Ausgabe 
16.1.1907
 
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Wttlwoch den 16. Januar

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Menschenleöen, dis tügep.

Roma» voit H. Ehrhardt, Verfasserin vonMittellose Mädchen"- Nachdruck verboten.

(Fortsetzung.)

In der kleinen Musikloge erklangen die ersten Töne der ihre Jnstruincnie stinnnenden Geiger. Die einzelnen Gruppen begannen sich zu lösen und auf Isa zu kain ein ausfallend grober, brünetter Zivilist, ein beim Landratsaint beschäftigter Regierungsassessor Otto, dein sie die Polonäse zugcsagt hatte. Als Isa sich von ihrem bisherigen Gesellschafter durch ein leichtes Kopfneigen verabschiedete, sagte dieser lebhaft, die breiten Lider völlig von den klug leuchtenden Augen hebend:

Ah, die neue Landrätin!"

Das junge Mädchen folgte interessiert dem Blick seiner Augeii, denn cs war das erste Mal, daß das landrätliche Ehepaar sich in großer Gesellschaft zeigte. Mit ihr zugleich richtete sich die Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf die Ein­tretende, welche der Regierungsasscssor von Rocsscl, der Sohn des Hauses, führte. Und manch Fraucnhcrz krampfte sich neidvoll zusammen.

Hanna Gerhardt sah bildschön aus. Auch sie war ganz weiß gekleidet, aber zwischen der Veilchengirlande, welche den sehr tiefen Ausschnitt ihrer Taille umgab, blitzten verstreut einzelne Brillanten gleich schimmernden Tautropfen. Eine Mondsichel aus Brillanten schmiegte sich an den üppigen, lockeren Haarknoten und ein schmaler, funkelnder Reif umschloß ihren rechten Arm. Aber der sprühende Glanz ihrer märchen­haft großen, dunkel bewimperten Augen beschämte das kalte Feuer der kostbaren Steine. Diese Augen beherrschten das ganze Gesicht. Sie standen im Einklang mit der glatten, weißen Stirn, dem rosigen Freudenschimmer ihrer Wangen, dem lachenden, blühenden Munde und der wunderbaren Farbe ihres Haares, das über dem vollendet geformten, schneeigen Nacken wie rotes Gold flimmerte.

Im Altertum hätte man ihr ohne Besinnen den Beinamen die Strahlende" gegeben.

Schön zum Verrücktwerdenl" urteilte der Weiberkenncr Eppen und die anderen Herren stimmten ihm bei.

Kaum war die Polonäse, welche bald darauf den Ball eröffnete, beendet, als die Herren auch schon auf die junge Landrätin zustürzten, sich einen Tanz mit ihr zu sichern.

Hanna Gerhardt nahm lachenden Auges die elegante Tanzkarte, von der an wcißseidener Schnur ein zierlicher Blci- stifthcerabhing, kritzelte schnell ein paar Buchstaben darauf und reichte sie dann dem ihr zunächst Stehenden, dem Grafen Scherrentien, indem sie in reizender Hülflosigkeit sagte:

Die Wahl fällt nur zu schwer, meine Herren, und deshalb ergebe ich mich Ihnen auf Gnade und Ungnade.

Sehen Sic zu, wie Sie sich unter einander einigen. Nach dem Schluß dieses Tanzes, der dem Herrn"

Sie sah den kleinen Husarenoffizier, der glückstrahlend dastand, ausfordernd an.

Graf Scherrentien", stotterte dieser, über rmd über rot werdend.

Also der dem Herrn Grafen Scherrentien gehört, darf ich wohl hoffen, meine Tanzkarte wieder zu sehen."

Sie neigte mit entzückender Schalkhaftigkeit den Kopf gegen die Gruppe der Herren, dann flog sie im Arm des jungen Offiziers in das bunte Gewühl hinein. In demselben Moment betrat der Landrat den Saal.

Sein aufleuchtcndcs Auge folgte der graziös dahin- schwebenden Gestalt seiner Frau. Er trug einen ungemein glücklichen, zufriedenen Ausdruck im Gesicht. Gewaltsam riß er sich von dem Bilde seiner tanzenden Frau los, um sich nun seinerseits eine Partnerin zu suchen.

Als er sich nach Beendigung des Walzers wieder nach Hanna umsah, wechselte diese soeben in einer Ecke des Saales ein paar freundliche Worte mit Isa Bauer. Tas junge Mädchen war ein wenig bleich und sichtlich erregt. Sie antwortete befangen auf die harmlosen Fragen der schönen Frau und cs war ein törichter Gedanke, der ihr immerfort durch den Kopf ging:

Wenn er jetzt kommt und dich neben Frau Gerhardt sicht, dann kann er dich nicht mehr schön finden, dann ver­lierst du ihn."

Eine bange Ahnung, als bedeute der kommende Abend einen entscheidenden Wendepunkt in ihrer Liebe, wollte sie beschleichen. Sie verabschiedete sich bald unter dem Vor­wande, ihre Mutter aufzusuchen, von der jungen Frau. Die blieb nicht lange allein. Neben sie trat ein zierlicher, blonder Artillerieossizier Walter v. Poscck.

In dem Blick, mit welchem er die weißschimmcrnde Ge­stalt der mädchenhasten Frau überflog, lag eine ehrfürchtige Bewunderung, während sie ihm in kameradschaftlicher Freude die schmale Hand entgegenstreckte.

Endlich!" begrüßte sie ihn,ich habe Sie schon sehr vermißt. Ganz komisch komme ich mir vor unter den vielen fremden Menschen. Bis jetzt war ich überall so bekannt, bekannter, als mir eigentlich angenehm war aber so ganz fremd ist auch nicht nett sagen Sie, wo blieben Sie so lange?"

Ach, gnädige Frau, dienstliche Angelegenheiten, die mich bis in den 'Ballsaal verfolgen, man ist nicht umsonst Regi- ments-Adjutant. Der Oberst nagelte mich erbarmungslos in einer Ecke fest. Wie auf Nadeln hab ich gestanden. Ich wäre ja untröstlich, wenn ich zu spät käme, aber Ihre Tanz-