Als sie unten eintrat, war aller Augen gescannt auf sie
ver-
und! noch viel- not- also
gerichtet.
„Sylvia hat Kopfschmerz und bittet um Entschuldigung/* sagte sie in einem Tun, der weitere Fragen abschnitt.
Das Mahl verlief sehr einsilbig. Frau Friederike sah wie eine Märtyrerin aus, eine Miene, die sie leider oft hatte und die nicht zur Erheiterung ihrer Umgebung beitrug.
Ter Hausherr schlang in zornigem Ingrimm seine Bissen hinunter und aß in seiner Aufregung mehr noch als sonst. Er erklärte d azwischen, daß er Roderich gleich nach Tisch sprechen wolle. Dieser entgegnete mit ausgesuchter, beinahe ironischer Höflichkeit, daß er den Vater schon um die Gunst einer Unterredung habe bitten wollen. Er genoß wenig und mühte sich, seine gewohnte überlegene Haltung zu bewahren. Ernas Blick vermied er, und dieser gelang es auch nicht, eine gleich- giltige, unbefangene Unterhaltung zu führen.
Nach Tiscbe hielt der Vater sie einen Augenblick fest.
„Sieh zu, was du mit der Kleinen anfängst, mein Mädchen," sagte er, „sie wird dir wohl zunächst beichten. Ich verstehe mich nicht auf solche delikate Angelegenheit — der Villattc hätte seine Sache selber führen sollen. Aber sie kann nicht so töricht sein, die Partie auszuschlagen. Roderich reist übrigens morgen, und du mußt dich wohl um seinen Koffer kümmern, du einziges ......
nünsliges Frauenzimmer im Hause."
„Roderich reist morgen schon?"
„Ja — er wünscht es, und mir ist es auch recht.
„So — er wünscht es." Erna sagte weiter nichts erfüllte alle ihre Obliegenheiten. Sie hatte freilich dann recht viel herzurichten, denn der geniale Roderich Itnirbc leicht ohne ein Stück Wäsche reisen, und ein Teil feiner wendigen Garderobe war noch beim Schneider. Sie eilte treppauf, treppab, sah auf dem Boden die Koffer nach, den Diener in die Stadt, ordnete und packte des Bruders Wasche.
Sylvia wollte sie vorerst sich selbst überlassen, und Roderich wich ihr offenbar aus, so nötig seine Instruktionen an sie für seine eigenen Angelegenheiten auch gewesen wären.
Das emsige Schaffen hals ihr über die schweren Gedanken hinweg. Hin und wider nur zuckte es plötzlich wie schneiderckier! Schmerz in ihr herauf, wenn sie an ihn, an Villatte dachte.^ Er harrte in banger Spannung auf das Jawort der Geliebten.
Wenn er wüßte, wie es hier stand! Vielleicht erfuhr er es nie, vielleicht überredeten sie dieses schwache, leichte Wesen! und sie gab nach. Wo er sein ganzes, treues, ehrliches Herz gab, sand er nur Lüge und Verstellung. Das war ein Gedanke
Eins Loörcde auf Hießen nnd seins «Hochschule aus dem Jahre 1611.
(Original-Artikel der „Gieß. Fam.-Bl.").
Vor dem Senat und der Studentenschaft der Gießener Hochschule hielt am 1. September 1611 der Kandidat der Philosophie I. Peter Auch ter aus Pforzheim m Baden eine Lobrede in französischer Sprache auf Gießen und seins neue Akademie. Die Rede'): „Harangue fran^aise de la louange de l’academie de Giesse“ erschien im Druck bet dem Universitätsdrucker Nie. Hampel in Gießen nnd wurds vom Verfasser den Prinzen Friedrich, Karl und Christoph von Hessen gewidmet. Zu dem öffentlichen Akte nn akademischen Hörsaale hatte der Dekan C. Bachmann in einer den Redner äußerst ehrenden Form durch einen Anschlag m lateinischer Sprache die akademischen Bürger eingeiaden und um zahlreiches Erscheinen gebeten, selbst auf die Gefahr hl», daß mancher der Hörer — wozu er sich auch selbst rechne» — eine selten zum Vortrag kommende französische Rede nur schwer verstehen würde. , ,
Obschon der Redner nie in Frankreich gewesen (<M
•) Es konnte nicht wegen der Breite der Darstellung unser« Absicht sein, eine wörtlich« Uebersttzung der Rede Su flebe«, jedoch ist meist die Anlehnung an das Original gewahrt. «■
zum Verzweifeln. t ,
Als sie endlich, urüde von der Arbeit und den innere« Qualen, auf ihr Zimmer flüchtete, hörte sie, Stimmen im Nebenraume. Tante Cölestine war bei Sylvia. Eme große Angst erfaßte Erna. Wo die Tante die Hand im Spiel hatte, wurde nichts Gutes zufammengebraut. Es kostete sie Ueberwindung> dazwischen zu treten, aber sie mußte es tu«. .Entschlossen legte sie die Hand auf den Türgriff und öffnete.
(Fortsetzung folgt.)
Da — war das nicht Sylvia, welche ans Roderichs Zimmer trat? Roderich stand hinter ihr im Rahmen der Tür, er streckte i
beit Arm aus, als wolle er sie zurückhalten — das volle Licht des Oktoüertages fiel einen Moment auf beider Gesichter — wie sonderbar sahen sie aus — Sylvia ging, ohne nach Roderich zurückzublicken, und flüchtete augenscheinlich — sie schien sie gewahrt zu haben — in das Kämmerchen, wo sie jedenfalls Nichts zu suchen hatte.
Ernas Fuß blieb auf den oberen Treppenstufen, von wo sie dies alles beobachtet hatte, gebannt. — Warum wich Sylvia ihr ans? Wie kam sie in Roderichs Zimmer? Ein verworrenes Denken bildete sich in Ernas Kopf, sie eilte jetzt rasch die Treppe vollends hinunter. Sie mußte dcn Dingen ihren Lauf laben. Was war geschehen?
6. Kapitel.
Die Eltern waren schon im Speisezimmer. Der Kommerzienrat redete eifrig mit seiner Frau und wendete sich bei der Tochter Eintritt um. Er sah aufgeregt aus, das gewahrte Erna aus den ersten Blick, und ihr zitterten noch die Füße.
„Kommt Sylvia nicht?" war des Vaters erste barsche Frage.
„Sylvia? Sie war gar nicht oben." Erna erwiderte cS zögernd, vorsichtig. Sie wollte cs nicht verraten, wo und wie sie Sylvia eben gesehen. , .
„Wo steckt sie beim?" rief der Kommerzienrat in seiner polternden Weise, welche verriet, daß auch er eine große Aufregung gehabt. „Ich habe sie vor einer Stunde schon entlassen."
Frau Friederike schlug die Hande zusammen und sah verstört von einem zum andern.
„Da haben wir's, Walldors", sagte sie in einem Ton unterdrückter Empörung und deutlicher Angst; „ich kann es mir denken, wie du auf sie eingeredet hast. Nun hat sie gemeint, du wolltest sie aus dem Hanse stoßen — o, mein Gott, wo ist das unglückliche Kind?" _
Der Kommerzienrat faßte au seinen Kopf und machte eine Geberde wie jemand, der sich selbst mit Gewalt in Banden hält, weil er fürchtet, loszurasen.
„Sieh nach, Erna, wo sie ist!" sagte er kurz.
„Beruhige dich, Mama," entgegnete Erna in seltsam kaltem Ton, „Sylvia ist nicht verloren gegangen. Sie wird jetzt oben sein." m
In diesem Augenblick trat Roderich ein; ein' genauer Beobachter hätte gewahren Wunen, daß auch er blaß und verstört aussah. Die Mutter eilte auf ihn zu.
„Roderich, weißt du etwas von Sylvia?"
„Von Sylvia? Ist sie denn nicht hier?" Er stockte und sein Blick begegnete sich mit dem Ernas. Ein flüchtiges Rot färbte seine Züge. „Sie wird auf ihrem Zimmer sein," setzte er mit möglichster Ruhe hinzu.
„Nein, da ist sie nicht!" rief Frau Friederike letzt in Tränen.
„Mein Gott, was ist denn passiert?" meinte Roderich, aber offenbar ohne Jnteresfe an der Antwort.
„Ich gehe schon, sie zu holen," sagte Erna. Roderich verriet nichts von Sylvias Besuch bei ihm :— was sollte man ans diesen Dingen folgern? v r
Des Kommerzienrats Augen hafteten auch auf seinem Sohn. Donnerwetter, war da schon etwas im Spiel? Wäre der Junge nur erst fort, morgen konnte er reisen, je eher, desto besser.
„Setzen wir uns zu Tisch!" rief der alte Herr kurz.
Erna horchte oben an Sylvias Tür. Es war alles still drinnen. Die Außentür war verschlossen, /sie ging durch ihr Zimmer und öffnete die Berbindungstür. Sylvia lag auf dem Sofa, den Kopf in die Kissen verborgen. Ernas Herzschlag stockte einen Moment. Das war keine glückliche, jubelnde Braut.
„Sylvia, was ist dir? Es hat längst zu Tisch geläutet." Sylvia schreckte empor und wandte ihr ein tränengebadetes, Wdbleiches, ganz verändertes Antlitz zu.
„Kind, Kind, was ist geschehen?" Erna wollte die Schwester in die Arme schließen, diese wehrte ihr mit einer seltsam fremden Keberde.
„Bitte laß mich, ich bedarf einer kurzen Stunde der Ruhe, der Einsamkeit, entschuldige mich bei Tisch, ich — ich habe Kopfweh, wirklich schweres Kopfweh!"
„Meine kleine Sylvia!" Ernas Herz schwoll in Mitleid.
„Bitte, frage mich jetzt nicht, ich flehe dich an, laß mich allein." t
Erna zog ihre Arme zurück und wandte sich ab. Was toar dies? Alle ihre Vermutungen paßten nicht auf diesen Zustand. Aber jedenfalls mußte man Sylvia allein lassen, damit sie sich zurechtfände.


