Ausgabe 
16.3.1907
 
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'gediehen, als es wieder an der Korridortür klingelte, ganz leise und schüchtern, und Lene erschien:Eine Wirtschafterin!" Sie sagte das in einem Ton, der verraten sollte, wie wenig sie sich vor dieser Bewerberin stirchtete. Und sie hatte recht: was da auf der Schwelle zwischen Vorzinuner und Arbeitszimmer er­schien, war ein richtiger Koboldstreich der Natur. Ein Mädchen oder Frau von ganz unerkennbarem Alter. Sie konnte ebensogut zwanzig wie vierzig Jahre alt sein. Sie war so lächerlich häß­lich, daß man durch die Häßlichkeit kaum bis auf den eigentlichen Menschen hindurchsah. Klein, schief in den Schultern, und so mager, denn ihre dünnen Fähnchen hingen ihr am Leibe wie einer Malerpuppe. Dazu ihre Haltung, so sklavisch verprügelt, als wollte sie in sich selbst hineiukriechen. Eine kleine, abge­plattete Nase saß ihr wie um Erbarmen flehend zwischen zwei furchtbar pockennarbigen Wangen. Die so malerischje Berliner Wendung:Mit'm Jesichte uff'n Rohrstuhl jesessen", reichte nicht zu, um dieses Gesicht zu schildern. Aber bei aller verhungerten Dürftigkeit war sie sauber gekleidet; nur so entsetzlich dünn: mich fröstelte, als ich sie ansah. Ich wollte sie sogleich weg­schicken, aber ich fand dieser Jammergestalt gegenüber nicht das richtige Wort. Auch sie stand eine kleine Weile auf der Schwelle und sagte nichts. Die Arrne hielt sie unter einen! dünnen schwarzen Umschlagetuch. Und dann mit einer ängstlichen Stimme in merkwürdig gutem Deutsch mit reiner Aussprache:Herr -Professor, ich habe Ihre Anzeige in der heutigen Mvrgenzeitung gelesen und und bin nun hier".

Ja, hier war sie nun, aber was sollte ich mit dieser Vogel­scheuche? So häßlich verlangte selbst die Rätin sie nicht. Ich sah sie mir noch einmal ordentlich an. Sie hielt meinen Blick bescheiden aus und erwiderte ihn mit einem so' flehentlickMn Augenaufschlag, daß es mich ganz weich überlief. Sie hatte braune Augen, groß, wie die eines jungen Rehs; nur lagen sie ihr unheimlich tief in dem verhungerten bleichen Pockennarben­gesicht. Daß sie kleine weiße Zähne hatte, wußte ich, seit sie die .ersten paar Worte gesprochen.

.Wie heißen Sie denn?"

-Cäcilie Wirzbinska, aus Jnowrazlaw, Herr Professor." Cäcilie Wirzbinska; auch das noch! Aber ich wollte mich diesmal nicht durch die vielen Zischlaute täuschen lassen, wie früher durch die Liquidä. Mußte ich sie fortschicken, so sollte .eS mit gutem Grunde geschehen.Geben Sie mir Ihr Buch."

Ach, gnädiger Herr Professor, ich habe noch ckein Buch; ich habe noch nie gedient. Ich habe zuletzt in einer Schürzen- fabrik gearbeitet."

Und da wollen Sie nun auf einmal einen Posten als Wirt­schafterin annehmen?"

Ach ja, gnädigster Herr Professor. Ich habe bis vor einem Jahr bei meinem Bruder auf der Sägemühte die Wirtschaft ge- ftihrt, für ihn und zwei Leute. Ich verstehe gewiß alles." Und wieder der große, Mitleid erflehende Blick.

Warum sind Sie denn nach Berlin in eine Fabrik ge­gangen?" Sie schwieg und senkte die Augen.

Und warum haben Sie nicht wenigstens ein Papier, wenn auch nur eins von Ihrem Bruder?" -Wieder keine Antwort.

Ja, wenn Sie nicht reden wollen, dann können Sie eben- sogut gleich gehen!" und ich wies sie ärgerlich nach dem Vorzimmer.

Ach, gnädigster Herr, gnädigster Herr, behalten Sie mich doch! Ich verstehe ganz gewiß alles, was so einzelne Herren brauchen; mein Bruder war zwei Jahre Witwer, und ich habe ihm sogar die Magd erspart. Seit Wochen lause ich umher nach einer Stelle und finde nichts. Und es ist! so bitterlich kalt draußen, gnädigster Herr Professor. Und niemand will mich, weil weil

Natürlich will dich niemand mit dem Gesicht, dachte ich. Wer laut sagte ich zu ihr:Wenn Sie wir aber nicht einmal meine einfachen Fragen beantworten, wie soll ich mich dazu ent­schließen, eine mir unbekannte, durch niemand empfohlene Person in mein Haus zu nehmen?"

Cäcilie Wirzbinska öffnete die bleichen Lippen, sprach iabest kein Wort. Jedoch nahm etwas anderes jetzt für sie das Wort: unter dem schwarzen Umschlagetuch hervor schrie es mit einmal aus, daß ich pvr Schreck in die Höhe spriang. Dann wieder und wieder - und dann hörte es überhaupt nicht mehr! lauf: ein ausdauernd festgehaltener, immer zur rechten Zeit erneuter Schrei.-. Dies war selbst meiner Lammesgeduld zu toll. Hatte diese Magers Vogelscheuche sich ein schreiendes Kind mitgebracht, jedenfalls ihr! eigen Kind, und damit wollte sie sich vermieten!

Was haben Sie denn da?" und ich ging zornig auf sie zu. Sie sank in die Knie und wimmerte:Äch das ist mein Männe, gütigster Herr, mein armer, süßer Männe".'

Und Sie wagen es" ,

Wohin sollte ich mit ihm? Niemand will mich haben mit dem Knaben. Auf der Straße erfriert er mir, und Nahrung habe ich nicht mehr für ihn. Behalten Sie mich, um Gotteswillen, gnädigster Herr, um Christi Barmherzigkeit, gnädigster Herr Prv- sessor! Er ist ein so! dfttiges Kind, Sie sollen ihn nie zu hören, nie zu sehen bekommen. Er schreit sonst nie, wirklich nie!"

Ter Balg schrie lauter dls ferne Mutter sprach. Sie ver­suchte, ihn zur Ruhe zu schmeicheln, zu wiegen, -aber vergebens.

Ach du lieber Gott, du lieber Gott, er hat heute noch nichts! zu trinken bekommen, da ist er hungrig, der arme süße Männe.

Bloß ein Stückchen Milchzucker hatte ich noch für ihn. Ich will ja keinen Pfennig Lohn haben, bloß einen Winkel, wo ich mit dem Kinde bleiben kann, und nur so viel zu essen, daß ich ihn nähren kann."

Ist das Ihr Junge? Sind Sie denn verheiratet?"

Sehen Sie, gnädigster Herr," sie war aufgestianden und sprach jetzt ruhiger, während die Tränen ihr Über die Wangen strömtenmein Bruder hatte für seine Sagemühle einen Bnchi-. Halter, einen so guten, ordentlichen Menschen, und ich ... . und dann verlobten wir uns, mein Bruder war einverstanden, und! es tat ihm bloß leid, daß ich ihm nicht mehr sollte die Wirtschaft führen können. Aber dann sagte er, er wolle später zu uns ziehen, wenn wir ihn haben wollten, und natürlich wollten wir ihn haben, und alles War besprochen, und dann bekam Karl, das wftr mein Bräutigam, die Pocken, und gleich darauf! bekam ich sie auch, und als ich wieder gesund geworden, da wast Karl schon begraben." Sie schluchzte laut.Und dann so! ein halbes Jahr darauf jagte mich mein Bruder aus dem Hanse, .und .... ein paar Wochen später, hier in Berlin, kam meint "armer kleiner Männe."

(Fortsetzung folgt.)

Einige Lehren ans KurspuMus Geschichte des russisch-japanischen Krieges.

Von einem alten preußischen Offizier. (Aus derFrkf. Ztg.")

Nach den Auszügen zu urteilen, welche aus dem Buche des Generals Kurvpatkin über die Niederlage der russischen Armee veröffentlicht worden sind, erkennt Kuropatkin in der Kriegs- begeisterung der Japaner einerseits und in der Jntereneloftg- keit der Russen am Kriege eine der Hauptursachen der ^Nieder­lage. Die russische Armee, sagt er, habe nicht verstanden, um was es sich in dem großen Kriege handele. Das konnte sie nicht verstehen, weil die russische Armee, trotz der fast unglaub­lichen Ueberschätzung durch deutsche Militärs, eme ungebildete sklavische Armee war. Diesen wahren Grund der Niederlage hat Kuropatkin offenbar immer noch nicht ganz erkannt, und wir können dies auch kaum von einem Russen erwarten, wenn noch bei Beginn des .Krieges deutsche Sachverständige gerade ut diesen sklavischen Verhältnissen eine Hauptstärke der Russen er­kennen zu müssen glaubten.

Als ich aus den Boxerwirren zurückkehrte, hatte ich Gelegen­heft, mit einer Anzahl kluger deutscher Offiziere über die russische Armee zu sprechen, und sand diese Herren zu meinem maßto| en Erstaunen der Bewunderung voll für das russische Heer, und noch in seinem soeben erschienenen Werke über die gelbe Ge­fahr spricht General der Infanterie v. Lignitz es offen aus, daß man vor dem Kriege das russische Heer für das beste ge­halten habe. Der General kann in der Tat verallgemeinernd diese Ansicht als damals allenthalben gültige hinstellen, jeden­falls soweit die große Mehrzahl der deutschen Offiziere in Be­tracht kam. In Ä'er von mir erwähnten, Diskussion nützte es mir nichts, daß ich darauf hinwies, daß die Russen immer noch an dem veralteten Salvenfeuer der Infanterie festhielten, von dem Caprivi vor Jahren behauptet hatte, daß es mir ein Zeichen mangelhafter Ausbildung sei. Es half nichts,, daß ich mich auf die Aeußerung eines russischen Offiziers berief, der ausdrück­lich zugab, daß die Salven beibehalten würden, weil man bei Schützenfeuer die Leute unbedingt aus der Hand verlieren werde Daß dieses Geständnis der Einräumung herrschender Jndisziplin gleichkomme, fuurbe glattweg bestritten. Disziplin! Keine Armee der Welt könne sich einer derartigen Disziplin rühmen wie die russische. Hatten nicht einige der Herren Ge­legenheit gehabt, mit eigenen Augen zu sehen, wie em betrunkener russischer Hauptmann vor versammelter Mannschaft einem Unter­offizier die Rangabzeichen abriß und ihm hinter die Ohren schlug, nur um zu zeigen, daß er sich mit seinen Untergebenen alles erlauben könne? Das war noch Disziplm! Bei rms müsse jeder mit Glacehandschuhen angefaßt werden. Meme Er­widerung, daß man es dahin bringen müsse, daß uberhaupr nicht Mehrangefaßt" zu werden brauche, trug mir eine Ant­wort ein, die gleichzeitig wahrs-cheinlich ein Hieb auf 'das von mir vertretene Blatt sein sollte; sie lautete:.Ja, so demt ihr Demokraten!" Ich quittierte mit einem ruhigen:Sehr richtig bemerkt". Ein einziger der anwesenden Ofsiziere nahm wah­rend der Unterhaltung nicht gegen mich Partei. Er schwieg Mw kam nachher zu mir, um mir zu sagen, daß er meme Ansichten vollständig teile. Ich fragte ihn nicht, weshalb er muh nicht bei dem Gespräch unterstützte. Ich! weiß aus eigener Erfahrung, was es für einen aktiven Offizier heißt, ist den Verdacht zu kommen einNeuerer" zu sein. Wenn ich diese Unterhaltung hier erwähne, so geschieht dies, um darauf aufmerksam zu Wachem daß die Klagen Kuropatkins auch! für unsere Armee außerordentlich lehrreich find. Die russische, so wohldisziplirnerte Armee ver­sagte vollständig. Diese tapferen Soldaten, die sich unter weniger ernsten Verhältnissen ruhig prügeln ließen mid dadurch erneu > merkwürdigen Beweis für ihren unbeugsamen Gehorsam UeferteM liefen im Gefecht aus den Schützenlinien weg,unter, dem Vom wände, Verwundete zurückzubringen, od« mich ohne, jedm x>ot* wand . Dieser Zusammenbruch ver Knutendrsziplin ist die Kugr