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schauern bemerkt, folgender kleiner Vorfall ab. Es drängte sich plötzlich ein in den mittleren Jahren stehender Herr dicht an das Ufer heran und rief einem mit seiner Frau an der Schanzkleidung des Schiffes stehenden älteren Passagier erster Kajüte zu: „Fred, Fred, dein Bruder Wilhelm möchte dich noch eiw Mal nach laugen Jahren sehen, ehe es zu spät ist." — Man sah es dem Manne an, daß er einst andere Tage gesehen haben mochte. — Der auf dem Schiffe Stehende sah ihn eine Sekunde fest imd starr an, u nd während ihm Tränen des Schmerzes und der Freude in den Bart rieselten, griff er hastig in seine Brusttasche, entnahm ihr ein starkgefülltes Portefeuille, riß eine Hand voll Banknoten heraus, dann aus dem Portemonnaie noch eine Hand voll Goldstücke hinzutuend, wickelte er alles in ein seidenes farbiges Halstuch, knotete es mehrfach zusammen, warf es dem am Lande Stehenden, der förmlich in Tränen schwamm, zu und .rief: „Mein Bruder, mein Bruder, ach, daß ich dich nicht früher gesehen habe! Dreißig Jahre, dreißig Jahre! Schreibe Mir sofort Washington, postlagernd." Dan» übermannte ihn der Schmerz und er wandte sich ab. — Nicht zwei Minuten hatte der ganze Vorgang gedauert....
Hochzeitskleider im Tierreich.
Mancherlei Mittel hat Mmutter Natur den liebebedürftigen Tiermännchen verliehen, sich das Herz ihrer Angebeteten m erobern und etwaige Rivalen aus dem Felde zu schlagen. Die ungezählten Heerscharen nuferer gefiederten Sänger lehrt sie süße Liebeslieder, den ritterlichen Auerhahn und seine Vettern, Hasel- nnd Birkhahn, begeistert sie zu eigentümlichen Tänzen und Balzrufen: den wehrhaften Hirsch und andere Kämpen des Waldes ruft sie ziem grimmen Zweikampf, bei dem die Weibchen Kampfrichter und Kampfpreis zugleich sind. Andere Tiere legen gar zur Liebeszeit ein hochzeitlich Gewand an, nm damit den Weibchen begehrenswert zu erscheinen und ihre Werbung zu unterstützen. Diese Hochzeitskleider — so lautet der Fachausdruck für diese eigenartige Erscheinung — sind in verschiedenen Tierklassen vertreten, doch scheiden selbstverständlich die Tiere; aus, deren Haupffinn nicht im Auge liegt. Verfolgen wir die Stufenleiter der Systematik von unten an, so treffen wir zuerst bei den _ zu Unrecht als kaltblütig und stumpfsinnig verschrieenen Fischen auf Hochzeitskleider, und zwar fallen hier vor allem zwei deutsche Vertreter dieser Tierklasse ins Auge, die schon ihrer merkwürdigen Brutpflege halber Beachtung verdienen. Der eine ist der Bitterling (Rodens amarus), ein fingerlanges Fischchen, das in feiner Verbreitung an die der Maler- .Muschel gebunden ist, da das Weibchen mittels einer Legeröhre seine Eier in die Kiemenspalte dieses Weichtieres ablegt und sie dann der Pflege der unfreiwilligen Amme überläßt. Während der Laichzeit erstrahlt das sonst einfach silbergraue Männchen in allen Regenbogenfarben: di: Flossen nehmen feuerrote Farben und tiefschwarze Säume an, und das Gesicht ist mit weißen, schimmernden Wärzchen dicht übersät. Ter andere, unser streitbarer, wenn auch winziger Stichling (Gastrosteus aculeutus), durch feine kunstvollen Nestbauten bekannt, steht an Farbenpracht zur Paarungszeit dem Bitterling nicht nach und weiß fein herrlich dunkelgrünes itnb brennendrotes Ehrenkleid durch allerlei Schwimm- Bünfte ordentlich zur Geltung zu bringen. Unter den Amphibien sind alle unsere Molche zur Laichzeit mit einem mehr oder minder entwickelten Rückenkamm ausgestattet. Auch ihre Körperfärbung ist dann durch mehrfache Häutung lebhafter geworden, insbesondere bei dem schönsten deutschen Molch, dem Algenmolch (Triton ignens). Tie Häutung verschafft auch den Kriechtieren, Namentlich den Eidechsen, ein farbenprächtiges Hochzeitsgewand. Am stärfften ausgeprägt sind aber die Hochzeitskleider bei der verliebtesten Tierklasse, beit Vögeln, entwickelt. Tie mannigfachen Veränderungen, die ihr Federkleid erfährt, habeir verschiedene Entstehungsursachen. Die häufigste ist die Mauser, bei der das gewöhnliche Gefieder durch ein prächtigeres oft von jenem grundverschiedenes ersetzt wird. Da .aber die Feder fein totes Gebilde ist, sondern in fortwährender Verbindung mit den Blutbahnen des Vogels steht, ist es auch möglich, daß z. B. der Zuckervogel (Arbelonhina eyanea) ohne Federwechsel sein grasgrünes Kleid in ein türkisblaues verwandelt. Auch Struckturverändernngen im Federbau spiel eil bei den Ho chzeitskleidern der Vögel eine große Molle; sie geben dem Gefieder der Kolibris, der Stares der Fasanen den herrlichen Metallschimmer. Unser Haussperling -endlich erhält im Frühjahr seinen schöllen schwarzen Kehlfleck Nur dadurch, daß er die grauen Federspitzen abstößt bezw. abbröckelt. Bei einigen Vögeln enttvickeln sich einzelne Gefieder- partieen zur Paarungszeit besonders stark. Die Paradies- und Dvminikanerwitwen bekommen lange Schweife, der Haubensteiß- sich eine Kapuze und der Kampfläufer einen dichten Brustroller, der ihm bei den Kämpfen, die er mit Artgenossen zu bestehen hat, treffliche Dienste leistet. Bei manchell Vögeln besteht der Hochzeitsschmuck auch in elastischen, mehr oder weniger auffallenden Hautauswüchsen, so beim Truthahn in einem ©dfua* belzapfen, der sich beim Balztanze aufrichtet. Das Satyrhuhn (Tragopon sathra) bläst bei der Werbung feinen himmelblauen.
mit blutroter Zeichnung geschmückten Kehlsack auf, während sich ans seiner Stirne zwei türkisblaue Hörner emporrichten, die sonst schlaff herabhängen. Auffallend schwach sind die Hochzeitskleider bei den Säugetieren entwickelt, doch lassen sie auch in ihrem Aeußern zur Paarungszeit manche Veränderungen beobachten, wie die Geweihbildung bei verschiedenen Paarhufern und ähnliche Zierate. Die Entstehung der Hochzeitskleider beruht jedenfalls auf geschlechtlicher Zuchtwahl, denn da auch die Tierweibchen am liebsten einen schmucken Mann nehmen, kommen die mit auffallendem Schmuck versehenen Männchen am leichtesten zur Fortpflanzung und können so ihr Hochzeitsgewand vererben.
VsNM?fchtes.
* Das Alter der Speisekarte. Auf einem im Jahre 1489 zu Regensburg abgehaltenen Reichstage — so berichtet eine alte Chronik —■ erregte es Aufsehen, daß beim Schmauß borm Herzog Heinrich von Braunschweig aus der. Tafel „ein langer gebet liegen that, den er oftmals besähe". Schließlich fragte Graf Haug v. Montfort den Herzog, was er denn so eifrig lese. „Also ließ ihn der Herzog den zedel lesen. Darin hatte ihm der kuchenmeister alle efen und trachten in der Ordnung ausgezeichnet und kund sich demnach der Herzog mit finen efen danach richten und seinen apetitom teuf die besten trachten sparen." Der Gebrauch der Speisekarten ist mithin schon über 400 Jahre alt
— Die welsche Sippschaft. Ter Rekrut muß erst lernen, ob die Drehung eines Geschosses Redaktion, Reaktion oder Rotation heißt. Der angehende Wagenkuppler und der Heizer werden oder wurden wenigstens bis vor kurzem verwirrt gemacht durch eine Instruktion über die Manipulation der Wagen- kuppelung und deren 5 Kombinationen, durch Tampf-Reeeiver, Wasser-Bassin oder -Reservoir, Lust-Rezipient nnb, bergt. Aus einem Exhaustor (Suftcrncuerer) macht der Volkswitz „Ex saust er", ans Semaphor (Warnungszeichen.) „Seh der vor", aus Compound „Kapaun". Und so legte, wie kürzlich im „HeimdalU erzählt wurde, ein Pfarrer einem Beichtsohne zur Buße zwei Litaneien auf, und der bußfertige Sohn legte sich gehorsam zwei Liter neuen zu. Ein Bauer redete von seiner Milchparade und meinte Maysahrts Milchkuhl-Apparat. Wie mag sich der gute Mann die Wörter Spektrum, Analyse, Heres, Pessimist, ästhetisch mundrecht gemacht haben? Ein Bergführer redete von der Wege-Station, und meinte die Vegetation, ein Kellner von der Wiener Greth und meinte Vinaigrette. Im Jahrbuche des Verlages Braun zu Leipzig redet ein Handwerker von Sublatern- Beamten und meint Subältern-Beamten. Im Jahrbuche des Verlages Lang zn Tauberbischofsheim redet eine, Dorskellnerm von marinirten (aitimirten) Gästen und von massiven (passiven) Mitgliedern des Vereins. Der Straßburger Dichter Karl Hackcn- schmidt sagt:
„Und du, o deutscher Besen,
Kehr' flink und rein das Haus, Kehr' mir die welsche Sippschaft Zum deutschen Haus hinaus!"
Musik.
u-’ Ein modernes 'Programm bringt uns düs' ich Verlage von Ullstein u. Co., Berlin, zum Preise von 50 Pfg. erschienene Heft M. 11 der „Musik für Alle". Den Reigen der abwechslungsreichen Nummer eröffnet ein Vertreter der nordischen Tonkunst, Jean Sibelius, mit einer Donschöpfung „Melisande pus' der Begleitmusik zu Maeterlinks Drama „Pelleas nstd Melisande". Es ist eine eigenartige Musik, in der sich die rauhe schroffe Natur der Finnländer und die Seele der nachdenklichen Menschen spiegelt. Sibelius ist seinem großen Landsmann Grieg würdig pn die Seite zu stellen. Von Sibelius zu Giordano, dem heiß- Mütioen Italiener. Tie vorliegende Tarantella ist ein un- gemein rassiges Tanzstück, das uns von neuem die Vorzüge dieses bedeutenden Komponisten dokumentiert. Eine angenehme Abwechslung bieten die beiden folgenden Lieder. Ein liebliches Schlummerlied von Heckel nnb, eine einschmeichelnde Romanze im Walzertakt von Marguerite Symiane. Ein weiteres nationales Tongebiet betreten wir in dem Ländler von Karl Weis. Es ist eine urwüchsige tschechische Musik, die uns in dem iwarfantertl Tanz geboten wird. Franz Abt ist uns vertrant als Schöpser so vieler populärer Volkslieder; auch das in diesem Hefte zuiN Abdruck gelangte „Mein Kind" zählt zu seinen besten Emge- bungen. Neben Norwegen finden wir auch Schweden. Ein kleines Klavierstück von Metier, „Schwedisch" betitelt, ist^ trotz Leichtigkeit ungemein charakteristisch, während das folgende Schel- menstücklein des bekannten Komponisten Alfred Mello etwas höhere Anforderungen an den Spieler stellt. Mit der echt wienerischen Mazurka „Wurs-Bouauet" von Ziehrer wird das reichhaltige Heft beschlossen. Erwähnt sei iwch der interessante hübsch illustrierte Eingangsartikel „Von großen Sängern und Sanges- lehrern". > 1
MedMiow: P, Witstcko. — Rotationsdruck itnb Verlag der B rü hl'scheu Universitäts-Buch- und Stemdruckerei, R. Lange, Greßen,


