347
AM fest'zustellen, ob die Speisen nicht etwa vergiftet find. Man nimmt gewöhnlich an, daß der König kein bestimmtes Schlafzimmer besitzt und daß er bald hier, bald dort schläft. Fcst- stellen läßt sich das sehr schwer, da es Mühe kostet, in die Geheimnisse des Privatlebens eines Königs von Siam zu dringen. Alles verläuft dort sehr geheimnisvoll. Der Thronsaal existiert nicht mehr in seiner früheren Ausstattung, denn verschiedene Verbesserungen sind gemacht worden; aber dieser Neubau scheint nicht in Harmonie mit dem unverändert gebliebenen Teil zu stehen. Ter Schmuck der Decken und Säulen bringt allerdings eine ausgezeichnete dekorative Wirkling hervor; aber dennoch stört hier die glückliche Vermischung des siamesischen und des europäischen Stils. Der Thronsaal hat die Form eines T. Die Mauer sind mit Gemälden geschmückt.
Wenn der König, die Stirn mit der siebenzackigen Krone geschmückt, in sein goldenes, am Gürtel voll einer mit kostbaren Edelsteinen besetzten Schärpe gehaltenes Gewand gekleidet, an den Füßen mit goldenen Sandalen, an deueil Diamanten blitzen, auf seinem glänzenden Throne sitzt, umgeben von seinem ganzen Hofe, den Prinzen von Geblüt, den Großmandarinen, glaubt mair einer Feerie ohnegleichen beizuwohnen. Höchstens können die Turbans der Groß-Rstjahs Indiens dieser orientalischen Pracht gleichkommen.
In der Nähe des Palastes steht auch eine Pagode mit kostbaren Schätzen. Um sie herum befindet sich ein Garten mit Kiosken, in denen Blumenkübel, in chinesischer und japanefischer Arbeit gefertigt, stehen. Seit einigen Jahren hat übrigens der König einen prächtigen .Garten anlegen lassen, der ein sehr angenehmer Aufenthaltsort für die Europäer ist. Wenige Großstädte in Europa besitzen in ihren zoologischen Gärten so viele sehenswerte Pflanzen und Tiere, als der von Bangkok. In einem sehr geräumigen Kiosk dieses Gartens befindet sich auch ein Rauchzimmer und ein Billardsaal. Hier kann man die als Dekorateure geschickten Siamesen bewundern, wenn sie an großen Festtagen ihren unvergleichlichen Spürsinn und einen wirklich erfinderischen Geist in den Arrangements an beit Tag legen. Mit Bambus uud Papier, die sie mit verschiedenen Farben bemalen, stellen sie phantastische Tiere, Drachen, außergewöhnliche Fische, denen nur das Leben fehlt, dar. Sie erbauen Schiffe aus Eßwsaren, Paläste aus 'Streichholzschachteln uud kommen in der Fabrikation von Feuerwerk den Chinesen an Geschick gleich. Spiele jeder Art, wie Degen-, Kürten- oder Schachspiele, stehen bei ihnen in hohen Ehren. In jedem Lebensalter geben sie sich ihnen leidenschaftlich hin. Lärm, Feste ifitb Prozessionen bringen dieses Volk in helle Begeisterung. Es gerät in Entzücken, wenn der Feuerwerker das Geschrei der Tiere, das Gezische der Schlaugen, das Brüllen des Tigers, das Schreien des Elefanten nachahmt.
Ter im Jahre 1853 geborene König hat etwa 40 Frauen, von denen mehrere Königinnen sein können; aber eine von diesen letzteren nimmt eine hervorragende Stellung unter den anderen ein. Sic ist 'die regierende Königin und zu diesem Range im Jahre 1896 erhoben worden. Mutter des im Jahre 1881 gebor. Erbprinzen, ist sie nach dem Könige die mächtigste Persönlichkeit Siams. Sie ist die Halbschwester des Königs, und das erklärt sich daraus, daß ein Sohn des Königs immer nur eine Tochter des Königs heiraten darf. Auf diese Weife hat der König nacheinander seine fünf Halbschwestern zu Frauen genommen, die also fünf Königinnen sind, von denen wieder eine in dar tzauptgunst steht. Tie anderen Frauen sind nicht königlichen Geblüts. Die zahlreichen Kinder des Königs werden in zwei Klassen geteilt: die Erben der Königin oder die Prinzen und Prinzessinnen und die anderen, die hohe Stellungen einnehMen. Alle Kinder indes bewohnen den Palast.von Bangkok.
König Chulaloukorn ist ein eifriger Anhänger der Bestrebungen seiner Vorgänger an der Krone, Tschan Fa Mongknt uud MahaINongknt, die amt der! von ihnen geübten Praxis der Fremdenfeindschaft brachen und mit den seefahrenden Völkern Handelsverträge abschlossen. An Energie und Weitsicht bei Ausführung seiner Pläne jene aber weit übertreffend, hat Chulaloukorn selbst große Reisen, besonders nach Europa unternommen, und seines Hauses Prinzen erhalten ihre bürgerliche und militärische Erziehung zum Teil in Bangkok, zum Teil in europäischen Hauptstädten, wie Berlin und Paris. — Religiöse Toleranz ist 'ein Hauptzug im CMraktcr Chulaloukorns. In dem kleinen, aber seltene Schätze bergenden Museum Ariana in Genf, das der Gattin eines reichen und gelehrten Russen sein Dasein verdankt, sieht man unter den vielen Bibeln in allen Sprachen der Welt, auch eine solche, welche in siamesischer (Tai) Uebertragung beide Testamente enthält, und welche die buddhistische Majestät mit einer) eigenhändigen Widmung versehen Hat.'
Seitdem der Europäer in Bangkok ein gern gesehener Gast ist, hat selbstverständlich auch der europäische Handel dorthin seinen Weg gefunden. Während vorher der betriebsame und geschäftskundige Chinese allein auf dem MaMe von Siam herrschte, die reichen Schätze des Landes ausk- und die Erzeugnisse seiner Heimat, besonders die des benachbarten Jünnan, einführte, sind heute deutsche, englische, amerikanische und französische Firmen rn Bangkok in großer Zahl ansässig und Machen glänzende Geschäfte. Das bezeugt die große englische Zeitung „The Bangkok Times Wcekly Mail", in der fast auf jeder Seite von neuen'.
Unternehmungen der Fremden in Siam zu lesen ist. Bangkok ist 'eine Großstadt von etwia einer Million Einwohnern. Sie hat elektrische Bühnen, Wersten, Docks, elektrische Beleuchtung, industrielle Anlagen mit Dampf- und elektrischem Betrieb — kurz sie ist ein Ort, der durchaus großstädtische Bedürfnisse bat, Namentlich für die deutsche Einfuhr sind gerade jetzt die denkbar günstigsten Aussichten vorhanden, denn die Wirkung des Einflusses, den der vor einigen Jahren verstorbene Baurat Bethke auf die Regierung in Bangkok ausübte, ist noch deutlich erkennbar und wird auch für die Folge den deutschen Unternehmungen, förderlich sein.
Sittgeude Aslseu.
(Nachdruck verboten.)
Nicht die Großartigkeit der Meere, die Erhabenheit dcst Gebirge hat die Menschen von jeher am tiefsten ergriffen., Ueberhaupt keine noch so gewaltige Naturerscheinung, solange sie nur auf sein Auge wirkte. Was die Menschen am mächtigsten erschütterte, ivaren stets' Töne, Geräusche, kurz alles, was sein Ohr fesselte. Unser Gehör ist das am meisten vergeistigte unserer! Sinnesorgane. Die Sprache, als das früher einzige Ausdrucks^ mittel des Geistes, brachte die Gewohnheit mit sich, alles Hörbare' von einem denkenden, mit Vernunft begabten Wesen herstammen zu lassen. So entstanden religiöse und abergläubische Borstelb- ungeu aller Art von Geistern und überirdischen Gewalten, die die ganze Welt bevölkern sollten. Im Grollen des Donners vernahm man das Schelten eines Gottes, im Murmeln des Meeres, im Säuseln des Waldes hörte m.cin schmeichelnde Lockrufe fröhlich tanzender Nymphen und Elfen, die sich auf wogenden Wellen, schaukelnden Zweigen auf und ab schwangen. Alle diese Gott- heilen waren weiblich. Waren ja auch jene dichterischen Phaii- tastcn, die alles Unbelebte belebt sahen, meist Männer, sind das erklärt alles. i
Heute ist unser Sehnen nach dem Ueberirdischen erloschen'., Verglimmt ist auch das Feuer so vieler menschlicher Leiden-, schäften. Heute hoffen wir, nicht mehr lieblichen Äaldelsen, ver- heißungsvoll-neckenden Dryaden zu begegnen. Mit dem Wunsch erloschen die Phantasien. Freilich auch heute hören wir noch jene geheimnisvollen Töne, jene schauerlichen überraschenden Geräusche der.freien Natur genau wie sie vor Tausenden von Jahren in den Uranfängen des Menschengeschlechts gehört wurden. Aber heute überlassen wir ihre Deutung nicht dem Dichter und Sänger, heute zieht der Gelehrte hinaus und photographiert, zeichnet, rechnet, mißt, fängt Tiere und spießt sie auf, bricht Pflanzest, und mikroskopiert sie.
Ob dos edler, humaner ist, schöner? Genug, es ist so!
Auf diese Forscherweise ist cs kürzlich auch gelungen, eines dev merkwürdigsten Wunder der alten Welt zu erklären, das Rätsel der Memnonsäule bei den alten ägyptischen Theben. Um die Zeit von Christi Geburt begann die nördliche der beiden sogenannten Memuonstatuen auf der thebanischen Nckropol Plötzlich zu tönen. Und zwar gab der ganze 10 Meter hohe kolossale Sandsteiublock bei Sonnenaufgang ein Geräusch von sich, das mit einem richtigen Singen entschieden Alehulichkeit hatte. Die Erscheinung blieb dem Staunen aller neugierigen Touristen des römischen Kaiserreiches erhalten, bis etwa um das Ende des zweiten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung, als Kaiser Septimius Severus eine Restauration der Säuleustatue vornehmen ließ., Seitdem zeigte sich stichts derartiges wieder.
Lange war man beinahe geneigt, diese Berichte ausnahmslos als ein Märchen anzusehen, bis am Anfang des 19. Jahrhunderts Alexander von Humboldt auf seiner berühmten Weltreise an dem Ufer des Orinoko in Südamerika singende Felsen entdeckte. Es waren dies einzelne Felsklippen im Tale, die im Winde erklangen. In neuster Zeit hat Pcschuel-Löschke ähnliches aus Deutsch-Südwestafrika beschrieben.
Als Ursache des merkwürdigen Singens dieser Felsen siehtflstast heutzutage das Reiben kleiner Gesteinsschuppen im Winde an. Im allgemeinen ist ja jedes Gestein wasserhaltig. Friert es nun, so daß die kleinen Wasscrbläschen gerinnen und sich ausdehnen, zersprengen sie den Felsen und haben ost genug kleine Schüppchen vor der Oberfläche, die zwar noch fest genug sitzen, um nichti herunter zu fallest, aber doch gelockert genug sind, um unter den Stößen des Windes. leise hin und her zu schwingen. Auch wenn das ursprüngliche Gestein keine Wafserbläschcn und über-: Haupt keine Hohlräume enthielt, wird es sich infolge des verschiedenen Wärmeausdehnungskoeffizienten an den einzelnen -reuest so ausdehnen, daß notwendig Spänunugeit, Risse, Sprünge und damit cventl. Abschuppungen entstehen.
Auch auf der alten Mcumonsäule mögen sich rmolge der! ausdörrenden Hitze der ägyptischen Tage und der ziemlich empfindlichen Kühle der Nächte solche Gestcinschuppen gebildet haben.. Ging dann die Sonne auf und erwärmte die Säule, so Vera schoben sich die Schuppen und klingende, singende Geräusche! dranaen an das Ohr. der abergläubisch ein höheres Wesen pexsi ehrenden Pilgct, Felix J.eutzsch, Berlin.,


