Ausgabe 
16.2.1907
 
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Kus dsn Letzten Tagen ein r Monarchie.

Wie König Karl X. von Frankreich die Krone verlor.

ven Sterbenden nur als Ausfluß ihrer leidenschaftlichen Liebe für ihn auf. Eine dumpfe Resignation packte ihn.

Ich mutz zu ihr halten, ich habe kein Recht, sie jetzt zu verlassen, da ich sehe, wie sehr sie mich liebt!" dachte er, den Zwiespalt seines Empfindens mit schneidendem Weh verspürend.

Er mutzte abwarten, ob die lange Trennungszeit, die ihnen durch seine Festungsstrafe für das Duell bevorstand, ihre Ge­fühle abschwächen würde und er dann den Mut finden durfte, mit raschem Schnitt das Band dieser sündigen Liebe zu zer- schneiden.

Für's Erste trat nun der Abschiedsschmerz m fein Recht. Ihm schien's, ol§ ginge sein Leben in Stücke mit dein letzten Kuh, den er auf die geliebten, sehnsüchtig an seinem Mnnde hängenden Frauenlippen drückte.

Dann suchte Hannas Rechte bett kleinen Gummiball und der Kutscher brachte auf das gegebene Zeichen hin die feurigen Rappen augenblicklich zum Stehett. Der junge Offizier schwang sich aus dem Wagen und entfernte sich rasch im Dunkel der Promenadenanlagen. Die Dämmerung war so schttell gesunken, wie sie an Wintertagen sinkt, sobald die Sonne untergegangen ist. Noch brannten nur vereinzelt die Straßenlaternen.

In dem schlanken, dunkel gekleideten Zivilisten, der ge- senkteit Hauptes, den weichen Filzhut tief iu die Stirm gedrückt, durch die schlecht beleuchteten Anlagen schritt, erkannte keiner der ihm begegnendeit Passanten, den Freiherrn voit Tressen­berg, um dessen Person sich doch heut, neben der seines ster­benden Gegners, das Hauptinteresse aller Bewohner der Stadt drehte.

platz. Dort hielt soeben auf schweitzbedecktem, zitterndem Pferde ihr Bruder Dietrich.

Mit einem Satz schwang er sich aus dem Sattel und über­gab, lebhaft sprechend und gestikulierend, das völlig erschöpfte Pferd einem wohl vom Diener rasch herbeigerufenen Reitknecht.

lFortiekung folgt.)

VII

Marga von Tressenberg stand anr Fenster des Lotzwitzer Wohn­zimmers und amüsierte sich über ein Völkchen Spatzen, dem sie fachen ein paar Semmelkrumen vout ttachmittäglichen Kafsee- tisch auf den gefrorenem Borplatz gestreut hatte. Der Frei­er saß, von der Gickst geplagt, in einem tiefen Lehnstuhl am anbei en Fettster und schalt nörgelnd über die Unvernunft der Tochter, das Diebsgesindel, welches seinen besten Weizen nicht respektierte, noch durch den Winterizu füttern.

Das ist nun wirklich nicht der Rede wert, Georg Werner!" meinte die Freifrau, in einem Korbe mit Wollknäueln eine bestimmte Farbe suchend,ob sie die paar Krumen bekommen oder nicht, im Sommer sind sie doch gleich zahlreich an Ort und Stelle."

Na, natürlich, du mußt doch immer widersprechen, sooald ich was sage!" entgegnete der Alte giftig.

Marga hätte sich am liebsteit die Ohren zugehalten. Ste vertrug diese ewigen Nörgeleien schlechter denn je, seit ihr Herz von so zarten inneren Gefühlen beseelt war. Jeder Mißklang, der von außen in die zuversichtliche friedliche Stille ihres Inneren drang, schmerzte sie wie eine Entweihung des Allerheiligsten. Sie lebte in einer Art Tranmzustcmd. Alle unangenehmen Gedanken wehrte sie von sich ab, sie wollte ganz uttgestört ihrem träumerischen, sützen, heimlichen Glücke leben.

Hannas Brief hatte seine Wirkung verfehlt; zwar hatte der giftige Pfeil darin ihre Seele gestreift, aber dauernd verletzt hatte er sie nicht. Walter stand ihr so hoch, datz an feilt Tun teilt Tadel und kein Zweifel heranreichte. Er würde schon triftige Gründe haben, daß er mit seiner Werbung so lange zögerte.

Der Freifrau war das stille verträumte Wesen der Tochter, ihr zärtlich glücklicher Gesickstsausdruck nicht entgangen. Sie triumphierte. Da Margai niemals beunruhigt ober schuldbewußt aussah, vermutete sie sehr richtig, daß der Mann ihrer Liebe, denn daß sie liebte, lag klar zutage, der Zustimmung ihrer Ellern sicher sei. Daher war sie jetzt öfter versöhnlicher gestimmt gegen die Tochter, die ihr doch ewig fremd bleiben würde, ihr nie die Tiefen ihres Empsindens erschloß.

Hat der Postbote keine Briefe gebracht?" fragte sie jetzt Wit ihrer lauten, harten Stimme, Joachim könnte auch wieder mal schreiben. Hast auch du keine Nachricht aus St., Marga?"

Das blonde Mädchen wandte ihr langsam das Gesicht zu. Unbeherrschbares Rot flutete über ihre Wangeii.

Rein, Mutier! Hanna schrieb sehr lange nicht und wer

*) Karotine, Prinzessin beider Sizilien, 1798-1870, ver­mählt 1816 mit Ferdinand, Herzog von Berry, zweitem Sohne Karls X 17781820. . ....

**) Ludwig, Herzog von Augoulome, 17751864 ältest« Sohn des Königs Karl X.vermahlt kinderlos feit 1 99 mit seiner Cousine Maria Therese, Tochter Ludwigs XVI. und der Maria Antoinette.

sollte mir sonst von dort schreiben?"

Briese sind überhaupt seit Tagen nicht gekommen", mischte der Freiherr sich ein,wenn du nicht etwa diese vermaledeiten Preiskataloge und Rellamesachs als solche rechnest. , Was sehnst du dich nach Briesen? Mir ist viel wohler, wenn ich so wenig « wie möglich von meinen Herren Söhnen damit belästigt werde. | Na an!" er führ so heftig in seinem Stuhl empor, daß er laut j stöhnend vor Schmerz zurücksank,was ist denn das?" s

' Mch Maigas Blicke wandten sich erschrocken aus den Bor- |

Es gibt Geschichtsforscher, die sich mit Vorliebe bei der Frage aufhalteii, welchen Gang die Dinge wohl genommen hätten, wenn dieses oder jenes Ereignis nicht eingetrossen wäre, wenn dieser ober jener Mann statt seines Entschlusses einen anderen gefaßt hätte. Ohne die Nützlichkeit der historischen Kritik an sich zu leugnen, darf doch die Unfruchtbarkeit solcher Art ihrer Anwendung be- bauptct werden. Man kann einen französischen Schriftsteller, den Vicomte de Reiset, nicht ganz von dem Vorwurfe sreisprechen, dieser Schule anzugehören. Er hat jetzt ein fleißiges und umsang- reickes Buch über die Herzogin von Berry*) veröffentlicht, die 'ehrgeizige und tapfere Mutter des Grafen von Chambord, die Frau, die sich beim Zulammenbruche des Thrones der Bour­bonen im Jahre 1830, nach dem berühmten AuZspruche euteS Zeitgenossen, «cks der einzige Mann in der königlichen Familie erwies. Und er versucht bei der Schilderung dufts Zusammen­bruches, den Belveis dafür zu erbringen, daß Karl X. von ti-rmit» reich seine Krone nicht verloren hätte, wenn er mehr Energie und Kühnheit gezeigt hätte. Mau erkennt vielleicht den Zusammen­hang der Ereignisse, die stetige Fortentwicklung der Schicksale der Völker richtiger, tuen» man einzelnen Zufälligkeiten Nicht mehr als eine scheinbare Bedeutung zuerkennt.

Trotzdem ist gerade das Kapitel des Werkes des Vicomte de Reiset am interessantesten, in dem er schildert, wie völlig ahnungslos König Karl X. durch den von ihm selbst herauf- beschworenen Sturm überrascht wurde, der seinen Thron sori- fegte. Familicupapiere setzen de Reiset hier in die Lage, mancyen bisher noch nicht bekannten Zug seiner Darstellung einzufugen. Es iuaren, wie der Leser weiß, die berüchtigten Ordonnanz-est des Ministeriums Polianac, über die das nach der Sßertreibung Napoleons wieder a'ufgerichtete bourbonische Königshaus zum zweiten Male siel, aber oieje Ordonnanzen waren schließlich dorn nur der Tropfen, der das Gefäß zum Ucberlaufen brachte Langst war die Erbitterung gegen das Königtum in ständigem Wachsen; sie war so mächtig, daß sogar die Nachricht von der Eroberung von Algier, als sie am 9. Juli 1830 eintraf und im Opernh mse wahrend der Vorstellung bekannt gegeben wurde, mit eisiger Gleichgültig­keit ausgenommen ward. Am 26. Juli morgens standen die Or­donnanzen im offiziellenMoniteur". Sie verkündeten Aoauderuug des Wahlgesetzes, Aiifhebuug der Verfassung, Unterdrüaung der Preßfreiheit und Auslösung der Kammer. Der m Samt-Cloud residierende König dachte so wenig an gefährliche Folgen dieses Schrittes, daß er sich,- wie gewöhnlich, aus die Jagd nach Ram­bouillet begab, und nicht einmal den militärischen Besehls- hab.er von Paris, den Marschall Marmont, Herzog von Ragum, von der Veröffentlichung vorher hatte in Kenntnis setzen Ulfen. Die erste Wirkung trat dadurch zu Tage, dag o>.e Rente an der Mittagsbörse um vier Franken siel. Als der König es nach seiner Rückkebr erfuhr, äußerte er zuversichtlich:Die Rente wird schon wieder'steigen!" Die Nacht verlief noch ohne Sprung m der Hauptstadt, .aber der nächste Tag brachte bedrohliche Anzeichen des beginnenden Aufstandes, und schm am 28. xsuh mußte der Marschill Marmont tiach Saint-Cloud meloeu, daß es die Revo­lution sei, die sich vorbereite. .

In den Straßen von Paris entstanden Barrikaden In der glühenden Hitze des Hochsommers nahm der Kamps zwischen dem Volke und den Truppen bach einen inörderisckMi Charakter an, in der Rue de Rivoli warf man den Soldaten durch bte Fenster die Klaviere und Schränke aus den Wohnungen heraus auf die Köpfe. Der Donner der Geschütze, das Knattern der Gewehr: I imb das Geläut der Sturmglocken drang bis nach Samt-Cloud. Aber wenn sich der Lärm mit dem Sinken der Nacyt gelegt hatte, dann setzte sich der König so unbekümmert rote immer zum Whist an den Spieltisch vor beit offenen Fenstern der Terrasse, wahr mb sein Sohn, der Dauphin**), sich m einer Ecke . Salons zum gewohnten Schachspiele nicht minder friedlich mederlieR Und nachdem er sich hatte dazu bestimmen lassen, dem verhaßten Ministerium Polignac den Laufpaß zu geben und die Ordonnanzen zurückzuzieheit, glaubte der König, jede Gefahr beseitigt.

Doch in der Nacht vom 30. Juli gelangte plötzlich die Nach­richt nach Saint-Cloud, die Anführer wären zu einem UeberjaU auf das Schloß unterwegs. Der König, der sich, nach beeu beten Whistpartie, bereits seelenruhig zu Bett begeben hatte, mußte