Ausgabe 
16.8.1907
 
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hääm, allomarsch mit 'm Bub. 'S fehlt grab noch, baß nach 'n Kvpp voll Mause kriegt, wie sei Mudder! Sttotoer ich werd se em ausdreitve."

Tie Memden waren vorangegangcn. Er schaute ihnen feind­selig nach.

To gehe se, die Erumtreiwer! Die Weiwer wolle lieber mit 'm Hessemer fahre als mit mir. Der wciäß ze schwätze und 'n die Köpp ze verdrehe und mit de Aage zu blanker::. So ä Windbeitel ä verfluchter. Awwer des macht die Weiwer verrickt, die narrige! To klewe fe wie Mucke uff'n Sirup! Tv guck der'n an, dei Hessemer, tvie er scharmunziert nird de Kirr macht! Sv ä Scherzejager!" Er sah seine Frau scharf und lauernd an. Tann drehte er sich kurz nm und ging stapfend, wiegend, weit aushvlend den anderen nach.

Tie Mau sah ihm eine Weile lang nach. Zwischen ihrer: Brauen erschienen zwei tiefe Falten, und das junge, weiche Gesicht wurde hart. Sie nahm das Kind an die Hand und ging schwer und miide nach Haus.

Steuermann Worringer holte die Memden ein. Tie Damen schwatzten lustig mit dem hübschen Schisser, der seine Mütze kokett aufs linke Ohr rückte. Sie ließen sich auch durch die finsteren Blicke Worringers nicht beirren. Am Nheinufer aufwärts ging's eine Weile. Weiter oben schaukelten zwei Nachen leise auf dem grünlichen Wasser.

Mer nemme dei Rache, Worringer," sagte der Hessemer. Mei großer is doch noch zu klään, mei annerer, der is zun: Rebariere fort."

Der große, flache Kahn wurde ans Land gezogen. Unter Kicher:: und Anfkreischen stiegen die Tomen ein, langsam und bedächtig die Herren.

Schaukele dürfe Se nett," sagte Worringer kurz,'s hot jo kää Gefahr, awwer wenn Se usf emol Angscht kriege und uff- springe und uff die ääne Seit stjerze, do kennt's doch bässiern, daß der Rache umkippt, und Se falle all ins Wasser."

Ach was," sagte der andere lustig,'s is net schlimm! Ter Rhe: is so still wie ä Spiegel, un wann Se aach ä bische Tnmmhääte mache, des schabt nix! Ror net uffspringe, un vor Schrecke seltner ins Wasser Hippe. Und do gucke Se jetzt emol, wie scheen die Sonn' rintergeht! Extra for Sie be­stellt. Und driwwe üwwer'm Rheingau kimmt schon Mond enuff."

Mit starken Ruderschlägen flog jetzt der Kahn in den offenen Strom hinaus.Tis Sonne stand tief, schon fast am Scheitel der Waldbertze, und übergoß die weite Fläche mit rotgoldenem Schein. Tie Häuser Rüdesheims spiegelten in ihren Fenstern das Wendlicht wider, die Germania stand im Goldschimmer, weiter draußen strahlten die Türme einer Kirche rot und ein funkelnder Strahl schoß von einem Fenster des Schlosses Jo­hannisberg wie ein Scheinwerfer. Am diesseitigen Ufer leuch­tete die Rochuskirche von dem waldigen Berg über den Hausern von Bingen stieg weißer, kräuselnder Rauch aus den Schornsteinen. Und nun begannen die Glocken zu läuten, tief und voll von der altersschwarzen Kirche Bingens, ein Helles Geläut vom Berg fiel ein, und wie ein Echo kam's von Rüdes- heim herüber.

Tie Memden saßen ganz still. Sie schauten und horchten. Der Kahn zog langsam rheinaustvärts und näherte sich der kleinen Insel, die mit ihren früHlingsgrünen Bannten und Wei­denbüschen wie ein« Insel der Seligen in dem goldenen, roten Strom schwamm. Ein leiser Tust lag darüber, ein Däm­merungsnebel. Knirschend stieß der Kahn auf den Sand auf. Run wurden sie alle lebendig. Mit entzückten Ausrufen drängten sie zum Aussteigen. Finster sah Worringer zu, wie der andere galant und geschmeidig die Damen heraushrb, die dem ganz mit kurzem, blumigen Gras bewachsenen Inselchen zustrebten. Wie spielerische Kinder zerstreuten sie sich jauch­zend, während die Glocken voll und klar weiterläuteten, die Sonne langsam sank und der Mond blaß und groß hinter Jo­hannisberg herauskam.

Tie beiden Schiffer blieben allein im Boot. Zerstreut schnitzte der jüngere mit dem Messer an einen: Weidenzweig, während der andere sinster ans den Rhein starrte, cmf dem der rote Sonnenglanz jetzt erlosch. Grnngrau gluckste das Wasser in kleinen Wellchen an die Kahnwände.

Eine Weile saßen sie ganz still. dann hob der Aeltere den Kopf und sah den jüngeren starr au. Ter wurde rot unter dem Blick.

Hessemer", sagte er finster,'s gut, daß mer hier emol Älään sind. Das Volk do driwwe", er wies verächtlich mit dem Daumen nach der Insel,des kommt so ball net Widder. Und to will ich der was sage was kää Mensch ze höre braucht.

Hessemer, loß de's net eifalle, noch ein äünzigmal dem Gretck schee zu dhue! Laß der's net erfülle, mit 'r zu scharmuzierq und sie unzufriede ze mache un ihr Flanse in'n Köpp ze setze. Tes Geschwätz und Gedhu im Hof, des Hot jo jetzt uffgehert" er lachte bösedafor sind ä paar Stään und eppesf Speis*) genug! Awwer wann ich dich erwisch erwisch, daß de un: se erumstreichst wie ä Kvter, daß du hinner er brüt bist, do hüt dich! Hüt dei gesunde Knoche und loß der dei Lewe lieb sein,n: Worringer sei Maa, die is Brocke for so änn« wie du."

Er hob ein wenig die eiserne Faust auf und schüttelte sie drohend. Tann saß er unbeweglich, zusammengesunkcn, aber den anderen starr anfehend.

*) Mörtel.

(Fortsetzung folgt.)

Aer MorddeKtfchr LloyöampferKronprinzessin Cecilie".

Die stattliche Reihe stolzer Tage, die in der Geschichte des Norddeutschen Lloyd verzeichnet sind, hat am 6. August d. I. eine Bereicherung gefunden. An diesem Tage ist der jüngste Ozeanriese des Lloyds, der vom Stettiner Vulkan erbaute SchnelldampferKronprinzessin Cecilie" in den Dienst gestellt und der Lloyd dadurch in die Lage versetzt worden, nunmehr mit vier der größten und elegantesten Schnelldampfer den Verkehr zwischen Bremen und Newyork zu unterhalten.

Ich bin recht häufig auf dem Meere in die weite Welt hinausgefahren. Dabei habe ich stets den Tag vor der M- reise in Bremen zugebracht. Ich kenne keine andere Stadt, in deren Straßenleben so wenig davon zu verspüren ist, daß sie eine mächtige Handelsstadt ist und deren kom- merzielle Verbindungen' den ganzen Erdkreis einschließ en, wie Bremen. Viel hat damit gewiß der Umstand zu tun, daß Bremens Hafenleben sich nicht in Bremen selbst abspielt, sondern in erheblicher Entfernung, in Bremerhaven, wäh­rend in Bremen die Handelsgeschäfte hinter den Türen? der Kontore besorgt und erledigt werden und nür an den' Börsen während weniger Stunden am Tage vor eine be­schränkte Oeffentlichkeit treten. Im Straßenleben Bremens macht sich kein Hasten und Jagen bemerkbar, man sieht nichts von jener Nervosität, die in anderen großen Handels­städten die Männer des Großhandels und der Banken auf­reibt, alles scheint so wunderbar abgemessen und würde­voll. Und doch wird auch an den Bremer Börsen und es gibt deren mehrere spekuliert, und, wie man sagt, gar nicht einmal zu knapp.

Es liegt entschieden etwas Hochvornehmes in dem stil­vollen Gebaren dieser Handelsherren, denen man es ansieht, daß sie etwas sind, etwas wissen und etwas bedeuten. Das WortMein Vater, der Herr Senator", das zrvei erfolgreiche' Berliner Lustspieldichter geprägt haben und einem ihrer jungen Helden in den Mund legen, paßt wie angegossen auf die Bremer Kaufherren alten Schlages. Ein jeder von ihnen trägt sich mit der Würde und dem Selbstbewußtsein eines Senators, und die Söhne werden es, wenn sie einmal an die Stelle der Alten getreten sind, gewiß nicht anders machen. Ungleich den zugänglicheren Hamburgern, halten die Bremer fest zueinander, sie suchen in ihrem Partikularismus andere deutsche Stammesbrüder nicht auf, schließen sich vielmehr gegen sie ab und beschränken sich, wenn möglich, auf den Umgang unter sich und miteinander.

So wenig man im allgemeinen Bremen die Stellung anmerkt, die es als Handelsstadt und Hafenort einnimmt, so tritt diese Eigenschaft doch in einer Erscheinung zutage, die sich auch den Augen des flüchtigsten Beobachters nicht entziehen kann. Ich spreche von den zahlreichen Männern, Frauen und Kindern, denen man es ansieht, daß sie ihrem Vaterlands auf immer den Rücken wenden, um sich über dem Meere eine neue Heimat zu begründen. Daß der Entschluß, es zu tun, nicht leicht gefaßt wird, kann man der: meisten dieser Leute wohl ansehen, haben sie doch fast alle ihre letzten Groschen auf eine Karte, auf oie Schrffskarte, gesetzt. Man sieht es vielerr von ihnen förmlich an, ivelche Furcht in ihnen lebt, aus unersprießlichen Verhältnissen neuen Enttäuschungen entgegenzugehen. DieKronprinzessin' Cecilie" freilich hat bei ihrer Ausreise nicht viele Ausi­wanderer an Bord genommen, aber einige hundert werden es doch sein.