Ausgabe 
16.1.1907
 
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karte ist doch sicher schon völlig besetzt. Ich müßte meine Leute nicht kennen."

»Ob sie besetzt ist, weiß ich selbst nicht, Herr von Poseck, sie wandert nämlich auf gut Glück im Saale umher, ich wußte mir keinen anderen Rat, es war ja lebensgefährlich, wie man mich umlagerte, und es ist mir schließlich egal, mit wem von diesen mir doch noch unbekannten Herren ich tanze."

Ich komme also doch zn spät?" sagte der hübsche Offizier verstimmt, -die langen Enden seines Schnurrbartes bearbeitend.

Hanna bog schelmisch lächelnd den Kopf in den Nacken.

Natürlich!" Es klang sehr würdevoll.Das heißt, Sie kämen zn spät, wenn ich nicht um unserer alten Freund­schaft willen die erste Quadrille für Sie zurückbehalten hätte. Nun, was sagen Sie dazu, ist das nicht nett von mir?"

Wie rasend unbefangen sie ihn anlachte.

Sehr nett!" bestätigte er. Seine Stimme bebte ganz leise. Manchmal ging doch noch ein Nachzittern des alten Wehs durch sein ehrliches Herz.

Er konnte momentan kein banales Gespräch beginnen, so sehr hatte ihn die Erinnerung an einstiges Hoffen gepackt. Schweigend stand er und sah ebenso wie die junge Frau in das lebhafte Treiben vor ihnen. Ein Brausen und Summen von Stimmen, Gelächter, Kleiderrauschen wogte durch die schon jetzt schwüle, parfümgesättigte Luft.

Plötzlich wandte Hanna sich interessiert an ihren Nachbarn.

Sagen Sie, Herr von Poseck, wer ist der schlanke, blasse Husarenoffizier dort drüben an der Tür, der so ver­boten hochmütig aussieht?"

Poteck folgte der bezeichneten Richtung und der gutmütige Ausdruck um seinen Mund wich langsam, um einem beinahe feindseligen Platz zn machen.

Sie verlieren nichts an dieser Bekanntschaft!" sagte er schroff und das alte, aus Abneigung und Grauen gemischte Gefühl für den Kameraden überkam ihn stärker, denn je, es ist der Freiherr von Tressenberg, ein unangenehmer Geselle"

Ah!"

Die junge Fran sagte sonst nichts, aber sie sah den schlanken Offizier an lange und aufmerksam. Im Zeit­raum einer Sekunde kreuzten sich mehrere Gedanken hinter ihrer weißen Stirn. Sie war überzeugt davon, daß der Freiherr der jüngere Bruder Margas war, der, wie sie wußte, bei irgend einem Husarenregiment stand.

Aber sie hätte nie gedacht, daß die Freundin einen so interessant aussehenden Bruder haben könnte. Er gefiel ihr so gut, daß sie seinetwegen gleich morgen die lang vernach­lässigte Freiindschaft mit Marga neu anknüpfen wollte.

Zn der ersten Qiiadrille hatte sie Gelegenheit, ihn mit Muße zil betrachten. Er tanzte in dem benachbarten Karree und hatte als Bisavis Isa Bauer, welche non einem ihrer eifrigsten Verehrer, dein rotblonden Gutsbesitzer Warnow geführt wurde.

Der Husarenoffizier vernachlässigte seine Dame, die junge Tochter des Hauses und Isas intimsie Freundin auffallend, obgleich sie ein niedliches, frisches Ding war mit schwarzen, kultigen Beerenaugen und keckem, dunklem Jungenkopf. Da­für ließ er keine Gelegenheit vorübergehen, um mit seinem Visavis ein paar Worte zu wechseln. Als er wieder einmal an Isas Seite trat, war sein Gesicht gerade den forschenden Blicken der jungen Landrütin ausgesetzt.

Diesmal bewegten sich seine Lippen nicht, aber er sah das erglühende Mädchen an mit einem wunderbar zärtlichen Leuchten in den tiefen, dunkel umrahmten Augen, das ein Gefühl in Hannas Brust wachrief, ein zorniges, wehes Ge- fühl, wie es vielleicht ein unbeachtetes Mauerblümchen haben kann, aber nie die gefeiertste Schönheit des Ballsaals. Ihre Eitelkeit lehnte sich dagegen auf, daß der junge Offizier ihrer Erscheinung nicht die geringste Aufmerksamkeit schenkte, ja bis jetzt nicht einmal die Höflichkeit besessen hatte, sich ihr vor­stellen zu lassen.

Die Beiden da drüben amüsieren Sie wohl, gnädige

! Frau!" bemerkte Walter von Poseck arglos, indem er der Richtung von Hannas häufigen Blicken folgte,für uns ist diele Courmacherei nichts neues mehr, wir erwarten täglich, daß die Sache zum Klappen kommt, obgleich alle dem hübschen, liebenswerten Mädchen einen netteren Mann ge­wünscht hätten."

Die junge Frau runzelte die Brauen. So weit war es also -schon pah, was ging sie das eigentlich an?

Glauben Sie wirklich, daß er sie heiraten wird? Er scheint mir doch noch schrecklich jung."

Der blonde Offizier wurde ernst.

Meiner Ansicht nach kann er als anständiger Mensch sich jetzt nicht mehr zurückziehen."

Hannas Blick ruhte einen Moment fest auf dem rätsel­haften Gesicht des Husarenoffiziers.

Wissen Sie, Herr von Poseck," sagte sie plötzlich sehr lebhaft,daß ich in Herrn von Tressenberg den Bruder ineinec bellen Pensionsfreundin vermute der Name machte mich vorhin schon stutzig, obgleich es noch mehr Vertreter desselben geben mag aber ich entdecke plötzlich in seinen Zügen einen Ausdruck, den ich bis jetzt so auffallend nur im Gesicht meiner Freundin gefunden habe, und den ich nie vergessen würde, weil er selbst dem alltäglichsten Antlitz den Stempel der Eigenart verleiht und das ist eine verborgene Glücks- sehnsucht."

Poseck konnte nicht gleich antworten, da eine Figur des Tanzes ihn von seiner Dame entfernte. Als er sich wieder vor ihr verneigte, sagte er in einer eifersüchtigen Regung:

Tressenbergs ganze Eigenart ist ein maßloser Hochmut'*

Den er eigentlich nicht beweist, indem er sich um ein bürgerliches Mädchen bewirbt", warf die junge Frau ein. Im übrigen ist es mir egal, wie er ist. Die Freundschaft mit der Schwester verpflichtet mich nicht dazu, mich auch mit dem Bruder anzusreunüen, ich kann ihn sehr gut entbehren."

Und sie schiiiiegte sich leicht an den Arm Walters und ihre blaßroten Lippen lächelten ihn harmlos vertraut an. Da hatte er schnell die kleine Verstimmung vergessen.

Der Quadrille folgte eine längere Pause, in welcher als Vorbereitung auf das Souper Tee mit Gebäck gereicht wurde. Die Musikkapelle spielte zur Abwechslung bekannte Lieder ans den beliebtefien Opern.

Die jungen Mädchen hatten sich zum Teil gruppenweise zusammen gesetzt und zwischen ihnen und den jungen Herren, die mit ihren Teetassen herumstehen mußten, flog ein Kreuz­feuer luftiger Reden hin und her. Die Landrätin hatte sich zu der flotten, pikanten Frau des Rittmeisters von Kia st gesellt, welche ihr amüsante Schilderungen der Anwesenden eutivarf und darin von ihrem, seiner Spottsucht wegen gefürchteten Manne eifrigst unterstützt wurde.

Hinter Hannas Stuhl stand neben dem Landrat noch Baron Föhrenthal, dessen rotes Gesicht sich beim Lachen jedesmal zu einer Fratze verzerrte.

Die hübsche Isa sieht heute auffallend blaß aus", bemerkte Frau von Klast und nahm die langgestielte Lorgnette von den kurzsichtigen Augen.

Sie bemüht sich eben, dem schönen Dichterwort nach­zustreben, ,Dein Volk ist mein Volk Deine Farbe ist meine Farbe," witzelte der Rittmeister in einer Anzüglichkeit, die auch allseitig verstanden wurde. Wan lachte und kam auf etivas anderes.

Isa war wirklich erschreckend blaß geworden, als sie Tressenberg direkt auf sich zukommen sah. Ihr kam es vor, als hätten seine grauen Augen noch nie so leidenschaft­lich geleuchtet und sie fühlte sich unter seinem Blick einer Ohnmacht nahe.

Joachim kannte die Frauen gut genug, um die Blässe des jungen Mädchens, ihr Erzittern richtig zu deuten. Eine warme Freude durchflutete ihn. In ihm reifte der Ent­schluß.

Sie standen gerade neben der Tür zu einem großen Gemach, das durch ein zweites, kleines Zimmer direkt mit dem kleinen Wintergarten in Verbindung stand, den die Prä­sidentin sich aus eigenen Mitteln hatte anlegen lassen,