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Ich setzte also eine bedenkliche Miene auf, sprach von einer schweren Vergiftung, von ernster Lebensgefahr usw. und brachte es durch allerlei kleine Künste glücklich dahin, daß mir die baldige Genesung des alten Fräuleins — es handelte sich nämlich um ein Fräulein, Dr. Chilton — als eine ganz außerordentliche ärztliche Leistung angerechnet wurde."
Auf Dr. ChiltonS Gesicht war allgemach eine auffallende Veränderung vorgegangen. Das verbindliche Lächeln war verschwunden, und jetzt sagte er scharf:
„Vielleicht erklären sich Ihre sonderbaren Träume daraus, Mr. Carter, daß Sie etwas zu stark gefrühstückt haben. —- Ich bin ein großer Freund von guten Scherzen, aber ich kann nicht finden, daß dieses einer von den besten und geschmackvollsten wäre."
„Und wer denkt an einen Scherz, Doktor Chilton? — Sie haben ja noch kaum den Anfang meines Traumes gehört. — Was weiter folgt, ist bei weitem das Interessanteste."
„Und Sie sind während der ganzen Dauer Ihres sonderbaren Traumes in der Rolle jenes — jenes Arztes geblieben?"
„Freilich — das ist ja eben das merkwürdige. — Ich habe mich so ganz mit ihm identifiziert, daß ich alles bis in die geheimsten Seelenregnngen mit ihm erlebt habe. Ich könnte einen Roman darüber schreiben, wenn ich das Talent dazu hätte. Da ich aber nur ein simpler Reporter bin, könnte ich den interessanten Traum höchstens den Lesern des „Morning Telegraph" erzählen, der mir seine Spalten gewiß bereitwillig dafür öffnen würde."
Dr. Chilton war erst dnnkelrot und dann sehr bleich geworden. Nun lehnte er sich in seinen Schreibstuhl zurück und sagte mit erzwungener Ruhe:
„Fahren Sie also fort. —- Aber kurz und mit möglichst wenig Ausschmückungen, wenn ich bitten darf!"
„Mein Gott, ohne ein bißchen Romantik geht es bei Träumen nun einmal nicht ab. Und wenn die Liebe schon wachen Leuten mitunter die übelsten Streiche spielt, um wieviel mehr sollte sie nicht einem Träumenden zu schaffen machen. — Aber das kommt zu allerletzt. Das erste war, das; ich mir den Kopf darüber zerbrach, wie ich mich meiner reichen Patientin nach ihrer Genesung von dem kleinen Unwohlsein auch weiterhin unentbehrlich machen könnte. Mit einem schönen schwarzen Bart und feurigen dunklen Augen — die hatte ich nämlich im Traume, Dr. Chilton! — war es bei ihren Jahren nicht getan. Und sie verfügte leider über eine so ausgezeichnete Gesundheit, daß Jahre vergehen konnten, ehe sie wieder einmal meines ärztlichen Beistandes bedurfte. Schon sah ich wieder das Gespenst der Armut an meinem Lebenshimmel aufsteigen, als mir ein glorreicher Gedanke kam. Wenn ich sie durchaus nicht anders gesund machen konnte, als wenn sie vorher krank gewesen war — nun, so mußte man dem Zufall eben ein wenig zu Hülfe kommen — vielleicht durch ein kleines nettes Gift, das nicht gerade unbedingt tödlich wirkte und dessen Wirkung natürlich der am leichtesten be- I kämpfen konnte, der über Beschaffenheit und Dosis des Krankheits- > erzeugers genau unterrichtet war. Zweimal setzte ich diese harmlose kleine Komödie in Szene, und der Erfolg---"
Unfähig sich länger zu beherrschen, sprang Laurence Chilton auf.
„Wofür halten Sie mich, daß Sie es wagen, mir solche Schändlichkeiten anzudichten! — Wenn ich Sie recht verstehe, läuft die ganze Geschichte auf einen schamlosen Erpressungs- Versuch hinaus. Aber ich bin nicht der Dummkopf, als den Sie mich eingeschätzt haben. Erzählen Sie Ihre verrückten Märchen, fvem Sie wollen. Ich werde schon Sorge tragen, daß man Ihnen bald genug das Handwerk legt."
„Vielleicht auch mit einer kleinen Dosis Atropin, lieber Doktor? — Sie könnten mir ja leicht auch ein Schlafmittel gegen meine unbequemen Träume verschreiben — ein Mittel, das sicher genug wirkt, um mich sanft und süß in die Ewigkeit hinüber- schl.ummern zu lassen. Aber es iväre eigentlich nicht der Mühe wcrt, Dr. Chilton, denn erstens bin ich ein armer Teufel, der seinem menschenfreundlichen Arzt nicht einmal Hunderttauseich Cents, geschweige denn hunderttausend Dollars vermachen kann. Und dann würde doch auch durch meinen Tod kein holdes weibliches Wesen frei werden, dessen Besitz einen kleinen Mord verlohnen könnte."
Dr. Chilton staich regungslos mitten im Zimmer. Wohl rang er noch immer nach Fassung und Selbstbeherrschung, aber der Schlag war zu kaltblütig und mit zu tödlicher Sicherheit geführt, als daß er seiner vernichtenden Wirkung zu begegnen vermocht hätte. Sein Gesicht war verzerrt und seine Brust arbeitete in keuchenden Atemzügen.
„Weshalb sind Sie mit diesen absurden Geschichten zu mir gelomnten?" brachte er mit ungeheurer Anstrengung heraus. „Es
ist ja alles heilloser Unsinn — und ich sollte Sie einfach hinauswerfen ---"
„Nein, Doktor Chilton", fiel Mr. Carter mit grausamer Milde ein, „Vas sollten Sie lieber nicht tun. Ich habe nämlich die Analyse des von Ihnen so geschickt verstärkten Schlafniittelchens in der Tasche. Und die Leser des „Morning Telegraph" sind schrecklich erpicht auf interessante Geschichten von der Art des kleinen Romans, beit ich Ihnen va erzählen könnte."
Der Arzt trat an seinen Schreibtisch.
„Nennen Sie mir Ihren Preis!" stieß er heiser heraus.
„Ah, ich wußte es wohl, daß Sic über die rechte Art, mich von meinen lästigen Träumen zu befreien, nicht lange im Zweifel sein würden. — Ein Scheck auf zwanzigtausend Dollars dürfte sich meiner Ueberzeugung nach als ein recht wirksames Rezept erweisen."
„Sie sind von Sinnen. — Soviel habe ich gar nicht in meinem Vermögen."
„Sagen wir also: zehntausend auf der Stelle — und zehntausend in einer Anweisung, zahlbar nach dem Tode der Miß Elizabeth Garnett."
„Und wenn ich Ihrem unverschämten Verlangen entspräche, welche Bürgschaft hätte ich dann für Ihre Verschwiegenheit."
„Bin ich nicht in dem Augenblick, wo ich Ihr Geld annehme, gewissermaßen Ihr Mitschuldiger, Doktor Chi: ton?" fragte Carter mit erhobener Stimme. „Wir können jetzt doch ganz unverblümt miteinander reden — der Mörder mit dem Erpresser. Es ist mitunter ganz amüsant, die Dinge und die Menschen beim rechten Namen zu nennen."
„Sie müssen verrückt fein, daß Sie das so hinaus schreien. Wenn nun jemand sich hier-nebenan eingeschlichen hätte!"
Er wollte zur Tür, aber Mr. Carter hielt ihn auf.
„Es ist niemand da —■ ich habe Ihnen das ja schon gesagt. Und nun stellen Sie mir die beiden Schriftstücke aus, wenn ich bitten darf. — Ich werde Ihnen nachher in einer Form darüber quittieren, die Sie vollkommen sicher stellt."
Er drückte ihn fast gewaltsam in den Stuhl vor dem Schreibtisch nieder und Dr. Chilton riß nach einem letzten kurzen Zaudern wirklich ein Blatt aus seinem Scheckbnche.
„Das sind zehntausend", knirschte er, nachdem er geschrieben, „und damit könnten Sie sich wahrhaftig begnügen."
„Das Geschäft war beredet und abgeschlossen — wie ich denke! Noch zehntausend nach dem Tode der Miß Garnett und der Auszahlung ihres Ihnen ausgesetzten Legats — oder ich erzähle den Lesern des „Morning Telegraph" in der nächsten Nummer, wie man sich eine einträgliche Praxis, eine fette Erbschaft und eine schöne Frau verschafft."
Und wieder glitt die Feder des Arztes in kreischenden Zügen über das Papier. Mr. Carter überflog die beiden Blätter und barg sie bedächtig in ferner Brnsttasche. Dann erhob er wie lauschend den Kopf.
„Jetzt war mir'S wahrhaftig doch, als ob sich da nebenan etwas geregt hätte. — Wollen Sie nicht lieber einmal nach-- sehen, Dr. Chilton, während ich Ihnen die Quittung ausstelle?"
Der Arzt war mit einigen raschen Schritten an der Tür. In dentselben Moment, da er sie ausriß, hatten vier kräftig« Fäuste seine Arme gepackt. Und eine tiefe Stimme sagte:
„Machen Sie keine Umstände,' Dr. Chilton — Sie sind unser Gefangener."
Mr. Henry Carter aber rief lachend vom Schreibtisch her: „Nehmen Sie das als Quittung, Doktor! — Ihre beiden Anweisungen werden hoffentlich von der Jury des Schwurgerichts honoriert werden. Ich für meine Person bin mit der Ehre und dem Honorar für den Artikel im „Morning Telegraph" vollauf zufrieden."
Glücklich, daß ihm der meisterhafie Streich seiner ruhmvollen Reporterlaufbahn gelungen war, fuhr Mr. Carter in die Redaktion. Und niemals war ihm die Arbeit so leicht von der Hand gegangen wie an diesem gesegneten Vormittag.
Miß Elizabeth Garnett war in tiefster Seele erschüttert, als sie erfuhr, loer der Urheber der verschiedenen Anschläge gegen ihre Gesundheit und ihr Leben gewesen. Die wunderbare Kom-, binationsgabe des Reporters hatte den Sachverhalt und die Beweggründe des von brennendem Ehrgeiz und unersättlicher Habsucht erfüllten Dr. Chilton vollkommen richtig erfaßt. Und der überlistete Verbrecher hatte wenigstens den Stolz, sich offen zu seiner Schuld zu bekennen, als er eins ah, daß es ihm nicht mehr gelingen würde, durch Leugnen seine Freiheit und seine gesellschaftliche Stellung zurückzugewinnen.
In der Tat hatte sich's bei Miß Garnetts erster Erkrankung nur um ein zufälliges Unwohlsein gehandelt, bei dem keine ver-


