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tigste Lehre, die wir aus Kuropatkins Klagen ziehen können. An den Tatsachen ändert das tapfere Verhalten einiger russischer Truppenteile ebensowenig, wie die Kritik der Japaner durch Kuro- patkin durch das vereinzelte Vorkommen des Versagens japanischer Landwehrleute vor Port Arthur beeinflußt werden kann. Die Geschichte bietet hinlängliche Beweise für ucierwarteten Kampfes- mut, oder besser gesagt Kampfeswut, sklavischer Bataillone einerseits und für die Panik wohldisziplinierter Truppenteile andererseits. Ausnahmen beweisen auch hier nur die Regel. Nun liegt es mir natürlich ferne, behaupten zu wollen, daß die deutschen Mittel zur Erziehung der Disziplin den russischen auch nur annähernd gleichkämen; aber ich halte selbst das Bedauern, nicht über dieselben Mittel verfügen zu dürfen, für höchst gefährlich und hoffe, daß die Mißerfolge der russischen Disziplin diesen Junkergeist im deutschen Heere stark beeinträchtigen werden. Daß er ganz schwinden sollte, kann man kaum hoffen; aber er kann übersehen und mit Verachtung gestraft iverden, sobald die Mehrzahl der Offiziere seine Gefahren erkannt hat.
Nicht minder lehrreich als das Verhalten der russischen Mannschaften ist das Verhalten der russischen Offiziere, und zwar besonders der höheren Offiziere. Wer die russischen Offiziere kennt, der wird wissen, daß es unter ihnen hochgebildete Leute gibt, von denen man nicht behaupten kann,'daß der Tatar zum Vorschein komme, wenn man den äußeren Firniß abkratze. Aber der russische Durchschnittsoffizier gehört nicht zu diesen gebildeten Leuten, und dieser Durchschnittsoffizier befindet sich auch in den hohen Kommandostellen. Selbst eine reformierte russische Armee wird unter dieser Tatsache noch lange zu leiden haben. Es ist nun, eine merkwürdige Erscheinung, daß gerade die Offiziere, die ihren Untergebenen gegenüber die größte Rücksichtslosigkeit zeigen und sklavischen Gehorsam verlangen, ihrerseits nicht gehorchen gelernt haben. Durch das ganze Werk Kuropatkins ,zieht sich die Klage über diese Jndisziplin. Kaum eiic einziger der Armeekorpskonrmandeure entgeht dem Vorwurfe, Befehle des Oberkommandos einfach nicht befolgt zu haben. Wie in Tientsin und Peking während der Boxerwirren kaum eine Abendversammlung russischer Offiziere stattfinden konnte, ohne daß erstaunliche Ausschreitungen jüngerer Offiziere gegen ältere vorgekommen wären, so ist, wenn Kuropatkin nicht zu schwarz schildert, kaum ein Gefecht vorgekommen, ohne daß direkte Gehorsamsverweigerungen zu verzeichnen gewesen wären. „Be- soffene Geschichten" nannte man es 'im Boxerkriege und ging lächelnd über diese merkwürdige Erscheinung hinweg; was war aber im ernsten russisch-japanischen Kriege daraus geworden? .Es wird gewiß vom Offizier verlangt, daß er eigene Initiative besitzt, aber die russische Armee hat bewiesen, wie gefährlich es ist, wenn eine Verwechslung zwischen eigener Initiative und Ungehorsam platzgreift. Man beschränkte sich! im russischen Heere ntcht mehr darauf, die maßgebenden Befehle des Oberkommmrdos soweit zu modifizieren, wie die dem Oberkommando vielleicht unbekannten Details dies erfordern können und stets erfordern werden, sondern man hielt nicht einmal an den gegebenen Haupt- direttiven fest. Man ließ sich nichts Vorschireiben, dünkte sich Mger als jeder Vorgesetzte und nannte dies verhängnisvolle Verhalten wahrscheinlich stolz „Initiative". Bon dieser gefährlichen Initiative ist in unserer deutschen Armee weniger zu fürchten. Jeder deutsche Durchschnittsoffizier dürfte Intelligenz und Bildung genug besitzen, um die Grenzen zu erkennen, innerhalb deren eine Betätigung seiner Initiative gestattet ist, während dem Durchschnittsrussen offenbar die Fähigkeit abging, sich klar zu machen, was das Hauptziel des Oberfeldherrn war. — Es hat gewiß auch bei/uns nicht an Leuten gefehlt, die sich über die streng vorgeschriebene Grenze bewegen zu können oder zu müssen glaubten. Wir erinnern an den General Friedrichs des Großen, der ungehorsam war und erklärte, daß er nach dem Kampf dafür fernen Kopf zur Verfügung stelle, oder an den General, dem man trotz seiner angesehenen Persönlichkeit das unnötige Blutvergießen bei Beginn des deutsch-französischen Krieges nicht straflos durchgehen ließ, obgleich er siegreich war. Diese Männer waren erstens keine Bsiderlings oder Kaulbars und sie gingen keineswegs immer straffrei aus.
Die Lehre, die das Verhalten der russischen Generale bietet, ttf die,, daß die Initiative gefährlich ist, wenn dem Offizierkorps prcht dre Befähigung gegeben ist, den Grundgedanken der Opera- ttonen klar zu verstehen, und wenn die Offiziere sich gegenseitig iMe Stellungen neiden, statt dem Feinde gegenüber an gemeinsamem Sttange zu ziehen. Herrschen derartige Verhältnisse, so ist der Oberkommandrerende besser daran, der über blind gehorchende, maschinenmäßig verfahrende Offiziere verfügt, als derjenige, der ein in Dünkelhaftigkeit groß gewordenes und dabei von dem Rechte der Jnittative überzeugtes Offizierkorps unter sich hat. Noch etwas anderes lehrt allerdings Kuropatkins unglückliche Stellung seinen kommandierenden Generälen gegenüber. Nach Sandepu drohte der im Stich gelassene Oberbefehlshaber einmal mit einem Kriegsgericht- Er drohte aber nur und hat damit den Beweis geliefert, daß der Bureaukrat — ein solcher war Kuropatkin, der frühere Kriegsminister — schlecht geeignet ist, mit den rauheren Elementen der Feldosfiziere fertig zu werden. Weshalb statuierte er nicht ein Exempel, statt sich weiter aus der Nase tanzen zn lassen? Wäre „Papa Linjewitsch" der Ober-
komüiandierende gewesen, so würde die Uudisziplsir der höheren Offiziere , bald ein Ende mit Schrecken gefunden haben. Die russische Armee wäre dann vielleicht um einige <3e» neräle ärmer geworden, sie hätte vielleicht auch einige intelligente Köpfe eingebüßt, aber sie würde in der Hand des greisen Haudegens eine Waffe gebildet haben, die wenigstens dorthin traf, wohin sie schlagen sollte, und die fest in der Hand des Führers lag. — Das mißverstandene Gefühl, zur Initiative berechtigt zu sein, hat zusammen mit der Unentschlossenheit des Oberkommandierenden den Unbotmäßigen gegenüber nicht anders, wirken können, als es wirkte. Der Sieg der Japaner war nicht' nur der Sieg der höheren über die geringere Intelligenz, er war auch, wie aus der Schilderung Kuropatkins deutlich zu ersehen ist, der Sieg der festgefügten, tadellos in allen Teilen! ineinander eingreifenden Maschine gegenüber dem klapperigen Gestell.
Rußland wird erst dann wieder über eine festgefügte, brauchbare Armee verfügen, wenn es seinen Ofstziercn ein höheres. Pflichtgefühl eingeimpft hat. Das lehren die Klagen Kuropat- kins. — Fahnen, Berufung aus eine ruhmreiche Geschichte und Hurras sind nicht die Triebfedern einer zum Siege berufenen Armee. Der wahre Siegeszauber sitzt im Innern des tzerzyrs des Volkes. -
Kundert Jahre KssSeleuchtnugo
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Es ist uns Kindern des modernen Lebens oft gar nicht mehr möglich, uns vorzustellen, wie die Menschen dereinst ohne alle die „unentbehrlichen" Hülssmittel der Beletuh- tungstechnik fertig geworden sind, und doch find int gegenwärtigen Jahre 1907 erst gerade 100 Jahre vergangen!, seitdem zum erstenmal in einer Stabt Gaslaternen auf der Strasse brannten und ein Licht verbreiteten, das unser von Bogenlampen und Glühstrümpfen verwöhntes Auge zwar heute sehr lieblos als eine „schauderhaft traurige Beleuchtung" bezeichnen würde, das aber dereinst gegenüber den alten Oellampen und Talgkerzen wie ein feenhaftes Wunder, wie eine Offenbarung wirkte. Kein anderer unter den vielen späteren Fortschritten in der Beleuchtung wurde so gewaltig, so nachdrücklich empfunden wie der Uebergang von der Oellampe zur Gaslaterne.
London darf sich rühmen, die erste Stadt gewesen zu sein, die vor nunmehr gerade 100 Jahren das Wunder der öffentlichen Gasbeleuchtung verwirklichte. Aber einer unserer Landsleute war es, dessen Köpf die Idee zu diesem! kolossalen, damals phantastisch scheinenden Fortschritt entsprang, ein Deutscher, Namens Albert Winzer aus Znaim in Mähren, der seinen Namen in England allerdings in! Winsor umwandelte. Zwar hatte schott 1786 Lord Tun- donald und 1792 der Schotte Murdoch brennbares Gas künstlich hergestellt und im Laboratorium zur Lichterzeugung verwendet, zwar waren vereinzelte Gebäude in Amerika schfm seit 1801 (durch Henfrey), in England seit 1803 (durch Murdoch) systematisch mit Gasbeleuchtung versehen worden, aber erst Winsor alias Winzer faßte 1804 den fruchtbaren Gedanken, solch künstlich erzeugtes Gas für den Zweck der Straßenbeleuchtung zu verwenden. Er liess sich in England die von ihm erdachte Methode durch ein Patent schützen, sand aber zunächst gar keiit Verständnis für feine kühne Neuerung. Walter Scott erklärte den Erfinder, der die Straßen Londons mit „Rauch" erleuchten wollte, einfach für „verrückt"; andere berühmte und gelehrte Briten, ein Fachmann tote Humphry Davy voran, behandelten Winsors Idee nicht viel besser, und doch drang diese ziemlich schnell durch, denn schon am 28. Januar 1807, also vor 100 Jahren, leuchtete die eine Seite des Pall Mall, der Straßenteil zwischen dem St.-James-Palast und der Cockspur-Street, zum erstenmal int „Glanz" der neuen, zunächst itött) reichlich primitiven Gaslaternen. Das staunende Publikum begrüßte die fabelhafte Neuerung mit Jubel, und schon 1816 war die Gasbeleuchtung in ganz London verbreitet.
Der ungeheure technische Fortschritt wurde, hauptsächlich durch die neugegründete „Imperial Continental Gas Association", rasch auch auf den europäischen Kontinent übertragen. Schon 1815 wurde die Gasbeleuchtung auch in Paris eingeführt, nachdem bereits 1811 ein Teil der Stadt Freiberg i. S. durch Prof. Lam-padius damit beschenkt worden toar. Int übrigen Deutschland dauerte es freilich noch längere Zeit, bis die Bestrebungen der englischen Gesellschaft festen Fuß faßten und die neue Erfindung sich einbürgerte. Als erste deutsche Stadt (nach Freiberg) erhielt 1825 Hannover Gasbeleuchtung: im nächsten Jahr folgte Berlin nach. Hier erstrahlten die „Linden" am 19.


