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„Das verstehe ich nicht!" flüsterte das Mädchen gepreßt. „Es läßt mich irre an Witte werden, denn noch in der vorigen Woche klagte er mir in vertranter Aussprache seine Not, wie er mit kleinlichen Sorgen sich abquäle, statt ganz und gar in die hohen Entwürfe sich versenken zu dürfen, die seinem Geiste vorschwebten — wie er seine kostbare Zeit an müßige Tändeleien hingeben mußte, statt seiner Göttin dienen zu düirfen — er erzählte mir noch-, wie er einige Aquarelle um einen Pappenstiel habe verschleudern müssen, nur um Geld für die notwendigsten Bedürfnisse im Hanse zu haben — und nun 34 000 Mark in seinem Besitz! Das ist ja ein großes Vermögen ... ich begreife nicht, woher Witte das Geld bekommen haben soll."
„Vielleicht von Leonie Selkenbach?" Ivars der Vater fragend dazwischen.
Hermine schüttelte entschieden mit dem Kopfe. „Nie und nimmer. Ich kenne Fräulein Selkenbach nur oberflächlich, immerhin aber genug, um sie auf eine derartige Großmut hin beurteilen zu können. Eine solchen halte ich sie nicht fähig, sie ist das echte Kind ihres Vaters und dein Erwerb mehr zugetan, als dem Verschleudern, überdies glaube ich nicht, daß der Geheimrat seine Tochter ohne sein Vorwissen über solche Summen disponieren läßt. T-u erzähltest mir ja selbst, wie er sich in Deiner Gegenwart über ihre Ueberspanntheit beklagte. Hütte Witte das Geld von ihr erhalten, warum versteckte er es dann?"
„Sage einmal offen, hältst Tu Deinen Maler einer solchen Tat fähig, oder neigt Dein Urteil der ThomMenschen Auffassung zu und brichst Du über Walden den Stab."
„Vater, Du stellst mich da vor einer schweren Wahl", seufzte das Mädchen, indem es sich endlich erhob, um den Tisch abzn- räumen. Daß Walden Dein und unser Vertrauen grob getäuscht hat, ist erwiesen... er griff zur Lüge. Das macht mich an ihn« irre. Ich meine, wer lügt, der ist zu jeder Niederträchtigkeit fähig. Witte dagegen, was soll ich da nur sagen? Er ist ein solch hvchgeschultev Künstler, seine Seele empfindet ungemein zart und fein, und doch wohnt in ihm ein alles übermögender Drang, es nämlich in seiner Kunst zur Meisterschaft zu bringen, der ganz Großen einer zu werden. Ich glaube, diesem Drange vermag er alles' zu opfern."
„Also einer von den ganz Gefährlichen. Lächelt ihnen das Glück, komMen sie als Welteroberer oder Entdecker tu der Geschichte; sonst enden sie gewöhnlich auf dem Schaffst."
Hermine erschauerte; schott die Vorstellung einer solchen Möglichkeit erschien ihr etitsetzlich.
So verstrich unter sorgenvollem Gespräch der Wend und cs war Schlafengehenszeit geworden. Ta erklairg von draußen nn- vermtltet die Kvrridorklingel.
Vater und Tochter sahen sich überrascht an. „Wer kann noch so spät kommen?" fragte der Rat, indem er sich, nm nachzuschauen, erhob.
Doch Hermine war schon an der Tür. „Laß' nur,
Papa, ich gehe schon."
Wie Hansemann noch zuwartend ließen dem Tische stand, hörte er draußen im Gange einen leichten Aufschrei. Dann kam seine Tochter wieder ins Zimmer geeilt. „Walden ist da — er will Dich sehen und sprechen, berichtete sie atemlos. Dann oiti) plötzlicher Bewegung fortgerissen, ergriff sie die Hand ihres Vaters. „Er sieht schrecklich aus, so verstört und mitgenommen tri bitte, lieber Papa, sei nicht hart gegen ihn!"
Ehe der Rat in seiner ersten Ueberraschnug noch etwas zu antworten vermochte, erschien int Rahmen der offen gebliebenen Tür auch schon die Gestalt des Detektivs. Er trat mit einem gedrückten „Guten Wend" in den Lichtbereich des Zimmers.
Hermine hatte recht; er sah beklagenswert aus; dunkle Ringe itim die Augen, seine schlaffen Bewegungen ließen auf starke kör- perliche Erschöpfung schließen. Mitleidsvoll wollte es sich im Herzen des Beamten regen und unwillkürlich zuckte seine Hand zum gewohnten Gruße. Das währte indessen nur sekundenlang; dann stand er straff und unbeweglich, ein unbestechlicher, gradsinniger Mann, der seine Pflicht unter allen Umständen zu erfüllen entschlossen war.
„Endlich!" empfing er den späten Besucher. „Sie Haben mich lange warten lassen, Walden'. Ich wußte kaum mehr, was ich von Ihrem Verhalten denken sollte." Er wies auf einen Stuhl.
Doch der Detektiv schien seine Einladung nicht zu sehen; er stand ernst, nicht minder entschlossen als sein Vorgesetzter, auf dessen verschlossene Züge den fieberhaften Blick voll und gerade gerichtet. Nur als Hermine sich in banger Sorge diskret zürückziehen wollte, machte er eine kurze, bittende Handbe- wegung. „Dars ich, Sie darum ersuchen, so bleiben Sie, Fräulein Hansemann", sagte er mit vor innerer .Erregung unsicherer
Stimme, „was ich dem Herrn Vater an amtlichen Berichten! nnd — und — und auch sonst noch zu sagen habe", setzte er tastend hinzu, als siele es ihm schwer, den richtigen Ausdruck zu sinden, „das ist kein Geheimnis. Ich nehme an. Sie sind ohnehin schon unterrichtet."
„Ich vermute, daß Sie mir zunächst Bericht über Ihren heu-, tigen Auftrag erstatten wollen?" nahm der Rat das Wort, nach-, dem einige Augenblicke in peinlichem Schweigen verstrichen waren. „Setzen Sie sich doch, fügte er ungeduldig hinzu „und Min- cheu, mache kein Gesicht, roie'n Käter beim Donnern." Er rückte sich in der gewohnten Sofaecke zurecht und nahm keine weitere Notiz davon, daß der Detektiv seiner Aubborderung ungeachtet stehen bleib.
„Ich begab mich mit dem Leutnant nach Plötzenfee nnd ließ mir den dort interniertem Strafgefangenen Franz Eulenburg vorführen", begann Walden mit farblosem Stimmklang, indem er vor wie nach den Blick auf dem finsteren Antlitz seines Ver- gesetzten ruhen ließ. „Ihre Vermutung bewahrheitet sich, Herr Rat. Der Rcvierlentnant erklärte sofort, daß der vorgeführte Gefangene mit Eilenburg junior nicht identisch sei."
„Also doch", unterbrach ihn Hansemann. „Sie haben den unbefugten Stellvertreter bereits der Person nach festgestellt?"
„An der Hand der mitgebrnchten Bildkarte", bestätigte Walden in seiner vorigen, wie automatisch wirkenden Weise. „Es handelt sich um den vorbestraften Friedrich Wilhelm Hildebrands den Enkel des alten Kutschers Graßnick, der übrigens im Verlause des heutigen Nachmittags gestorben ist."
„Sie sprechen von Graßnick?"
„Gewiß, Herr Rat. Hildebrand, der natürlich nicht länger im Gefängnis bleiben konnte, wurde vom Leutnant und mir sofort nach Moabit mitgenommen nnd dort dem zuständigen Untersuchungsrichter vorgeführt. Bor diesem wiederholte er sein zuvor mir schon gemachtes Geständnis und wurde vom Richter dem Untersuchungsgefängnis überwiesen."
„Das geschah aber bereits heute nachmittag. Was fing eit Sie in ldier Zwischenzeit an? Sie konnten sich doch denken, daß ich auf Ihren Bericht wartete."
„Ich versuchte, die Spur des wirklichen Franz Eilenburg ausfindig zu machen, Herr Rat. Ich wollte meine voraussichtlich letzte Amtshandlung erfolgreich durchführen."
Hansemann stutzte; er ging jedoch nicht auf den versteckten Sinn der Aeußerung ein, sondern fragte kurz: „Nun, ist Ihnen das gelungen ?"
„Soweit es mir in der kurzen Zeit möglich war — ia, Herr Rat."
Hansemann konnte kaum mit einer Geb erde der Befrie-- btgung zurückhalten. „Sie sehen mich in lebhafter Spannung — berichten Sie!"
„Ich hatte Hildebrand bereits im Privatzimmer des Gd- fängnisdirektors scharf ins Gebet genommen. Er ist ein schwie-, rigcr Bursch und versuchte lange Zeit, feilte Rolle als vermeintlicher Eilenburg junior weiter zu spielen. Da ihn der Revier- leutnant persönlich kannte und die Photographie gleichfalls gegen ihn zeugte, so hatte er damit auf die Dauer natürlich keinen! Erfolg. Daun wllte er sich darauof beschränken, seine Identität einzuräumen. Erst der Hinweis auf das durch sein Tun voraussichtlich beschleunigt herbeigeführte Ende seines Großvaters nnd das durch ihn über seine brave Mutter verhängte tiefe Herzeleid milderten seine Verstocktheit. Schließlich brach er zu-, samMen, gab klein bei nnd offenbarte alles, was wir von ihm zn wifsm verlangten. Er räumte ein, von Eilenburg junior durch die Zusage einer großen Geldsunime zur Uebernahme der von! ihm erfolgreich gespielten Rolle bewogen worden zu sein. Auf meine Vorhaltung, wie er so töricht gewesen sein und einem! derartigen Geldversprechen Glauben beigemessen haben könnte, zumal er die Verhältnisse im Eilenburgschen Hause doch kennen und wissen mußte, daß nach menschlicher Annahme der junge Eilen-, bürg überhaupt niemals in den Besitz einer solch großen Geld-, summe — es handelt sich um 10 000 Mark— gelangen dürfte^ spielte er den Geheimnisvollen. Schließlich ließ er sich zu der Andeutung herbei, Eilenburg könnte alles, was er wollte, noch mehr dazu durch seine junge Stiefmutter erhalten."
„Von Marie?" warf das Mädchen erstäunt und erschreckt ein.
Ter Detektiv nickte nur unmerklich, ohne nach ihr hinze- blicken. „Bon seiner jungen Stiefmutter, so sagte wenigstens! der Bursch. Mit ihr soll Eilenburg junior früher verlobt oder wenigstens ein Verhältnis unterhalten haben. Davon wisse sein Alter natürlich nichts. —l isjo soll der junge Eilenburg weiter versichert haben — und seine Stiefmutter sei darum wie Wachs in seinen Händen."
(Fortsetzung folgt.)


