Ausgabe 
15.5.1907
 
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Ich Hatte es ihn nicht geheißen, sich in die TeufelsHexe zn verlieben."

Und nun kaue er und stand da in der Tür.

Erna zitterten doch die Kniee, obgleich sie sich eingebildet Hatte, sie habe völlig überwunden. Ja das war noch das warme, liebe Gesicht mit dem milden, guten Ausdruck, nur schmal und hager war es geworden und in den Augen viel­leicht sah es nur sie aber da lag das, was er der Welt nicht zeigte, das herbe, tiefe Leid, das er durchkämpft. Sylvia es stieg wie Haß gegen die Schwester in Erna herauf, obgleich sie im Laufe der verflossenen Zeit Stunden gehabt hatte, wo ein grenzenloses Mitleid mit der, die so ziellos in die Irre ging, ihr Herz erfüllte. Konnte ihr das je vergeben werden, was sie au diesem gesündigt!

Ter alte Kommerzienrat bewillkommnete den Herrn Professor äußerst herzlich.

So haben Sie doch endlich einmal wieder! den Weg zu uns gefunden," sagte er;wie freut mich das!"

Auch Fran Friederike reichte ihm ihre schmale Hand und begriißie ihn wann. Dann stand er Erna gegenüber.,

Er sah aus, als ob er plötzlich stutze, als ob ihn etwas sehr jit Verwunderung setze. Eine dunklere Röte überflog seine Wangen. Sie nahm sich gewaltsam zusammen was sollte dies dumme Herzklopfen, sie schlug ihrer Meinung nach genau den alten Ton an, unbefangen, schwesterlich und warm;

Er saß auf seinem früheren Platz und lebhaft wurde geredet und gefragt. Hatte er vergessen? Hatte er gesiegt?

Er schien doch heiter und zufrieden zu sein, seine Rede war noch schnell und feurig wie sonst. Er hatte einen sehr angenehmen, ihn sehr erfreuenden Auftrag erhalten, er ging in Interessen der Universität nach Rom, um in den vatikanischen Archiven Studien und Nachforschungen zu machen, eine Auf­gabe, die seinen Neigungen sehr entsprach.

(Fortsetzung folgt.)

Bauheben in Oberhesfen.

In unserer raschlebigen Zeit, in der alles nach Verdienst Und Erfolg hastet, wird gar mancher mitgerissen, der gerne an den althergebrachten Sitten feiner Väter festhalten möchte; er stflgt aber dem Zuge der Zeit und bald zwingen ihn fort­schreitende Technik und moderne Berkehrseinrichtungm, das Alte über den Haufen zu werfen und sich dem ungewohnten Neuen anzupassen. Der Oberhesse aber, insbesondere der Vogelsberger, hat sich lange gesträubt, alte Sitten und Gebräuche aus Ur- großväterzeiten dem Modernen zum Opfer fallen zu lassen. Der stetig sich vollziehende Umschwung im Handwerksbetriebs, die Großbetriebe der Holzindustrie, die durch den Bahnverkehr jetzt leichter zu beschaffenden Baumaterialien und noch viele andere Momente haben dazu beigetragen, daß namentlich beim Hausbau das sogenannteBauheben" nur noch in solchen Orten Brauch ist, die fern vom Bahnverkehr, weltabgeschieden, ihr Plätzchen haben.

Bei erneut solchen Bauheben geht es ganz eigenartig zu. lieber dem Steinsockel des Hauses schlägt der Zimmermann den Oberbau aus Holz auf. Beim Mfschlageu helfen auch die Maurer mit, damit die Arbeit gefördert wird und die in Aus­sicht stehende Festlichkeit bald beginnen kann. Ist endlich das Dach aufgeschlagen, dann schmücken die Nachbarskinder eine Fichte von der Größe eines Christbäumchetis mit Taschentüchern, buntem Papier und einem Kranze, an dem eine Girlande von Eier­schalen aufgehängt ist. Diese so aufgeputzte Fichte wird nun beim Umzug durchs Dorf voraugekragen. Dahinter folgen die Zimmerleute, Maurer und die übrigen Bauhandwerker. Wahrend des Zuges spielt ein Geselle auf der Ziehharmonika lustige Weisen, oder die Teilnehmer stimmen einen Bllksgesang an. Nach vollbrachtem Umzug besteigt der Zimmermeister das Dach, befestigt am Giebel die Fichte, an der die Taschentücher wieder abgenommen sind, und hält von der Giebelseite des Hauses herab den Zimmerspruch, der mit dem Berschen endigt:

Zum Schluffe wünsch' ich bem Bauherrn ein Rind, Der Bausrau tüt Kind,

! Der Tochter zwei.

Das gibt zusammen ein Hausgeschrei."

Ehe aber der Meister den Ban verläßt, trinkt ev ein dar- tzereichtes Glas ans und wirft dasselbe über die Schulter in den leeren Bau hineüt. Zerbricht das Glas, so bedeutet es, für den Bauherrn Glück, bleibt eS aber unversehrt, so ist Unglück zu erwarten. Die Taschentücher Verteilt nun die Baufrau an die Lehrjungen und Gesellen, nur die Meister erhalten je ein wollenes Halstuch. .

Damit ist der feierliche Wt beendigt. Meister, Lehrungen Und Gesellen, sowie die nächsten Anverwandten der Bauleute, gute Freunde, getreue Nachbarn und desgleichen versammeln sich jetzt zum Schmaus in der derzeitigen Wohnung des; Bauherrn.

Dabei geht es nun hoch her, und damit es an uiafls fehle, haben die Frauen der geladenen Gäste aut ?lbend vor

dem Bauheben den sogenannten Baukorb gebracht. Dieser ent­hält ein Säckchen Weißmehl, ein bis zwei Dutzend Eier, einen, Laib Brot, einen mehrpfündigen Butterweck und einen Topf Milch. Die Mahlzeit besteht aus Suppe, Kochfleisch, Braten und Wurst mit Beigaben. Ms Dessert fehlen niemals gedörrte Zwetschen und Apfelstücke. Ein Schälchen Kaffee mit mürbem Kuchen bildet den Beschluß derGasterei".

Dauiit aber auch der Spielmann zu feinem Recht kommt, wird ein Tänzchen eingeschaltet, bei deui der Bauherr mit der Baufrau den ersten macht. Dem vollauf gereichten Bier und Branntwein wird auch tüchtig zugesprochen, sodaß nach wenigen Stundeii die ganze Gesellschast in die heiterste Stimmung versetzt ist.

Als einmal bei einem Bauheben der Bauherr seines vor-, gerückten Alters wegen vom Tanze absehen wollte, drang ul die Abwesenden in ihn, doch von der alten Sitte nicht Weichen, denn so einenLangsamen" könne er sich doch noch leisten. Nach längerem Zureden willigte er auch ein, faßte seine weit jüngere Fran um die Taille und los ging der TanzJ anfangs etwas holperig, dann aber immer rascher, bis er so ins Sausen kam, daß er dem Spielmann ob seines langsamen Tempos zurief:Peter, reiß! Ich dah (taue) wirrer ganz off."

AB. ! .

Klage» eines deutschen Bauern in Rußland.

Bon Joseph August Lux.

Es wird wenige unter uns geben, die etwas wissen von den Deutschen Südrußlands in den Gouvernements Bessa­rabien, Cherson, Jekaterinoslaw, Tanrien (mit der Halbinsel Krim), ;a noch weiter an der Wolga in Saratow und Samara. Und doch sind, von den Zeiten Peters und Katharinas ganz zn schweigen, noch int 19. Jahrhundert etwa anderthalb Millionen dahin gewandert. Ans so weiter Ferne vernehmen wir denStoß­seufzer eines Bauern":

Hexr, wann kommt die schöne Zeit, wo wir von dem die Menschen rasend machenden, die Sprachen schauderhaft ent­stellenden Uebel den Fremdwörtern gnädiglich erlöst sein werden; wo uns die gesamten deutschen schriftlichen Geistes- erzeugnisse auch wirklich deutsch, durch nichts mehr getrübt und verdunkelt, lauter und rein vor unser Auge geführt oder uns verkündigt werden; wo die Gelehrten einsehen werden, daß wir Bauern nur deutsch nicht aber irgend ein deutsch- französisch-englisch-lateinifch-italienisches Kauderwelsch verstehest können. Ja, Herr, laß sie doch bald, recht bald anbrechen die schöne, ibiie sehnsuchtsvoll erwartete Zeit, wo dieses alles fein wird."

So mußte iich schon mehr als hundertmal seufzen und stöhnen, besonders in letzter Zeit (früher war eben der ,Gebrauch' der Fremdwörter selbstverständlich, da gings auf keinem Ge­biete ohne geheimnisvolles Dunkel ab; heute dagegen . . .), tröste mich aber allemal wieder im Hinblick auf die gegen­wärtige Zeit, wo sich alles regt; wo alles sichtbar zu lebest beginnt; wo man sich jufammentut, Vereine gründet und schließ­lich auch Bittgesuche an die höhere Obrigkeit um Hebung der deutschen Sprache einreicht!

Mancher Gelehrte wird vielleicht denken, daß ich allein so spreche,; so sei also hervorgehoben, daß Tausende meiner Brüder mit mir unter derselben Last seufzen und sich nach dieser Erlösung sehnen! Ich bin überzeugt, daß ich Tausenden aus der Seele spreche, wenn ich mich an die Gelehrten mit der bescheidenen Bitte wende, daß sie mit uns armen Bauern etwas gelinder fahren und doch deutsch sprechen und schreiben möchten, da wir eben das Deutsche mit fremden Wörtern ebensowenig verstehen können, als man einen Vogel in fremdest Federn erkennen kann.

Ein armer Bauer."

DieOdessaer Ztg.", die diese Mahnung veröffentlicht, Jkgf sie ihren Mitarbeitern in einer Nachschrift auch selbst ans Herz und ertoirt den Kampf gegen die entbehrlichen Fremdwörter mit dem größten Nachdruck zu führen. Die südruffischen Deutschen haben als nächstes Ziel die Gründung einiger Fachschulen zur Heranbildung tüchtiger deutscher Vvlkslehrer ins Auge gefaßt, und was sie mit Recht zu allermeist von diesen erhoffen, das ist die Begründung eines rechten Unterrichts in der deutschen Sprache.

Ei» Sonntag in Swakoprmmd.

Nachdruck verboten.

p. Nachstehender Auszug aus einem dieser Tage entgangenem! Brief eines Missionars zu Swakopmund, geschrieben am 7. No­vember 1906, dürfte mit größtem Interesse gelesen werden.

Sonntag! Wie heimelte mich dies Wort daheim stets an! Da schien es, als feiere Mensch und Natur miteinander. Wie erhebend war es schon, in der Sonntagsfrühe die Glocken zu hören und hernach die Scharen zn sehen, die alle nur ein Ziel hatten, das Gotteshaus! Hier in Swakopmund er­tönt am Souiitagmvrgeu keine Glocke, denn unsere evangel. Gemeinde hat noch keine Kirche, auch für die Eingeborenen läutet am Morgen keine Glocke den Sonntag ein, weil bis sunt Mittag fast alle, Weiß und Schwarz, in der Arbeit sind. Ta