1907
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Auf der eigenen Spur.
Kriminalroman von Otto Hoecker-
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.»
„Das ist ärgerlich!" entrüstete sich der Rat. „Sic verpassten damit eine nie wieder kehrende Gelegenheit, einen der gefährlichsten Tagediebe der Reichshanptstadt hinter Schloß und Riegel zu bringen . . . wenn ich noch daran denke, wie sauer ich mirs Habe werden lassen. Ich war damals noch Kommissar mtb fünfzehn Jahre jünger wie heute. Monatelang war ich hinter dem Kerl her, bis ich ihn endlich erwischte . . . und doch war alles für die Katz."
„Und der Knndt soll hier gewesen sein . . . nein, Herr Rat, da täuschen Sie sich. Der Mann war höchstens 30 Jahre, trug blonden ZÄllbart, Brille . . . Kundt ist mindestens ein Vierziger. Ich kenne ihn doch, habe ihn selbst lange genug beschatten müssen. Wie sollte der auch hierher kommen?"
„Das wollte ich ihn eben fragen!" meinte der Rat verdrossen, ohnehin gereizt durch den Widerspruch des Untergebenen. „Lassen Sie sich gesagt sein, mein Lieber, daß ich, behaupte ich was, meiner Sache sicher zu sein pflege. Es war Kundt. Augen, wie sie dieser Mensch hat, gibt es nicht zum zweiten Mal . . . und was sein Hierherkommen anbelangt, so wissen Sie so gut wie ich, daß Kundt in unserer Boheme zuhause ist . . . zuweilen weiß er sich selbst an Offiziere heranzumachen; kurzum, wo Lebenslust und Leichtsinn sich paaren, da ist er mitten drunter — und immer weiß er sich schadlos zu halten . . . gezinkte Karten oder Leichenfledderei im feinsten Stil ... im Notfall auch ein brutaler Gewaltakt, hat die Geldklemme ihn gar zu eng umkrallt, warum soll er denn nicht mit Witte vertraut sein? Nach den Reichtümern, die hier von uns gefunden wurden, will mir das nur zu sehr einleuchten. Er mag um eine große Einnahme des Malers wissen und in der Absicht gekommen sein, davon zu profitieren . . . und nun gar erst sein Acußeres. Ich bitte Sie, Thommen, Sic sind doch ein, alter Praktiker, um nicht zu wissen, daß Kundt chameleonartig sein Aussehen zu ändern weiß. Darin ist er geschickter als zehn Schauspieler — und das macht ihn gerade so gefährlich. Nun, wir wollen sehen, vielleicht können wir morgen von Witte selbst Auskunft erhalten."
Auch der erst am- Vortage von der Paketfahrt gebrachte Koffer enthielt nichts Auffälliges, „A. W." gezeichnete Taschentücher waren in großer Anzahl vorhanden, zumeist von ebensolcher Qualität, wie sie in der Fracktaschc des Toten und in der Droschke aufgefunden worden waren."
„Hier liegt übrigens ein Zettel", meinte der mit Sichtung der Sachen beschäftigte Kommissar und er las vor: „Sollte nicht alles in Ordnung sein, so bitte viclmal um Entschuldigung. Mein Mann hat einige Mal Taschentücher genommen. Ich habe sie aber wieder gewaschen und geglättet. Ihr , schwarzer Frackanzug ist nicht im Koffer. Hoffentlich haben Sie ihn inzwischen wieder bekommen? Herzliches Lebewohl und Dank für genonene Guttaten. Frau O. Schuhmacher."
Hansemann nahm den Zettel zur Hand. „Eine flüchtig« Frauenhand, offenbar in größter Eil« hingekritzelt . . . eigentlich ist der Inhalt für Witte entlastend, da die „A. W." gezeichneten Taschentücher sich auch im Besitze des Ehemannes Schuhmachers befunden haben können, iuie dieser ja den eleganten Frackanzug ohne dessen Vorwissen angeeignet gehabt."
Kaum eine Biertelstuude später vernahm der nach seinem Bureau zurückgekehrle Rat, daß Detektiv Walden immer noch
nicht sich wieder eingefunden habe.
15. Kapitel.
So verschlossen Rat Hansemamr sonst auch gegen jedermann lvar, sobald es sich um Dienstangelegenheiten handelte, so machte er hierin doch gegenüber seiner Tochter eine Ausnahme. Mit dieser über ihn lebhaft beschäftigende Vorkommnisse sich ans- zusprcchen, war ihm nachgerade Bedürfnis geworden, zumal,fie ihm mit ihrem gesunden Menschenverstand häufig schon Fährten gewieselt hatten, die selbst seinem WitterungSvcrmögen verborgen geblieben waren. Gar nun heute brannte er ordentlich darauf, ihr die wechselnden Geschehnisse des verflossenen Tages zu berichten: auf der anderen Seite konnte er freilich wieder nur mit einem Gefühl des Zagens daran denken. Mußte ihm selbst doch der Umstand, daß sein Gast vom letztverwichcnen Abend null Aufnahme in einer der engen Zellen des Polizei-Präsidiums gefunden, abenteuerlich erscheinen. Was sollte erst seine Tochter davon denken und wie würde sie cs aufnehmen!
Seine Befürchtungen trafen denn auch in vollem Umfange zu. Schon bei der Begrüßung sah ihm Hermine feine Stimmung, so sehr er sich auch nrühte, aufgeräumt zu erscheinen, von den Augen ab. Doch vernricd sie es, taktvoll, ihn zu befragen, um ihm die Tafelfreude nicht zu beschränken, denn ihr Vater schlug bei Tische eine gute Klinge. Doch obwohl es ivieder eines seiner Lieblingsgerichte — er hatte überhaupt nur solche, denn wie jedem starken Esser, schmeckte ihm — alles — gab, langte er kaum zu und fcljo6 endlich den Deller mißmutig belseite.
„Es will nicht gehen, Hermine, ich habe zu viel heute erlebt
und — erlitten!"
Damit schüttelte er der regungslos Lauschenden, nur zuweilen durch einen schreckvollcn Bück die ungeheuere Ucbcr- raschung Kündenden sein übervolles Herz aus; er vcrschivieg ihr nichts,' selbst nicht die sich so vernichtend gestaltenden Schluß, folgerungcn Thommcns gegen Walden. ,
Als er zu Ende gekommen, saß Hermine noch immer mit in den Schoß gefalteten Händen wie erstarrt da; sw vergas> m dem alles übermögendcn Eindruck« der väterlichen Mitteilungen sogar die Hausfrauenpflicht und ließ das Geschirr auf dem Tische Wie sie dann antwortete, geschas cs gedruckt und w« niedergeschmettert. „Weisst Tu, Papa, das ist einfach swrecklich, ich merkte Dir cs ja schon gestern abend an. Daß Derne merk- würdige Fragen an Witte mehr z>i bedeuten hatten, als Tu zu- aestehcn wolltest — indessen auf ein« derartige Vermutung wäre ich nicht gekommen — und 34 000 Mark, sagst Du, fandest Du in der Witteschcn Wohnung?"
„An barem Gclde", bestätigte der Vater. „Ganz merkwürdig wcrs versteckt!"


