Ausgabe 
15.5.1907
 
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Diese drei Jahre waren für sie eine rastlose Pilgerfahrt,

eine vergebliche Jagd nach dem Gliick gewesen.

Darüber waren ihr Leib und Seele schloss

anfangs von den großen Bühnen tiiiim- vornehmen und reichen Heirat.

Ständen, durch der Mutter entgegen^

Enttäuschungen gefolgt.

Md müde geworden.

Die Mutter fabelte phcu, dann von einer

Herren ans allen

kommendes Wesen ermutigt, huldigten ihr uni) umschmeichelten sie, aber noch keiner war bis znm ehrlichen Antrag vorge­gangen. Sylvias Herz hatte auch keinem von ihnen entgegen- geschlagen. Sic hatte sich für Stunden berauschen lassen von dem Glanz eines Festes und dem' Weihrauch, den man ihrer Schönheit gezollt. Der Enthusiasmus der Mutter, welche dann strahlende Zukunftsbilder heraufzauberte, hatte sie zu Zeiten angesteckt und auch tu ihr den Wunsch rege gemacht, durch eine Heirat Erlösung aus einem Leben, das ihr immer schaler wurde, Rang und Reichtum zu gewinnen. Wenn dann aber die leicht aufgcbautett Zauberschlösser wieder versanken, fühlte sie nichts als diese immer mehr zunehmende tödliche Müdigkeit, bis das dlte Spiel aufs neue begann.

Gestern abend hatte ihr Herz gezuckt, als Paul Hendrichs auch er war eine lebendige Erinnerung an schöne, sorglose, glückliche Tage ihr sagte, Roderich sei im Saal. Sie hatte ihn ja gesehen in den Katakomben ein Schauer hatte sie in jenem Augenblick gerüttelt, und die Begegnung war ihr wie ein gespenstischer Vorgang erschienen. Zwischen diesen Grüften sah sie ihn wieder, dessen Namen sie ost des Nachts in beängstigen­den Arä innen gerufen und sie grüßten einander nicht einmal. Marell sie denn^ noch Wesen von Fleisch und Blut?

In dem festlichen Saal null auf Mollte Caprino hatten sie einander die Hände gereicht urld alltägliche Worte getauscht welch eine Farce war das Leben! Ausgebrannt die Gluten,

die einst einen kurzen Augenblick Nur in ihr emporgclodert tote Asche rings umher.

Sie sah ihn gehen, sich voll iHv wenden, das königliche Weib all seiner Seite, ein Fremder er für sie und sie für ihn.

So war sie müde, sterbensmüde eingeschlummert. Doch jetzt beim ersten Hahnenschrei fuhr sie einpor aus schwerem Traum., Sie richtete sich auf und strich das Haar lvirr aus der Stirn, Sie wußte nicht, was sie geträumt, doch ihre Wangen waren naß Mld auch das Kissen war ganz feucht von ihren Tränen. Ihr Atem keuchte was lvar es nur, das sie geträumt? Es war wie in dem Lied, das sie gesungen sie hatte wohl der alten Zeit gedacht, und wie die null so weit so weit.

14. Kapitel.

Es war um die Nachmittagsstunde zu Ende des Januar. Int Walldorfschen Hause zündete mail schon die Gasflammen an, denn es war ein trüber, dunkler Tag. Erna bereitete im Wohnzimmer nach ihrer alten Gewohnheit den Kaffee; der Duft von blüheii- den Hyazinthen und Maililieti, welche den Blumentisch zierten, mischte, sich mit dem kräftigen Geruch des aromatischen Getränks, Eine Atmosphäre äußerster Behaglichkeit erfüllte dell Raum., Ter Kommerzienrat las seine Zeitimg und sah mit großer Frelindlichkeit zu seiner Tochter auf, als sie ihm seine Tasse reichte. Er war recht weiß geworden, der alte Herr, lind ob­gleich er in diesem Augenblick zuftieden und heiter ausfah, lagen doch Furchen und Falten in seinem Gesicht, die früher nicht da waren, und die ihm nagender Herzenskummer gegraben Kummer um den einzigell Sohn, der sich dem Bäterhansg

alles anders herausgestellt, als sic erwartet, immer ferner war ihr großes .Ziel gerückt, zuletzt war es ihr ganz ent« schwanden. Ihr Eifer, ihre Begeisterung für den Berns, in den die Mutter. sie gedrängt, war lange erlahmt, aber die Hiildi- gungen, die man ihr zollte, die vielen Courmacher und Ver­gnügungen hatten die Jahre gestillt und das Herz leer gelassen. Es toaren immer große Hoffnungen, weit ausschauende Pläne, glänzende Aussichten vorhanden gewesen, von immer neuen

zu sein gottlob!

Daß er nicht darnach fragt, diese Stätte hier wiederzusehen, finde ich begreiftich," hatte der alte Kommerzienrat früher gemeint;in unsere Hause hat er bitteres Leid genug erfahren, ich hab' es nicht voraus gesehen und ihm nicht abwebren können'.

feibeucii Vorhängen versehenen Himinelbett gegenuberstand, und öffnete die eingelaufenen Postsachen. Sie warf verschiedene gleich- gültig beiseite, bis sie an ein größeres zn nnterst liegendes Schreiben kam, das sie, nachdem sie die Auffchrist gemustert, hastig, mit zitternden Händen erbrach. Ihre Augen überflogen die Blätter, sie wareit in russischer Schrift beschrieben, dann schlug sie die Hande zur Decke empor und sank in einen Stuhl. | Niemand, der Vera kannte, hätte geglaubt, daß auf diesen Zügen ein solcher Ausdruck verzückter Leidenschaft sich spiegeln

^Endlich, endlich!" rang es sich in erstickten Lauten aus | ihrer Kehle,endlich, ein Stern in dunkler Nacht ein Hoff­nungsstrahl !" , ,

Trän eil überströmten ihr schönes Gesicht, ite, trocknete pe flüchtig und überlas wieder und wieder das Schreiben, das ihr eine so große Botschaft gebracht. Daun sprang sie auf, öffnete die Tür zum Nebenzimmer, lvv Anna Kaduschda schon in ihren Kissen lag, und trat an das Lager der Alten.

Diese richtete sich, höchlichst erstaunt, mit einem ängstlichen, erschreckten Ausdruck auf, Bern umarmte sic stürmisch.

Anna, Anna Kaduschda, ich kann es nicht tragen allein eine Hoffnung, eine Hoffnung ist da!" Sie schrie das eine WortHoffnung" der Tauben ins Ohr, und diese schien zu verstehen.

Vera, Mein Täubchen ach, Gott ist groß da konnte ich heim in mein Kloster?"

Vera ließ die Alte aus ihren Armen und richtete sich auf. Was für eine Schwäche wandelte sie da an die Alte wollte gern heim in ihr Kloster, das Ivar alles, alles! O, und ihr war die Brust, als Müsse sie zerspringen, als könne sie den Gedanken, nun, da er Wirklichkeit zn werden verhieß, nicht tragen, nicht fassen, daß das Ziel ihres Lebens erreicht werden sollte. Sie streichelte die welken Wangen der Alten und drückte sie in ihre Kissen zurück.

Schlaf, Alte, schlaf sanft. Du sollst in dein Kloster zurück." Zu derselben Stunde lag in der kleinen möblierten Miet­wohnung in der Via Gregoriana Sylvia in tiefem Schlaf. Sie war sehr müde gewesen, als sie nach Hause kamen, und der Mutter Reden über den Coute und über den wiedergefundenen! Roderich, sie hatte sie kaum noch verstaudeu. Ihr war zu Mut, als lösten sich ihr Seele und Glieder.

immer mehr entfremdete. , ,

Fran Friederike lehnte in der Sofaeckc mit einem Roman, in dem sie aber nicht mehr las. Sic hatte sich entschieden vorteilhaft verändert, die bunte, ihrem Alter ost nicht angepaßte Kleidung, wie sie sie früher liebte, war verschwunden, sie trug dunklere Farben, und ihr feines Gesicht hob sich unter der schwarzen Schleierhülle, die lose über dem grauen Scheitel lag, vorteilhaft hervor. Was sie aber hauptsächlich verschönte, war der zu- friedenere Ausdruck, sie verfolgte ihrer Tochter Erna Bewegungen mit einem zärtlichen Blick.

Erna war ihrem Herzen in diesen Jahren alles geworden; es hatte oft den Anschein, als mühe die Mutter sich, versäumte Zärtlichkeit nachzuhvlen bei der Tochter. Erna sah etwas bleich uuu|C wir«।uw, i aus, sic war sehr vorteilhaft und elegant gekleidet, der Vater;

Es hatte sich legte Wert darauf, sprach oft bestimmte Wunsche in dieser Richtung aus, und so willfahrte sie ihm und zeigte dabei den ihr angeborenen Geschmack, ohne daß eigene Eitelkeit sie dazu trieb. Auf des Kommerzienrats Wunsch war überhaupt in den letzten Jahren eine regere und großartigere Geselligkeit ent­faltet worden, die reichen Mittel des Hmifes murden gezeigt, und ausgedehnte Gastlichkeit geübt. So war aiich für den morgenden Tag ein größeres Diner anberanmt, und Ernas Kopf war von wirtschaftlichen Sorgen für dasselbe erfüllt.

Alle Welt fand, daß Erna Walldorf jetzt hübscher sei als je. Der gutmütig hausbackene Ausdruck, der in der erstell Jugend, als sie noch überftische Farben hatte, auf ihren Zügen lag> hatte sich vergeistigt. Zu dem Festen, Zielbewnßten, , welches ihr Wesen charakterisierte, war etwas Neues, Unbeschreiblicycs Leiderfahrenes, Menschlichbewegteres gekommen, was das Ge­sicht anziehend machte. Sie fiel jedem fremden Beschauer auf.

Der Diener trat ein und überreichte eine Kürte. Der Herr warte draußen. Der Kommerzienrat erhob sich mit ungewöhn­licher Lebhaftigkeit.Villatte!" sagte er,Professor Villatte! Eintreten, ist herzlichst willkommen."

Erna war jäh zusammengefahren bei Nennung dieses Namens. Sie hatte Villatte in diesen drei Jahren nicht wiedergesehen. Er hatte es offenbar vermieden, nach Dresden zn kommen, hatte regelmäßig zn jedem neuen Jahr seine warmen Glücks wünsche eingesandt, ohne weiter viel über sich zu berichten, und hörte dann aus der pwmpt gegebenen Erwiderung des Kommer­zienrats auch von dem Ergehen der Menschen, dieer in un­veränderter Gesinnung hoch verehrte".

Erna hatte ihren Kampf lange ausgekämpft wie sie sicher vermeinte »md fW djarein ergeben, ihn nicht me£jr zu sehen. Durch andere hörte sie von Zeit zu Zeit von ihm, wie sehr er beliebt fei unter der akademischen Jugend, wie sie ihm anhingeN und ihn vergötterten, wie geachtet er fei unter feinen Kollegen. Unglücklich, finster und verbittert schien er also nicht geworden