Ausgabe 
16.9.1907
 
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hm?" erkundigte er sich zögernd-Der Mann ist also doch ein Bekannter von Ihnen?"

Leider!" lautete die unverbindliche Antwort des Fremden,- der auch den Kragen des Uebevrocks so hoch aufgeschlagen trug- daß von seinem Gesicht kaum etwas zu sehen war- Immerhin wollte es dem Schutzmann scheinen, als trüge der Unbekannt« jetzt einen Bollbart, während er zuvor nur einen dunklen, stark entwickelten Schnurrbart an ihm wahrgenommen hatte-

Haben Sie den Mann vorhin hierhergebracht und sind dann fortgelaufen?" erkundigte er sich unschlüssig.

Freilich, wer soll's sonst gewesen sein?" lautete die unver­bindliche Entgegnung-

Run glaubte ihn der Beamte doch wiederzuerkennen; di« schnarrende, den Ausländer kündende Aussprache war dieselbe.; Warum sind Sie denn vorhin weggerannt?" wollte er wissen.

Der Fremde schien nicht auf ihn zu hören; er wendete sich, schon den Fuß auf dem Wagentritt, an den inzwischen wieder auf den Bock gekletterten Kütscher-Turmstraße 28 . . . durch den Tiergarten und über die Lutherbrücke fahren!" Damit sprang er beinahe in den Wagen und setzte sich neben den von seiner Annäherung keine Notiz mehr nehmenden Trunkenen.

Wohnt dort Ihr Bekannter?" erkundigte sich der Schutzmann, dessen massige Gestalt immer noch den Wagenschlag ansfüllto- Ich meine nur, weil sein Zustand nicht unbedenklich ist um» Sie wollten ihn doch vorhin zuerst gar nicht kennen/' setzte er im vorigen unentschlossenen Ton hinzu-Sie waren's doch wirklich?"

Ter Fremde lachte kurz und nervös auf-Sie fragen nun schon zuni zweiten Mal, was doch.nur selbstverständlich ist- Gewiß, ich sagte Ihnen vorhin, ich habe bett Mann in der Tiergartenstraße! nufgelesen- Dort war's dunkel und ich konnte ihm tiicht ins Gesicht schauen. Als ich ihn nachher erkannte, übermannte mich zuerst der Ekel und ich wollte meiner Wege gehen, ohne mich weiter um ihn zu kümmern- Der Mann ist Schauspieler uttb! wohnt mit seiner Familie in der Turmstraße; ich selbst hatte früher ein Zimmer bei ihm inne- Daher kenne ich ihn. Er war übrigens heute abend Gast in einem' sehr angesehenen Hause; er muß sich wieder einmal übernommen haben- Ich möchte nicht seine Schande ruchbar und dadurch wohl gar einen Makel auf die mir befreundete Familie geladen wissen- Darum habe ich mich entschlossen, ihn nach seiner Wohnung zu geleiten- Sind Sie nun zufriedengestellt?"

Ter Schutzmann zögerte ttoch immer-Es ist so 'ne Sache. Ter Mann ist sinnlos, also auch sozusagen hilflos-" Er hatte wieder sein Notizbuch vorgezogen.Wie war die Adresse gleich . . . Turmstraße 128? - . . und der Name? Es ist nur der Ordnung wegen" setzte er entschuldigend hinzu-

Ter Fremde antwortete nicht gleich; er schien sich zu überlegen- Nein, ich werde den Namen dieses Mannes nicht preisgeben", entschied er dann-Es liegt keinerlei strafbare Handlung vor und schon um seiner braven Frau willen möchte ich-ihm jede Beschämung ersparen- Sie wissen ja die Adresse, da kann ich mir die Mühewaltung füglich ersparen-" Er schien Miene machen zu wollen, wieder auszusteigen.

Das wirkte- Der Schutzmann trug kein Verlangen nach weiterer Einmischung, sondern trat zurück und gab den Wagenschlag frei, Dieser sauste sofort ins Schloß, Die behandschuhte Linke des Unbekannten ließ das Wagenfenster herabklirren.Zufahren, Kutscher, aber schnell! Es kommt mir auf ein Trinkgeld nicht an! -

Im gleichen Moment zog das durch einen Peitschenhteb aufge­munterte Pferd scharf an und die Droschke rollte hurtig davon, begleitet tiott dem Kvpfschüttelu des sich wieder schwerfällig nach seinem Standorte zurückbegebendcu Schutzmannes'-

Mit dem nur zögernd nahenden Morgendämmer setzte schnell sich verdichtender Nebel ein- Noch brannten die Straßenlaternen, doch ihr blutroter Schein vermochte sich kauin auf wenige Schritte Geltung zu verschaffen- Ter Sprühnebel näßte die Bürgersteige, glättete den Asphalt der Straßen, kroch an den Häuserreihen hoch und lag wie ein Dunstmeer über der tveiten Fläche des Königs- Platzes- Kauni daß der Riesenbau des Reichstagsgebäudes sichtbar wurde; der Tiergarten und die zu ihm führenden Straßen waren wie im Nebel verschwunden. Es wollte nicht hell werden, obwohl es inzwischen sechs Uhr geworden war und das frühe Geschästs- lcben Berlins längst wieder begonnen hatte.

In der Roonstraße klapperte ein Milchkutscher mit seinen Kannen; er war dabei, seine Kundschaft zu besorgen- Ein Bäcker­junge 'mit übergehäugten Frühstücksbeuteln leistete ihm Gesellschaft, Ter trug eine flackernde Latente, öffnete bei deren Schein eine Haustür um die atidere, tauchte in den dunklen Flur und kehrt? pfeilschnell wieder auf die Sttaße zurück, während sein Genosse verdrießlich über das Wetter schimpfte-

Zacken weg!" Damit zeigte er sich auch schon behilflich, den Trunkenen durch den von ihm- bereits geöffneten Wagenschlag ztt schieben- t,

Ich kenne den Herrn gar nicht," lautete die ablehnende Antwort des nitbereit,Ich fand ihn ein Stück weiter in der Tiergartenstraße auf dein Trottoir liegen- Da ich seinen hilf­losen Zustand erkannte, nahm ich mich seiner an- Es ist nur sauer genug geworden, ihn bis hierher zu schleppen!"

Kamt Vorkommen!" brummte der Schutzmann unter Aech- zen-Tonnertoetter, Herr, machen Sie keine Geschichten!" un­terbrach er sich, als der Trunkene, der offenbar nicht begrtst, was mit ihm vorging und dem die Füße den Dienst immer mehr versagten, wild um sich zu schlagen begann, und dabei auch das Gesicht des Beamten unsanft streifte-Sie müssen schon imt- helfen," wendete er sich an d.n Begleiter-Der Mann ist ;a bleischwer! Allein bringe ich ihn nicht in den Wagen!"

Statt seiner Aufforderung zu folgen, ließ der Unb.kannte plötzlich von dem Trunkenen, dessen Gesicht von grellem ~a= teruenschimmer flüchtig erhellt wurde- Er tat einen schritt zu­rück und rief überrascht:Sie sind es - . Sie?"

Dann, ohne ein Wort hinzuzufügen, wendete er ttch mit einem kurzen verächtlichen Auflachen und schritt spornstreichs davon- .

Vergeblich rief der Schutzmann hinter ihm her, der nun die zappelnde Körperlast des nm sich Schlagenden allein zu be­wältigen hatte- Der Fremde verdoppelte nur die Last seiner Schritte- Als er die zum Ringbahuhof sühretide Fahrrampe er­reichte, schien er sich zu verdoppeln; wenigstetis nahm der sich heiser rufende Schutzmann plötzlich einen zweiten Mann, gleich dem anderen mit einem modefarbenen Herbstpaletot angetan und ihm auch in dieser äußeren Erscheinung ähnlich wahr- Tie beiden schienen miteinander zu sprechen und sich dann miteinander eilig zu entfernen- Mehr konnte der Beamte nicht beobachten, da er all seine Aufmerksamkeit dem immer wilder um sich schlagendeti und unaufhörlich laut vor' sich hinlallenden Trunkenen zuwenden mußte-

Tas ist zum Radschlagen!" grollte der Schutzmann-Was Machen wir nun mit dem Menschen! Ter ist kanonenvoll! Kütscher, 'mal dalli 'runter voni Bock und geholfen!"

Na, das gibt 'ne vergnügte Fuhre!" brummte dieser, sich umständlich daran machend, der erhaltenen Weisung nachzu- komMen-Erst wird man ausgeschrieben und nun so 'ne dolle Kiste!" Widerwillig half er den Fahrgast durch die enge Tür­öffnung in das Wageninnere zn schieben-

Es nahm die vereinten Kräfte der beiden Männer minuten­lang in Anspruch, ehe sie den Berauschten endlich in der einen W-agenecke untergebracht hatten, von der aus der immer noch sich Sträubende nuatisgesetzt lallend protestierte.

Na, wo solls denn nun hin?" fragte der Kütscher miß­vergnügt-

Ter Beamte stutzte-Donnerwetter!" entfuhr es ihm.Man hat doch nichts wie Scherereien!" Er packte den Fahrgast beim Arm und schüttelte ihn derb-Nmt seien Sie mal friedlich . . . Sie da, hören Sie mich? Wo wohnen Sie denn cigeiitlich?"

Es ist alles im Lot!" lallte der Trunkene dagegen- Fch ich hatte ja den Bettel ich habe ihn!" frohlockte er unter blödem Lachen-Doch, du mußt fried lich sein . . . und - . ehrlich! Es wird gegeteilt . . ich lasse mich miit ne Bettel abfi«den - . den Zahn lasse dir nur ziehen, August!"

Ter Schutzmann schüttelte ihn noch derber-Wo Sie wohnen, Menschenkind!" dröhnte er dem Trunkenen ins Ohr- Doch sein Schreien schien auf diesen nur eine einschläfernde Wirkung aus- zitüben- Aus stieren Augen starrte ihn der Gefragte blöde und verständnislos an; auf fortgesetzes Fragen schien cs, als ob er antworten wollte- Doch er brachte es nur zu einem völlig unver­ständlich bleibenden Lallen- Die Sekunde darauf ließ er den Kopf auf die Brust herabsinken und schien einschlafen zu wollen-

Na, denn nich!" meinte der Schutzmann und wendete sich zu dem erwartungsvoll daneben stehenden Kutscher-Fahren sie den Mann zur Wache, dort mag er sich ausschlafen und nüchtern werden- Dann wird er sich schon wieder auf seine Adressse be­sinnen-"

Tas ist unnötig. Ich werde ihn noch Hause bringen."

Wie der Schutzmann betroffen sich umschaute, nahm er einen schlank Bewachsenen Mann iit hellbraunem Ueberrock, den breit­randigen Filzhut tief in die Stirn gedrückt, wahr; offenbar den Fremden von Vorhin, der unbemerkt von ihm zurückgekehrt war- Der Paletot war jetzt freilich geschlossen; beinahe tooKte cs dem Beamten auch scheinen, als sei der Unbekannte in der Zwischenzeit jauch zierlicher geworden-Sind Sie nicht der Herr von vor-