Ausgabe 
16.10.1907
 
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bet Geschlechter eine Trennung wünschenswert erscheine, könne man folgendes entgegenhalten:

Der gute Ton wirb durch eine moralisch hochstehende Lehrerschaft geschaffen. Man richte den Willen "auf die gleichen Ideale, man messe die Kinder mit denselben ethi­schen Normen: die Mädchen verlieren durch den gemein­samen Unterricht nichts von ihrer Mädchenhaftigkeit, sie werden nur die größere Reizbarkeit ihres Temperaments besser beherrschen lernen. Bei den Knaben wird die Roheit unb Rücksichtslosigkeit gemildert werben. Dem Einwand, daß sich nur die nordischen Völker mit ihreni ruhigeren, kälteren Temperament für die Coedukation eigneten, Hält Rednerin das italienische Schulwesen entgegen. Italien hat den Mädchen die höheren Knabenschulen geöffnet und bis jetzt die besten Resultate erzielt. Nur Deutschland hat den dahinzielenden Bestrebungen eine gewisse Schwerfällig­keit entgegengebracht. Nur in Baden wurde in 1900 das erste Mädchen in die Knabenschule ausgenommen und seit 1905 besteht dort die allgemeine Zulassung, aber nur für begabte Mädchen. Die Rednerin las mehrere Berichte von Badenser Gymnasialbirektoren vor, aus denen hervor- geht, daß der gemeinschaftliche Unterricht nur Vorteile und keinerlei Nachteile gebracht hat.

Was die sexuell-moralische Seite anbelangt, so scheinen alle Erfahrungen dafür zu sprechen, daß auch hier nicht die geringsten Schwierigkeiten vorliegen. Die Moral wird aber unterstützt durch das Einpflanzen des Gedankens, daß Heimlichkeiten, die sich vor den Augen der Eltern und Lehrer verbergen müssen, unehrenhaft sind.

Natürlich dürften sich moralisch schwache, oder hyste­risch veranlagte Mädchen nicht an dem gemeinschaftlichen Schulbesuch beteiligen. Ebenso würde man gut tun, ihn nur für solche geistig und körperlich veranlagte Mädchen zu fordern, die ihm gewachsen sind.

Es ist festgestellt, daß ein Teil der Mädchen nicht allein mit den Knaben gleichen Schritt zu halten vermag, sondern daß sie die Knaben sogar noch überflügeln. Als unklar und irreleitend muß auch die große Differenzierung der Frau abgelehnt werden, die Kraft selbständigen Denkens und Wollens kann bei beiden Geschlechtern erreicht werden.

Zwar ist der gemeinsame Unterricht nicht der einzig- vollkommene Weg und es fragt sich, ob es nicht ratsamer ist, zunächst alles Gewicht auf die Errichtung möglichst vieler Gymnasien, Realgymnasien und Realschulen zu legen und die Mischschulen vorläufig als Notbehelf anzunehmen. Vor allem muß erstrebt werden, daß an Mischschulen auch Leh­rerinnen angestellt werden. Die Eröffnung, der höheren Knabenschulen ist der erste Schritt zur geistigen Befreiung der Frau. Diese unentwickelte Form des gemeinsamen Un­terrichts müssen wir zunächst für alle wünschen, die dafür veranlagt sind.

Fichte hat schon vor hundert Jahren den gemeinsamen Unterricht gefordert. Einer der Wege zur Entwickelung der Persönlichkeit ist daher vielleicht, wenn unsere Jugend neben dem elementaren Boden, den die Natur ihr vorge- zeichnct hat, mehr als bisher in geistiger Weise miteinander verkehrt, indem sie sich zu gemeinsamem Streben um die höchsten Kulturgüter zusammenfindet.

Der Vortrag wurde mit starkem Beifall ausgenommen. Nach mehrstündiger Debatte wurde schließlich die ursprüng­liche Resolution der Kommission mit großer Mehrheit ange­nommen, die folgenden Wortlaut hat:

Die Frauen erklären den gemeinsamen Unterricht von Knaben und Mädchen für eines der zweckmäßigsten Mittel sowohl zur Lösung der Frage höherer Frauenbildung, als auch zur Entwicklung verfeinerter Beziehungen der Ge­schlechter.

Sie fordern die Zulassung von Mädchen zu deu höheren Knabenschulen nach dem Vorbild mehrerer deut­scher Bundesstaaten, wie Baden, Württemberg, Hessen, Elsaß-Lothringen, Sachsen usw. (zunächst vor allem an < denjenigen Orten, die den Ausbau der höheren Mädchen- - schulen durch die Errichtung von Vorbereitungsklassen - für das Universitätsstudium nicht ermöglichen können oder . wollen). >

Allerdings vertreten sie den Standpunkt, daß die Norm des gemeinsamen Unterrichts erst dann erreicht ist und sein erziehlicher Einfluß für Mädchen und Knaben erst dann voll zur Geltung kommen kann, wenn an ge­mischten Schulen auch Lehrerinnen wirken.

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Vermssrhte».

* T i e unzufriedenen Menschenkinder, die sich über die bei uns herrschenden Hitzen beklagen (in diesem glorreichen Sommer wird das allerdings keinem vernünftigen Menschen einfallen) und in einem Backofen zu leben glauben, wenn das Thermometer einmal in der Sonne auf 34 oder 35 Grad steigt, sollten einmal an die entsetzlichen Temperaturen denken, unter welchen ihresgleichen in anderen Ländern leben müssen: es wird ihnen dann sofort eine kalte Brise über den Rücken laufen. In Orlsansville in Algerien hatten die französischen Sol­daten das Vergnügen, das Thermometer mehr als 46 Grad im Schatten anzeigen zu sehen. Ein Offizier machte bei einer solchen unmöglichen Hitze die Wette, daß auf dem Post­wagenverbeck zwei Eier durch die bloße Einwirkung der Sonnenstrahlen gargekocht werden würden; die Eier wur­den in einen Topf gelegt, der neben dem Postillon stand, und waren nach einiger Zeit tatsächlich hart gekocht. . . . In manchen algerischen Oasen steigt das Thermometer nicht selten auf mehr als 50 Grad int Schatten. An den Grenzen der Sahara versammeln sich ganze Stämme, um den töd- lichert Einwirkungen der Sonnenglut zu entgehen, zehn Meter unter der Erde in Höhlen, die rings um einen Brunnen liegen. In der Sahara des Tuarag hat Tuverrier das Thermometer in der Sonne auf fast 68 Grad steigen sehen! Und selbst die, welche unter so surchtbaren Hitzen leiden, können einen Trost haben, wenn sie an die in manchen Gegenden herrschenden entsetzlichen Kälten denken. In Sibirien so lesen wir in denLectures pour tous" variiert die winterliche Temperatur zwischen 24 und 30 Grad unter Null, und in Sibirien liegt auch die kälteste Stadt der Welt Werchojansk. Es gibt hier keine Steinhäuser: alle Hütten sind aus Holz gemacht. Ter Ackerbau ist beinahe ganz unmöglich; man sieht nichts als magere Weideplätze. Tie mittlere Wintertemperatnr stellt sich auf 49 Grad unter Null; manchmal ist das Thermometer aber auch schon auf 61 Grad unter Null gefallen. Am allerunglücklichsten aber sind jene Gegenden, in welchen man aus den alles versengen­den Sommerhitzen nur herauskommt, um sofort in uner­trägliche Wittterkälten hineinzugeraten. In gewissen Ge­genden Mittelasiens hat mau 40 bis 50 Grad über Null im Sommer, und, zum Ausgleich, 40 bis 50 Grad unter Null im Wiuter.

* Die Fettleibigkeit des Mannes und Fett­beinigkeit der Frau. Die Anlage von Fett bei den beiden Geschlechtern soll nach den Untersuchungen von Dr. Rosen­feld (Mediz. Klinik) nicht in der gleichen Weise erfolgen. Während man beim Mann wohl von einer Fettleibigkeit sprechen kann, liegt die Sache bei dem weiblichen Geschlechte anders, denn hier lagert sich das Fett mehr unterhalb der Hüften ab, sodaß Rosen- seld dafür den Ausdruck Fettbeinigkeit gebraucht. Interessant ist die Erklärung, die er für diese Erscheinung gibt. Er sucht sie in den Kleidungsuntcrschieden und behauptet, daß es ins­besondere der Druck des Korsetts bei eleganten Damen sei, der eine Anhäufung des Fettes in der Taille unmöglich macht. Dadurch, daß dieser ein beständiger ist, wird bei sich stark schnürenden Damen die eigentümliche Körperform bedingt, denn er verhindert die Ablagerung des Fettes in den geguetschten Zellen. Dieses weicht nach den Gegenden aus, wo der einengende Druck nicht vorhandeic ist, und so kommt cs zu der Ablagerung von Fett am Gesäß, an den Hüften und an den Beinen. Auch am Oberkörper scheint der Druck der Kleidung die Feitzellen schon zn beeinträchtigen. Weshalb überhaupt die Bauchgegend einen Vorrang als Fetilagerstätte besitzt, ist nicht ganz ftargelegt. Bei der Bollbusigkeit indes handelt es sich nach Rosenfeld in den meisten Fällen nicht um Fettablagerung, sondern um eine enorme Vermehrung des Gewebes der Brustdrüsen.

* Die h ö ch st e Miete der Welt. Nerm Gesellschaften, die mit der Stahlkorporation der Vereinigten Staaten in Ver­bindung stehen, haben der Hudson-Tunnel-Gesellschast in New- york vier Stockwerke abgemietet, für die sie den höchsten Miets­preis zn zahlen haben, den man bis heute kennt, ^edes dieser Stockwerke kostet 12 000 Pfund Sterling Miete, so daß bte Gesellschaften jährlich 48 000 Pfund Sterling Miete zu zahlen haben. Sie mußten dabei auf zehn Jahre hinaus mieten.

* Ein Ahasver. Unter diesem Titel schretbt tu der Hilfe" der Oldenburger Schriftsteller Georg Ruseler folgendes: Es klingt wie ein Lustspiel, und ist doch eine Tragödie. Er war kein Verbrecher, nein, obgleich ihn bte Welt dafür M halten schien, und seine Frau Ivar sogar ent sehr braves Weib. Er hatte weder Bomben geworfen noch Depositen unterschlagen, oder eine Kasse ausgeraubt, und dennoch sand er aus Erden keine bleibende Statt. Alle halben Jahre mußte er seinen Stab weiter­setzen, und überall, wo er geweilt hatte, hieß es:Ein guter Mann, eine tüchtige Frau aberaber!" . . . Man konnte ihm