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Wie sie in ihrer geschäftigen Hantierung gemeinschaftlich um die zum Königsplatz mündende Ecke biegen wollten, stutzte der Junge, hob die Laterne und deutete auf eine dunkle Gestalt, die undeutlich durch den Nebel sichtbar wurde, wie schlafend im Dunkel der Haustornische mit weit vornüberhängendem Kopfe gekauert-
„Na, bet is was Extrafeines!" meinte er, zu dem Milchkutscher gewendet, der von stimm Wagen gerade frische Kannen geholt hatte und nun unter deren Last keuchend herangeschlürft kam- „Sieh mal, da sitzt einer auf der Erde und duselt — er is wahrhaftig im Frack - . na, der mag nicht fchlecht geladen haben!"
So ne Nulpe!" brummte der Mann verdrossen. „Na ja, so eener pumpt sich mit Schampus voll, bis er nicht mehr' jappstn kann ■ . . unsereens kann sich abfchustenj" Damit hackte erl den Regungslosen bei der Schulter und schüttelte ihn derb- „Heda, Sie - . . hier is keene Schlafsstlle nich — Dunnerkeil!" unterbrach er sich erschrocken. „Was is denn mit dem Ktzrl los?"
Unter seiner rauhen Berührung war der vermeintliche Schläfer seitwärts gefallen; nun lag er wie ein Klotz auf dem Pflaster, ohne sich zu rühren-
Ter Bäckerjunge hatte ihm ins Gesicht geleuchtet; nun sprang er entsetzt zurück, als aus leblosem, verzerrtem Gesicht, weit offenstehend, gebrochene Augen verglast ihn anstarrten.
„Herrjeh, der is ja tot!" entsetzte er sich.
„Ob du stille bist!" verwies der Milchkutscher den Schreienden. „Betrunken wird er sein, aber —" Doch da unterbrach er sich schon wieder- Er hatte das Gesicht des Regungslosen berührt und schauerte nun vor der Totenkälte zurück. „Na, det is ne schöne Geschichte - . . der Mann is wirklich tot? stammelte er-
Ratlos starrten sich die beiden an, während sie unwillkürlich Von dem Toten zurücktraten.
(Fortsetzung folgt.)
Ale Erhaltung dcs Dorfes.
Vortrag, gehalten auf der 2. Jahres»ersammkung des Bundes Heimätschutz von Robert Mielke.
(Nachdruck verboten.)
Neber die Entstellung des Landes im allgemeinen und des Dorfes im besonderen ist in den letzten Jahren viel geklagt worden. An Bemühungen, unsere Landleute für die .Beibehaltung ihrer überlieferten Bauweise zu bewegen, hat es gleichfalls nicht gefehlt, ohne daß dabei der Verwüstung der Dorfbilder besonders Einhalt geboten worden Ware.*) Immer von neuem müssen wir es erleben, daß die alten malerischen Bauernhöfe niedergelegt werden, um geschmacklosen Kastenhäusern Platz zu machen, oder daß sich auf den Fluren gewaltige Bauungetüme erheben; immer wieder müssen wir Einwände von den Nächstbeteiligten, den Landleuten, hören, die — für sich betrachtet — wenigstens eine gewisse Berechtigung haben. Auch in das entlegenste Dorf sind Vorstellungen von moderner Wohnlichkeit, gesundheitlichen und feuersicheren Neuerungen gedrungen; auch in der kleinsten Berghütte will man nicht mehr mit dem Vieh in unmittelbarer Nachbarschaft hausen. Ja, wenn wir die Verhältnisse nehmen, wie sie sind, dann ist auch der Bauer nicht mehr der alte, der in allen seinen Lebensäußerungen abhängig war von der Scholle, die ihn trug, sondern er wird in vielen Verhältnissen bestimmt von fernen aber ungeschwächt wirkenden Mästen des modernen politischen Staates. Der Widerstand gegen diese Umformung, den die alte wirtschaftliche, politische und patriarchalische Einheit des Landlebens bot, wird immer schwächer, während die wohlwollenden Bemühungen der Behörden und der Freunde eines gesunden Bauernstandes sehr oft nur einen zutage getretenen Einzelfall, nicht aber die ganze Kette von Ursache und Wirkung im Auge haben, aus
*) In unseren hessischen Dörfern kann man doch die Rückkehr zur alten Bauweise viellach mit Freuden ivahrnehmen. Unsere Schulbaumeister erwerben sich in dieser Beziehung nicht genug zu rühmende Verdienste. Allerdings ist im benachbarten Preußischen, wie z. B. im Biebertal, in Lützellinden, in Ullendorf a. d. L. je., ebenso auch in ümnchen Gießener Vororten, namentlich in Heuchelheim, die Bauweise um so beklagenswerter. Da wird heute der nüchterne rote Ziegelsteinkasten vor dem schönen alten Fachwerkbau bevorzugt, »nt dem ganzen Orte das Reizvolle, Trauliche, Anheimelnde zu rauben- D. Red.
der jener nur die schroffe Seite hervorkehrt. So lange es nicht in seiner vollen Klarheit erkannt ist, daß das Leben auf dem Lande in den meisten Beziehungen: in der Arbeit und der Ruhe, in der Bewertung der Tagesund Jahreszeiten, selbst in den Berkehrsangelegenheiten von ganz anderen Voraussetzungen bestimmt wird, als in der Stadt, ist eine Besserung kaum möglich. Wir dürfen zufrieden sein, wenn wir zunächst das Verständnis für die Vorzüge der alten Dorfanlagen wecken können und müssen uns vor allen Dingen von der trügerischen Hoffnung befreien, daß wir das, was in einem halben Jahrhundert verloren ist, in wenigen Jahren wieder einbringen können.
Es wird die Sachlage von vorneherein klären, wenn wir es offen bekennen, daß nur weuige jener Mäste, die das alte deutsche Dorf in seiner äußeren Erscheinung geschaffen haben, noch lebendig genug sind für eine Weiterentwicklung. Andere traten an ihre Stelle, die sich indessen dem Wirtschaftsleben des Dorfes nicht immer organisch haben einfügen können. Da ist in erster Reihe das dörfliche Handwerk zu nennen, das nur teilweise von Berufshandwerkern, zum größeren Teile aber als Nebenbeschäftigung ausgeübt wurde, das auch an alten überlieferten Formen mit Zähigkeit hing und nur langsam neue Einflüsse verarbeitete. Dieses Dorfhandwerk konnte nur schwer sich den modernen Betriebsformen anpassen; es ging bei dem Emporblühen städtischer Handwerke einfach zu Grunde. In der Stadt fand man den Uebergang zu einer durch die moderne Geldwirtschaft stark beeinflußten Handwerkskunst, die auf den Hausfleiß verzichtete, leichter, weil die einzelnen Berufsgewerbe und die Industrie hier schon lange wirksam waren, bevor die ins Riesenhafte gesteigerte Technik ihre manchmal verhängnisvollen Gaben ausschüttete; das Dorf dagegen geriet in vollständige Abhängigkeit von den letzteren dadurch, daß auch der Geschmack sich von der Industrie ins Schlepptau nehmen ließ und der dörfliche handwerkliche Nachwuchs durch die städtische Handwerks- lehre auf andere Bahnen geleitet wurde. So ist denn eine künstlerische Weiterentwicklung, die zunächst mit der Achtung vor dem Bestehenden beginnen mußte, ernsthaft gar nicht in Frage gekommen; die meisten örtlichen Bedürfnisse: Bauten, Hauseinrichtungen, Wegeanlagen, Kleidung u. a. sind durch städtische Mäste hergestellt worden. An und für sich war das vielleicht nicht so schlimm wie der Uebel- stand, daß mit der erleichterten städtischen Einfuhr auch das Begehren wuchs, das bewährte Alte aufzugeben und das' vorerst noch nicht genügend geprüfte Neue an seine Stelle zu setzen. Erst hierdurch entschwanden mit den' einzelnen charaktervollen Bauernhäusern auch das Verständnis und die Empfindung für den Zauber des heimatlichen Dorfes. Man gewöhnte fich daran, ländliche und städtische Siedelungen nach denselben Grundsätzen zu behandeln, soweit von solchen in unserer schnellebenden Zeit überhaupt die Rede sein kann. Daß neben der äußeren Umwandlung des Dorfbildes auch noch andere Veränderungen vor sich gingen, die den engen Meislauf des Lebens von ehemals bedeutend erweiterten, trug weiterhin dazu bei, die Beziehungen des einzelnen zu seinem kleinen Dorfe zu lösen.
Aus der Fülle der Aufgaben, die uns hier erwachsen, ist die Einwirkung auf die äußere Erscheinung des Dorfes eine der wichtigsten; sie wird indessen von dauerndem Einfluß nur durch eine Vertiefung unserer Kultur werden können, die sich glücklicherweise allmählich anbahnt. Will man jedoch diese Aufgabe einigermaßen lösen, dann dürfte sich die Notwendigkeit ergeben, sie nach drei Seiten hin zu betrachten: Wie ist die dörfliche Bauweise in Deutschland zustande gekommen? Wie ist sie in ihrer bodenständigen Art erhalten worden? Was können wir tun, um sie in Zukunft zu pflegen ohne Bruch mit der Vergangenheit und ohne Mißachtung neuzeitlicher Bedürfnisse? Ganz außer Acht müssen dabei die Sondererscheinungen bleiben, die sich aus den verschiedenartigen wirtschaftlichen Verhältnissen, aus geographischen und stammesartlichen Ursachen ergeben.


