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bis 1682 war es, als der Pfarrhausstreit spielte. Jetzt nach bald 250 Jahren lächeln wir, wenn wir hören, unter welch vorsintflutlichen Zuständen unsere Borfahren zu leiden hatten. Heute lebt kein Armenhäusler in solch verwahrlostem Hause. Freilich, wenn für 45 Gulden auch heute noch ein Haus gebaut werden könnte, würden noch manch' alte unwürdige Pfarrhäuser verschwinden, die jetzt nur deshalb immer wieder geflickt werden, weil die Gemeind^ keine großen Lasten mehr tragen kann. Aber die Hauptsache ist ja nicht der Zustand des Pfarrhauses, sondern heute wie damals der Geist, der darin waltet. Und daß die damaligen Bewohner des Pfarrhauses trotz all der Mängel und Beschwerden zufrieden und glücklich, bescheiden und genügsam gewesen, geht aus den alten Urkunden deutlich hervor. ___________
Vsrmisehtss.
* Trinkfeste Bayern. In der Nacht zum 5. d. M. tranken, wie der amtliche Polizetbericht der Residenzstadt Münchenmitteilt, in einer dortigen Wirtschaft ein 28jähriger Maler aus Niederbayern und ein 24jähriger Geschäftsreisender aus München, je zwanzig Liter Bier. Bei dieser Gelegenheit verkaufte der Geschäftsreisende infolge Geldmangels in der Wirtschaft Hut, Rock, Weste, seine Schuhe und seinen Rucksack. Dann ginger nachts gegen zwei Uhr mit seinem Freunde zur Polizei, um ein Obdach zu erbitten. Dort machten sich aber plötzlich die Wirkungen des Alkohols bemerkbar; denn die anfängliche feuchtfröhliche Stimmung der beiden Zechkumpane verwandelte sich in eine exzessive. Sie gingen dem diensttuenden Beamten, zu Leibe, lvährend dessen Kollege sich soeben in einem anstoßenden Raum zur Ruhe begeben hatte. Dem sofortigen Eingreifen herbeieilender Schutzleute gelang es, den Beamten vor Verletzungen zu schützen. Der Maler, der in einen tobsuchtähnlichen Zustand verfiel, mußte in die Psychiatrische Klinik geschafft werden.
* Das befreite Henkeltöpfchen. Mit dem Schutze der „Susanna" und des „Henkeltöpfchens" hat sich die königl. preuß. Sachverständigen-Kammer für Literatur und Tonkunst beschäftigt! Es handelt sich um den volkstümlichen humoristischen Rheinländer. Ein Keramiker hatte das Recht erworben, wit dem Text seine Krüge, Töpfe usw. zu schmücken; er lvählte dazu beispielsweise die Verse:
„O Susanna! wie ist das Leben doch so schön.
O Susanna! wie schmeckt das Tröpfchen schön." und
„Trink'n wir noch ein Tröpfchen, Immer noch ein Tröpfchen Aus dem kleinen Henkeltöpfchen."
Ein Kaufmann in einem anderen Städtchen machte ihm das nach und brachte seinerseits Tausende solcher Krügelchen in den Handel. Gegen ihn klagte nun die berechligte Firma auf Nachdruck und Beschlagnahme, und die Staatsanwaltschaft ersuchte die Sachverständigen-Kammer um ein Gutachten, das in der soeben von Geh. Rat Daube herausgegebenen großen amtlichen Sammlung mit veröffentlicht ist. Die Kammer müßte zwar die Frage, ob das Lied selbst einen Schutz genieße, bejahen, da es auf Umfang oder geistigen Wert der Arbeit nicht ankomme. So sind auch früher schon literarisch minderwertige Produkte wie das Ständchenquartett „Herzliebchen unter dem Rebendach" und das Lied „So wie du" für schutzberechtigte Arbeiten erklärt worden, ebenso vom Reichsgericht die einstigen kleinen Gedichte der „Goldenen Hundertzehn". Es fragte sich dann, ob in dem Fall der Susanna ein teilweiser Nachdruck vorliege. Die Sachverständigen sahen jedoch die Entlehnung für zu unbedeutend an. Die benutzten Worte bilden zwar den Anfang des Liedes, ihr ,/Gedanke" — wenn man so sagen darf — kehrt aber auch z. B. in der dritten Strophe des Liedes wieder:
„Laß dich nicht foppen!
Trink man noch 'n Schoppen!"
Und der angebliche Nachdrucker hatte auch nur die Stelle vom Henkeltöpfchen als Aufschrift verwendet, nicht den so unendlich bedeutsamen Kehrreim:
„O Susanna! wie ist das Lebe» doch so schön.
O Susanna, wie schmeckt das Bier so schön."
So wurde keine unzulässige Vervielfältigung angenommen und auf Grund dieses Gutachtens das Nachdrucksverfahren eingestellt. Auch eine Beschwerde des Anzeigenden bei der Öberstaatsanwalt- e blieb hiernach ohne Erfolg. Man darf also jetzt überall it und sagen, schreiben und drucken:
„Triuk'n wir noch ein Tröpfchen, Immer noch ein Tröpfchen Aus dem kleinen Henkeltöpfchen."
Glückliches Deutschland!
— Der in der letzten NunmM der „Fäinilienblätier". zum Abdruck gebrachte Artikel „Das Haus Poppert in Gießen" aus der von Hofrat Koch in Darmstadt herausgegebenen Zeitschrift „Innendekoration" ist leider durch ein technisches Versehen um seinen Schluß gekommen.^ Wir tragen diesen heute nach. Er lautet:
Einfacher, doch gleich gediegen sind die Räunte des OßerH geschosses. Daß ein Vertreter der medizinischen Wissenschaft Schlaf-, Ankleide- und Badezimmer den strengsten Anforderungen der Hygiene entsprechend einrichtet, versteht sich von selbst. Hier sind sie nicht nur zweckmäßig, sondern aueß schön. Besonders gilt dies fite das Schlafzimmer, dessen Wandbespannung auf eilt helles Lilla gestimmt ist, von dem sich die grauen intarsierteui Ahornmöbel vorzüglich abheben. Die übrigen Räume des Ober-, stockes sind in einem matten Dunkelgrün gehalten, das die- Zimmer traulich macht und gleichzeitig der Einrichtung die größte Freiheit läßt.
Wir haben in dem Hause Poppert eine recht gelungene Schöpfung kennen gelernt, die wohl imstande sein mag, ein gewurzelte Vorurteile zu widerlegen und der neuen Kunst auf ein.cirt bisher sterilen Boden zu weiterem Wachsen zu verhelfen.
Literarisches.
— Bon Peter Roseggers Schriften, Volksausgabe,: 3. Serie in 80 Lieferungen ä 35 Pfg. (L. Staackmann, Leipzigs gingen uns die Lieferungen 67—80 (Schluß) zu. Diese Lieferungen enthalten die beiden letzten Bände der Sammlung „Weltgift", Roman, und „Mein Himmelreich" nebst einem neuen Bilde Peter Roseggers. Weltgift ist ein groß angelegtes Werk, das als Gegenstück zu des Dichters Roman „Erdsegen" gedacht ist. Trotz des herben Inhaltes enthält der Roman viel Humor und viel gesunde Lebensweisheit. Als letzter Band der Samm^ lung liegt vor: „Mein Himmelreich", Bekenntnisse, Geständnisse und Erfahrungen aus dem religiösen Leben. Wir finden in ihm in offener, freimütiger Weise die Gedanken einer besonderen einheitlichen Weltanschauung niedergelegt, und es ist wahrhaft erquickend, mit welcher Wärme und Herzensfrische der Dichtep die höchsten Dinge dem Leser nahezubringen weiß. Es ist ein köstliches Buch, wert, in weitesten Steifen verbreitet zu werden, in Kreisen zumal, denen die kirchliche Weise, Gott zu suchen, fremd geworden ist, und die doch das Verständnis für Ewiges nicht verloren haben. Wir besitzen wenige Bücher, in denen ein solcher Freimut einherschreitet, wenige, in denen eine solche Innigkeit, eine so herzerfrischende wahre Frömmigkeit ivaltet als in diesem Buche, in dem Rosegger seine ganze Seele ausschüttet.
Mamzlarcr Hanssprüche,
Gesamiueli von St. K.
Gott schütze dieses Haus. Er schütze jeden Stand, Den Bürger in der Stadt, Den Bauer aus dem Land. *
Glaube, Liebe, Treue, Recht, Die 4 haben sich schlafen gelegt. Wenn sie wieder auistehn, Wirds besser in der Welt aussehn.
Tie Leute sagen immer, Tie Zeiten würden schlimmer. Die Zeiten bleiben immer, Die Menschen iverden schlimmer. *
Sei fleißig Tag und Nacht Und sammle Gut ins Hand; In vielen Tagen kommts Und geht in wenig aus.
Rösselsprung.
Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung des Rätsels in voriger Nummer: Tampsschiffahrt
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Redaktion: V. Wittio. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


