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Mmschenseöen, die lüasn. .
Rowan von H. E h r Hardt, Verfasserin von „Mittellose Mädchen" Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
Er hängt mit seinen Blicken an ihr, als müsse er jede Einzelheit dieser bildschönen, lebensvollen Gestalt in sich auf- ' saugen," als ob sein entfliehendes Leben sich Kraft holen müsse von ihr, die seiner ersten Jugend Glück und Wonne gewesen. Sie sind allein im Zimmer.
„Hanna!" stammelt er, „Ihrer Güte übergebe ich das liebste, was ich hier zurücklasse, meine arme Mutter und Marga — ich weiß, Sie toerdeu sich ihrer annehmen. Weiß Gott, das Sterben wird mir leichter, weil ich Sie als Freundin der beiden geliebten Menschen weiß. Ihnen wird's gelingen, sie zu trösten. Und ich danke Ihnen jetzt, Hanna, für das, was Sie mir waren."
Er schwieg erschöpft.
Hanna ist lvie gelähmt. Sie fühlt nur eins. Der Manu vor. ihr ist ein Sterbender. Er stirbt von der Hand ihres Geliebten und in dem festen Glauben an ihre Reinheit und Güte.. Eine drückende Scham wälzt sich auf ihre Seele. Sie kann nicht sprechen; ihr Mund ist trocken, wie ausgedorrt, die Zunge klebt ihr am Gaumen. Sie starrt wie gebannt auf beit Sterbenden. In ihrem Kopfe kreisen die Gedanken und scheinen sich hinter ihrer weißen, Haren Stirn zu einem dichten Knäuel zu verstricken. Bis endlich ein eisiges Grauen sich allmählich aus dem wirren Knäuel losringt und ihr vom Kopfe aus lähmend zum Herzen kriecht. Eine große, schreckliche, fiebernde Angst überkommt sie. um den Geliebten. Der Sterbende ist vergessen, die jäh hervorbrechenden Kränen gelten einem anderen. Sie preßt das seidene Taschentuch an die Augen.
Der Sterbende sieht ihre Bewegung. Auf seinem fahlen verfallenden Antlitz liegt der purpurne Abendsonnenschein Wie ein Abglanz seines tiefen inneren Glücks. Marga würde geborgen sein bei dieser warmherzigen Freundin. Er hat nicht mehr die Kraft zu sprechen. Rote, wallende Schleier, aus Hannas Goldhaar gewoben, senken sich auf seine Augen nieder.
Sein Bewußtsein beginnt sich zu verwischen—laugst vergessene Bilder gleiten an ihm vorüber, Menschen, an die er nie mehr gedacht, tauchen vor ihm auf, Melodien aus der Kinderzeit klingen in seinen Ohren. Er hat ein friedliches Lächeln auf den Lippen, ein Lächeln, das scharf wie tue die große Gemütstiefe seines Charakters verrat.
Es klopfte leise an die Tür. Der junge Arzt trat über die Schwelle.
„Sie verzeihen die Störung, gnädige Frau, aber Ober- teutnant Schmieder muß jeden Augenblick mit dem Geistlichen eintreffen,"
Hanna hatte sich erhoben. Sie sah so blaß ans wie der Sehwerverwundete, über dessen Stirn sie. sich nun neigte. Er fühlte den Abschiedskusj nicht — die Pforten des Jenseits hatten sich ihm bereits geöffnet und wiesen seinem inneren Blick unermeßliche- lichte Fernen.
Doktor Werner begleitete die junge Frau zur Tür hinaus und legte im Flnr draußen den kostbaren Pelzmantel um ihre Schultern.
Sie wehrte entschieden seine weitere Begleitung ab, wie gehetzt floh sie die wenigen Stufen des Parterre hinab.
Vor der Tür wartete der Kutscher mit dem kleinen Coups, das ihr persönlich zu ihren Besorgungsfahrten gehörte. Der unentbehrliche Franz stand daneben. Die Straße lag öde in der frühen Dämmerung des frostigen Winterabends. Aus einem Rachbarhause klagten die abgerissenen Klänge einer Violine und formten sich zu der schwermütigen Melodie von Posecks Lieblingslied: „Ich kam vom Walde hernieder".
Hanna biß die Lippen zusammen, mit wankenden Knien schleppte sie sich vorwärts.
„lieber die Promenade nach Hause!" befahl sie rauh. Wie ihr graute vor der Rückkehr in ihr einsames Zimmer. Noch eine halbe Stunde fahren mußte sie wenigstens.
Franz, dessen hübsches Gesicht eine seltsame Befangenheit verriet, öffnete mit geübtem Griff den Wagenschlag. Er klappte hinter ihr zu. In das Geräusch mischte sich ein Aufschrei ans Hannas Munde.
In dem engen, dunklen Coups, vor dessen Fenstern sie vorher eigenhändig die blauseidenen Vorhänge zugezogen hatte, befand sich eine zweite Person.
„Hanna, mein geliebtes, mein süßes Weib!" flüsterte eine wohlbekannte, bebende, zärtliche Stimme, „ich habe auf dich ge- wartet, wer weiß, kann ich dich noch einmal sehen — ich darf eigentlich nicht ausgehen — bin in Zivil."
Fiebernd, aufgeregt, zitternd klammerte sie sich an ihn.
„Geliebter, ach, Geliebter, welches Wagnis!" stöhnte sie und die Angst schnürte ihr die Kehle zu, „jede Unvorsichtigkeit kann uns ins Verderben stürzen, lind wenn ich denke, du solltest einmal so daliegen, lute der dort oben —•"
Sie konnte nicht weiter, ihre Zähne klappten im Schüttelfrost aufeinander. Er küßte sie wild, leidenschaftlich, wie er sie im glühendsten Liebesrausch nicht geküßt. Dann zog er sie noch dichter zu sich auf seine. Knie,
„Hanna, Hanna", flüsterte er rauh, „was sind wir für ein paar elende Menschen. Ich weiß, daß Poseck stirbt, bei Gott, ich hab's nicht gewollt. Ich sage mir noch heute, daß es eine schreiende Ungerechtigkeit ist, daß ich es fein mußte, der mit meinem Leben zu sühnen hätte, daß ich mich so schwer an keinem Manne und a uch an dir versündigt habe. Ich sehne mich förmlich nach einer gerechten Vergeltung, nach einem Verrat, der mir die Last von den Schultern nähme, nach dem Tode, der mich völlig frei machen würde."
Ein Aufschlnchzen entrang sich ihrer Brust.
„Du sollst leben, leben für mich, mein Geliebter."
Sie brach in haltloses Weinen au?.
„Was gilt mir Walter Poseck? Mag er sterben. Warum hat er dich so schmählich beleidigt? Was hattest du ihm getan? Nichts! Und er war doch so häßlich zu dir
Sik wußte in ihrer Erregung kaum mehr, was sie an seinem Halse ^stammelte und Joachim faßte ihre herzlosen Worte über


