Ausgabe 
16.3.1907
 
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Wem Wanne.

Eine Novelle von Eduard Engel.

Nachdruck verboten.

Der letzte Tag int März war angebrochen, Gott sei Dank! Der letzte Tag, an dem die greuliche Person ihren Dienst als Wirtschafterin bei mir versah. Lene Weilen hieß sie. Ein linder, weicher Name, gleitet wie Oel über die Zunge, ganz nnd gar aus flüssigen Lippen- und Zungenlauten zusammengesetzt.Li­quida" nennen wir dergleichen in der Philologie, und diese un­glückseligen Liquida waren es vornehmlich gewesen, die mich vor einem halben Jahre dazu bestimmt - hatten, die Person zu mieten, als meine jüngste Schwester ihrem Pastor-Liebsten nach Thüringen an den eigenen Herd folgte.

Ich hätte mich sollen warnen lassen! Sie hatte bis da­hin nur alsStütze Her Hausfrau" gedient und wollte es nun, da sie. Berlinisch gesprochen,hoch in den Neununddrcißig" stand, als Wirtschafterin bei einem älteren Herrn versuchen. Ich hätte mich nicht zum Versuch hergeben sollen. Sie war grundhäß­lich, und wahrscheinlich hatte die ein Stockwerk unter mir woh­nende Fran Konsistorialrätin mir deshalb zugeredet. Eine lang­weilige, ganz ordinäre Häßlichkeit, von der inan kaum zu sagen wüßte, worin sie eigentlich besteht, über die man sich nicht einmal rechtschaffen ärgern kann. Sah ich sie zufällig beim Wen an, was ich aber nach Möglichkeit vermied, so schmeckte mir alles flau.

Also Lene Weilen hieß sie und war dennoch so unverschämt und kratzbürstig, als sei ihr Name aus lauter Zisch- und Kehllauten zusammengesetzt. Ich war machtlos gegen sie, nnd ich litt un­säglich, als Mensch wie als Philologe. Als Philologe viel­leicht am meisten. An demselben zweiten Oktober, an dem sie in meine Küche eingezogen war, hatte ich an der Prcisschrift der Akademie zu arbeiten begonnen. Eine wundervolle Ausgabe, als hätte ich sie mir selber nach meines wissenschaftlichen Herzens geheimsten Gelüsten gestellt:Ueber den Zusammenhang zwischen Denken und Sprechen". Seit einem Menschenalter, jedenfalls seit meiner Professorschaft an der Berliner Universität, hatte ich neben allen Sanskrit, Prakrit und anderen orientalischen Studien immer auf dieses eine Ziel losgearbeitet. Welch einen Schatz von Lesefrüchten aus allen Literaturen hatte ich in den Schubfächern meines Schreibtisches aufgespeichert! Welche Be­obachtungen an mir und meinen Kollegen, Freunden und Be­kannten! Selbst die Frau Konsistorialrätin im dritten Stock hatte herhalten müssen. Es konnte mir gar nicht fehlen: in wenigen Monaten mußte das Preiswerk vollendet sein. Auf die paar tausend Mark des Preises kam es mir ja nicht an, da­für war gesorgt; aber int Wettkampf mit den Gleichstrebenden die erschöpfendste Antwort zu finden auf die so wichtige Frage: ob ohne Sprache ein Denken möglich sei? eine natürlich mit unmöglich!" zu beantwortende Frage das sollte mich iticht reizen?

Es konnte mir, wie gesagt, nicht fehlen. Aber es fehlte mir, und sehr. Die Lene war daran schuld; nach wenigen Tagen war mir das klar geworden. Ihre Häßlichkeit hätte ich ihr verziehen, die mußte sie mit sich abmachen. Auch ihrer spitzigen Unverschämtheit konnte ich durch Schweigen die ärgsten Spitzen abstumpfen. Aber nun ihre unmenschliche Dummheit! Mit der ging es merkwürdig ähnlich wie mit ihrer Häßlichkeit: man wußte nicht recht, worin sie eigentlich bestand, oder vielmehr worin sie nicht bestand. Mir kaut cs vor.

als gebe es zwischen Denken und Sprechen dieses Ge­schöpfes keinerlei Zusammenhang, und da sie doch nicht gerade idiotisch zu nennen war, so geriet ich in die peinlichsten Zweifel an meiner wissenschaftlichen Ueberzcugung. Wie sollte ich da mit Eifer an meiner Preisarbeit schaffen?

Das Erstaunlichste aber an ihr war ihre Phantasie. Sie konnte mir keinen Brief bringen, ohne mir unverschämterweise ihre Vermutungen über den Absender mitzuteilen; Vermutungen oft so ungeheuerlicher Art, daß mir schwindelte. Dazu kam, daß sie in meinen Papieren auf dem Schreibtisch kramte und nach Belieben über meine Bibliothek verfügte, so oft ich den Rücken kehrte. Ich hatte ihr das aufs strengste einmal, zweimal, zehn­mal verboten. Beim elften Mal sagte ich ihr, sie sollte am 31. März sich packen. Sie nahm die Kündigung ruhig hin, besserte sich aber nichit. Ich setzte dann mehrer Mal eine Anzeige in dieVossische Zeitung", es kamen auch täglich mehr Bewer­berinnen um die Stelle, als mir lieb und meiner Preisarbeit förderlich war; aber aus übertriebener Vorsicht wartete ich und wartete so lange, bis das Ende des März dicht vor der Tür stand nnd die Bewerberinnen spärlicher wurden und schließlich aus­blieben.

So war denn der 31. März da und noch hatte Lena Weiler keine Nachfolgerin. Sie triumphierte. Wahrscheinlich dachte sie, ich würde sie nun int letzten Augenblick zum Bleiben auf­fordern ; denn an diesem ihrem letzten Morgen in meinem Hause war sie von unheimlicher Freudigkeit und schwatzte auch merk­lich weniger dummes Zeug als seit Monaten. Sie Ivußte nicht, daß ich fest entschlossen war, sie keinen Tag länger zu be­halten. Im schlimmsten Fall ging ich für ein paar Wochen ins Pastorhaus nach Thüringen; -Osterferien hatte die Uni­versität schon seit einer Woche, und die Bibliothek konnte ich entbehren; mein Material zu der Preisarbeit war vollständig beisammen. Erst nur die entsetzliche Person mir aus den Augen!

Ein bitterkalter Tag, jener 31. März. Ein trockener, eisiger Ostwiud, Berlins grausamste Winterplage, peitschte die Pots- damcrstraße entlang, an deren südwestlichem Ende, gegenüber dem Botanischen Garten, ich wohnte. Anßer den zur Stadt trippelnden Kindern mit blauroten Nasen und Ohren kaum ein Mensch unten zu sehen um biefc achte Stunde. Selbst die Pferdebahnwagen von und nach Schöneberg fast leer, ihre Verdecke ausgestorben. Beinahe jammerte mich sogar die Lene, wenn ich pachte, heute müsse sie in diesen grimmigen Frostwind hinaus. Sie hatte mein Arbeitszimmer so ganz besonders inbrünstig heute ge­heizt, so rücksichtsvoll verständig wie nie zuvor in diesem langen Winter, in dem ich sie nie dazu hatte bringen können, sich nach dem Thermometer draußen am Fenster zu richten. Irgend ein System befolgte sie bei ihrer Heizung, aber welches? das hatte ich in den sechs Monaten nicht herausbekommen.

Am Morgen des 31. März hatte die achte Beilage der Sonn- tagnummer der Vossischen Zeitung noch tinmal meine Anzeige gebracht. Bis zum Spätnachmittag wollte ich mich gedulden; sobald dann Seite das Haus verlassen hatte, wollte ich zum Anhalter Bahnhof fahren und abreisen. Gegen neun Uhr mor­gens meldete sich ein Mädchen sehr jung und hübsch. Nahm ich dergleichen in mein Haus, so war es mit meinem Verkehr, in wohlanständigen Familien zu Ende; dafür hätte die Kon« sistorialrätin schon gesorgt. Ich sagte dem Mädchen also, sie sei mir zu jung und zu hübsch, worauf sie rot vor Vergnügen sich empfahl.

Ich war ungefähr bis zur sechsten Beilage der Tante Voß