Tenie jene trennende Kluft nicht gähnte, die uns erden'gewohnte Verstandsinenschen niederhält."
„Sei so gut und mach mich nicht verrückt!" unterbrach der anfänglich mit offenem Munde gestandene Rat höchst prosaisch den Redestrom, der an ihren eigenen Worten sich Begeisterndem „Nun fängst du auch schon an, die Quasselei muß wohl ansteckend wirken . . . nee, mein Zuckerschnutchen, dafür hab' ich nn’ mal kein Verständnis. Sei lieber so gilt und hole mir aus dem Küchenspind noch ’ne Flasche Bier, es können auch drei feilt!"
Wie sie wieder neben ihm stand und den dunklen Trank ins Glas goß, streichelte er ihre weiche und doch arbeitsgewohnte Hand. „Was die lieben Fingerchen alles zuweg bringen!" meinte er schmunzelnd. „Köstliche Nudeln und feine Stickereien, Strümpfe stopfen und Klavier spielen, na ja, das haste von der Mutter selig und für die Grütze da drinnen" — er tippte neckisch mit dem Finger an ihre klare, energisch geformte Stirn — „da werde ich wohl verantwortlich zeichnen müssen. Doch die Malerei — der Daust weist, wo Du die her hast, von mir ganz bestimmt nicht!" Gut gelaunt legte er den Arm um ihre Hüfte. „Willst Du mir eine Freude machen, Minchen, so behandelst Du den armen Walden wieder 'n bißchen gnädiger . . , na, darum brauchst! du nicht gleich ’ne Schnippe ziehen. Er hat ’ne Zukunft vor sich der Junge . . . 'was anderes wie so’n Farbenklekser ... na ja, er hat auch 'was gelernt, richtig studiert . . . erst auf Arzt und wie er klatschen wurde, da hat erS Gesetzmachen und Rechtsverdreheu gelernt."
Das vorige Unmntsgesühl wollte Hermine überkommen: doch sie schluckte es tapfer hinunter, reckte ihr zierliches Figürchen zu ihm, auf und lachte schelmisch. „Weißt Du, was Du bist, Papa? Ein Kuppler bist Du. Du kannst wohl Deine einzige Tochter nicht schnell genug los werden?"
„Na Minchen, es ist so nach und nach Anschlußzeit für Dich geworden," brummte Hansemann offenherzig. „Uebrigens rate 'mal, welche Neuigkeit ich für Dich habe!" unterbrach er sich, her Vorgänge am verflossenen Tage sich entsinnend. „Gib Dir Nur keine Mühe," fuhr er dann lachend fort, ihr erstauntes Gesicht bemerkend. „Du errätst es nimmermehr. Also Ijöre und staune: Mariechen Rönnenkamp habe ich heute ganz unverhofft getroffen. Sie ist schon über zwei Jahre wieder in Berlin und, wie es scheint, recht gut und glücklich verheiratet."
„Nicht möglich, Marie hier? Und das sagst Du mir erst jetzt, Du böser, lieber Papa?" rief das Mädchen, in Eifer geratend. „Aber so erzähle doch. Wo trafst Du sie und warum besuchte sie uns nicht schon längst?"
„Das mußt Du sie selbst fragen," wich ihr Vater aus, „sie versprach mir, uns demnächst aufzusuchen. Sie ist jetzt die Frau des sehr wohlbekannten Fuhrherrn Eilenburg."
„Wetten wir, daß ich ihn gleichfalls kenne?" frohlockte Hermine, in die Hände klatschend. „So täuschte ich mich also doch nicht, als ich Marie erst kürzlich wicderzusehen vermeinte und zwar unter den Linden. .Sie fuhr in einem Einspänner, es war zwischen Licht und Dunkel. In ihrer Gesellschaft befand sich ein junger, blonder, seingekleideter Herr, mit bartlosem, interessantem, aber etwas hochmütigem Gesicht, fast zu jung für meine Freundin Marie. Also das ist ihr Mann? — Einfach großartig !"
„Nun schau einer den geschulten Detektivblick!" scherzte ihr schmunzelnder Vater. „Aber versehen hast Dn Dich doch. Eilenburg ist nämlich ein reifer Fünfziger, ein wahrer Hüne cm Gestalt, mit einem mächtigen Schwarzbart und dröhnendem Baß."
„Nein, so 'Ms!" erstaunte sich Hermine. Sie hatte ihren früheren Platz wieder eingenommen, saß mit im Schoß gefalteten Händen und blickte ihren Vater erwartungsvoll an. ,Ja, wer ist denn aber der junge, zierliche blonde Herr dann? Sie sprachen so eifrig, dabei so . . . so wenig höflich miteinander, als ob sie sich stritten —• gerade wie Mann und Frau."
„Na, Kleine, Du hast Dir ja schon recht nette Ansichten über den Ehestand gebildet!" neckte ihr Vater. „Doch wer wirdS gewesen sein? Vermutlich ein anderer. Eilenburg wars sicher nicht; ich schilderte Dir bereits dessen Aussehen. Er scheint feilt Frauchen übrigens auf den Händen zu tragen, was ihm in Anbetracht feiltet: Körperkraft nicht sonderlich schwer fallen dürfte," setzte er lachend hinzu.
Nun ließ seine Tochter mit Drängen nicht nach, er mußte berichten. "Zuerst geschah dies in aufgeräumter', lachender Weise. Dann, als er es füglich nicht vermeiden konnte, auch die Veranlassung zu erwähnen, die ihn überhaupt in das Haus des Fuhrherrn geführt, wurde er allmählich ernster. Ohne es eig-ent» lich zu wollen, vergaß er bald ganz den ursprünglichen Ge
sprächsstoff und segelte bald mitten auf der Hochflut seiner neuesten Brufssorgen.
Er fand in Hermine eilte aufrichtige Zuhörerin. Auch sie geriet bald darauf derart in Eifer, daß sie bald aufhörte, nach der Jugendfreundin zu fragen. Wie sich nun herausstellte, hatte sie bereits vor des Vaters Heimkehr einen ausführlichen Bericht im „Lokal-Anzeiger" gelesen, dessen Reporter sich die gute Gelegenheit nicht hatte entgehen lassen. Der Rat griff nach dem Blatte. „Unaufgeklärter Droschkenmord", las er gleich auf der ersten Seite im echten Reporterdeutsch, fettgedruckt; darunter die ziemlich deutlich wiedergegebene Abbildung des Toten; natürlich mit dem Schnurrbart.
Seufzend legte Hansemann die Zeitung wieder beiseite. „Nun denke Dir 'mal die verzwickte Lage", fuhr er fort. „Zwischen dem Mörder und dem Droschkenkutscher müssen geheimnisvolle Beziehungen bestehen. Würde man sich sonst so große Mühe mit der Beschaffung der Droschke gegeben haben! Man rechnete offenbar so: der Tote wird gefunden. Niemand weiß, wer er ist und wo er den Tod erlitten hat. Eine Umfrage bei sämtlichen Droschken- besitzern, falls man überhaupt auf einen solchen Gedanken kommt, bleibt resultatlos, weil ja Eilenburg von der Verwendung des zeitweise außer Dienst gestellten Wagens nichts wissen konnte. Dieser Kalkül war richtig; er scheiterte nur an zwei Zufälligkeiten, einmal der Aufmerksamkeit des Schutzmannes Rokohk, der die Droschkennummer notierte, ferner an dem Umstande, daß durch rigeud ein bisher unaufgeklärtes Vorkommnis der Kutscher sich verhindert sah, einmal die Droschke wieder nach ihrem' Stand zn verbringen, ferner sie zu reinigen und das Wageninnere ans etwaige Indizien abzusuchen. Ich wiederhole also: Mörder und Kutscher steckten höchstwahrscheinlich unter einer Decke. Wer ist nun der Kutscher? Eilenburg senior sagt selbst, nach Lage der Sache käme nur er in Betracht und allenfalls auch sein Sohn. Der Vater will und wird es nicht gewesen sein, er ist ein Ehrenmann; das ist nun der Sohn nun wieder nicht, doch er sitzt in Plötzensee hinter Schloß und Riegel. Er kann's darum auch nicht gewesen fein."
„Bleiben wir beim Fuhrherrn," unterbrach ihn Hermine, die ganz bei der Sache war. „Käme er ernstlich in Betracht, so hätte er ganz gewiß für die Reinigung der Droschke gesorgt; ebenso wäre es ihm eine Kleinigkeit gewesen, Taschentuch und Chloroformslasche aus dem Wageninnern zu entfernen."
„Gott ja, Kind, das kann man sich an den Fingern abzählen! Bliebe nur der Sohn, also Unmöglichkeit Nummer zwei."
Hermine schaute plötzlich auf. „Weißt Dn so gewiß, daß er wirklich in Plötzenfee fitzt?" verlieh sie einer plötzlichen Eingebung auch schon Ausdruck.
Stutzig schaute Hansemann sie an. „Wie meinst Dn das, liebes Kind?"
„Du sagst selbst Papa, Vater oder Sohn — einer von beiden 'muß es gewesen sei. Da es der Vater nicht wahr, muß es der Sohn getan haben, und da ihm dies unmöglich wäre, fäße er hinter Schloß und Riegel, so sitzt er einfach nicht i n Plötzenfee. Ich dächte, gar so ungeheuerlich wäre die Annahme nicht, daß Eilenburg sich der Strafabbüßung zu entziehen verstanden Hat. Um Geld und gute Worte findet sich leicht ein Stellvertreter."'
(Fortsetzung folgt.)
KemeittsamerSchulvf such von Kuaökn nndWä)chr'tt
Nachdruck verboten.
Auf dem K o n g r e ß f ü r h ö h e r e F r a u e n b i l d u n g zu Kassel sprach u. a. Frau Marian ue Web'er aus Heidelberg über den gemeinsamen Schulbesuch von Knaben und Mädchen. In ihrem Vortrag führte die Rednerin aus, daß uns heute vor allem der Umfang, die Gründe und der Erfolg des gemeinsamen Unterrichts interessieren. Bis jetzt hat er sich tn den Ländern, in denen er eingeführt wurde, aufs beste bewährt. So sind z. & in den Bereinigtest Staaten 98 Prozent aller öffentlichen Schulen beiden Geschlechtern zugängig. Zwar besteht in 46 Proz. der Privatanstalten noch der getrennte Unterricht, abdr diese Schulen werden nur von 70 Proz. der Kinder besucht. Man steht allgemein dort auf dem Standpunkt, daß die echte Kameradschaftlichkeit nur bei dauerndem gemeinsamen Unterricht tn der Jugend wachsen könne.
Den ablehnenden Aeußerungen, daß z. B. der gemeinsame Unterricht eine unzufriedene Rivalität erzeuge, oder daß die langsamere Fassungsgabe und die größere Faulheit der Küaben in einem gewissen Alter auf die Mädchen' nachteilig wirke, daß einerseits die Konstitution der Mädchest geschwächt würde und im Interesse ddr sog. Differenzierung


