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Im Aussehen gleicht die „Kronprinzessin Cecilie" ihren Schwesterschiffen, dem „Kaiser Wilhelm dem Großen", dem „Kronprinzen Wilhelm" und dem „Kaiser Wilhelrn II." und doch weist die „Kronprinzessin Cecilie" nicht nur in den Abmessungen des Schiffskörpers und in Bezug auf die Leistungsfähigkeit der Maschinen, sondern auch in seiner inneren Einrichtung und dem an Bord eingeführten Betrieb bemerkenswerte Abweichungen von den Schwesterschifsen auf. Die „Kronprinzessin Cecilie" ist um nicht weniger als 10 Meter länger als der „große Kaiser", die Lloydleute der Kürze wegen den „Kaiser Wilhelm den Großen" zu nennen pflegen, die Tonnenzahl ist um 5000, die Wasserdrängung um 7000 Tonnen und die Maschinenstärke um 18 000 Pferdekräfte gesteigert. Tie Maschinen dieses Dampfers bestehen aus zwei sechszylindrischen Vierfach-Expansionsmaschinen, deren Gesamtleistung etwa 43 000 indizierte Pferdekräfte beträgt, und die dem Schiffe eine Geschwindigkeit von 23y4 bis 24 Knoten geben iverden. Um die durch das Arbeiten dieser mächtigen Maschinen erzeugten, den Passagieren höchst lästigen Vibrationen zu verhindern, ist der Dampfer nach dem Schlickschen System ausbalanciert, wodurch die Erschütterungen, welche die Passagiere in Wohn- und Schlafräumen enrpsinden, auf ein Minimum reduziert sind. Dem Rollen und Stampfen des Schiffes arbeiten. Schlingerkiele entgegen.
Ein schwimmendes, sich mit einer Geschwindigkeit von 24 Knoten fortbewegendes Hotel vornehmsten Ranges zählt viele, die darin toohüen. So bietet die „Kronprinzessin Cecilie" 742 Passagieren erster Klasse in 297 Kammern, 327 zweiter Klasse in 109 Kammern und 740 dritter Klasse ein gastliches Unterkommen, wozu noch eine Besatzung von 665 Mann kommt. Außer dem Kapitän und 24 Offizieren, einschließlich Aerzte, Zahlmeister, Apotheker und Postbeamte besteht die Mannschaft aus 61 Maschinisten, Elektrotechnikern, 231 Heizern und Kvhlenziehern, 229 Stewards und Stewardessen, 33 Köchen, Bäckern, Schlächtern, Konditoren, Barbieren, Friseuren, Buchhändlern, Gepäckmeistern, Marconibeamten, 33 Auswafchern, 59 Handwerkern, Matrosen und Lampenwärtern. Die Besatzung käme also an Kopfzahl einem kriegsstarken Bataillon ungefähr gleich.
Tie innere Ausstattung der „Kronprinzessin Cecilie" ist glänzend und auch geschmackvoll. Zum ersten Male hat sich der Norddeutsche Lloyd entschlossen, der modernen Kunst- und Geschmacksrichtungen Spielraum zu gewähren. Die mit der künstlerischen Ausstattung betrauten Künstler durften im allgemeinen schalten und walten, wie sie wollten. Einen großen "Anteil an der Ausführung der inneren Ausstattung hat Prof. Bruno Paul genommen.
Von den Gesellschaftsräumen nimmt dev 650 Quadratmeter große Speisesaal in der Mitte des Schiffes den bet weitem größten Platz ein, denn hier vereinigt sich die Schifss- gesellschaft dreimal am Sage. In blendendem Weiß prangt dieser mit Ornamenten reich versehene Raum. Er erstreckt sich unter einer von 16 freistehenden Säulen getragenen Kuppel durch mehrere Stockwerke und wird von einem Glasdach bedeckt, das den Lichtschacht unter dem Gesellschaftssalon von dessen oberem Teile trennt. Hinter den Säulen wird die Balustrade des zweiten Stockiverks sichtbar, die sich in den Ecken kugelartig vorwölbt. Die geschnitzte untere Balustrade hat in den Mitten der vier Seiten je zwei liegende Figuren, welche die in Bronze gegossenen Reliefs des kronprinzlichen Paares und deren Wappen ballen. Gemälde zieren die Wände des Saales, es sind Landschaftsbilder, Darstellungen aus den Gärten der italienischen Re- naissanceschlösser. Im Stil der italienischen Renaissance ist auch die Decke des Speisesaales geschmückt, während den Boden ein teppichartiger Belag aus Gummifliesen bedeckt. Der Speisesaal enthält 512 Sitzplätze und weist manche bemerkenswerte Neuheit auf. ©o haben im Speisesaale der „Kronprinzessin Cecilie" größere rechteckige Tische nur an den Längswänden Verwendung gefunden, während in der Mitte 70 kleine runde Tische stehen, an denen zwei, fünf und sieben Personen Platz nehmen können, was sehr viel für sich hat, denn die Passagiere, die früher für die ganze Reise bei allen Mahlzeiten an dieselben Plätze gebunden waren und sich mitunter vielleicht andere Nachbarn gewünscht hätten, können sich auf der „Kronprinzessin Cecilie" nach Belieben zu dieser oder jener Mahlzeit zu einem kleinen Kreise vereinen, was gewiß zur Annehmlichkeit der Reise beitragen und ihren Teilnehmern manche frohe Stunde verschaffen wird. Auch das Table d'hote-Syftem ist als
überwundener Standpunkt auf diesem' modernsten Dampfer ad acta gelegt worden. Nicht mehr werden die Reisendenz durch Fanfaren daran erinnert werden, daß die Stunde gekommen ist, wo sie essen müssen. Auf der „Kronprinzessin Cecilie" ist den Passagieren in dieser Beziehung in weitem Umfange das Selbstbestimmungsrecht eingeräumt, für die Dinerzeit sind mehrere Stunden vorgesehen. Man kann sich dann mit seinen Freunden für eine bestimmte Stunde Verabredmr, und trifft sich dann in kleinem Kreise Beim Mahle, heute mit diesem oder dieser, morgen mit jenem oder jener, ganz tote in einer Großstadt, und toec einmal das Verlangen hat, allein zu essen, der braucht sich auch keinen Zwang aufzulegen. Er untersteht keinem, Wohl häufig beengend empfundenen lästigen Zwange. Man kann, sich nach Belieben an eine feste Speisenfolge halten, oder aber auch an der Hand der Speisekarte sich nach eigenem Geschmack das Menu zusammenstellen. Auch für die übrigen Mahlzeiten gelten diese Anordnungen. Dabei wird von den Passagieren für die nach der Karte bestellten Mahlzeiten besondere Bezahlung nicht verlangt. Aus dem hinteren Teil des Speisesaals führt eine Treppe in die oberen Regionen, zunächst in das Treppenhaus, dessen vornehmster Schmuck ein Oelgemälde bildet, welches das schöne Schweriner Schloß in vorzüglicher Wiedergabe zeigt.
Auf dieser Treppe gelangt man auf einen Vorplatz und von dort durch einen Gang nach dem Rauchsaloir, dem Tuskulum der Herrenwelt, dte sich beim Skat und anderes harmlosen Spielen vergnügt und im Duft einer würzigen Havanna schwelgt, aber auch durchaus nichts dagegen einzu- wenderi hat, wenn einmal liebenswürdige Damen in dieses Heiligtum dringen, vorausgesetzt, daß besagte Damen die Gemütlichkeit nicht dadurch stören, daß sie gehorsame Gatten zwingen, eine Partie zu unterbrechen, um aus dem Wasser hervorhüpfende Delphine in ihren Sprüngen zu bewundern. Ter hochgewölbte Rauchsalon der „Kronprinzessin Cectlie" ist auch modern gehalten, reich durchgeführt und von einem domartigen Aufbau gekrönt. Dieser kleinere Teil des Rauchsalons wird von dem Hauptteil durch Säulen abgetrennt. Turch Kunstverglasung abgetöntes Tageslicht wird dem Rauchsalon zu diesem Aufbau zugeführt. Während das Holzwerk des Tomes gelbe und rote, Hölzer mit schwarzen Einlagen aufweist, prangt der größte Teil des Salons in blendeird weißer Farbe. Zum Bezug der Sofas und Sessel ist das abgetönte grünblaue Leder verwendet worden. Auch an Bilderschmuck fehlt es dem Rauchsalon nicht, und in der Auswahl dieses Schmuckes ist man einem alten Lloydbrauche treu geblieben, demzufolge in den Rauchsalons Bilder aus Seestädten mit Vorliebe als Wandzier benutzt werden. In diesem Fall hat man es verstanden, damit eine finnige Huldigung für die kronprinzeßliche Patin des schönen Schiffes zu verbinden, indem man zu diesen Bildern ausschließlich mecklenburgische Motive benutzt hat und zwar vor allein aus den mecklenburgischen- Seestädten Rostcm, Wismar, Doberan usw.
Die pompösen Luxuskabinen sind in verschiedenartigen Stilarten ausgeführt, wie man sich bei der Einrichtung der „Kronprinzessin Cecilie" überhaupt befleißigt hat, Bei Einrichtung der Jnnenräume durch Anwendung verschiedener Stilarten Abwechslung herbeizuführen. So gesellt sich zu der italienischen Renaissance des Speisesaales und zu devi Stil Ludwig XVI. im Kunstsalon der Empirestil des Gesellschafts- und des Lesezimmers, während die beiden Wiener Cafes wiederum in der Art des Zeitalters des XVI. Ludwig ausgeführt sind. Diese Verschiedenartigkeit der Ausstattung der einzeliren Räume trägt nur dazu Bet, den Gesamteindruck um so anregender zu gestalten.
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Die „Kronpriuzessin Cecilie" ist am 13. d. M. mittags um 1 Uhr bei Fire Island (Newyork) angekommen, trotzdem sie erst Dienstag abend 9 Uhr Cherbourg verlien. toie durchschnittliche Geschwindigkeit des Schiffes betrug 22 Knoten. Tiefes Ergebnis darf, da es sich um die erste Reise handelt, auf der die Maschinen erst in allen Teilen ein- gefahren werden müssen, als sehr günstig bezeichiiet werden. Schiff und Maschinen haben sich während der Reise in jeder Weise vorzüglich bewährt. Tie Einrichtungen des Dampfers fanden allgemeine Anerkennung; das neu eingeführte Tischsystem hatte einen großeil Erfolg.
Während die „Kronprinzessin Cecilie" von hier abdampste und durch die Schleuse fuhr, spielte sich, nur von wenigen Zu-


