachtcafes mit ihrem schon mehr eindeutigen Tmncnpublikum. Ich hatte ivohl an die dreißig Lokale zu durchschreiten, bis ich endlich in den Aurorasälen einen jungen Menschen wahrnahm, dessen Züge denen des Bildes zn entsprechen schienen. Um ihn und einen Be­gleiter hatten sich eine ganze Anzahl dieserDamen" geschart; die beiden Männer traktierten die ganze Sippe trotz der ver­hältnismäßig frühen Abendstunde mit sogenanntem Champagner man muß ihn in derartigen BergüngmigLlokalen mit 25 Mark pro Flasche bezahlen. Der Anblick einer ziemlichen Menge be­reits geleerter Flaschen macht« mich stutzig; woher sollte der junge Eilenburg einen derartig hohen Geldbetrag hergenommen haben, es sei denn, daß er an dein Morde in der Droschke aktiv beteiligt war. Wie ich nun znwartend, wohlverdeckt hinter einer Säule stand, und um* überlegte, was tun, vermochte ich auch des jungen Menschen Begleiter von Gesicht zu Gesicht zu sehen... ich erkannte ihn trotz eines falschen blonden Bollbartes und eben­solcher Perücke, die ihn n,m etwa 10 Jahre jünger machten, und einer goldenen Brille auf den ersten Blick . . . und wußte, daß ich einen unserer gefährlichsten und dabei auch geriebensten Ber­liner Hochstabler vor mlir sah eine znin äußersten zähe Ver­brechernatur, einen gewissen Kundt."

Allbarmherziger!" Der Rat schnellte, wie aus der Pistole geschossen, von. neuem aus seiner molligen Sofaecke und stand kerzengerade vor dem Detektiv

Das erstaunt Sie, Herr Rat", konnte dieser feilt Befremden nicht unterdrücken.

Ob michs erstaunt da möchte man ja lang hinschlagen!" wetterte Hansemann.Dieser nämliche Kundt trat heute abend Unvermutet bei Witte ein, als ich in dessen Wolmnng Haussuchung abhielt. . . mich sehen, erkennen und wie Schafleder aus» reißen, war bei dein Kunden das Wer? eines Augenblickes. . . ich 'hinter ihm Her, it& ein geölter Blitz . . . aber hat sich was. Der Kerl war ausgekniffen und verschwunden, es blieb umsonst, daß ich einige meiner Leute hinter ihm herschickte. . . schließ­lich", brach er ab, die Schultern hochziehend,was hätte es auch viel genutzt, hatte ich ihn wirklich verknöpfen können. . ,i gegen dessen glatte Geschmeidigkeit ist ein Aal das reine Reibeisen. Vielleicht hätte ich ihn sogar gewarnt, denn dem Kerl ist ja keiner gewachsen!"

Bon derselben Vermutung ging auch ich ans, Herr Rat", nahm Walden wieder das Wort.Zu einer Verhaftung des jungen Eilenburg wäre ich ja schließlich befugt gewesen, ich hätte sie wenigstens auf meine Kappe nehmen können. Doch ich hatte nicht den geringsten Rechtgrund, mich auch seines Begleiters zu versichern. Ich hielt es deshalb für besser, erst Ihnen Bericht abzustatten und dann weiter zu handeln. Daß zwischen Kundt und dem jungen Eilenburg etwas schwebt das ihnen zu reichen Geldmitteln verholsen hat, liegt auf der Hand, denn ohne sichtbaren Nutzen befreundet sich Kundt mit niemanden. Ta ich auch noch zufällig hörte, wie die beiden sich Mit denDamen" für morgen abend wieder verabredeten, ihr Benehmen auch ein derartig zuversichtliches war, als fühlten sie sich völlig gefahren­sicher, so glaubte ich, mich bescheiden zu sollen. Am Ausgang traf ich mit einem unserer Detektivs zusannnen, der Nachtdienst im Lokal hat, zeigte ihn« unauffällig unsere beiden Männer und beauftragte ihn, falls dies unverdächtig geschehen könnte, die Burschen zn beschatten und unter Umständen ihre Wohnadresse ausznkundschaften. Ich glaube indessen, daß ich die Männer bei Meiner Rückkehr noch in den! Aurorasälen antresfen und dann

imstande sein werde, die weitere Beobachtung selbst svrtznsetzen, obwohl Sergeant Schwarz ein recht tüchtiger Mann ist!"

Mag sein. Sie sind aber zweifelsohne ein Juwel und gar nicht genug einzuschätzen, Walden!" rief der Rat im ersten Enthu­siasmus über das zn Tage geförderte wichtige Material. Dann aber, sich besinnend, trat er einen Schritt zurück, seine Mienen nahmen einen schmerzlich vorwurfsvollen Ausdruck an und er beobachtete den Detektiv mit umflorten Blicken.

Walden", begann er, die Hände zusammcnschlagend,wa- riroi haben Sie mir das angetan . . . warum muß Ihre stolze Karriere so kläglich Schiffbruch erleiden . . . warum!"

Der andere verstand ihn; eine düstere Entschlossenheit prägte sich in seinen Zügen aus.

Dars ich sprechen?"

Aber natürlich! Ich muß sogar entschieden darum er­suchen !"

Wieder wollte Hermine sich leise entfernen; ihren schnierzlich bewegten Mienen war es abzulesen, wie ihr davor graute, ein Schuldbekenntnis gerade von den Lippen des Mannes hören zu sollen, der ihren« innersten Empfinden näher stand, als sie es sich selbst einzugestehen wagte.

Doch mit bittender Handbewegung vertrat Walden ihr den Weg.Bleiben Sie, es liegt mir viel daran, gerade vor Ihnen nicht in falschein Lichte stehen zu müssen!" sagte er leise, und zum erstenmal am ganzen Abend sprach ein wärmerer Ton aus seinem Stimmenklang.Ich will nicht sagen, daß ich Mich Vor Ihnen rechtfertigen kann, denn für Sie gibt es nur den geraden Weg der Pflicht. . . doch vielleicht werden Sie mich verstehen . . . und das wird schon Wegtrost genug für mich sein."

Er unterbrach sich und trat wieder auf den Rat zu; wieder- holl wollte er beginnen, doch immer wieder war cs, als hinderte ihn ein würgendes Gefühl in der Kehle.Ich kann Ihnen nicht schildern, was alles in mir vorgeht, meinte er dann stockend. Wie ich nun vor Ihnen stehe in freundlichem Lichtbereich dieses mir so vertrauten Zimmers, in welchem ich so oft glück­liche Stunden habe erleben dürfen, dämmert cs mir erst, was ich eigentlich getan . . . und was ich aufs Spiel gesetzt habe/ um es nie wieder zurückgewinncu zu können", setzte er noch leiser hinzu, indem er die Augen mit der einen Hand beschat­tete.So muß es dem in der Irre verlorenen Wanderer zu Mute sein, der in der Ferne noch Hcimatslicht erschimmern sieht und weiß, daß er es nie und nimmermehr erreichen kann. Und doch", fuhr er sich mannhaft aufvaffend, fort,ich konnte nicht anders handeln und ich würde unbedenklich, sähe ich mich nochmals derselben Situtation gegenüber, im Konflikt der mir aufgebürdeten Pflichten diejenigen erfüllen, welche mir die mcn- fchenwürdigste zu sein scheint."

Ter Rat schaute verständnislos aus ihn; auch in Herminens Zügen, die ihren alten Platz neben deut Buffet wieder einge­nommen, prägte sich unverhülltes Befreniden; sic begriffen beide nicht, wo hinaus der so seltsam sich Gebende eigentlich zielte.^

Flackernde Röte in den bleichen Wangen wendet sich Walden wieder an seinen Vorgesetzten.Herr Rat", sagte er in über- stürztcr Rede. Ivie um das ans den Lippen Brennende und ihn vor deut eigenen Gewissen Brandmarkende ehestcus loszuwerden, ich habe mich einer groben Pflichtverletzung anzuklagcn, welche mich nicht nur unwürdig macht, mein lieb gewordenes Amt weiter zn bekleiden, sondern die mich auch vor den Strafrichter bringen mag."

Allmächtiger! Also doch!" kam es zagend über Herminens Lippen. Ihr erloschener Blick begegnete fernen« fragenden; dann wendete sie ungestüm den Kopf, als habe sic schon zu viel von den Geheimnissen ihrer Seele verraten.

Ich habe mich wissentlicher Täuschung und Urkundenfäl­schung schuldig gemacht, Herr Rat, indem ich den Personen­stand des mir wohlbekannten Opfers von neulich nicht zu ver­ändern suchte und zn diesem Behufs dem Verbrecheralbum ein­verleibte, Bildkarten fälschte und an Stelle der von mir ver­nichteten Originale andere Bilder unterschob."

Ich wußte es!" unterbrach ihn der Rat erregt.Mann, warunt sprachen Sie nicht heute früh, als ich wie ein Vater auf Sic einredete."

Ja, zum Saperlot, warum Machen Sie denn solche Streiche, die Ihnen meine Achtung entziehen müssen!" wetterte Hanse- mann.Ich bin irre an Ihnen geworden. Ta hat einer die glänzendste Zukunft vor sich, fein Kvmmissarpatent liegt schon unterschrieben bereit und mutwillig bringt er sich um alles. Ta soll MM. nicht irre werden!"

(Fortsetzung folgt.1