Ausgabe 
16.9.1907
 
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Montag dm 16. September

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Auf der eigenen Spur.

Kriminalroman von Otto Hvecker.

(Nachdruck verboten.)

1- Kapitel.

Vom Tiergarten her strich üKr den nachtnmwobenen, nur noch von spärlichem LaterUenschimNtcr erhellten Potsdamer Platz ein rauher Oktoberwind. Tas auf diesem bis in die späten Nacht­stunden unaufhörlich flutende Getriebe hatte abgeebbt- Aus den vielen Fensterreihen der hochragenden Hotelfronten leuchtete nur noch vereinzelter Lichtschimmer. Auch die Restaurants hatten schon ihre gastlichen Pforten»geschlossen- Die langgestreckteBahn- hofsslucht lag völlig im Dunkeln; nur das Zifferblatt der über dem Hauptpvrtal angebrachten Uhr wies in mattem Glanze den Zeigerlauf zur bald vollendeten dritten Morgenstunde. Tas 'Klingeln der nur noch vereinzelt austretenden Straßenbahn­wagen, das bereits von weither ihr Näherkommen bemerkbar machende Surren und Stampfen, flüchtig wieder ersterbendes Rädergerassel der in langen Zwischenräumen über den verödeten Platz rollenden Nachtdroschken unterbrachen einzig die tiefe Stille- Selten nur tauchten hurtig ihren Nachhauseweg verfolgende Nachtschwärmer auf, von dem in der Nähe der Normaluhr auf­gestellten Schutzmannsposten mit neidisch sehnsuchtsvollen Blicken verfolgt. Tie Weltstadt lag im Banne jener kurzen, trügerischen Ruhe, die nichts von Frieden in sich hat.

Schlürfend kani es vom Brandenburger Tor hcrangehuft: ein geschlossener Zweisitzererster Güte", der auf dem Bock mantel- verhüllt hockende Kutscher so schlaftrunken wie sein Pferd, das bedächtig Schritt um Schritt vorankroch und den leichten Wagen wie träumend hinter sich nachzog.

Ter nicht ncinder verschlafene Schutzmann bei der Normal­uhr hob kaum den Kopf, als die Trvschke so an seinem Stand­orte vorbeiklapperte. Doch da ging es auch schon rnckgleich durch seine zusammengesunkene Gestalt; diese straffte sich und er trat mit einem unwilligen Brummen aus dem Dunkel der schon ent- laubten Gesträuchsecke auf den Fahrdamm. Er packte den Gaul beim Zügel und als dieser lvillig anhielt, wendete der nächtliche Sicherheitswächter sich barsch an den Kutscher-

Da sind Sie ja schon wieder, richtig! Nummer 3683! Befahl ich Ihnen uicht erst vor einer Stunde, sich nach dem Nächsten Halteplatz zu scheren! Haben Sie denn überhaupt Nacht­dienst ?"

Der so rauh Ermunterte blinzelte durch den hochgeschlagenen Mantelkragen auf den Eifernden-Wo soll ich denn eigentlich warten?" gab er verdrießlich zurück- Ich bin bestellt, das sagte ich Ihnen schon vorhin- Meinen Sie vielleicht, ich fahre hier Aum Vergnügen herum?"

Faule Ausrede! Sie wissen so gut wie ich, daß solch zweck­loses Herumfahr'en verboten ist! Sie lauern einfach auf eine Nachtfuhre! Jetzt schreibe ich Sie auf, dann findet sich das übrige schon!" i

Damit zog der Schutzmann das von allen Gesetzesübertretern gefürchtete Notizbuch hervor und begann beint flackernden Licht der Kütschbocklaterne die Whgennumtner aufzuschreiben. ,

Wie heißt der Besitzer? Gottlieb Kuake aus der Tegels Straße 219! Wie kommen Sie dann hierher? So, Sie sind der Besitzer selbst, Umso schlimmer, dann sollten Sie erst recht Befi scheid wissen!"

Ein kurzer besehlcuder Zuruf unterbrach ihn-

Heda! Droschke!" '

Wie sich beide gleichzeitig nach dem Rufer umwendetcn, ep( blickten sie an der Mündung der Vellevuestraße zwei Manner, von denen der eine unter fortgesetztem Rufen lebhaft ihnen zu­winkte, während sein Begleiter ihm schwerfällig am Arm hing und augenscheinlich in stark bezechtem Zustand sich befand-

Hören Sie denn nicht, Kutscher?" rief der erste eben wieder ungeduldig.Ter Herr will nach Hause gefahren jverden!"

Nicht nach Hause - . ich bin . . sehr lustig!" lallte da­gegen der Trunkene.Wir wollen . . . ich habe genug . . Geld - . so sei doch vernünftig, Bruderherz . . ich habe ja . .die Tasche voll Geld - . . und ich will nicht. ."

Kutscher, so kommen tg'e doch!" schrie sein Begleiter von neuem- l !

Wird's bald?" mischte sich nun auch der Schutzmann ein, unschlüssig sein Notizbuch wieder beistdckend.Sv fahren Sie doch hin - . . der Mann schreit uns noch den ganzen Platz wach!"

Ich bin doch bestellt!"

Larifari! Sie sind mitn netter Fuhr Herr! Dalli, Män- neken oder es setzt 'was!"

Damit schritt der Schutzmann neben der sich schwerfällig in Bewegung setzenden Droschke quer über den Platz auf dic^beiden Männer zu- Sein kundiger Blick ließ ihn alsbald erkennen, daß er sich in seiner Vermutung nicht getäuscht hatte; der tor-- kelnd mt seines Begleiters Arm hängende, gleich diesem in ge­wühlter Abendtoilette befindliche, augenscheinlich den besseren Ge- sellschastskreisen zuzuzählende Mann war nahezu sinnlos be­rauscht- Unaufhörlich lallte er mit versagender Zunge, wollte sich von dem ihn Führenden losreißen und war augenscheinlich gewillt, noch lange nicht nach Hanse zu gehen; cs bedurfte der ganzen Anstrengung des anderen, ihn voran zu bekommen. Im Gegensatz zu seinem Begleitet, der über den Abendanzug einen hellbraunen Herbstpaletot geknöpft und den breitrandigen weichen Filzhut tief in die Stirn gedrückt trug, vermutlich, weil er sich des unwürdigen Zustandes seines Genossen schämte, befand sich dieser nur int Frack und weißer Weste- Sein Anzug totes starke Staubsputen auf, als sei er unterwegs schon häufig. zu Fall ge­kommen. Tie Stärkebrust mit den funkelnden Brillantknöpfen tvar beschmutzt und vcrkuittctt, über sie hing half offen bie weiße Binde; auch der schwarze Tervyhut tvar übel verbeult, er saß dem Trunkenen schief auf dem Kopf-

Laß dir doch sagen - . ich habe ja Mo . . Moses und die Pro . . prb . . pheten!" lallte der Berauschte wieder.Es stimmt alles und . und ich . ."

Schutzmann, flehen Sie mit, bitte, bei," unterbrach der Be­gleiter seinen Wortschwall,ich werde mit dem Menschen nicht fertig!"

Ihr Freund ist wohl verunglückt?" fragte der Schutzmann i mit nachsichtigent Schmunzeln,na, der hat einen ordentlichen