"Mittwoch dett 16. KUBer ff 4
1907 — M. 154
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Auf der cißeuea Mut. Kriminalroman von Otto Hoeckcr- (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Sie hielt in ihrer Beschäftigung inne und sah zu ihnr auf. „Du meinst Herrn Witte! Nein, Papa, darüber magst du unbesorgt feilt. Ich gestehe offen, seine Persönlichkeit interessiert mich stark, ebenso wie seine mir gezollte Aufmerksamkeit mich beglückt. Doch an das, an was nun du anspielst, habe ich noch nie gedacht ... ich bin doch keine Wetterfahne!" stieß sie empfindlich hervor. . . „Das heißt", setzte sie hinzu, seinem gutmütig listigen Lächeln begegnend, „was du da wieder im Sinne hast, trifft auch nicht zu, ans deinem Herrn Walden mache ich mir noch Ivenigcr ... ja, das ist gewiß wahr!" rief sie und stampfte wie zur Bekräftigung mit dem zierlichen Fuße auf.
„Schon recht, iltinchmr," entgegnete ich Vater gemütlich. „Dieser Herr Witte üt Ehren. Doch so ein windiger Farbenkleckser . . . na, ich danke, der wäre mir gerade der Richtige als Schwiegersohn." Er schüttelte sich förmlich. „Bom Bildermalen verstehe ich freilich nichts, ich meine aber, es bringt meistens mehr Ruhm als Geld ein. Davon wird dein Witte wohl auch keine Ausnahme machen, überhaupt die Malerei", fuhr er unter unablässigem Paffen fort, „so was ist ja ganz nett, bcrteibt man cs so, wie du etwa. Malt zum Zeitvertreib nette Bildchen, die kosten nichts als das bissel Oel und den Rahmen, sehen dafür aber prächtig in der guten Stube aus. Doch als Lebensberuf — das ist eigentlich gar kein Beruf, am wenigsten für 'nen Mann. Man muß doch anderen nütze sein. Was nützt nun so'n Maler, ob man ein Bild hat oder i icht, ist ganz Wurst. Da lobe ich mir noch 'n Anstreicher, der kriegt wenigstens jeden Quadratfnß, den er vollpinselt, bezahlt. Mit den Kunstmalern dagegen ist das so ’ne Sache. Mit dem Mund überheben sie sich über uns Normalmenschen und die Stieselsohlen sind kaput." >
Hermine war längst wieder gelassen geworden,' sie wußte wohl, daß es sich nicht verlohnte, sich über Fragen der Kunst mit ihrem Vater auseinanderzusetzen. Aus deut Unteroffiziersstande hervorgegangen, hatte er mit eisernem Fleiße viele Bildungslücken ergänzt und sich vermöge feiner Tüchtigkeit bis zu seiner heutigen leitenden Stellung emporgeschwungen. In seinem unausgesetzt tätig verbrachten Bienenleben hatte er dagegen keine Zeit gefunden, auch mit den schönen Künsten sich anzufreunden. Wie die meisten aus kleinen Verhältnissen Hervorgegangenen empfand auch er über alles, was mit Kunst zu- sammcnhing, im Herzensgründe redliche Verachtung.
Schweigend hatte Termine- den Tisch abgeräumt und die bunte Würfeldecke übergelegt; als sie sich nun mit einer Handarbeit ihrem Vater wieder zugesellte, meinte sie: „Ich mag Herrn Witte darum so gern leiden, weil er trotz feiner hohen Begabung natürlich geblieben ist, „Ich freue mich jedesmal, wenn er zu uns kommt. Doch du magst ganz unbesorgt fein, in deinem Sinne denkt er gar nicht an mich — und ich nicht au ihn. Wir sind gute Kameraden, die sich an ihrem harmlosen Kunstge
plauder wechselseitig herzlich erfreuen . . . um ganz offen zu fein, doch du darfst es ihm nicht wieder sagen. Witte steht sehr gut mit einer sehr schönen und reichen Dame, die mit mir dieselbe Malklasse besuchte ... ich erzählte dir schon von ihr . . .Leonie Selkeubach" —
„Schon wieder dieser Name!" brummte der Rat überrascht. „Doch nicht die Tochter des Geheimrats aus der Tiergartenstraße?"
„Eben diese," entgegnete das Mädchen, das auf des Vaters Zwischen-Bemerkung nicht geachtet hatte. „Sie sind heimlich verlobt, wagen sich jedoch dem Vater nicht zu entdecken, zumal Witte noch immer hart um seine Existenz ringen muß."
„Das begreife ich nun wieder nicht!" warf Hansemann ein. „Er ist doch in die Mode gekommen, warum pinselt er da nicht drauf los, daß (iy'e Schwarte knackt? Nun könnte er so'n Schmarren doch an den Mann bringen. Doch dies Künstlervolk bleibt immer unpraktisch, sucht Stimmung, Motive, die richtige Beleuchtung . . . und läuft dabei mit den Händen in den Taschen bummelig herum und läßt die günstige Zeit verstreichen . . . mir ist iwch ganz flau, denke ich an die schreckliche Quasselei von neulich abend, wo er hier in der Stube saß und von Italien erzählte. Das mag ja soweit eine ganz nette Gegend fein, obwohl die Polizeiverhältnifse dort geradezu unglaublich schauderhaft sind, mir steigen immer die Haare zu Berge, kommt ’ne Requisition aus Rom oder Neapel. . . aber die Verhimmelung und die verrückten Ausdrücke, wo die der Mensch nur hernimmt und wie ich daun fragte, was er in den drei Jahren eigentlich in 8wm getrieben, auf gut deutsch gearbeitet habe, erwiderte mir der Uuglückswurm, Studien zu einem Bilde habe er gesammelt . . . oder gar Vorstudien, die wären aber noch nicht reif, als ob sie lagern müßten wie harter Käse!"
Er schlug die Hände zusammen und wendete sich dann in ehrlicher Entrüstung an feine mit gelassenem Lächeln ihm zu- hvreirde Tochter. „Na, weißt, Minchen, für die Sorte Obst danke ich. Deine Worte haben wir ’nen Stein vom Herzen gewälzt . . . ich war schon dabei, zu argwöhnen, eben weil mir die Geschichte mit Walden werkwürdig vorkam ... na Gottlob, so'n windiger Farbenktekser wäre kein Mann für 'ne königlich preußische Beamtentochter, die an ihre 20 Emchen Wochengeld gewöhnt ist und davon nicht 'mal Schmuh machen zu können behauptet!"
Auflachend umschlang Hermine feinen Nacken und setzte sich zutraulich neben ihn auf die Sofalehne. „Du bist köstlich, Papa!" scherzte sie. „Weißt Du auch, daß mir Witte's Worte von neulich Tag und Nacht nachgegangen sind? Sie erschlossen mir eine neue Borstellungswelt, die ganz anders ist, als was mir bisher der Alltag brachte. Im Geiste ging ich mit ihm durch das alte Rom, sah aiis den Trümmern des nüchternen Heute die bilderreiche, farbenfrohe Anmut, die in gigantischem Ringen himmelwärts steigende und zuletzt alle menschlichen Maße weit übertreffende Entwickelung versunkener Epochen wieder zum Leben erwachen. Ich begriff, daß die Menschen von gestern, die hochgemut zu erbauen wußten, was noch als Trümmerschutt uns zur Bewunderung zwingt, Seelen besaßen mit tönenden, leuchtenden Schwingen, sstr deren Siegerflug durch die Ewigkeits-Prob-!


