hrecherische Hand im Spiele gewesen war, und erst die beiden späteren Fülle waren wirkliche Vergiftungen gewesen, nicht schwer genug, um bei einer geeigneten Behandlung ernste Lebensgefahr zu bedeuten, aber' inrmerhin so beängstigend und peinvoll, daß die Gerettete ihrem hilfreichen Arzt zu innigstem Dank verpflichtet sein mußte.
Der letzte Anschlag aber war bitter ernst gemeint gewesen. Die Furcht, daß ihm Margaret verloren sein oder ihm gar durch Morton Rahward abspenstig gemacht werden könnte, hatte den bis zum Wahnsinn Verliebten alle Vorsicht vergessen lassen. Vielleicht auch hatte er von den im dunklen schleichenden Gerüchten, die den Neffen der alten Dame verdächtigten, bereits Kenntnis erhalten und gab sich der Hoffnung hin, daß man ihn für den Mörder halten würde, so daß damit jede Möglichkeit einer Verbindung zwischen Morton und Margaret abgeschnitten gewesen wäre. Natürlich würde man ihn zuerst gerufen haben, wenn die alte Dame unter der Wirkung des unbedingt tödlichen Giftes erkrankte und er würde daun unschwer Gelegenheit gefunden haben, das Arzneifläschchen zu beseitigen, dem er am Abend die Atropindosis beigemischt hatte, während er sich den Anschein gab, den Inhalt zu prüfen.
Margarets Absicht, etwas von dem Medikament zu nehmen, hatte seinen schurkischen Plan über den Haufen geworfen, und die furchtbare Angst, die ihn gepackt hatte, als er das geliebte Mädchen in der höchsten Lebensgefahr sah, hatte ihn verraten. Immerhin wären die tatsächlichen Beweise für seine Schuld viel zu gering gewesen, um seine Ueberführung zu ermöglichen, wenn er nicht — durch Mr. Carters kaltblütige Schlauheit ein« geschüchtert, — in die von diesem gelegte Falle gegangen wäre.
Au seiner Verurteilung war kein Zweifel und ein paar Wochen lang wettete man in Newyork sehr lebhaft für und gegen sein Leben.
Margaret Barrhmore aber war für eine gute Weile sehr gegen ihren Willen die Heldin des Tages und sie wurde es noch mehr, als man in den Zeitungen die Anzeige ihrer Verlobung mit Mr. Morton Rahward las. Die Wolken am Lebenshimmel des jungen Kaufmannes hatten sich wieder verzogen, als Miß Garnett aus dem Munde ihrer jungen Gesellschafterin erfahren hatte, was Mr. Carter über die schlimme Lage des durch schwindelhafte Vorspiegelungen zu jenen unglücklichen Spekulationen verlockten Neffen ausgekundschaftet hatte. Sie hatte ihm, der zu stolz gewesen war, sie selbst darum anzugehen, mit ihrem eigenen Vermögen beigcstanden. Und sie hatte dem Herzcnsbunde des verliebten jungen Paares freudig ihren Segen gegeben — unter der einzigen Bedingung, daß Margaret bei ihr bleiben müsse bis zur letzten Stunde ihres nunmehr von dem gräßlichen Schatten einer ständig drohenden, unfaßbaren Gefahr befreiten Lebens.
Ende.
Kottesvcrehrrmg und Wenschheiisdienst,
(Original-Artikel der „Gieß. Fam.-Bl.").
Ueber dieses Thema sprach am 9. März Dr. Bruno Wille aus Berlin auf Veranlassung der Gießener Freidenker-Vereinigung im gut besetzten Saale des Hotel Einhorn zu Gießen.
Schon mit diesen Worten des Themas, so führte der Redner aus, soll der Gegensatz zwischen der alten, dogmatischen, dualistischen Weltanschauung und der neuen, freidenkerischen, monistischen gekennzeichnet werden. Mir selbst, sagte der Referent weiter, liegt es durchaus fern, alles, was die alten Religionen lehren, zu verwerfen, im Gegenteil, ich persönlich bin ein solcher Verehrer von Einzelheiten dieser alten Glaubensreligionen, dhß ich es nicht unterlassen kann, mich immer wieder mit Liebe und dem Bewußtsein, daß dort Schätze zu heben sind, an die alten Religionsurkunden heranbegebe. Ich finde immer wieder neue Herrlichkeiten in der Bibel, im alten wie im neuen Testament, aber nichtsdestoweniger bin ich ein Gegner des Konfessio- nalismus und des, Kirchxntums. Zu dm herrlichen Ideen, die sich in der Bibel finden, gehört beispielsweise die Idee, daß dick Gottheit den Menschen nach ihrem Ebenbilde geschaffen habe. Ich fasse diese Worte sinnbildlich auf, ich verstehe das so, daß die Menschen die Aufgabe haben, das Ideal, das sie mit dem Begriff ihrer Gottheit verbinden, in sich zu verwirklichen, daß die Menschen die Aufgabe haben, gottähnlich zu werden. Unter dem Göttlichen verstehe ich einfach die Vollkommenheit, und ich meine, daß der Mensch dann göttlich wird, wenn er ein vollkommener Mensch wird. Man braucht dabei nicht an eine Person zu denken, die jenseits in einem übernatürlichen Reiche regiert, eine Person mit ehrwürdigem Bart und in Menschengestalt. Das ist nur die biblische, bildliche AusdruckSweise. Im neuen Testament findet sich ein herrlicher Ausspruch: „Werdet vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist". Die Vorstellung, welche ein Mensch vom höchsten Wesen sich bildet, ist mitbestim- 8
mend für seine ganze Lebensstellung und Weltanschammg. Er richtet sich, er, bildet sich nach ihr.
Wer zu einem sehr vollkommenen Ideal emporschaut, wird hohe Ansprüche an seinen Veredlungstrieb stellen. Er wird den Segen dieser Jdealverehrung in sich erfahren, indem er praktisch das Ideal in sich zu verwirklichen sucht. „Es wächst der Mensch mit seinen höheren Zwecken." Wer aber rohe Vorstellungen von dem hat, was er das höchste Wesen nennt, der wird von dieser Roheit und Unvollkommenheit seines Ideals beeinflußt.
Heutzutage werden noch massenhaft Vorstellungen verbreitet, die auf längst überwundenen Kulturstufen beruhen und daher • als reaktionär int sittlichen Sinne bezeichnet werden müssen. Die Religion, oder was man heute so nennt, ist etwas großenteils Erstarrtes. Sie ist eine Summe von Ansichten und Anschauungen jüdischer Priester, unchristlicher Persönlichkeiten und mittelalterlicher Kirchenfürsten. Wir müssen bedenken, daß damit zu unserer modernen Jugend eine alte Kultur spricht, die ja gewiß manches Schöne und Herrliche enthält, zugleich aber auch eine Menge von Uuvollkommenheitert und barbarischen Ideen, die geradezu sittliche Verwüstungen anrichten können. Denken Sie itur an den starken und eifrigen Gott, der die Sünden der Väter heinr- sncht an den Kindern. Ein solches Wesen kann doch einem Kinde in dieser Hinsicht nicht als höchstes Wesen vvrgetragen werden, als gerechter, allgütiger Vater. Tie Kinder kommen bimtn leicht zu dem Schluß, das höchste Wesen kann sich alles Mögliche erlauben, denn wo die Macht ist, da ist auch das Recht. Solche Vorstellungen sollten aber in einem Kiitderherzen nicht Platz greifen. Denken Sie ferner an die Geschichte von Isaaks Opferung. Wie stimmt eine derartige Gefchichte überein mit der Bitte des Vaterunsers: Führe uns nicht in Versuchung?
Dem höchsten Wesen wird Alliebe, Allgüte, Allmacht und Barmherzigkeit nachgesagt. Es sieht alle Dinge in der Gegenwart wie auch in der Zukunft. Die ersten Menschen schon sündigten, was übrigens das höchste Wesen, da es auch allwissend sein soll, vorher wissen mußte. Aber nicht genug damit, daß sie ans dem Pavadies verstoßen wurden, nein, die Erbsünoe ist damit in die Welt gekommen, die Kinder und Nachkommen der ersten Menschen müssen noch büßen. Die Sintflut kommt, aber auch damit ist die Sünde noch nicht ans der Welt geschafft, das höchste Wesen versucht es nun auf eine andere Art, indem es sich selbst für die sündige Menschheit opfert.
Hier haben wir die Idee eines stellvertretenden Opfers, ein Gedanke, der einem sittlichen feinen (Semüte widerstrebt. Und was ist nun durch die Erlösung, durch das Sühneopfer erreicht worden? Auch nach der Richtung haben wir Grund, uns kritisch zu besinnen. Die Erlösung hat die Welt nicht ton, der Schuld befreit, denn es heißt, daß nur ein Teil der Menschheit erlöst ist, während ein anderer Teil verdammt ist und in der Hölle schmachten wird ewiglich. Das Werk wird also verantwortlich gemacht für den Schöpfer. Und was sollen wir zu den Höllenqualen sagen, wie sie in der Bibel, bei den Kirchenvätern und Heiligen beschrieben werden? Wie reimt sich das mit der himmlischen Mlgüte und Barmherzigkeit zusammen? Entpört sich nicht unser sittliches und menschliches Gefühl gegen derartige Qualen, die dazu noch ewig sein sollen? Seit Jahrhunderten, meine ich, ist es zeitgemäß zu fragen: von solch,' einem höchsten Wesen sollen wir Heil.ermatten, sollen mir sittliche Erhebung erhoffen? Wenn die Kinder durch derartige Gefahren des heutigen Religionsunterrichts verschont bleiben, so liegt das wohl daran, daß sie ein modernes Leben umgibt, daß sie in einer humanen Zeit und Familie groß .werden. Die Idee eines stellvertretenden Sühneopfers vermögen wir Kinder der Neuzeit gar nicht mehr zu fassen, geschweige denn mit der Vorstellung eines gerechten höchsten Wesens zu vereinigen.
Der biblische Satz: „Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde" ist von Goethe, Feuerbach und anderen, Denkern in zutreffender Weise umgekehrt worden. Die Menschen haben nach ihrem Ebenbild ihre Götter geschaffen; wie der Mensch, so sein Gott. In Zeiten, wo das Ideal des Menschentums noch rückständig war, bildete sich naturgemäß eine rückständige Vorstellung vom höchsten Wesen. So kam das Altertum mit seiner Tyrannei und Sklaverei auf die Idee, das höchste Wesen sei ein gebiete» rischer Regent. Heutzutage hallen wir vom absoluten Herrscher- tum sehr iuenig. Die morgenländische Welt aber, der das Christentum entstammt, ging bei ihrer religiösen Anschauung ans von Gott, dem absoluten Herrn über alles. Verschlungen von der Größe und niedergedrückt von der Macht dieses Regenten glaubte der Gläubige gar nicht genug darin tun zu können, sich selbst zu erniedrigen zum Knecht und als Wurm im Staub zu kriechen. Ans diesem Gedanken entspringt auch die Idee des Gebetes und des Opfers. Der Mensch möchte dadurch, tont höchsten Wesen etwas zu erreichen suchen, etwas erflehen.
Jede Konfession, jede Religion glaubt den allem wcahren Gott zu haben, und so ist es gckkomnMtz daß die verschiedenen Konsessionett und Religionen übereinander hergefallen sind wie reißende Tiere.
Tie menschliche Bernuiist kann eine solche göttliche Autorität, einen solchen Regenten, der lohnt und bestraft, nicht anerkennen. Tie Vernunft mitt Gründe gelten lassen, aber keine Autorität, die Vernunft will Beweise. Ein sittlich feiner Charakter will nickst Verheißungen ton Lohn hören, er will weder belohnt noch


