Wsrttag den 15. April
1907
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Aem Irrtlchi nach.
Roman von Alexander Römer.
Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
„Ja, gewiß, ich fitfjfc es auch — sein Ton klang viel weniger innig, beinahe zerstreut, „aber für den Augenblick hilft uns das nichts, denn sieh einmal, du süße Kinderunschuld, da, wohin ich gehe, und unter den Verhältnissen, wie ich gehe, da ist gar nicht daran zu denken, daß du — daß wir —" Roderich, der Dichter, dem die Worte so glänzend zu Gebote standen, stotterte und stockte, er verstand d as nicht zu sagen, was er sagen wollte, sagen mußte. „Ja, — wie denkst du dir das eigentlich?" schloß .er halb verlegen, halb verdrießlich.
Shlvias Glieder durchzog eine plötzliche Kälte, es war wie ein Geisterhauch, der sie von irgend woher unheimlich umwehte, sie — sie sprach von ihrer Liebe zu ihm, und er —. Wie ein böses Traumbild erschien ihr «auf einmal sein verlegenes, verdüstertes Gesicht, und sie schlug jählings die Hände vor das ihre, in Scham und Entsetzen.
Er war aufgesprungen und wollte ihr die Hände, die eiskalt geworden, vom Gesicht ziehen, sie wehrte ihm. Er redete jetzt hastig, in Sprüngen, ungeregelt durcheinander, halb scherzend, halb beteuernd. Aber zunr Heiraten seien sie alle beide noch zu jung, und ohne verheiratet zu sein, könne sie doch nicht mit ihm gehen: wie ihr denn der sonderbare Gedanke eigentlich gekommen sei. Um Billatte brauche sie sich jedenfalls nicht zu quälen, der «erhalte seinen Korb und kehre dann nicht wieder.
„Sei vernünftig, Sylvia, sei mein gutes Schwesterchen", schloß er; „wenn ich erst in Paris bin, schicke ich dir mit erster Post das schönste . Geschenk, das ich in der Stadt des Luxus und der Mode finden kann."
Sylvia unterbrach ihn, indem sie sich langsain erhob. Sie begriff. Mit bleierner Wucht legte sich , die nüchterne Wirklich- kcit auf ihr heißes Herz.
„Du — du hast mich mißverstanden", sagte sie mit völlig veränderter, jetzt 'heiser klingender Stimme, „ich — ich habe mich ganz falsch ausgedrückt. Papa hat eine schroffe Art — du kennst ihn ja — er sagte mir vieles, und daß ich hier keine Kindesrechte habe und mehr über meine Eltern erfahren solle — wohl auch nur Trauriges — das hatte mich verstört und aufgeregt. Da habe ich eben viel Törichtes gesagt. Ueber Doktor Villattes Werbung habe ich noch kaum nachgedacht —- er ist ein sehr edler Mensch."
War das dieselbe Sylvia, welche er gekannt, seit sie die ersten Kleider trug, das fröhliche, sprühende, gedankenlose Kind? Sie sah plötzlich um Jahre gealtert aus. Ihr Blick war glanzlos und irrte wie abwesend an ihm vorüber. Sie erschien um einen Kopf größer als sonst, und um den lieblichen Mund lag ein fremder, bitterer Zug.
Es übermannte Roderich doch. Es drängte ihn, die Arme nach ihr auszubreiten, ihr zu geloben, daß er jedes Opfer bringen wolle, um sie zu erringen. Aber er wagte es jetzt nicht, sie an sein Herz zu ziehen, urtf> dann — die kühlere Reflexion gewann
rasch wieder die Oberhand — es wäre ein Unsinn sondergleichen, dann blieb ihm nichts als die Zwangsjacke in des Baiers Kontor.-
Sylvia schritt schwankend wie eine Nachtwandlerin zur Tür, Sie hatte ein Gefühl, als sei alles in ihr erstarrt. War so deck Sterbenden zu Mut, wenn der Tod nahte? Ein Rauschen, wie von brausenden Wassern tönte vor ihren Ohren, und daher wußte sie auch später nie, ob Roderich noch weiter gesprochen habe. Wie durch einen Nebel sah sie eine Gestalt von oben herab kommen: es war Erna, die aus ihren: Zimmer kam — wie ein elektrischer Schlag durchzuckte es sie: sie verbarg sich.
Neben Roderichs Zimmer lag ein Kämmerchen, wo Haushaltsgegenstände aufbewahrt wurden. Dahinein schlüpfte sie, und jetzt war es wieder Leben, grausiges Leben, was in ihr pulsierte. Mit einer entsetzlichen Klarheit kehrte ihr Denkvermögen zurück, sie verbarg sich —wie Eva im Paradiese nach dem Sündenfall. O, Gott! Es ivar ihr, als müsse sie sich fortan vor allen Men? schcn verbergen.
Erna hatte heute länger als sonst zu ihrer Toilette gebraucht. Auch sie hatte, als sie unten in den Wirtschaftsräumen beschäftigt war, Willatte über den Vorhof schreiten sehen und erfahren, daß er beim Vater gewesen war. Er ging, ohne sie zu begrüßen. Was bedeutete das? Ihm mußte Wichtiges hergeführt haben zu so ungewöhnlicher Stunde.
Ihr Herz wurde beklommen. Später berichtete ihr Tante Cölestine in besonderem Tonfall, daß Sylvia zum Vater gerufen sei, und Erna fand in ihrem Geist nur eine Deutung für die Vorkommnisse. Es handelte sich um eine Bewerbung um Sylvia. So fielen also die Würfel — er kettete sein Los an Sylvias leichte Seele.
War es das allein? War es nur die Sorge um sein Glück, was ihr diesen brennenden Schmerz verursachte? Sie hatte ja keine Törin sein wollen, sich keinen Illusionen hingeben wollen — ja, was sind Vorsätze! Erna verriegelte ihre Tür und kämpfte allein, von keines Menschen Auge gesehen, ihren ersten bittern Kampf ans.
Dann ergriff sie eine tödliche Augst. Sylvia konnte jeden Augenblick heraufkommen, ihr erster Impuls würde feilt, an ihre Türe zu klopfen, ihr mit den Jubelausrufen der glückseligen Braut um den Hals zu fallen, und — dann mußte sie ihre gute schwesterliche Rolle dazu spielen. So riegelte sie ihre Tür wieder auf und horchte auf jeden Schritt.
Es war totenstill im Hause. Die Unterredung mit dem Papa dauerte sehr lange — ha, wahrscheinlich waren da noch Enthüllungen über Sylvias Eltern zu geben. Ema hatte in letzter Zeit allerlei Vermutungen über den Punkt.
Jetzt hörte man unten das Schließen einer Tür — nein — es wurden Damenstimmen laut, das waren die Besucherinnen der Mama — der Zeiger der Uhr rückte vor, in wenig Minuten mußte die Tischglocke läuten, und Sylvia war noch nicht oben. Wie sollte sie das deuten, jede unter dieser Spannnng verrinnende Viertelstunde raubte ihr einen Teil der notwendigen! Fassung. Jetzt — es läutete wahrhaftig schon — sie sprang empor, sie mußte dieses unerträgliche Zittern der Glieder bezwingen — sie öffnete ihre Tür unb ging hinunter.


