Ausgabe 
15.5.1907
 
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Mittwoch dm 15. Wal

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Jem Irrlicht nach.

Roman von Alexander Römer.

Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) .

Ihre stolzen, kühlen Augen glitten über Sylvias schmächtige Gestalt, sie überragte sie um Kopfeslänge. Der meiste Schwanen­besatz ihres Mantels schmiegte sich um den wundervollen Nacken, ein Schmetterling von Brillanten zitterte in ihrem dunklen Haar.

Sylvia starrte wie gebannt in das schöne, klassisch geformte Gesicht, ein kalter Strom rieselte langsam durch ihre Adern, das war sie die Russin die schöne, herrliche Vera Petruschka. Immer noch war er in ihrer Nähe, war sie seine Braut? Im welchem Verhältnis stand er zu ihr?

Störe ich Sie, Roderigo? Wie Paul mir sagt, haben Sie eine Jugendbekannte gefunden."

Meine Pslegeschwester, Fräulein Sylvia Zernial." Roderichs Stimme zitterte leicht er nannte Sylvia auch Veras Namen.

Ihr Gesang war sehr schön, Signorina, es klang die deutsche Gemütstiefe daraus."

Vera sprach französisch mit ausgezeichuetenr Akzent, ihre sonor: Altstimme klang wie Musik.

Sylvia verneigte sich stumm. Wie em zerflatternd Nebelbild huschte die Vision an ihr vorüber, wo sie sich auf dem Thron als hochgcfcicrte Künstlerin gesehen und Roderich reuig zu ihren Füßen. Jetzt bot Roderich dieser strahlenden Gestalt den Arm, das schwere Atlasgcwand Veras streifte ihr schon etwas vergilbtes Seidenkleid, und die welken Rosen aus ihrem Haar freien zur Erde Der Cvnte. bückte sich darnach, küßte die armen Rosen und steckte sie mit einem süßlichen, faunischen Lächeln in sem Knopfloch. Ihr aber war zu Mut, als müsse ste vergehen vor Qual und Weh.

Na, Roderich, der zu Hause das Herrschen so hübsch ver­stand und nur gefügige Sklaven r>m sich duldete, scheint hier das Dienen' gelernt zu haben," sagte die Mutter in ihrem beisten- deil Ton.Er trottet ja wie ein geduldiger Hammel hinter seiner Schönen ist! das ein 'hochmütiges, widerwärtiges Frauenzimmer, diese Russin eine frivole Person, die sich mit verschied-nen Galanen in der Welt herumtreibt."

Sylvia taten der Mutter Worte in den Ohren weh. Jstc hatte für alles so niedrige Auffassungen aber beglückte diese Russin Roderich? Glücklich hatte auch er nicht ausgesehen. Roderich geleitete Vera an ihren Wvgen.

Wann darf ich morgen vormittag kommen, Vera?" fragte er.

Morgen?" sie lehnte zerstreut in den Wagenkissen warten Sie um elf Uhr kommt Paul, um mir Bericht über seine Funde abzustatten, er ist ja sehr befriedigt." ,

Nun, das lockt mich nicht," entgegnete Roderich scharf,das wird jedenfalls recht langweilig." .

Gut um zwölf Uhr kommt dre norwegische Malerm, um mein Bild zu vollenden, wollen Sie da Gesellschaft leisten, oder finden Sic auch das langweilig?"

Mit Ihrer Erlaubnis, ja, Vera; da komme ich lieber am Abend, um Sie für misch allein zu haben, Vera mia!" Er küßte ihr die Hand und sprach in weichem, zärtlichem Ton.

Sie Hoffnungsreicher!" Vera antwortete mit ihrem kurzen, tiefen Lachen.Wenn niemand uns stört, können Sie mir von der Kleinen einer Pflege- oder Milchschwester, nicht wahr? er­zählen. Pvverina, wenn sie sich zur Sängerin hat ausbilden wollen, ist das ein arges Fiasko! Ihr Stimmchen ist lceblcch wie ihr schon halb verblühtes Persönchen, aber damit macht sie kein Furore."

Ter Diener hatte die alte Anna Kaduschda, von der nie jemand sprach und die jedermann Vergast, bis sie gebraucht wurde, in ihre Pelze gewickelt, der Schlag wurde geschlossen und drr Wagen rollte davon. Roderich stand draußen und schlug den Mantel um die Schultern. Tie Luft war milde,. die Sterne fun­kelten am Firmament, er schickte sich, an, zu Fuß nach Hause zu gehen. Er schritt an der Statue Marc Aurels vorüber, die prachtvolle kapitolinische Treppe hinab.

Was war er Vera? Wenn sie ihn nicht liebte, warum hatte sie dann nicht längst eine Trennung herbeigeführt? Er galt doch allen ihren Freunden als ihr künftiger Gatte. Abb !vv er von Liebe redete, wies sie ihn zurück. Nicht schroff oder verletzt, sondern lachend, mit einer sonderbar geschickten Abwehr Und er fand er seine Rechnung bei diesem wundere lichen Handel? Er hatte alle anderen Verehrer und Bewerbet aus dem Sattel gehoben, auch Paul denn an seine Kälte, mochte er sie noch so sehr zur Schau tragen glaubte ep nicht. Und er hatte sich an dieses Leben in ihrer berauschenden! Nähe gewöhnt, er konnte nicht mehr atmen in anderer Lust,

Sylvia sie wäre sein demütig liebendes Weib geworden, er ihr Herr, ihr Gott neben Vera herrschte er nicht.

Er schritt rascher aus', sein Blut wallte mehr als sonst heut abend Ta klang, die Stimme des Italieners, des Cvnte Bocca- levue, an sein Ohr, ein Wagen fuhr dicht an ihm vorüber, und Tante Cölestinens Lachen war nicht zu verkennen. Sylvia da drinnen zwischen den beiden.

Konnte er denn nicht heute noch sie retten und befreien? Ach, der schwache Funke, der während dieser Jahre mehr und mehr in Asche zerfallen war, hatte keine Kraft mehr, ein Feuer zu entzünden. Was an Stoss dazu noch in ihm war, brannte aus anderen Altären.

Veras Wagen hielt auf der Piazza d'Espagna, wo sie im zweiten Stock des' Palazzo Ruspoli ihre Wohnung hatte Das Vorzimmer und ihr Schlafgemach warm hell erleuchtet, Ni letzterem slackcrte ein leichtes Kamiufeuer. Sie warf njtvan ihren Mantel zu und wünschte Anna Kaduschda gute Nacht. Die Aermste hielt sich kaum noch auf den Füßen und ihre Augen waren halb geschlossen vor Müdigkeit.

Vera trat in ihr Schlafgcmach. Es' war ein großer, hoher Raum, mit weichm Teppichen belegt, dessen sernfte Ecken und Winkel trotz der acht Kerzen, welche die Jungfer darin ent­zündete, noch in Schatten gehüllt blieben. Vera ließ sich ent- xleidcn und in den weichen, weißen Schlafrock hüllen, dann winkte sie der Dienerin, daß sie sich zur Ruhe begeben solle, Ihre Züge zeigten keine Spur von Müdigkeit, sie war gewohnt, die Nacht zum Tage zu machen, und bedurfte wenig Schlaf, Sie trat an den Schreibtisch, welcher dem großen, mit rot-

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