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Vom Superintendenten Palmer.
®er Superintendent Palmer, wegen seiner Temen Gestalt meist schlechthin „das Palmerche" genannt, der Professor in der theologischen Fakultät/Prediger und Schulinspektor war, darf nicht verwechselt werden
1. mit dem ersten Stadtpfarrer Kirchenrat Engel (f 1864), dem sogen. „Engelch e", der ebenfalls 'von kleiner Statur war und der theologischen Fakultät angehörte, und
2. mit dem Sohn des Superintendenten, der Lv u i s P'a l m e r hieß, Pfarrer in Wätzeirborn-Steinberg war und von seinem Amte suspendiert wurde, weil er einmal seine Predigt vorzeitig mit den Worten schloß: „Marsch Katz Amen: Der Jockele (ein Mitglied des Kirchenvorstandes) schläft ja." LouiA Dalmer lebte hernach in Gießen, und ältere Einwohner erinnern sich feiner iro4) recht wohl. Eine gedrungene Figur, etwas über Mittelgröße, mit erbsenstrohgelbem, weißgesprenkeltcm Haupthaar und dicken Backen, auf denen es wie Mehltau lag. Tuchmütze mit breitem Schild, Baternrörder, laugschößiger blauer Rock mit engen Aermeln umd hohem Kragen, Spazierrohx mit weißem Knopf, das er stets auf d en Rucken hielt. Er ist anfangs der 60 er Jahre Hier im Hause Marburger Straße 19 gestorben. Sein einziges Kind, eine Tochter, war hier verheiratet.
Daß das (alte) Palmerche und das Engelche in der Tradition vielfach zusammengeworsen zu werden scheinen, nimmt nicht Wunder. Denn beide fvaren klein von Gestalt, und über beide kursierten viele Schnurren.
„Tas Haar oder die ganze Barrick (Perrücke) im Heiraten ge- funne" hat nicht das Palmerche, sondern das Engelche. Es war in kinderloser Ehe verheiratet mit einer Pfärrerstvchter aus Brvmswiukel in Nassau.
Bon: Palmerche (also vom Superintendenten) sind besonders berühmt die Fragen gewesen, die er im theologischen Examen und bei Schulbesichtigungen stellte, und die nur der Fragesteller selbst beantworten konnte. „Was tun die Fürsten voir Reuß?" „Sie teilen sich in drei Linien." — „Wann wurde Christus geboren?" „Gerade zur rechten Zeit, wie es der Wille war seines Vaters im Himmel." Solcher Fragen hat es gab viele gegeben, und wer noch solche weiß, wird freundlichst gebeten, sie samt der Antwort mitzuteilem
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Ein Herr Propst K. Palin er nttS Braunschweig beklagt sich tu einer Zuschrift an uns über diese und jene Veröffentlichung aus seiner Familie. Es bat uns, wie auch ganz gewiß allen unseren Einsendern nichts anderes im Sinne gelegen, als die Erinnerung an den alten Superintendenten Palmer, eine der originellsten, aber auch geistig bedeutendsten Gestalten aus deut älteren Gießen, müs neue wachzurnsen und von den vielfachen geistreichen Bemerkungen dieses moralisch wie auch sonst in jeglicher Hinsicht durchaus unantastbaren vorzüglichen Menschen und angesehenen Gelehrtett für unsere und ivomöglich auch eine spätere Zeit so viel zu retten, als sich heute noch retten läßt. Doch um allen etwaigen Mißverständnissen vorzubeugen, sei aus der Zuschrift des Herrn Propst Palmer bereitwilligst nntgeteilt, daß der Superintendent Palmer nicht mit seiner Haushälterin verheiratet war, sondern mit einer Tochter des Superintendenten Becktold zu Gießen, daß er in glücklicher Ehe gelebt und zur Zeit seines Lebens eines nicht geringelt Ansehens sich erfreut Hai. Ein in beit dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts von ihm gefeiertes Jubiläum und die damaligen Berichte der hessischen 'Blätter darüber geben dafür den besten Beweis.
Literatur.
— Albert Sie fferr, Ott, Alois und Werelsche. Roman. (S. Fischer, Berliag, Berlin.) Geh. 4 Mk. — Ein neues Buch von einem neuen Autor; aber dieser unbekannte Name Albert Steffen wird sicherlich in kurzer Zeit unter den Besten genannt werden. Dds Buch erzählt, wie sich drei junge Menschen kennen lernen, von denen jeder seine eigene Welt mitbringt. Wie nun jeder den anderen in sein Reich einführt, verändern sich 'diese Welten, verblassen, werden brüchig, zerfallen. Bald als Freund, bald als Feind, zu dritt, zu zweien oder jeder für sich finden sie andere, bessere Lebeusregeln, die sich doch immer wieder nutzlos erweisen, da sie nicht durch das Leben selbst 'erprobt sind. So geht es eine Weile heiter zu auf Wanderungen, Spaziergängen und Festen, bis dann großes Un- - glück die drei Freunde lehrt, daß sie erst gelebt und gearbeitet ■ haben müssen, bevor sie etwas wissen wollen. Und zwar ein Leben in allen Formen. Und sie sehen jetzt, daß der Verzicht, dein sie vorher auswichen, keine Schmälerung ist, sondert: ein Urbarmachen des Unglücks in Glück. So wandelt sich bei jedem das Begehren zum Weib Nach und nach um in Liebe zum Menschen, den Mann ausmacht und freilich ohne Verzicht nicht mvgltch ijt, wie denn das Buch vielleicht auch sagen will, daß
Lehrmhre der Jugend Jahre des Verzichts sein sollten. Die dre: stehen am Ende der Geschichte allein. Was Farben, Freude und Lachen brlachte, ist tot oder vorbei: die beiden Mädchen und
ein l'Ojähriger Küab'e, der durich das Buch hin in eine Schab von Kindern fiihrt, so daß es Heller wird, wie etwa das Geräusch einer Gasse des Abends um einen Ton sich erhöht, wenn so viele Kinder hinunterkommen zum Spielen. Und doch hat für die drei das Leben jetzt alle Tore geöffnet. — Das Buch ist überreich an Bildern von Schönheit und Wahrheit, es ist 'voll voir einer jungen, aus der Tiefe der Unberührtheit schöpfenden Weisheit. Hier in Steffen Tindigt sich in Wahrheit eine neue Ronmntik an, eine echtbürtige, durch keine Stilabsichten und historisch schielenden Erwägungen künstlich gezüchtete. Es ist eines vott den Werken, die nicht geschaffen, sondern geboren sind.
Kunst.
I—’ Die Kun st Monatshefte für freie und angewandte Kunst (Berlagscmstalt Bruckmann, München, vierteljährlich 6 Mk.), Mai-Heft. Dias vorliegende Heft vermittelt uns wieder die Bekanntschaft einer Reihe interessanter Künstlerpersönlichkeiten. Besonderes Interesse dürften die in einen: Sondcraufsatz behandelten Leiden Maler Adolf Hölzel-SUfttgart und Rudolf Schramm- Zittau, München, beanspruchen. Es ist nicht die Gemeinsamkeit der Richtung in ihrer Kunst, welche diese beiden Künstler in einem Aufsatz zusammenführt, sondern der Zufall, daß sie in der letzten Winterausstellung der Münchener Sezession nebeneinander durch große Kvllektioncu vertreten waren. Einen gemeinsamen Zug haben freilich beide, nämlich, ihr Ziel nur auf künstlerischem Wege, auf dem der reinen Malerei zu erreichen. Die zahlreichen Illustrationen zeigen uns Holzel als einen Künstler, der trotz der vielen technischen Wandlungen, in welchen er die Lehren der Impressionisten und anderer moderner Richtungen verarbeitet hat, eine persönliche Sprache spricht. Schramm-Zittau ist unter den heutigen Tiermaler:: einer der begabtesten. Besonders die dem Heft beigegebene prächtige farbige Reproduktion zeigt ihn als einen Künstler von großer malerischer Kultur, der nicht nur dem Spiel von Licht und Schatten nachzugehen vermag, sondern der auch die Form und die Lebensäußerungen des Tieres in charakteristischer Weise festzuhalten weiß. — Der übrige Teil des Heftes beschäftigt sich mit der Frühjahrsausstellung der Münchener Sezession. In dem der angewandten Kunst 'gewidmeten Teil wird besonders der Streit „Fachverbaud für die wirtschaftlichen Interessen des Kunstgewerbes" gegen Hermann Muthesius interessieren.
Kür die Küche.
— Kalbsmilch ä la Conti. Mehrere schöne Kalbsmilche blanchiert und häutet man, spickt sie zierlich, legt sie nebeneinander in eine Kasserolle, zerteilt einige Butterstückchen darüber und gießt so viel kräftige Bouillon darüber, daß die Kalbsmilche bedeckt sind. Alan stellt sie 15 Minuten in einen heißen Brätoseu und läßt sie gar und glänzend werden. Junge Erbsen kocht man indes iit Salzwasser, mengt sie mit Butter, wenig Salz und Zucker, richtet sie erhaben in der Mitte einer Schüssel an und legt die Kalbsmilch kranzförmig herum.
— Kälte Speise. Ein angenehmes, schnell herzustellendes Gericht bereitet man wie folgt: Alan nehme 4 Eigelb, rühre sie schaumig mit 4 Löffel seinem Zucker, lüge einen guten Teelöffel voll Zitronensaft hinpl, nach Belieben auch etwas Schale, dann den Schnee der 4 Eiweiß; 6 Taseln Gelatine, in einer halben Tasse Weißwein ausgelöst, rühre man darunter und tue es, sobald es ansängt stets zu werden, in eine mit Wasser ausgespülte Form. Nach dem Erkalten halte man die Form einen Augenblick in heißes Wasser und stürze schnell um. Fleißiges Rühren bei der Bereitung des Gerichtes ist eine Hauptbedingung ftir das Gelingen. Wenn man Fruchtgelee oder Schlagsahne zu der Speise serviert, schmeckt sie noch bedeutend besser.
— F i s ch e s ch n: 11 ch e n. Drei neue Matjesheringe werden gut gesäubert, aus Haut und Gräten gelöst, in etwa 3 Ztm. lange Streiien geschnitten und dann mit dicker Mayonnaise, die mit gewiegten leinen Kräutern gewürzt ivnrde, vermischt. Zierliche Semmelscheiben röstet man, streicht die Heringsmasse gleichmäßig darüber und verziert die Schnittchen mit gehackter Fleijchsulz, Kapern und geriebenem, hartem Eigelb.
Rätsel.
Machdrnck verboten.
Erschein' ich in der Einzahl dir, Trägst du Verlangen sehr nach mir Und forderst mich reichlich und täglich. Doch in der Mehrzahl werd' ich zur Last, Und mein: du mich dann zu tragen hast, Da heißt's: „Nur so wenig als möglich I"
Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung der Vexier-Charade in voriger Nummer: Thekla (Theater — Klavier).
Redaktion: Ernst Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Langem Gieße».


