Ausgabe 
15.7.1907
 
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Die Studenten mußten sich nun für Aufbewahrung' ihrer Ueberzieher im Sommer eine andere Stelle suchen. Sommern Überzieher gab's zu meiner Zeit bei den Studenten noch nicht. Viele trugen weder Ueberzieher noch Mäntel im Winter. Ich hatte, wie viele andere einen Shwal, der anstandslos über die Straße getragen wurde. ,

Dis Studenten waren zu jener Zeit überhaupt burfchrko; er. Man war einfacher in der Kleidung, Handschuhe wurden kaunt getragen. Tie Mutzen und Bänder wurden nicht so oft erneut. Luxusstöcke waren selten. Wir begnügten uns mit sogenannten Ziegen h ia i n e r n. Diese waren billig und gewährten cinej nicht zu verachtende Schutzwaffe, die man manchmal recht nötig hatte. ~ , 1 .

Man ging mit der Tabakspfeife über die Straße, meist, so­genannten Schwanenhälsen. Ich hatte einen Kameraden, einen! Schleswig-Holsteiner. Dieser zog morgens mit einem wahren Ungetüm von Schwanenhals, der mit den schleswig-holsteinischen .Farben im Wappen geschmückt war, aus. Es ging ein halbes! Paketleichter Kanaster von Georg Heinrich Schirmer" hinein. Das reichte für den Vormittag. Weder das Tragen des! Un­getüms über die Straße, noch das Aussühren des Tabaks galt als unanständig. Tas Letztere wird heute noch so sein, viel­leicht mit dem Unterschied, daß man die Zigarren ausführt, die damals noch mehr als Luxusartikel angesehen wurden.

Tas Aus führ en war damals' überhaupt noch mehr Mode, wie heutzutage. Es erstreckte sich bis kurz vor meiner Studentenzeit gar manchmal auf wertvollere Tinge, als da war: Gänse, Hasen rc. Einmal soll es sogar vorgekommen sein, daß dem Herrn Känzlesrat El. ein gebratener Hase aus der Kücheausgeführt" wurde. Wurde der Täter entdeckt, so galt es als ein Studenten­streich, der von beirt Universitätsgericht sehr milde beurteilt wurde. Ties dauerte so lange, bis eines Tages ein Student wegen eines solchen Streiches als Dieb verurteilt wurde, und heutzutage würde der Student, der dem Dienstmädchen eines in unserer Nach­barschaft wohnenden hohen Justizbeamten mit einer langen Stange auf 'die Hand schlug, als Räuber bestraft werden. Er hatte! dem Mädchen zugerusen: Klathrinchen, sie wollen Euch die Gans (die am Fenster hing) stehlen. Tas Mädchen hatte nichts Eiligeres zu tun, als die vor denr -Fenster hängende Gans herein- zuholsn. Dabei erhielt es den Schlag mit der Stange und ließ vor Schreck die Ggns fallen. »TerMuber", dem der Vogel zu hoch hing, hatte seinen Zweck erreicht. Der Streich, der Allerdings etwas Wer daL Erlaubte hinausging, rvurde belacht und auch der geschädigte Herr Präsident v. Pr. soll ihn nicht tragisch genommen haben. ' 1

Solchen losen Streichen stand die Hilfsbereitschaft der Stu­dentenschaft zum Mwande öffentlicher Kalamität in auerkennenSi werter Weise gegenüber. Ms es zur Bfeit des sogen. Kartoffel^ lriegs hieß:Die Rebellen kommen", war die Studentenschaft so­fort organisiert, um jenen einen würdigen Empfang zu bereiten. Es kam nicht zum Schlimmsten. Ein blinder Lärm führte sogar zu ergötzlichen Szenen, aber der gute Wille war da und würde sich auch' durch die Tat bewährt haben.

Bei Bränden in Gießen oder der Umgegend Maren die Studenten die ersten zur Stelle. Feuerwehren gab es noch nicht, ebenso­wenig Wasserleitung und Hydranten. Da griffen die Studenten rasch und hilfreich ein, und ihrem! Organisationstalent, ihrer! kräftigen und unermüdlichen Tätigkeit ist es nicht selten gelungen, die größere Ausbreitung des Feuers) verhindern. Damit soll selbstverständlich nicht gesagt sein, daß. die übrigen Bewohner lässig gewesen seien. Aber wenn es galt, Reihen zu bilden, das Wasser den Spritzen zuzuführen, habe ich doch öfter erlebt, daß es müßige Zuschauer genug gab, üte. zu tätiger Mitwirkung gngehalten werden mußten. Tas waren aber keine Studenten.

Tas Gefühl dev Solidarität, welches die Studenten­schaft 'früher beherrschte, hat inzwischen Einbuße erlitten. Ist den Kämpfen mit denPhilistern", die früher allerdings häufiger waren, 'Hat der Ruf'Bursch' heraus" dem in Not be­findlichen Studenten stets Hülfe gebracht. Aus 'meiner Zeit sind mir nur noch zwei Falle dieser Art bekannt geworden.

An dem Begräbnis eines Studenten nahm stets die ganze Sju- ddntenschast Anteil. Fackelzüge waren bei solchen Gelegenheiten, häufiger, wie später, und es wurde da nicht gefragt, ob der Ver­storbene einer Kvrpbratiorr Ängehörte, und ob er ein Korpsi- oder BerbindungsstWeut war. Ich 'will nicht behaupten, daß dies gerade in solchen Fällen anders geworden, aber ich habe doch in der langen Zeit meiner Gießener Zugehörigkeit häufig erlebt, daß bei öffentlichem! Auftreten der Studentenschaft jenes Gefühl der «Solidarität sehr in den Hintergrund treten mußte vor kleinlichen Form fragen.

Kommt einmal heutzutage ein gemeinsames' öffentliches Auf­treten der Studentenschaft zustande, so ist es. allerdings auch weit pompöser, wie zu meiner Zeit. , , : ) 1

Es ist natürlich auch wett kostspieliger.

, Ueberhaupt. war die Lebensführung! 'der Studenten im' Allge- tneinen zu meiner Zeit eine einfachere. Man begnügte sich Mit kleineren Buden, einfacheren Mahlzeiten, der Frühschoppen luap noch njcht obligatorisch; ein Bruder Studio, der etwas Ms 'sich HM, braucht 'heute für Handschuhe, Schlipse, Friseur rc. sstanchmal mehr, als.' für seist Kvlleggeld, . Nun gar die gegcn-

seitigen Tedikationen und die Versteigerungen auf den Weihnachts- kneipen! '

Ein Verbindungsbruder von mit kam mit einem Jahres­wechsel von 450 Fl. ganz anständig herum; Er war aller­dings Kameralist und'verstand als solcher das Rechnen.

Natürlich war alles auch verhältnismäßig billiger. Flinf- nnddreißig Gulden pro Semester für eine Bude war schon ein hoher Preis. Für 20 Gulden konnte man anständig wohnen. Ich habe 1855 in Hei del berg für zwei Zimmer nach der Straße nconatlich fünf 'Gulden bezahlt. Tas oppulente Mittags­mahl im Prince (Prinz Carl) kostete 24 Kreuzer (70 Pfg.) im Abonnement. Man in den Speisewirtschaften für 14 Kreuzer zu Mittag und für 12 Kreuzer zu Abend. Tas Ivar allerdings der Stipendiatensraß, wie er nicht sehr geschmackvoll ge-. nannt und jedenfalls nicht geliebt wurde. Tie Ataatsstipendien! wurden für Mittags- und Abendtisch gewahrt und mußten damals regelmßig noch ab gegessen werden.

Tie Stipendiaten strebten denn auch mit allen Listen oanach, das Stipendium in Geld (etwa 50 Gulden pro Semester) umge­wandelt zu erhalten. Es gelang auch nicht selten, den EP Horns hierzu zu bewegen. , . , '.

Dazu gehörten allerdings gute Testate., Fleißig war so viel, wie wenig im! Kolleg gewesen. Bei sehr fleißig konnte M!an ganz st a t t l i chg e s ch w ä n z t" haben. Ich hatte ein Familienstipendium und mußte deshalb auch Testate haben. Bangervw in Heidelberg fragte: Wünschen Sce ein Prädikat. Mit rühmlichem Fleiß und Eifer testierte er. Ob dieser wirklich so rühmlich wär, bezweifle rch. Aber ich habe wenigstens meine Schwänze nachgeritten. ,

Auf diese Weise besitze ich die Autogramme von Jhermgs' Neuner, Teurer, Bangcrotv, Wasserschleben, Birnbaum, Stahl, Leopold Schmidt und Schilling, von meinem Vater diejenigen von E. vvn Löhr, dem Nnmittelbaren Vorgänger von Jhercng, Marzoll, Thibaut lind Mtttelmaier. Letztere,r habe ich selbsj noch dreißig Jahre später in Heidelberg gehört. . .....

(Fortsetzung folgt.)

Mb er das Brot.

Dr. M.Bial in Bad Kissingen schreibt in der bekanntest MonatsschriftDie Gesundheit in Wort und Bild":

Das Brot ist unstreitig das wichtigste Nahrungsmittel der Menschheit. Wie sehr die Ueberzeugung von der Be­deutung des Brotes allgemein verbreitet ist, das zeigen! am besten sprachliche Ausdrücke, Ivie die:Daß einer fern Brot hat", daß wirvom täglichen Brote" reden, um die Nahrung im allgemeinen zu bezeichnen. Das Sprachgefühl, welches ein sehr feiner Gradmesser für allgemein feststehende und geläufige Ueberzeugungeu ist, bewirkt, daß wir mit dem! WorteBrot" auch den Begriff der Nahrung an sich ver­binden, weil es eben jedem bekannt ist, daß das Brot den! bedeutungsvollsten Bestandteil der Ernährung darstellt.

Nun sollte man meinen, daß über ein so unentbehrliches Nahrungsmittel die Kenntnis seiner Bereitung und seiner Zusammensetzung wie sonstiger, dasselbe betreffender Punkte auch allgemein verbreitet fei. Das ist aber nicht der Fall. Die wenigsten, die Brot essen, wissen genau, wie es hergestellt wird. Auch Wrzte, die ja sehr oft m die Lage kommen, Urteile über die Verdaulichkeit und Anwend­barkeit der einzelnen Brotsorten in den verschiedenen Kor- perzuständen abzugeben, sind wenig in allen diesen Fragen) orientiert. _

Ich bin deshalb gern der Anregung von Exzellenz vort Leyden gefolgt, die wichtigsten Punkte aus diesem Gebiete zusanimenzustellen; und wenn ich auch natürlich i'nerBct keine neuen Ergebnisse zur Sprache bringe, so hoffe rch doch) für manchen Neues und Wissenswertes mitzuteUen.

Brot nennen wir das Produkt, welches aus, Mehl, also fein zerriebenen Getreideköruern, durch den Gürungs- und Backprozeß entsteht. Die Technik der Brothersteilung ist in allen Ländern mit Ausnahme unbedeutender Ws, weichungen dieselbe. Das durch die Mühle aus den. treidekörnern, Roggen oder Warzen, dargestellte Pulver wird mit Wasser angerührt und durch Meten ffsemen form­baren Teig umgewandelt. Nun muß diesem zähen Produkt eine gewisse Lockerung gegeben werden, um dasselbe genieß­bar unst verdaulich zu machen; und zu dresem Ende wrrd. der Teig der Gärung unterworfen, wobei tue Entwicklung von Gasblasen erfolgt, welche durch ihre Ausdehnung den Teia auflockern. Diese Gärung tritt ber längerem Stehen d2 Teiges von selber ein, da genügend Gärungserreger, Hefezellen, an den Getreidekörnern, also auch an dem aus dem aus ihnen bereiteten Mehl hasten. Um aber den » rungsvorgang zu beschleunigen, fetzt man künstlich noch Gärungserreger, Hefe, Mnzu, entweder Zorn, des Sauer­teiges, eines in starker Gärung befindlichen Teiges von