Ausgabe 
16.8.1907
 
Einzelbild herunterladen

Ireitag den 16. August

w

1907 Ar. 120

IffiSSRsQäs

oWOi

©«aÄäW

K

MM

U

Lqpj

M

Steuermann Worringer.

Novelle von Luise Schulze-Brück.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

2.

Pfingstvorabend war da. Und damit Binger Kirchweih,die Kerb". In den Häusern scheuerten und fegte« die Frauen mit doppeltem Eisler, Mer die Straße trugen die Kinder vorsichtig große Bleche mit Küchen zum oder vom Bäcker. Es duftete' überall danach. Am Rheinuser war's doppelt lebendig. Tie Pfingst- touristen spazierten hin und her, verhandelten nm Rhein mit bett Schiffern, die sie nach Rüdesheim oder Aßmanns'hansen bringen sollten. In den Wirtsgarten saß fröhliches, zechendes Volk, und hochzeiisreisende Pärchen lehnten eng aneinander, rv- mantisch-sentimental den Rhein anschwärmend. Und halb Bingen war nm Ufer. Tie Mütter hatten ihre Not mit den Kindern, die sich um das Karussell und die Buden drängten, die am Markt­platz zur Kirchweih aufgebaut wurden. Sie waren nicht sort- zubringen, starrten offenen Mundes all die Höflichkeit an und suchten einen Blick in das Innere der Wohnwagen zu erhaschen, die da ausgefahren waren, und vor denen das fahrende Volk eifria an der Arbeit war

Greta Worringer stand mit ihrem Jungen vor dem Karussell. Morge fahre wir Reitschul, immer rum, immer rum," ev- Mlte sie dem Kleinen.Un hunnert Lichter sin an, un Musi? geht, un Mamma sitzt mit dir im Kütschche."

Der Junge patschte in die Händchen.Babba nach?"

Ihr Gesicht wurde finster.Wees net." Sie faßte das Kind unsanft am Arm und zog es fort.

Trüben am Ufer stand ihr Mann in einem Kreis von Fremden. Sie wollten eine Fahrt machen den Rhein hinab nach Mira Rheinstein und wieder zurück.

Zerück! Nee, das gibt's net! Durch Binger Loch 'n Rhein euuff mit zehe Persone! Des geht net!"

Aber das hab ich mir gerade so romantisch gedacht," sagte enttäuscht die Dame.Im Mondschein den Rboin im Kaün zu schweben ."

's geht net", unterbrach Steuermann Worringer unsanft die Schwärmerin. ,Durchs Binger Loch, do schwebt sich's net enuff. To is der Strom viel zu stark, do misse mer schon gehörig arbeite, for de leere Rache enuff ze bringe. Und des is aach nix für Dame. Sie dhate kreische und zuni Nachen enaus- hippe wolle, wann se in de Strom käme. Un wann nach noch grad ä Schiff käm, ünd 's gab icii paar gcherige Welle, do wär's fertig. Nee, Madamche, gehe Se dernach zu Fuß 'n Rhein enuff, des is aach romantisch, oder fahre Se mit der Bahn."

Die Dame sah ihn empört an. Dann wmrdte sie sich an einen jungen, schlanken Menschen in Schifferkleidung, der ein roteS Halstuch nachlässig um den Hals geschlungen hatte.

Ach," sagte sie schmelzend,könnte man denn gar keine

Rheinfahrt im Mondschein machen! mit dem Kahn ? Ich hab Mir dass so herrlich gedacht."

Steuermann Worringer sah finster auf bett anderen.

Der warf ihm einen triumphierenden Blick zu:Freilich kenne Sie das, Freilein", nickte er und lachte sie lustig an^ To gehe mer L Stick am Rhein enuff bis gege Rüdesheim, und do setze Sie sich in 'n Rache, un Mer fahre Sie Weitz uff 'n Rhein enaus und « Stick enuff an der Au, und do kenne mer uns dernach ennunner treiwe losse bis Binge, un wann Sie wolle, do kenne sie an der Au ausstzeige un ä bißche erümpromeniere^ Um acht Uhr geht der Mond uff, und do is es arg fcheen, und Sie sehe Rüdesheim und die Germania und Binge un 'n ganze Rochusberg. Und des is aach ganz ungefährlich, do sin Welle, und 's Wasser is so glatt wie Ä Spiegel/'

Was sür eine Au denn, was ist das?"

No, die Insel do drüwwe." Er wies nach einem kleinen,, baumbewachsenen Inselchen, das im Strom schwamm.

Ach ja! Auf eine Insel! Ach, wie poetisch! Ja, dass Machen 'wir." Tie Damen waren begeistert.

Und der hübsche Schiffer soll uns fahren," flüsterte eine sehr lautnicht der andere, der große, vor dem ftirchte ich mich."

Die beiden Schiffer hörten es. Steuermanit Worringer drehte sich kurz Um. Aber der andere sagte rasch:Toderzu misse mer zwei Leit haw'we, Herrschafte! Und zwei düchtige. Der Worringer un ich schaffe das, gell Worringer?"

Sorg für dich selwer, Hefsemer," sagte der kurz und rasch.Kimmer dich net um Annerleits Sach. : Ich brauch dich net, wann ich ä Fahrt hawwe will."

Jetzt legte sich einer der Herren ins Mittel.

Natürlich nehmen wir die beiden Leute. Aber dann los, sonst wird's zu spät." i

Mit finsterem Blick ging Worringer den Fremden voran. Es tourmte ihn, daß er mit dem gerade mit dem eine Fahrt machen sollte. Aber der Hefsemer sollte auch iticht denken, daß er ihm ausweiche. Daß er Angst habe, der Greta toegem Er sah sie drüben am User stehen, den Jungen an der Hand. Mit schwerem Schritt ging er hinüber zu ihr: »3$ hawwe ü Fahrt nach Rüdesem," sagte er rauh.Geh hääm mit 'M Kind, brauchscht dich net do erumzetreiwe. 's ischt ohnehin ball Schlafenszeit für de Bub."

Morge fahre mer Reitschul, Babba," plapperte das Kmd.

Reitschul?" Sein Gesicht wurde blaurot.Morge muß Babba mit 'm Schiff fahre." ,,

Ra, ich mit Mamma! Im Kütschche odder uff'm Gaulche. Und Mamma aach!"

Tie Frau sah verstohlen in ihres Mannes Gesicht.

'S'er lachte auf.Uff'm Gaul ivill se fahre, bei Mamma! To gefiert se nufs! Schad, daß se net mit kurze Röck uff'm Gaul reibe kann, wie die Weiwer vun de Seildänzer! Des wär 's Richtige for se."

Das Kind klatschte in die Hände.

Un ich nach! Ich aach Gaula, Babba." .

Er stieß den Junge» unfreundlich, von sich. == >,»scher dM