Ausgabe 
15.11.1907
 
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ß-irr Marryaus vor 200 Jahren.

Kulturhistorische Skizze von A. S.

Der frühere Generalsuperintendeut Wilhelm Baur in Koblenz hat der Nachwelt ein herrliches Buch hinterlassen: Das deutsche evangelische Pfarrhaus. Seine Gründung, feine Entfaltung und sein Bestand. Er schildert darin das Pfarrhaus und das Amts- und Familienleben: wie es fein soll, tote es eine Quelle des Segens für unser Volk geworden ist. Lieblich schildert er auch das Aeußere der Pfarrhäuser, dievon Rosen umblüht, von Reben umrankt, uns wundersam anheimeln". Traulich sind sie in den Schatten der Kirche gerückt, fern ab von der lärmenden Hauptstraße.In dem wohlgepslegten Garten ist das Nütz­liche mit dem Lieblichen aufs beste verbunden: Rosen und Rosenkohl, um Pfingsten blühender Goldregen, im Sommer das Goldgelb der Aprikosen. Die schützenden Mauern sind zugleich die sonnigen Wände für Reben und Spalierobst, der Taubenschlag und das Bienenhaus lohnen die Liebe, welche der Pfarrer ihnen schenkt. Tie Ansiedelung ist so lockend, daß der Wanderer gern an der Tür des geistlichen Herrn anklopft." Wahrlich, auch heute noch hat das Pfarr­haus aus dem Lande nicht nur für seine Bewohner, sondern gerade für den Städter, welcher der Stadt und des lärmen­den Verkehrs müde auf Schusters Rappen Täler und Berge durchwandert, etwas Anheimelndes. Meist noch nicht im allermodernsten Stil gebaut, machen sie schon von außen 'einen gemütlichen Eindruck, der 6eint Betreten des Innern durch die niedrigen Stuben mit kleinen Fenstern, den vielen Winkeln und Eckchen und Treppchen aus erhöht wird. In neuerer Zeit fängt man freilich an, hie und da diese alten gemütlichen Häuser, wenn der Zahn der Zeit sie allzu bau­fällig hat werden lassen, durch modern-städtische, dafür aber auch oft viel weniger gemütliche Häuser zu ersetzen, deren Außenbild sich in das Gesamtbild des Dorfes nicht fügen, will.

Aber auch die ältesten und schlechtesten Pfarrhäuser sind noch Paläste im Vergleich mit manchen der Vorzeit, von welchen uns noch genaue Kunde überliefert ist. Von einem solchen will ich heute erzählen, nicht Phantasien, sondern harte, nackte Wahrheit, wie ich sie aus alten Akten heraus­gegraben habe.

Von der Haustür gelangen wir in denEhren", den Hausgang, der zugleich als Küche dienen muß. Links führt eine Tür in die einzige vorhandene Stube, hinter welcher noch ein Kämmerlein sich befindet. Rechts! vom Ehren gelangt man in den Viehstall, von da in Schafstall und Scheuer. Hinter dem Hausgang, dem Eingang gegenüber, ist noch eine Backstube, die zur Speisekammer dienen muß. In der einzigen Stube des Hauses haust nun der Pfarrer mit Weib, Kind und Gesinde, zumal des Winters, wo er sich nicht zumKonzipieren" tindMemorieren" seiner Predigt ins Freie oder in die Backstube flüchten kann; denn die letztere ist,wenn das Feuer auf der Herd­statt brennt, immer voll Rauch". Er klagt wörtlich in einem Berichte:was aber die stube, darinnen ich täglich mitt Weib, Kindern und gesindt sehn nmß, thutt anbelangen, so habe ich bcy Anfang die Kellerbalcken einen schuh tieffer legen lassen, alldieweil die stübe so niedrig war, daß ich darinnen nicht strak gehen oder stehen konnte. Ach soll ich nicht ursach über das Hauß zu klagen haben, es ist in der stube, darinnen ich täglich sehn ntuß, mitt ivantzen und anderem unraht derart angefüllt, daß die better, bücher und andere fachen mehr gantz voll sitzen und wenn ich nicht zum wenigsten das Jahr einmahl die stube laß übertünchen mitt Kalck, so können »vir darinnen nicht bleiben." Die Ge­meinde ist auch willens, dem Wunsche ihres Pfarrers nach 'einem treuen Pfarrhaus nachzukommen. Sie schreibt in einer Bittschrift:Das Hauß ist schlecht und nicht so guth, wie manch gemeines Bauernhauß, wie denn auch die alten gesagt, daß es von einer Bauernwittib, so kinderloß ge­wesen, zu einem Pfarrhauß solte gestiftet worden sehn. Es wird sich nichts darinn befinden, als eine schlechte

stuben, welche wenn das Feuer am Herd brennt, immer voll Rauch ist, sintemahl in dem Hauß keine absonderliche Küchen, sondern der Aehren und Küchen eins ist!" Statt des alten Pfarrhauses mit einer Stube wollen sie ein neues Haus,darinnen zwei) Stuben und Stallung ist", bauen!! Aber die Filialisten wehren sich, an den Bau­kosten tragen zu helfen. Alle möglichen Gründe suchen sie hervor: sie berufen sich auf alte Zeitett, in denen sie nicht dazu verpflichtet gewesen, sie wollen ein eigenes Pfarr­haus bauen und einen eigenen Pfarrer haben, ja sie sagen, das Haus seinoch gut genug", der Pfarrer verlange nur seines Reichtums wegen ein neues Haus. Da muß nun der Pfarrer über seine Bermögensverhältnisse berichten. Und diese sind gerade so schlecht wie sein Haus. Er bekennt: ich muß uff befehl und trieb meines Gewissens sagen, wenn ich nicht von der Verlassenschaft meiner Eltern seel. tind der meiner Haußsrau noch lebenden Eltern etwas wenigs habe, ich allzeit hier uff diesem Dienst nur von mundt zu mundt leben würde, denn das kann ich mitt bestand der warheit sagen, daß von meinem gantzen Dienst die 13 Jahr, so ich hier gewesen, ein Jahr in das ander gerechnet, kaum zehn reichsthaler vor meine Frau und 4 kleine unerzogene Kinder, nicht wissendt, wie lang mich Gott wird leben lassen, habe zurückgelegt." Und so gering wie seine Ersparnisse ist auch sein Hausgerät.Es bestehet nteiit Reichtumb", tote er schreibt,in zwei) Bethsponnen, einem kleinen Sitzbett vor die Kinder,zwey grosen Kasten, ztoey kleinen Käsigen, und in einem bestendigen Stück Brodt, daß ich von einer erndt zur andern reiche, und also nicht vonnöthen habe, einem geback nach dem andern aufzubogen, gleichwie die vorigen Herren Pfarrherrn seel. haben,thun müssen." Aber die Filialisten wollen nicht nachgeben, Bitt­schrift auf Bittschrift geht nach Gießen atts Konsistorium oder an die Landgräfin Elisabetha Dorothea, damals! Wittib, Vormünderin und Regentin". Es ist böser Wille von ihnen, sie pochen auf ihr vermeintliches altes Recht, oder wollen dann wenigstens einen eigenen Pfarrer. Der Rentmeister berichtet darüber:wann dieselben ihrem gmeinen Kuh- oder Schweinhirth ein nett Hauß aufrichten sotten, würden sie sich daun in Mitteln und gutem Willen überflüssig zeigen, weil es aber itzund vor ihrer Seele Hirthen gilt, wird aus allen ecken der Mangel herfür- gesucht." Da spielt der Pfarrer seinen letzten Tkumpf aus. Es scheint, als ob er sich bitter geschämt habe, einen solchen Uebelstand zu berichten. Lassen wir ihn wieder selbst rebett, um den Reiz der alten Sprache auf uns wirken zu lassen: sintemal die Kühestrotze (gemeint ist Pfuhl; vergleiche auch dazu die heutige Bezeichnung auf dem Lande: Stritze"), nm tut es naß Wetter gibt, nicht allein durch das Gemäuer in dett Keller fället, sondern auch zuM theil in die Stube dringet, dieweil der stall viel höher liegt als die stube; wenn damt die stube wird gewärmbt, so gibt es einen solchett starken geruch von sich, daß man nicht bleiben kann, und ist mir, Gott erbarme es, wenn ich uff die Katttzel steig, mein ambt zu verrichten, nicht anderss ztt muht, alß wenn ich getrunken hätte." Kürz und gut, das neue Pfarrhaus wird gebaut. Nach dem Voranschlag, der sich ausgenommen die Fuhren und Handlangerdienste, welche die Gemeindemitglieder verrichten müssen auf 457 Gulden stellt, sind zwei Stockiverke vor­gesehen, auf drei Teile zu richten, int vordersten zwei Stuben übereinander, int mittelsten Ehr und Küche, int! dritten Teil unten der Viehstall, oben Kammern. Dort sollte fortan der Pfarrer mit seiner kärglichen Besoldung, die nach einer Besoldungsnote aus dem Jahr 1570 auf 70 Gulden taxiert wird, Hausen. Daß er glücklicher und zu­friedener darin gelebt hat, wie in der alteit Baracke, deren Balkenaus den Zapfen gerissen, derenGehöltz alt und baufällig", bereit Lehmwändeganz mürb ttttb zerfallen" waren", bebarf keiner Frage. Tie neue Wohnung ist gebaut worden,ehe die alte gar über einen Haussen fällt.

Es ist ein trauriges Bild aus der Vergangenheit, das! an unseren Augen vorübergezogen ist. Anno 1681