Ausgabe 
16.1.1907
 
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Haben Sie eigentlich schon die herrlichen, selbstgezogenen Hyazinthen Frau von Rössels gesehen, mein gnädiges Fräu­lein?" fragte der junge Offizier nach den üblichen Begrüßungs- Worten möglichst harmlos,nein? O, die müflen wir gleich zusammen bewundern, Sie werden vergessen, daß wir mitten in Eis und Schnee stecken."

Isa sah ihn verwirrt an. Aber als sie sein nun völlig unbewegtes Gesicht bemerkte, atmete sie erleichtert auf und sagte rasch:

Ja, gehen wir, mir ist gar nicht recht gut hier, die vielen Menschen verursachen mir Schwindel solche Massen- vergnügen sind nicht mein Geschmack."

Sie hatte sich schon bei den letzten Worten umgedreht und trat in das Nebenzimmer. Joachim folgte ihr.

Sie schritten durch das kleine, von einer rosigen Ampel überstrahlte Zimmer. Schweigend erreichten sie den Winter­garten, der durch geschickt verteilte farbige Lämpchen, die aus dunklem Blattgrün herausglühten, magisch beleuchtet wurde. Hinter ihnen klang das lockende Lied desRattenfängers", durch die Entfernung gedämpft, verwirrend süß und betörend, vor ihnen plauderte heimlich ein kleiner Springbrunnen in­mitten der buntfarbigen Frühlingskinder, die ihren betäubenden Atem den Eintretenden entgegen hauchten.

(Fortsetzung folgt.)

Max Liebermann.

Julius Meier-Graefe veröffentlicht im Januarheft der vor- züglichen MonatsschriftDie Kunst" (München, F. Bruckmann A.--G.) eine wertvolle Studie über Max Liebermann. Meier- Graefe erzählt, wie er im Sommer 1904 Liebermann gerade traf, als er sein Bode-Bildnis fertig machte.Als Bode gegangen war, fragte mich Liebermann, ohne daß ich mir darauf etwas ernbilden dürfte, denn ich glaubte, er stellt dieselbe Frage auch feinem Rahmenmacher:Na! wat meenen Sie? Js't jut'?" Worauf ich mir erlaubte, obige Reflexion (gemeint ist die in der Einleitung der Studie gegebene Meinung über die Qualitäten des Wildes und über das Verhältnis moderner zu alter Kunst) in geziemende Reime zu bringen. Er hörte mich etwa zehn Se­kunden an:

Hm! hm! nee Sie, hören Se uff! Wat ick wissen will, is: Js et ähnlich?"

ja, ähnlich ist es auch."

Auch? Sie, sind Se v'rr'ckt! Js et ähnlich oder nich ähnlich? Alles andere is"

Daran knüpfte sich eine der Diskussionen, die aus der Dämmer­stunde bei Herrn Liebermann eine unerschöpfliche Bewegung des Leibes und der Seele machen und geeignet sind, eine Kur in entfernten Badeorten zu ersetzen. Ich glaubte, die These aufrecht erhalten zu können, daß das Kriterium der Aehnlichkeit, weil außerhalb des Werkes liegend und tausend verschiedenen Aus­legungen unterworfen, unmöglich pro oder contra entscheiden könne, weil es ja nur zu zahlreiche Porträts gekrönter und anderer Häupter gibt, die ähnlich und doch durchaus nicht von der Art des Bodebildnisses sind. Wohl aber erscheine mir der Eindruck des Natürlichen,^ die, unumstößliche Möglichkeit des Aehnlichen unentbehrlich. Er (Liebermann) hingegen zeigte mir, daß, wenn es ihm nicht gelänge, den Bode so auf die Leinwand zu bringen, wie ihm der Eindruck der Wirklichkeit vorschwebte, das Bild Nimmermehr gut würde. Kurz, es ging hier, wie bei vielen Kunststreitereien, daß man sich um Worte plagte und im Grunde dasselbe meinte. Was Liebermann unter Aehnlichkeit versteht, ist die Ueberzeugungskraft, die er auch bei Phidias findet, also nichts weniger als das Aeußere eines Wirklichkeitsreflexes, son­dern der gelungene Wiederaufbau des Natürlichen durch die Hand des Künstlers, mit seinem Geiste, mit seinen Mitteln."

Nach einigen Ausführungen über Farbe und Farbigkeit betont dann Meier-Graefe die mit den Jahren wachsende Meisterschaft Liebermanns und meint, der Künstler gebe die relativ stärkste und gleichzeitig das Repräsentativste seiner Art erst int reifen Alter. Die großen berühmten Werke, die Ende der achtziger Jahre entstanden sind, feien des wirklichen LiebermannStart" ge­wesen. In seinen monumentalen Gemälden stecke Barbarentum und Brutalität; sie zeigen aber zugleich mit der Brutalität das Aufbauende und brechen nur mit einer Kette unserer Gewohn­heiten, um eine Andere wertvollere, tiefer liegende, notwendige Kette fortzusetzen. Erst als Liebermann die fünfzig überschritten hatte, sollte ihm beschert sein, das Barbarentum in Harmonie zu lösen. Die zehn.Jahre nach den andern entstandenen Gemälde

haben dieselbe Kraft, nur unendlich mehr Kultur. Dieses stete' Aufsteigen verdanke der Künstler allem möglichen, nicht zuletzt seiner Intelligenz. Bei seiner Art, das Leben zu nehmen, würde man an den großen Franzosen Delacroix erinnert. Aehulich wie dieser mache sich Steuermann seine Welt zurecht. Es gebe keinen beleseneren Künstler, wenig gebildetere Deutsche, keinen feinrn Sammler, keinen aufnahmefähigeren, lebendigeren Esprit. Seine Aufsätze gehören zum Besten, was in Deutschland über Kunst gesagt wurde, und er dürfte fähig sein, das Wörterbuch der Kunstbegriffe zu schaffen, das Delacroix vorschwebte und von dem er Bruchstücke hinterlassen hat. Sein Haus stehe jedem Gcbildetett offen und jeder Künstler, der im Ausland etwas be­deute, kommt zu ihm.

Trotz alledem habe er ebensowenig Freunde wie einst Dela­croix. Liebermann frigidere seinen Rahmenmacher wie Dela­croix einen Minister, und er enttäusche manches treue Gemüt, das von ihm mehr als des heiteren Wortes Labung fordere. Er gilt für einen argen Egoisten, und ich bin nicht weit von der Vermutung entfernt, daß er es noch in viel weiterem Um­fange ist, als man vermutet. Nur glaube ich an die unantast­bare Notwendigkeit dieses Egoismus.. Denn von den vielen Wegen zum Ruhm, die der Künstler gehen kann, gibt es nur einen, der ganz gerade zum Gipfel führt, und dieser ist zu schmal und zu steil, um das Gepäck, das sonst der Mensch durchs Leben schleppt, zuzulassen. Delacroix ging ihn, und fein heißes Herz mag zuweilen den selbstgewählten Mattgel an festen Ruhe- punktcn bei bett vielen Bekanntschaften des Weges bitter em- psundett haben. Dem scharf modellierten Gesichte des Berliner Malers ist dergleichen nicht ausgeschrieben, die ganze Gestalt scheint gemacht, sich geschmeidig und flink durch die Menschen zu schieben. Der Impuls aber ist in beiden Künstlern derselbe. Was Lieber­mann zur Konzentration aller Eigenschaften seiner starken Rasse treibt, in die Oekonomik des Künstlers, von der Delacroix ein unsterbliches Beispiel zurückließ. Der deutsche Jude ist schärfer gefrannt als der französische Romantiker. Seine Vorfahren waren große Rechner ttnd erwarben ihm die materielle Unabhängigkeit, da? elastische Sprungbrett modernen, notwendig isolierten Künstler- tttms. Der Nachkomme der Industriellen und Kaufleute ist anormal unrecht:erisch veranlagt und war auf der Schule votl schreiendem Unvermögen für alle exakten Wissenschaften. Die Rasse hat sich in ihm auf jene höhere Mathematik gerichtet, die wir Kunst nennen. Seine Bilder sind Rechenexempel, wo der Einfall des Dämons in starke Formen gepreßt wird;, Dokumente des Genies, die für ihn und feine Zeit, für uns alle zeugen und das Lcbctt der sterblichen Persönlichkeit mit allen Einzelheiten als das Resultat einer seltenen und durch die Höhe des Einsatzes idealen Rechnung erscheinen lassen. Sentimentale- Deutsche sind schockweise zu haben. .Rechner wie diesen gibt es bei uns keinen zweiten." _____________

VeLSMZschtLS.

* Vom Wiederaufbau der Saalburg meldet die Köln. Ztg.": Die Ringmauer ist bis auf ixe Nordostecke wieder­hergestellt. Beim Bloßlegen der letzteren kam ein 4,65x9,30 Meter großer Ban zum Vorschein, unter dem ein Kanal nach außen führt. Unter diesem zeigte sich der 10 Meter breite Spitzgraben ans der Periode des älteren Kastells. Besonders wichtig ist die Aufdeckung des Fußbodens von Kasematten, die an die Schlitzmauer des zweiten Kastells, die aus Steinen mit Hvlzeinlage bestand, sich aulehnten. Im naheliegenden Soldaten­bad wurde vor der dkordmaucr eine fest gepflasterte Vorhalle, an der Ostseite ein Vorbau mit breiter Einfeuerung ausgedeckt. Aus einem hier gefundenen Bronzetäfelchen geht hervor, daß auch Soldaten der 32. Freiwilligen Kvhorte (cohors XXXII, volnn- tariorum) um 186 n. Ehr. zur Garnison des Lagers gehört haben. Im Innern des Lagers ist das dem großen Doppel­magazin gegenüberliegeiide sogenannte Quästorium wieder auf- gebaut worden. Es enthält Räume für die Bureaus, die Hand­bibliothek und die Post. Bon der Bedeutung der letzteren zeugt wohl die Tatsache, daß sie allein gegen 80 000 der amtlichen Saalburgkarten beförderte. Das obengenannte Magazin hat als künftiges Museum jetzt alle Saalburgfunde aufgenommen, die bisher im Homburger Knrhause untergebracht waren. Die, nach römischem System eingebaute Zentralheizung, mit Koksgries ge­heizt, hat auch bei kälterem Wetter ausreichende Wärme gewährt. Vor dem Westtor erhebt sich jetzt der Neubau eines der Häuschen, wie sie die Bewohner der bürgerlichen Niederlassung befaßen, eine sogenannte Kanaba (unserKneipe" stammt daher). Diese Bauten wurden ermöglicht durch ein Geschenk von 50 000 Mk., die der Kaiser anläßlich seiner silbernen Hochzeit stiftete. Be­reichert wurden die Sammlungen durch die Schenkung von Ton- gesäßen, die der Habel-Couradyschen Sammlung in Miltenberg angehörten. Habel war der erste, der in den fünfziger Jahren systematische Ausgrabungen auf der Saalburg unternahm, und ans diesen stammelt wohl meistens die Torr- und Sigillatagesäße,