Ausgabe 
15.4.1907
 
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jamais nay mis le pied en France) wagt er es doch, nach I seinem eigenen Geständnis, vor der erlauchten Gesellschaft die Lobrede in französischer Sprache zu halten. Dankend gedenkt er desunbesiegbaren" deutschen Kaisers Rudolf, der in seiner Munifizenz unsere Hochschule mit Privilegien ausgestattei hat, die es ermöglichen, daß ihre Schüler nach treuer Arbeit sich mit der Würde eines Bakkalaureus, eines Lehrers der freien Künste, eines Doktors bei jeder Fakultät schmücken dürfen.

Jubiliere", (santes de joye) fährt der Redner fort, du herrlich blühende Gießener Akademie, die du als Beschützer und Vater einen erlauchten Fürsten hast, den edlen Land­grafen Ludwig von Hessen! Er ist ein edler Sproß seines Hauses, ein würdiger Nachfolger seines erlauchten Ahn­herrn, der sich den Namen einesHochherzigen" verdiente durch seine Gerechtigkeit, Milde und Güte, als Verfechter der Wahrheit im Kampfe für seinen Glauben, als Schutzherr der Armen und Elenden. Landgraf Ludwig führt ein gerechtes und mildes Regiment. Er belohnt das Gute und bestraft das Böse. In der Regierung wird er unterstützt durch tüch­tige, unbestechliche (point corrumpas par or ou par argem) Beamte. Er ist kein Autokrat wie andere Fürsten (qui se plaisent ä, faire des choses sang conseil), beachtet den Rat seiner Beamten, indem er sich vorhält: Zwei Augen sehen mehr als eins. In seiner Fürsorge und Güte hat er dies schöne Kolleg errichtet mit wahrhaft königlichem Auf­wand (avec despenses vrayement royales), geschmückt und ausgestattet und dann in die Hände seiner Professoren gelegt. Rühme dich, du blühende Akademie, du hast einen Gründer, begabt mit Gerechtigkeit, Klugheit und Weisheit, Tugend und Edelmut, wie es keinen anderen mehr auf der Welt gibt! Du wirst dich würdig jeder älteren Universität zur Seite stellen können! Diese Anstalt ist gegründet auf Hoffnung, nicht aus gewinnsüchtigen Absichten (d en tirer quelque gain ou profit). Der Gründer hat weder Kosten, Reisen, noch Mühen und Arbeit gescheut (un million de pßine et travaux), um seine Landesschule mit den besten Privilegien auszustatten. In allem war er geleitet von dem Gedanken, ein Beschützer des christlichen Glaubens zu sein, und denen eine Freistätte zu bieten, die blinder Fanatismus aus ihrem Vaterlande vertrieben. Die umherirrenden Theologen hat er aufgenommen um mit ihnen zuerst eine hohe Schule zu gründen, die wir heute nennen dürfen mit Zustimmung des Kaisers:Akademie".

Bald nach Gründung der Hochschule hat sich die Bos­heit der Gegner gezeigt (la malice et la mechancetö de nos Adversaires), die die junge Anstalt vernichten wollten. Aber trotzdem hat sie durch die Fürsorge des Landesfürsten eine glückliche Entwickelung genommen, so daß sie schon be­rühmt ist im Auslande. Soll ich Ihnen aufzählen, wie schön hier die Wissenschaften vereinigt sind? Kein Zweig der Wissenschaft ist so schwierig, daß er nicht seine Lösung fände durch die faßliche Lehrart der Professoren, An dieser Hoch­schule wird das Evangelium rein gelehrt und gepredigt und werden mit Mut die Artikel unseres Glaubens verteidigt. Wie glücklich sind wir, an einer solchen Hochschule zu leben! Mögen auch andere Akademien ihre Theologen, Juristen, Mediziner und Philosophen bis zum Himmel erheben: unsere Anstalt steht ihnen in nichts nach (ne leur cMe en rien). Hier wirken Männer der Wissenschaft in einer Weise, wie man es nicht besser wünschen kann.

Nehmen wir die Jurisprudenz; mit welcher Genauig­keit und Einsicht wird sie gelehrt, so daß ihre Schüler den Lehrern alle Ehre machen können. Alle Zweige dieser Wissenschaft werden gelehrt nach einer wohldurchdachten Methode.

Was soll ich von der Medizin sagen? Unsere Vor­fahren lobten einen Aeskulap, einen Galenus, einen Hippo- krates, die sich durch dir Erfahrung die Kunst und Wissen­schaft der Medizin angeeignet haben. Wir haben hier in der anatomischen Wissenschaft und Heilkunst Doktoren, die sich nicht nur die Erfahrungen eines Hrppokrates und anderer zunutz gemacht, sondern auch auf ihren Wanderungen und Reisen Kenntnisse gesammelt haben.

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Wie lieb und wert machen unsere Professoren ihren Schülern die Philosophie! Es gibt hier kein Gebiet, das nicht von ihnen auf die beste Weise für den Geist ihrer Hörer nutzbar gemacht wird.

Willst Du Sentenzen schreiben und lernen, dich gewandt in der Kunst der Poesie auszudrücken oder Verse zu schmieden, hier wird Dir der Weg gezeigt! Willst Du Geschichte stu­dieren, so höre die Vorlesungen unserer Historiker; sie werden Dich führen auf das Gebiet der kriegerischen Ereignisse der Zeiten, Dich bekannt machen mit den Ruhmestaten der mäch­tigsten Könige aller Nationen und ihrer großen Männer! Willst Du die griechische Sprache lernen, hier kannst Du Dir sie auf eine leichte und faßliche Weise aneignen l Willst Du begabt werden, etwas zu erfinden, scharf zu urteilen, die Wahrheit exakt zu verteidigen, das Lob eines Weisen Dir verdienen, so komme hierher, studiere und schöpfe aus dem reichen Born dec Logik!

Aus dieser Hochschule sind schon Männer hervorgegangen, die heute den Predigtstuhl zieren, im Kollegium der Städte sitzen, auf dem Richtstuhl mit Ehren wirken und unter dis Zahl der Mediziner ruhmvoll aufgenommen sind.

Willst Du Dich ausrüsten mit den Waffen des Mutes, gefeit fein gegen Genußsucht und Vergnügen, Habgier, gegen die Furcht vor dem Tose, willst Du Sparsamkeit und den Segen der Arbeit schätzen lernen, so lasse Dich unterrichten in der Ethikl

Und welche Anziehungskraft hat nicht unsere neue Hoch­schule I Hier kannst Du finden: Dänen, Franzosen, Oester- reicher, Böhmen, Sachsen, Schlesier, Holsteiner, Pommern, Thüringer, Friesen, Schweden, Franken, Westfalen, alle be­seelt von dem ernsten Streben, etwas zu lernen.

Erkennet, jung wie alt, mit mir das Glück, daß wir hierher nicht in der Absicht gekommen sind, das Joch der Faulheit zu drücken, oder genußvolles Leben zu führen oder das väterliche Vermögen zu vergeuden l Nach langen Reisen seid Ihr hierher gekommen, um nützliche Kenntnisse Euch anzueignen, damit Ihr einst eine Zierde unserer Hochschule werdet (pour rendre immortel ä, jamais le nom de cette academie). Dies alles sollt Ihr lernen unter der Führung gelehrter und achtbarer Männer, die in ihrer Gelehrsamkeit und rechtschaffenem Sinn feinem Gelehrten einer anderen Nation nachstehen.

Kein anderer Ort ist aber auch geeigneter zur Aufnahme der Musen als Gießen. Wir befinden uns hier an einem Orte, der wohl verwahrt ist durch Mauern und Festungs­werke, geschützt und verteidigt durch eine zahlreiche Artillerie, ausgerüstet mit einem bedeutenden Arsenal. Alle diese Vor­sichtsmaßregeln zur Verteidigung unserer Stadt sind unter Aufwand von großen Kosten getroffen worden. Kein Ort ist geeigneter zum Studium als Gießen; hier findet man alles, was man sich wünschen kann (on y a tout que lon pourroit d6sirer).

Manche loben andere Gegenden und ihre Bewohner, sei es wegen der Trefflichkeit des Weines oder wegen des Reich­tums an Getreide und Früchten, sei es wegen der Schönheit der Gärten ober wegen des Reichtums der Flora oder wegen der fischreichen Gewässer. Doch unser Ort, der nur den Musen geweiht ist, scheint ihnen nach dieser Richtung des Lobes nicht würdig. Dem ist nicht so!

Willst Du Weinberge sehen, so gehe nur auf unsere benachbarten Anhöhen! Hier reifen die schönsten Trauben, und wenn nicht der Frost sie verdirbt, so liefern sie den besten Wein. Der Gießener ist fast ebenso gut wie der Fra nken- und Rheinwein (en nostre Giesse y a presque daussi bon vin quen Franconie et sur le Rhin). (Leider wissen wir heute nichts mehr von bem guten Gießener Tropfen; unsere verwöhnte Zunge würbe ihn auch kaum zu schätzen wissen.)

Die Fremden loben die Wetterau wegen der Trefflich­keit des Getreides, das dort wächst. Und ist unser Gießen nicht auch ein Teil der Wetterau und solcher Empfehlung würdig? Ihr beklagt Euch und sagt, die Luft sei hier nicht gut. Aber kann es eine bessere Luft geben, als in Gießen?